Ein sonores Brummen weckte ihn. Keller blinzelte in die Morgensonne, die durch das schmale Fenster der Kajüte schien. Er hörte, wie Wellen gegen den Rumpf schlugen. Die Bonheur begann zu schaukeln, das Geschirr schepperte, und einer von Kellers Reiseführern fiel aus dem Regal. Da fuhr wohl ein Freizeitschiffer mit zu viel Schwung im Hafen ein, vermutete er und richtete sich auf.
Er reckte sich und gähnte ausgiebig. Das auf dem Boden liegende Buch ließ ihn an seinen Traum denken – einen Albtraum. Darin war er mit seinem Schiff auf dem Kanal unterwegs gewesen und in eine Schleuse eingefahren. Und dann war es passiert: Eines der alten Tore hielt dem Druck nicht stand und barst. Das Wasser umströmte die Bonheur, alles begann wie wild zu schaukeln. Das Boot wurde von den ausströmenden Wassermassen mitgerissen und, wie ein Spielball der Gischt, gegen die Schleusenwand gedrückt. Dermaßen heftig, dass Teller und Tassen zu Bruch gingen.
Was für ein wildes Abenteuer! Die Realität sah Gott sei Dank anders aus, dachte sich Keller. Alles war friedlich. Die Bonheur lag noch immer im Hafen von Carcassonne und bot ihm ein sicheres Zuhause. Und doch war ihm in seinem Traum alles so authentisch vorgekommen, so wirklichkeitsnah. Er konnte nur hoffen, dass dies kein böses Vorzeichen war.
Keller stand auf und schüttelte das Bettlaken aus. Von draußen drang das leiser werdende Brummen des anderen Bootes an sein Ohr, dann das Rufen einer Möwe – und abermals ein Scheppern!
Das Geräusch war laut und deutlich gewesen, also sicher keine Einbildung. Die Bugwelle des davonfahrenden Schiffes hatte nichts damit zu tun, dafür war es schon zu weit weg. Nein, diesmal war es ganz aus der Nähe gekommen, von Bord seines Schiffes. Jemand musste an Deck sein!
Keller warf einen hastigen Blick auf seinen Wecker. Kurz vor acht. Wer mochte das sein? Jemand von der Hafenverwaltung, der capitainerie? Aber diese Leute durften doch nicht ungefragt an Deck kommen!
Plötzlich nahm er draußen einen Schatten wahr, und gleich darauf tauchten zwei Beine am Fenster auf. Sie steckten in sandfarbenen Hosen. Also war es ganz sicher keiner der Hafenangestellten, denn die hatte Keller bislang nur im Blaumann oder in Shorts gesehen.
Wer war das? Siedend heiß fiel ihm sein Fund von gestern Abend ein, und er bereute, dass er ihn nicht umgehend bei der Polizei gemeldet hatte. Womöglich war der Eindringling ein Komplize von Karim, der dessen Sachen suchen wollte, ging es ihm durch den Kopf.
Keller griff nach der nächstbesten Waffe, einem kleinen Küchenmesser, das im Spülbecken lag. Mit ein paar schnellen Schritten sprang er die Stiege hinauf und stieß entschlossen die Kajütentür auf, die Faust um das Messer geballt.
Dann die Ernüchterung: Vor ihm stand ein harmlos wirkender dürrer Mann in einem nicht besonders gut sitzenden Anzug. Sein Haar war mit viel Gel zurückgekämmt, auf der Nase trug er eine dicke Brille.
Keller, ebenfalls nicht gerade ein Riese, baute sich vor ihm auf. »Qu’est-ce que vous voulez ici?«, herrschte er den Eindringling an. »Was wollen Sie hier?«
Der Besucher entschuldigte sich so wortreich wie ungeschickt für den unbefugten Zutritt, aber ein Schiff verfüge nun mal über keine Klingel oder dergleichen. »Ich wusste nicht, wie ich mich bemerkbar machen sollte.«
»Sie hätten rufen können«, hielt Keller ihm vor.
»Ja, das hätte ich wohl.«
Der Mann hieß Hugo Cocoon und stellte sich als avocat nommé d’office vor. Er war der Pflichtverteidiger von Karim. Als Beleg zeigte er dem nach wie vor skeptischen Keller eine amtlich anmutende Legitimation und behauptete, dass er gerade dabei sei, die Angaben seines Mandanten zu überprüfen.
