Mit dem spritzigen Kleinwagen, einem Peugeot 208, kam Konrad Keller gut zurecht. Auch mit der französischen Fahrweise, die gerade im innerstädtischen Verkehr um einiges forscher war als in Deutschland, hatte er sich bald angefreundet. Im Zweifelsfall drückte er einfach einmal mehr auf die Hupe, wenn ihn in einem der zahllosen Kreisverkehre jemand zu schneiden versuchte. Dass viele der anderen Autos mit Beulen und Schrammen übersät waren, beunruhigte ihn nicht im Geringsten. Denn erstens war auch sein Leihwagen nicht mehr ganz makellos, und zweitens betrachtete Keller einen Wagen nicht als Statussymbol, sondern lediglich als Fortbewegungsmittel. Solange er anstandslos von A nach B kam, war er zufrieden.
Er hatte das provisorische Quartier der Police nationale bald erreicht und fand einen Parkplatz unmittelbar am Eingang des dreistöckigen Bürogebäudes, vor dem die Trikolore im Wind flatterte. Keller meldete sich beim Pförtner und bat darum, zu Madame Bardot vorgelassen zu werden.
Der Wachmann ließ sich seinen Personalausweis zeigen, nickte grimmig und fragte: »Was ist Ihnen gestohlen worden? Das Portemonnaie, eine Kameraausrüstung oder der Schmuck Ihrer Frau?« Offenbar war er es gewohnt, dass Touristen wie Keller mit derartigen Anliegen bei ihm vorstellig wurden.
»Weder noch. Es geht um Mord«, antwortete Keller mit ernstem Ausdruck.
Daraufhin machte der Pförtner große Augen, winkte einen Kollegen heran und wies ihn an, den Gast unverzüglich ins Kommissariat zu bringen.
Wenig später befand sich Keller in Madame Bardots Vorzimmer, das genauso behelfsmäßig eingerichtet war wie das gesamte Gebäude. Zwar waren alle Möbel vorhanden, die zu einer Büroausstattung dazugehörten, doch stapelten sich an den Wänden halb volle Umzugskartons. Die Räume wirkten kahl, es gab weder Zimmerpflanzen noch Bilder an den Wänden. Auf Keller machte es den Eindruck, als betrachteten die Mitarbeiter das Gebäude als eine vorübergehende Bleibe, für die es sich nicht lohnte, sich häuslich einzurichten.
Ein Assistent erschien und bat ihn hölzern und ernst, einen Moment Platz zu nehmen, da Madame le commissaire gerade in einem Gespräch sei. Keller setzte sich auf einen Stuhl. Um sich die Zeit zu vertreiben, griff er nach einer bereitliegenden Zeitschrift, wie er es auch im Warteraum einer Arztpraxis getan hätte. Wie sich herausstellte, hatte er das Mitteilungsblatt einer Polizeigewerkschaft erwischt. Mit mäßigem Interesse blätterte er darin herum, behielt dabei jedoch die Umgebung im Auge.
Der Assistent stellte eine Wasserkaraffe und mehrere Gläser auf ein Tablett, das er in Madames Büro trug. Als er zurückkehrte, versäumte er es, die Tür hinter sich zuzuziehen, sodass Keller einen Blick hineinwerfen konnte. Er sah den zierlichen Rücken der Kommissarin und ihr gegenüber einen Mann, der Keller vage bekannt vorkam.
Keller legte die Zeitschrift beiseite und beugte sich etwas vor, um den Mann besser erkennen zu können, dann fiel es ihm ein: Es handelte sich um Richard La Croix, dessen Foto er in der Zeitung gesehen hatte. Der Mann, der seine gesamte Familie verloren hatte. Was für ein Schicksalsschlag! Keller mochte sich nicht ausmalen, welche Qualen La Croix in diesen Tagen durchleiden musste.
Interessiert war er aber doch. Also rückte Keller ein Stückchen näher und sah genau hin. Wie erwartet wirkte La Croix gebrochen und so verzweifelt, dass er Zuspruch von einer neben ihm stehenden Frau bekam, die ihm beruhigend die Hand auf den Arm legte. Seine nicht mehr ganz junge, aber attraktive Begleiterin trug ein elegantes anthrazitfarbenes Businesskostüm und hatte ihr brünettes Haar hochgesteckt. Keller rätselte, um wen es sich bei der Frau handeln könnte. Eine Verwandte, möglicherweise die Schwester von La Croix? Vom Alter her müsste es in etwa hinkommen.
