Oft war er in den vier Jahrzehnten bei der Kripo für seine hohe Aufklärungsquote gelobt worden, für sein besonderes Gespür und den untrüglichen Instinkt. Keller bildete sich ein, über beides immer noch zu verfügen, aber wie er nun feststellen musste, nutzte ihm das ohne die Unterstützung eines Polizeiapparats nicht mehr viel. Er musste einsehen: Was die Verbrechensbekämpfung anbelangte, waren inzwischen andere am Zug.
Béatrice Bardot hatte vollkommen recht, wenn sie ihm auf ihre ebenso charmante wie unmissverständliche Art zu verstehen gab, dass er sich fortan um seine eigenen Belange kümmern sollte. Seiner neuen Aufgabe. Und die war, das Rentnerleben genießen. Das wollte er ab sofort tun.
Er brachte seinen Mietwagen zurück, bezahlte einen mehr als fairen Freundschaftspreis und entschied sich für einen letzten Besuch der Festungsstadt. Zu Fuß machte er sich auf den Weg zur Wehranlage, die alles hatte, was man sich von einer Ritterburg wünschen konnte. So, wie sie war, hätte La Cité nach Disneyland exportiert werden können, fand Keller. Nur dass das Gemäuer nicht aus Pappmaschee, sondern ganz solide aus Stein, Holz und Ziegeln bestand. Ein wenig kitschig vielleicht, aber ungemein imposant und vor allem echt.
Noch einmal ließ er sich im Strom der Touristen treiben, entdeckte zwischen drei Kilometern doppelter Ringmauer und zweiundfünfzig Wehrtürmen einige liebevoll renovierte Wohnhäuschen, versteckte Feinschmeckerlokale und urige Tavernen. Er staunte über die nicht enden wollende Reihe der Kitschläden, Boutiquen und Werkstätten, wo man alle nur denkbaren Arten von Souvenirs, Antiquitäten und lokalem Kunsthandwerk erstehen konnte: Töpferwaren, Schmuck, handgeflochtene Körbe, Stoffe mit traditionellen provenzalischen oder katalanischen Mustern. Dazu Schwerter, Schilde und andere mittelalterliche Waffen, oft auch aus Plastik zum Ritterspielen für Kinder.
Spontan hängte er sich an eine Reisegruppe, deren Leiter berichtete, dass die Festung über dem Aude-Tal schon im 17. Jahrhundert ihre strategische Bedeutung eingebüßt hatte. Jahrzehntelang sei die Anlage dem Verfall preisgegeben gewesen, und es sei einer frühen Bürgerinitiative zu verdanken, dass La Cité de Carcassonne vor dem Abriss gerettet und zwischen 1844 und 1911 restauriert werden konnte. Interessant, fand Keller, löste sich von der Gruppe und folgte der Promenade Cour du Midi zur Basilika, die in erhabener Höhe thronte. Er genoss den atemberaubenden Blick auf die in der Ferne aufragenden Pyrenäen und die am Kanal gelegene Unterstadt, die sein nächstes Ziel war.
Er verließ die Festung durch einen gewaltigen Torbogen, ging die Rue Trivalle hinab, überquerte über die Pont Vieux die smaragdgrüne Aude und folgte dem Wegweiser »Centre ville« bis zum Square Gambetta. Auch hier war Keller von Urlaubern umgeben, und er ließ sich von der entspannten Atmosphäre anstecken. Seine Gedanken waren bald weit weg vom Fall La Croix und der ebenso bezaubernden wie abweisenden Madame le commissaire.
Mit Genuss und großer Aufmerksamkeit für Details schlenderte Keller durch den Ort. Er stellte fest, dass die auch Bastide Saint-Louis genannte Unterstadt im Prinzip wie ein riesiges Schachbrett aufgebaut war. Schnurgerade Straßen wurden von herrlichen Stadtvillen aus früheren Jahrhunderten gesäumt. Zwar hatten die meisten Fassaden reichlich Patina angesetzt, und der Erhaltungszustand der Häuser ließ zu wünschen übrig, aber gerade diese romantische Schäbigkeit machte doch den Reiz südfranzösischer Städte aus, dachte Keller. Auch Helga hatte den Charme von bröckelndem Putz, verblassenden Wandfarben und Rissen in den Fassaden geliebt, sie hatte zudem einen Blick dafür gehabt, mit wie viel Hingabe und Liebe die betagten Häuser durch geschicktes Dekor und Blumenschmuck zur Augenweide gemacht wurden. Ganz abgesehen davon, dass viele dieser äußerlich heruntergekommenen Gebäude in ihrem Inneren oft sehr elegant ausgestattet waren.
Während Keller den Spaziergang in vollen Zügen auskostete und in stille Zwiegespräche über die Schönheit der maroden Stadtarchitektur versunken war, fühlte es sich für ihn beinahe so an, als wäre Helga an seiner Seite. Fast konnte er ihre schlauen, mitunter bissigen, meistens jedoch wohlwollenden Kommentare hören.
Er fand kein Ende beim Erkunden dieses Labyrinths aus Straßen und Gassen. Als die Sonne sich über den Hügel der Cité senkte, entdeckte er, versteckt in einer Seitenstraße, eine kleine Weinbar. Urgemütlich und voller Flair war sie vor allem von Einheimischen frequentiert. Genau das Richtige für Keller, der sich dazusetzte und sich einen tiefroten Tropfen aus dem Languedoc servieren ließ.
Ein würdiger Abschluss dieses Aufenthalts, dachte er und schmeckte die samtigen Aromen des schweren Weins an seinem Gaumen. Er wollte die Sache mit Karim und der ermordeten Familie nun wirklich auf sich beruhen lassen, um sich ausschließlich den Freuden seiner Reise hinzugeben.
Wären da nur nicht diese Zweifel, die unablässig an ihm nagten …