»Normalerweise vereinbart meine Kanzlei telefonisch einen Termin, bevor ich persönlich vorbeikomme«, erklärte der Anwalt. »Doch das hat sich diesmal als schwierig erwiesen, weil wir von Ihnen keine Nummer hatten.«
»Schon gut, nun sind Sie ja da«, sagte Keller. »Sie möchten also die Angaben überprüfen.«
»Ganz recht. Dazu gehört eben auch, mir ein Bild von den betreffenden Örtlichkeiten zu machen«, erklärte Cocoon mit gewichtiger Miene. Bei diesen Worten setzte er den schweinsledernen Koffer, den er bei sich trug, auf dem Tisch des Sonnendecks ab und ließ die Verschlüsse aufschnappen. Umständlich kramte er darin nach einem Schnellhefter, den er schließlich herauszog und aufschlug. Dann brauchte er abermals lange, bis er die richtige Seite gefunden hatte. »Ich habe hier einen Auszug des polizeilichen Protokolls. Den würde ich gern mit Ihnen durchgehen, d’accord?«
Keller hatte nichts dagegen.
Daraufhin legte Cocoon los: »Demzufolge wurde Karim Abdelaziz an Bord Ihres Bootes gestellt, korrekt?«
»Das ist richtig«, bestätigte Keller. »Er tauchte plötzlich am Ufer auf, sah die Bonheur und sprang an Deck.«
»Warum gerade auf Ihr Schiff?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, weil es direkt am Pier vertäut ist und nicht an einem der Stege. Die Bonheur war für ihn am schnellsten zu erreichen.«
Der Anwalt machte sich Notizen, bevor er Keller erneut durch seine dicken Brillengläser ansah. »Sind Sie mit Monsieur Abdelaziz bekannt? Das könnte ein triftiger Grund dafür sein, weshalb er sich auf Ihr Schiff geflüchtet hat.«
»Nein, ich habe den Mann nie zuvor gesehen. Ich bin auf der Durchreise, ein Tourist aus Deutschland ohne jede Verbindung zu dieser Stadt.«
»Das mag sein. Doch aus dem Protokoll geht auch hervor, dass Monsieur Abdelaziz sich mit Ihnen unterhalten hat. Warum sollte er das tun, wenn er Sie nicht kannte?«
»Das habe ich mich auch gefragt. Ich glaube, er hat mit mir gesprochen, weil ich die letzte Person war, mit der er vor seiner Festnahme Kontakt aufnehmen konnte. Es war ja sonst niemand anderes in der Nähe, als die Polizei ihm auf den Leib rückte.«
Anwalt Cocoon schob sich das Ende seines Kugelschreibers in den Mund, nickte und wandte sich wieder der Akte zu. »Er hat Ihnen gegenüber seine Unschuld beteuert, ist das hier wahrheitsgemäß wiedergegeben?«
»Ja. Er hat gesagt, dass er es nicht gewesen ist. Wobei ich zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Vorstellung von dem hatte, worum es sich dabei handelte. Ich hielt ihn im ersten Moment für einen flüchtigen Räuber, einen Schläger vielleicht, nicht aber für einen potenziellen Mörder.«
»Nun gut«, sagte Cocoon und hakte den Punkt auf seiner Liste ab. »Kommen wir zum Schluss noch darauf zu sprechen, dass Sie Monsieur Abdelaziz daran gehindert haben, seine Flucht fortzusetzen.«
»Ich sah es als meine Pflicht an, die hiesige Polizei bei ihrer Amtsausübung zu unterstützen«, antwortete Keller wie aus der Pistole geschossen. Er merkte selbst, dass sich das wie eine Rechtfertigung anhörte, die sein schlechtes Gewissen nur unzureichend überspielen konnte.
»Sie haben meinem Klienten ein Bein gestellt, trifft das zu?«
»Ich habe mein rechtes Bein nach vorn gesetzt, weil ich ahnte, dass er über Bord springen wollte.«
Cocoon nahm dieses Eingeständnis ohne jede Gemütsregung zur Kenntnis. »Gut, dann wäre dieser Punkt ebenfalls geklärt«, sagte er, klappte den Hefter zu und verstaute ihn wieder in der Aktentasche. »Vielen Dank für Ihre Kooperation.« Er nickte Keller mit einem unverbindlichen Lächeln zu und machte Anstalten, die Bonheur zu verlassen.