Nachdem er seine Neugier befriedigt hatte, widmete sich Keller wieder seiner Zeitschrift. Kurz darauf verließen La Croix und die Dame im Kostüm das Büro und gingen achtlos an ihm vorbei. Keller fing den teuren Duft der Frau an La Croix’ Seite auf und fragte sich einmal mehr, wie es Französinnen fertigbrachten, auch im Alltagsleben so viel stilvoller aufzutreten als so manche Deutsche. Die Kellnerin aus dem Straßencafé hatte schon recht, wenn sie meinte, dass die Unterschiede zwischen den beiden Nationen augenfällig seien.
Er wartete ab, bis die Besucher verschwunden waren, dann folgte er dem Assistenten zu Madame le commissaire. Das Büro der Kripoleiterin war entsprechend ihrer Position groß, wurde von einer aufgeständerten Trikolore dominiert und war im Gegensatz zum Vorzimmer annähernd wohnlich eingerichtet. Zwar verrieten einige offen verlegte Kabel sowie auf dem Boden stehende Aktenordner, dass es sich auch hier nur um eine vorübergehende Bleibe handelte, doch der Anschein eines Chefzimmers blieb gewahrt. Weibliche Nuancen wie eine Vase mit Blumen und eine Glasstatuette auf der Fensterbank gaben dem Raum eine persönliche Note.
Madame Bardot, deren Vorname laut Türschild Béatrice lautete, schien über Kellers unerwarteten Besuch ehrlich erfreut zu sein. Als sie ihn im Türrahmen stehen sah, dauerte es nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie ihn erkannte. Mit herzlichem Lächeln kam sie auf ihn zu.
»Was führt Sie zu mir, Monsieur Keller?«, erkundigte sie sich, nachdem sie ihn zu einer Sitzecke mit Kunstledersesseln geführt hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber und schlug die Beine übereinander. Heute trug sie statt ihrer Uniform ein hellgraues Kostüm, darunter eine himmelblaue Bluse. »Lassen Sie mich raten: Sie treibt die Neugierde, richtig? Ich habe gestern schon erkannt, dass Sie niemand sind, den eine solche Geschichte kaltlässt. Sie möchten wissen, wie es weitergeht. Das kann ich gut verstehen.«
»Ja«, gab Keller unumwunden zu und räumte sogleich ein, dass er ihr am gestrigen Abend eine nicht unwesentliche Information vorenthalten hatte: »Sie müssen wissen: Ich bin nicht bloß passionierter Rotweintrinker, sondern ebenfalls Polizist – Ex-Polizist. Aus beruflich bedingter Wissbegierde möchte ich gern hören, wie sich der Fall entwickelt. Und da bin ich ja nicht der Einzige.« Béatrice Bardot sah ihn verwundert an, woraufhin Keller ausführte: »Der trauernde Richard La Croix erwartet sicherlich ebenso eine schnelle Lösung des Falls. Er war es doch, der da gerade aus Ihrer Tür kam?«
»Gut beobachtet, Kollege.« Sie beugte sich vor und musterte ihn interessiert. »Darf ich fragen, in welcher Position Sie tätig waren?«
»Erster Hauptkommissar und Kommissariatsleiter beim K1, das ist bei uns zuständig für Mord und Gewaltverbrechen.«
»Nun ja, dann sind Sie gewissermaßen ein Experte.«
Keller registrierte, wie die deutlich jüngere Ermittlerin ihn taxierte. Was Madame le commissaire sah, war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit kahlem Kopf und wachen Augen. Ein Aussehen, das ihm oft Vergleiche mit Captain Jean-Luc Picard aus Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert eingebrockt hatte. Auch mit seiner Drahtigkeit und Eloquenz ähnelte er angeblich dem Schauspieler Patrick Stewart. Für Keller war das Grund genug gewesen, sich eine ausdrucksstarke, schwarz geränderte Brille zuzulegen. Damit unterschied er sich wenigstens optisch von seinem prominenten Hollywood-Doppelgänger.
Béatrice Bardots Tonfall klang vertraulich, als sie sagte: »Bevor ich Ihre Frage beantworte, müssen Sie mir verraten, weshalb Sie so ein hervorragendes Französisch sprechen. Das ist ja nicht gerade üblich bei einem deutschen Touristen. Die meisten Ihrer Landsleute versuchen, mit Englisch durchzukommen.«
»Die Sprache liegt mir. Hat mir schon als Schüler gefallen. Ich habe jedes Austauschprogramm mitgemacht, das ich kriegen konnte. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Hauptsächlich sind dafür Sylvie und Alain verantwortlich, zwei gute alte Freunde aus Grenoble. Wir kennen uns seit den Siebzigerjahren. Haben uns oft getroffen, um in den französischen Alpen gemeinsam zu wandern.« Nachdem das geklärt war, hoffte Keller auf die versprochene Antwort.
»Ja, es war La Croix, den Sie soeben gesehen haben«, bestätigte Béatrice Bardot. »Ich musste ihn einbestellen und befragen. Keine angenehme Aufgabe, wie Sie sich vorstellen können. Ich hätte ihm das gern erspart.«
»So etwas gehört nun mal zu unserem Job«, merkte Keller mitfühlend an, denn er konnte sich sehr gut in ihre Lage hineinversetzen.
»La Croix ist verständlicherweise völlig am Boden zerstört. Die ganze Familie ausgelöscht – das haut selbst jemanden um, dem man nachsagt, in seiner politischen Arbeit über Leichen zu gehen. Im übertragenen Sinne, versteht sich. Ich nehme an, Sie sind inzwischen über La Croix’ gesellschaftliche Stellung informiert?«
»Ja. Ich habe über ihn gelesen: Er ist wohl die treibende Kraft bei La France d’abord! und auch als Industrieller eine große Nummer. Ein harter Schicksalsschlag, ohne Frage. Aber wie mir scheint, wird er bereits getröstet. Bei seiner charmanten Begleiterin handelt es sich um ein Familienmitglied?«
»Alle Achtung. Sie haben wirklich eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe, Kollege«, sagte Madame Bardot mit anerkennendem Schmunzeln. »Aber nein, das war keine Angehörige. Madame Bertrand ist Juristin. Sie leitet eine angesehene Kanzlei und ist seit vielen Jahren als Familienanwältin für das Haus La Croix tätig. Sie bietet bei solchen Gesprächen rechtlichen Beistand, ist ihm aber, wenn Sie so wollen, auch eine wichtige Stütze in schweren Zeiten wie diesen. Ebenso wie La Croix selbst drängt sie auf eine rasche Lösung, das haben Sie ganz richtig erkannt.«
»Ich bin gespannt, wie diese Lösung aussehen wird. Darf ich fragen: Wie ist das Ganze eigentlich abgelaufen? Sie sagten zwar, dass es sich um Raubmord handelte, und so steht es auch in der Zeitung, aber das erscheint mir nicht ganz schlüssig. Gestohlen wurde doch offenbar nichts. Oder habe ich da etwas überlesen?«
Béatrice Bardot betrachtete Keller abwägend. Wollte sie abschätzen, inwieweit sie ihn ins Vertrauen ziehen konnte? Ob sie so weit gehen sollte, dem Besucher Einblick in die Ermittlungsarbeit zu geben? Die Sichtprüfung schien positiv ausgefallen zu sein, denn sie gab sich einen Ruck und sagte: »Wir nehmen an, dass Karim Abdelaziz einen Bruch in der Villa vorhatte. Ob spontan oder geplant, das muss noch geklärt werden. Er ging wohl davon aus, dass er das Haus leer vorfindet, denn es war allgemein bekannt, dass Monsieur La Croix an diesem Abend einen Live-Auftritt im Fernsehen hatte. Vermutlich hatte Abdelaziz daraus gefolgert, dass auch die Familie im Studio sein würde.«
»Allgemein bekannt? War dieser Fernsehauftritt angekündigt?«, hakte Keller nach.