»Einen Moment, Maître Cocoon!«, hielt Keller ihn auf. Er wollte diesen seltsamen Anwalt nicht einfach ziehen lassen. »Möchten Sie denn gar nicht wissen, was ich als Zeuge der Verhaftung sonst zu sagen habe? Wie ich den Polizeieinsatz erlebt und welche Beobachtungen ich gemacht habe?«
Cocoon sah ihn verwundert an. Dann blieb sein Blick auf dem kurzen Messer haften, das Keller noch immer in der Hand hielt.
»Schon gut«, sagte Keller. »Ich lege das Messer beiseite. Ihnen kann nichts passieren. Aber Sie müssen verstehen, dass ich nach dem, was geschehen ist, etwas nervös bin.«
Damit schien Cocoon beruhigt zu sein. Interesse an einem ausführlicheren Gespräch mit Keller hatte er trotzdem nicht: »Ihre Zeugenaussage kenne ich bereits aus den polizeilichen Unterlagen, deren Korrektheit Sie mir soeben bestätigt haben. Weitere Details haben für meine Arbeit keine Relevanz.«
»Wie darf ich das verstehen?«
Der Pflichtverteidiger ließ durchblicken, dass er seinem Mandanten zu einem Geständnis geraten habe. Denn nur dadurch lasse sich das Strafmaß reduzieren. An der Schuldfrage sei ja kaum zu rütteln.
»Wenn für Sie schon alles sonnenklar ist, frage ich mich, weshalb Sie sich überhaupt die Mühe gemacht haben, mich auf meinem Boot aufzusuchen«, bemerkte Keller verwundert.
»Wie bereits gesagt: Ich mache mir gern ein Bild, statt mich einzig und allein auf die Aktenlage zu stützen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass es für meinen Klienten nur einen Weg gibt, um der Höchststrafe zu entgehen: Reue und absolute Kooperation, sprich: ein vollumfängliches Geständnis. Und wenn er uns auch den Namen seines Hehlers nennt, zieht ihm der Richter noch ein paar Jahre ab.«
»Aber er hat doch gesagt, dass er es nicht gewesen ist«, entgegnete Keller.
»Behaupten das nicht alle? Glauben Sie mir: Das ist nicht mein erstes Mandat als Pflichtverteidiger, und ich weiß, wie ich das Bestmögliche für meine Schützlinge heraushole.«
Keller konnte den Anwalt angesichts der erdrückenden Beweislast gegen Karim zwar verstehen, appellierte jedoch an dessen Pflichtgefühl: »Verleiten Sie Monsieur Abdelaziz nicht dazu, eine Tat zu gestehen, die er möglicherweise nicht begangen hat? Meiner Ansicht nach hat die Polizei bislang nicht sämtliche Alternativen geprüft. Es gibt gewisse Aspekte, die Zweifel am Ablauf aufkommen lassen.«
Cocoon quittierte Kellers Hinweis mit einem leicht verächtlichen Lächeln. »Danke für Ihren Ratschlag. Aber ich verstehe mein Handwerk und komme zurecht.«
»So war es nicht gemeint. Wie käme ich dazu, Ihnen Ihren Job zu erklären? Ich möchte nur helfen.«
»Das ehrt Sie.« Nun kam er doch noch einmal näher. »Stimmt es, dass Sie selbst als Polizist gearbeitet haben?«, erkundigte er sich. »Madame Bardot hat etwas in dieser Richtung angedeutet.«
»Ja, das trifft zu und ist auch ein Grund dafür, dass ich mit meiner Meinung nicht hinterm Berg halte. Da kann ich nicht aus meiner Haut.«
Cocoon nahm dies mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. »Dennoch … Ich bin davon überzeugt, die beste Vorgehensweise für meinen Mandanten wäre, dass er seinen Widerstand aufgibt und die Tat einräumt.« Mit diesen Worten trat der Anwalt auf die kleine Stiege und bugsierte seinen steifen Körper auf die Kaimauer. »Adieu, Monsieur Keller«, sagte er, hielt dann jedoch erneut inne. Er griff in die Innentasche seines Jacketts, zog ein silbernes Etui hervor und entnahm ihm eine Visitenkarte. Er beugte sich zu Keller herunter und reichte sie ihm.
»Danke«, sagte Keller, als er das Kärtchen entgegennahm.