»Ja, es stand in der Zeitung. Außerdem lief es über verschiedene Social-Media-Kanäle, und auch der Sender selbst hat dafür getrommelt, denn La Croix gilt als Quotengarant. Seine Thesen mögen reißerisch sein, aber sie finden ihr Publikum.« Béatrice Bardot räusperte sich. »Karim meinte also, freie Bahn zu haben, brach eines der hinteren Fenster auf und stieg ein. Dass die Villa verwaist sein würde, war ein Trugschluss, den Madame La Croix und ihre beiden Kinder mit dem Leben bezahlen mussten.«
»So könnte es gewesen sein«, bestätigte Keller, dem dieser Tathergang folgerichtig vorkam. »Monsieur La Croix hielt sich demnach in der Sendeanstalt auf, als es passierte, und konnte nichts tun, um seiner Familie zu helfen.«
»Nein, das konnte er nicht.«
»Ist dieser Sender weit entfernt? In einer anderen Stadt?«
»Es war der Lokalsender, hier in Carcassonne, allerdings am anderen Ende der Stadt. Monsieur La Croix fuhr nach der Übertragung zurück nach Hause und fand die Toten dort auf. Eine schreckliche Vorstellung.«
»Ja, das ist grausam«, sagte Keller. »Karim hatte die Villa zu diesem Zeitpunkt bereits wieder verlassen, nehme ich an.«
»Richtig. Er ist unmittelbar nach der Tat geflüchtet. La Croix traf kurz darauf ein, doch da war es bereits zu spät. Er konnte nichts mehr für seine Familie tun.«
Keller nickte, während er sich den Ablauf des verhängnisvollen Abends auszumalen versuchte. »Das klingt alles nachvollziehbar. Einfach und folgerichtig. Aber dass der Einbrecher überhaupt nichts mitgehen ließ …« Keller blickte Béatrice Bardot fragend an.
Diese war um eine Antwort nicht verlegen: »Wahrscheinlich hat Karim den Kopf verloren, nachdem er die Familienangehörigen niedergeschossen hatte. Er ist schlichtweg in Panik geraten. Dafür sprechen die Bilder der Überwachungskamera, die zeigen, wie er ohne Beute und völlig überstürzt in den Garten flieht, durch dasselbe Fenster, durch das er wenige Minuten zuvor eingestiegen ist.«
»Zusammenfassend kann man also sagen, dass Karim im Fernsehauftritt von La Croix seine große Chance gewittert und dessen Abwesenheit für den Einbruch durch ein rückwärtiges Fenster genutzt hat. Dann hat er – für ihn überraschend – die Frau und ihre Kinder angetroffen, woraufhin er die Nerven verlor und schoss. Anschließend türmte er durch das Fenster, flüchtete Hals über Kopf ohne Beute und hielt sich den Rest der Nacht sowie den folgenden Tag über verborgen, bis man ihn gestern Abend in der Nähe des Hafens ausfindig machte und ihn auf meinem Schiff verhaftete. So weit korrekt?«
»Ja, ein glasklarer Fall. Nicht gerade eine große Herausforderung für einen Kriminalisten«, bemerkte sie mit einem wissenden Lächeln.
»Und nicht gerade ein Ruhmesblatt für die Verbrecherzunft. Für Karim hat sich die Sache jedenfalls nicht ausgezahlt«, stellte Keller fest.
»Nicht im Geringsten. Er hat den Job völlig vermasselt. Und zwar auf ganzer Linie, denn er trug bei dem Bruch nicht mal Handschuhe und hat haufenweise Abdrücke hinterlassen.«
»Ja, aber das muss nichts heißen«, merkte Keller an. »Die Diebe bei uns verzichten oft auch auf Handschuhe, weil sie wissen, dass diese belastend für sie sein könnten, falls sie hinterher geschnappt würden. Wer trägt bei sommerlichen Temperaturen schon Handschuhe – außer einem Langfinger? Manche ziehen stattdessen ein Paar Socken über die Hände, doch damit sind sie weniger fingerfertig.«
»Wie auch immer, Karim hat sich selten dämlich angestellt. Um den Fall abzuschließen, brauchen wir eigentlich bloß noch seine Unterschrift unter der Aussage.«
»Hat er denn schon gestanden?«, wollte Keller wissen. Nach dem kurzen abendlichen Kontakt hätte er Karim eher für einen Kämpfertyp gehalten, dessen Widerstand nicht so leicht zu brechen war. Doch vielleicht hatte er sich von Oberflächlichkeiten wie großem Bizeps und martialischen Tattoos täuschen lassen.
»Noch nicht, aber es kann nicht mehr lange dauern.« Die französische Kommissarin gab sich optimistisch. »Wir stehen kurz davor, ihn zu knacken.«
Keller störte sich an der Wortwahl. »Wie darf ich das verstehen?«
»Ach, wissen Sie, ich selbst bin nicht die große Verhörexpertin, das übernimmt mein Kollege. Wahrscheinlich mangelt es mir an der nötigen Härte. Aber die scheint bei Kandidaten wie Karim Abdelaziz leider geboten zu sein.« Mit diesen Worten erhob sie sich und sagte: »Wirklich schön, dass wir uns noch einmal gesehen haben. Ich hatte bisher nie das Vergnügen, einen Kollegen aus Deutschland kennenzulernen. Gern hätte ich länger mit Ihnen geplaudert, aber leider ruft die Pflicht.«
Wie aufs Kommando öffnete sich die Tür. Ein stiernackiger Beamter mit breitem Kreuz und düsterer Miene füllte den Rahmen.
»Wenn man vom Teufel spricht«, kommentierte Béatrice Bardot den Auftritt des Uniformierten. »Darf ich vorstellen: Marc Gauthier, mein Stellvertreter. Er wird Sie zum Ausgang begleiten.« Mit diesen Worten brachte sie Keller zur Tür und reichte ihm die Hand. Ihr Händedruck war ungewöhnlich sanft für eine Frau in ihrer Position. Das mit der fehlenden Härte war offensichtlich nicht nur so dahingesagt, dachte er.
»Bringst du unseren Gast bitte zur Pforte, Marc?«, bat sie den Kollegen. »Monsieur Keller ist selbst ehemaliger Kriminaler und derjenige, der Karim für uns geschnappt hat.«
»Geschnappt ist übertrieben«, stellte Keller richtig. »Ich habe lediglich etwas nachgeholfen.«
Gauthier, dessen Bassstimme zu seinem ruppigen Äußeren passte, führte ihn durchs Vorzimmer zurück auf den Flur. »Das haben Sie gut gemacht«, lobte er Keller. »Ohne Ihre Hilfe wäre uns der Kerl vielleicht wieder entwischt. Aber jetzt kommt er uns nicht mehr aus.«
»Ich habe gehört, dass Sie ihn bald so weit haben, dass er gesteht?«, erwiderte Keller in der Hoffnung, sein bulliger Begleiter werde mehr preisgeben als die diskrete Vorgesetzte. Und tatsächlich ließ sich Gauthier nicht lange bitten.
»Ja, das dürfte nicht besonders schwierig sein. Wir haben genügend Indizien, die gegen ihn sprechen. Er tut sich keinen Gefallen, wenn er leugnet. Das wird er schon bald einsehen.«
»Wie werden Sie ihn zu dieser Einsicht bringen?«
»Unter uns Kollegen muss ich wohl kein Geheimnis daraus machen, dass wir auf effiziente Verhörmethoden setzen.«
»Das machen wir auch. Die Bandbreite psychologischer Hilfsmittel ist bekanntlich groß.«
»Psychologie überlasse ich Madame le commissaire, ich setze mehr auf handfeste Argumente. Damit hat man schneller Erfolg.« Mit diesen Worten schlug Gauthier mit der Faust in seine offene Hand.
Keller blieb stehen und suchte im Gesicht des anderen nach Anzeichen von Ironie. Aber da war nichts.
»Gewaltanwendung im Verhör ist ja wohl auch bei Ihnen nicht erlaubt«, bemerkte er.