»Für den Fall, dass Ihnen noch etwas einfällt.«
Keller sah ihn verblüfft an. »Ich dachte, Sie legen keinen Wert auf meinen Rat?«
»So habe ich das nicht gesagt. Man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln«, antwortete Cocoon salomonisch, bevor er sich umwandte und über den Kai in Richtung Innenstadt davonstolzierte.
Keller sah ihm nach und schüttelte den Kopf. Aus dem Mann war er nicht richtig schlau geworden. Machte der Pflichtverteidiger bloß Dienst nach Vorschrift, oder war er doch bereit, sich für seinen Klienten ins Zeug zu legen? Seinen Worten nach zu urteilen, war Cocoon keine große Leuchte, die Geste am Schluss jedoch, das Hinterlassen seiner Visitenkarte, ließ Keller hoffen. Möglicherweise würde der Anwalt dafür sorgen, dass die Ermittlungen doch noch einmal intensiviert wurden und Karim eine echte Chance bekam.
Zurück in der Kabine, griff er zum Handy und wählte die Nummer der Polizei, um den Fund der Gürteltasche zu melden. Sein Anruf wurde von der Zentrale entgegengenommen. Als er darum bat, zu Madame le commissaire durchgestellt zu werden, bekam er eine Absage. Madame Bardot sei noch nicht im Haus, worum es denn gehe? Keller berichtete in groben Zügen, wie er an die Bauchtasche von Karim Abdelaziz gekommen war, und betonte, dass er den Fund für wichtig halte. Viel brachte es allerdings nicht, denn sein Gesprächspartner sah trotzdem keine Veranlassung, Béatrice Bardot zu dieser frühen Stunde privat zu stören. Ob man stattdessen eine Streife schicken könnte, um die Gürteltasche abzuholen, erkundigte sich Keller. Ja, das wäre möglich, aber nicht sofort. Wann dann?, wollte Keller wissen. Nicht vor Mittag, lautete die Antwort, alle verfügbaren Wagen seien gerade unterwegs.
Das sprach nicht für effiziente Polizeiarbeit, fand Keller. Erst am Nachmittag – das würde ja noch Stunden dauern. Damit waren seine Pläne, früh aufzubrechen, durchkreuzt. Außerdem fragte er sich, wie er diese Zeit sinnvoll ausfüllen sollte.
Während er darüber nachdachte, ging er zur Küchenzeile, um das Obstmesser in die Schublade zurückzulegen. Dabei kam ihm die Karte des Gemüsehändlers in den Sinn, die in Karims Beutel verklemmt gewesen war, und auf einmal hatte er einen Geistesblitz: Anwalt Cocoon hatte doch beiläufig von einem Hehler gesprochen. War das die Verbindung zwischen Karim und diesem Mansouri? Könnte es sich bei dem vermeintlichen Obstverkäufer um ebendiesen Hehler und Auftraggeber handeln? Denjenigen, der Karim auf den Raubzug in die La-Croix-Villa geschickt hatte? Diese Schlussfolgerung war vielleicht weit hergeholt, doch aus Kellers Sicht musste es einen Grund dafür geben, weshalb Karim dieses Kärtchen mit sich herumgetragen hatte. Irgendeine Beziehung zu Obsthändler Mansouri musste bestehen.
Keller wusch und rasierte sich, schlüpfte in leichte Sommerkleidung und kramte anschließend in einem Schränkchen nach dem Stadtplan, den er sich kurz nach der Ankunft im Tourismusbüro besorgt hatte. Er breitete ihn auf dem Tisch aus und suchte nach der angegebenen Adresse: Wie er bereits vermutet hatte, befand sich die Straße im Ozanam-Viertel. Zufall? Wohl kaum, dachte sich Keller.
Sein Ehrgeiz war geweckt, die Zurückweisungen durch Béatrice Bardot und Anwalt Cocoon fühlten sich nicht mehr ganz so schmerzlich an. Wäre doch gelacht, wenn er nicht ein bisschen Schwung in die Sache bringen könnte!
Keller wollte herausfinden, ob an seiner Vermutung etwas dran war. Sollte Karim tatsächlich im Auftrag eines anderen gehandelt haben, bestand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass dieser Hintermann etwas über die Morde zu sagen hatte. Keller war entschlossen, diesem Verdacht unverzüglich nachzugehen. Da Karims Beutel ohnehin erst nach Mittag abgeholt werden sollte, blieben ihm für seine Nachforschungen noch ein paar Stunden Zeit.