»Niemand legt Hand an. Aber was soll man machen, wenn ein Tölpel wie Karim vom Stuhl fällt und sich den Kopf anschlägt?« Gauthier zuckte mit den Schultern und wollte weitergehen. Doch weil Keller ihn so bohrend ansah, sagte er noch: »Hand aufs Herz: Bei Ihnen gab es bestimmt auch Methoden, die über das Frage-und-Antwort-Spiel hinausgingen – und bei uns eben auch. Am Ende zählt das Ergebnis, nicht wahr?«
»Ich kann nicht für jeden meiner früheren Kollegen sprechen, aber für mich persönlich war so etwas tabu. Selbst wenn es einen mitunter in den Fingern gejuckt hat, galt die Devise: keine Gewalt.«
Prompt veränderte sich Gauthiers Miene, und er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn Ihnen nicht gefällt, was Sie hören, lassen Sie sich eines sagen: Ich arbeite seit über dreißig Jahren als flic in Südfrankreich, zehn lange Jahre davon in Marseille. Wissen Sie, was das bedeutet? Nein? Sie können mir glauben: Mit dieser Klientel kann man nicht anders umgehen. Die wollen es auf die harte Tour – und die bekommen sie von uns.«
»Diese Klientel?«
»Der Migrantenanteil im Süden ist hoch. Viele meinen, zu hoch. Denen gegenüber müssen wir klare Kante zeigen, wenn wir unsere Straßen einigermaßen sauber halten wollen. Das ist auch ganz im Sinne von Richard La Croix, der sich politisch für eine Stärkung der Polizei einsetzt. Leider kommt diese Initiative für ihn selbst nun zu spät. Seine Familie ist zum Opfer der überbordenden Gewalt in dieser Stadt geworden.«
Diese Ansichten entsprachen nicht Kellers Vorstellungen von Polizeiarbeit, und er hoffte inständig, dass dies auch nicht für Béatrice Bardot galt, denn damit landete man schnell bei Vorverurteilung und ungerechter Behandlung. Andererseits war ihm bewusst, dass er aus einer behüteten Gegend in Bayern kam und es ihm nicht zustand, Gauthiers Herangehensweise offen zu kritisieren. Also schwieg er auf dem Rest des Weges bis zum Haupteingang, wünschte Gauthier viel Erfolg bei seiner Arbeit und verabschiedete sich verhalten freundlich.
Keller hatte das Polizeigebäude schon beinahe verlassen, als ihm noch etwas einfiel. »Wie steht es eigentlich mit der Tatwaffe?«, fragte er Gauthier.
Dieser kräuselte die Stirn, sah aber keinen Anlass, die Frage nicht zu beantworten: »Laut unserer Ballistik stammen die Kugeln sehr wahrscheinlich aus einer Pamas G1, neun Millimeter Parabellum. Eine halb automatische Pistole aus Altbeständen der Gendarmerie oder der Marine, des Heeres oder der Luftwaffe. Von diesem Waffentyp waren beim Militär Hunderttausende im Umlauf, einige davon haben den Weg in schwarze Kanäle gefunden. Karim hat sie entweder geklaut oder illegal beschafft. Das ist keine Kunst, wenn man die richtigen Kontakte besitzt.«
»Haben Sie die Pistole bei ihm gefunden?«, erkundigte sich Keller. Es hatte ihn gewundert, dass Karim keine Waffe in den Händen hielt, als er an Deck seines Schiffes gesprungen war.
»Nein. Er wird sie bei seiner Flucht weggeworfen haben.«
»Schade. Die Pistole wäre ein starkes Indiz gewesen. Konnten Sie denn Schmauchspuren an seiner Hand feststellen?«
»Eine Nacht und einen Tag nach dem Mord? Als wir ihn nach seiner Flucht endlich geschnappt hatten, war in dieser Hinsicht nichts mehr zu holen. Aber keine Sorge, Monsieur commissaire à la retraite, wir werden diese Waffe finden. Und verlassen Sie sich darauf, dass sie Karims Fingerabdrücke tragen wird.«
Für Gauthier schien es nicht den geringsten Zweifel an Karims Schuld zu geben, stellte Keller fest und trat ins Freie. Die brennende südfranzösische Sonne erinnerte ihn schlagartig daran, wie weit entfernt er von seinem eigenen früheren Zuständigkeitsbereich war.