»Puh! Was für ein Temperament!«
Keller verstaute die Einkäufe, setzte sich hinters Steuer des Renaults und dachte über das soeben Erlebte nach.
Mansouris Verhalten gab ihm Rätsel auf. Zuerst seine Herzlichkeit, das schmeichelnde Umgarnen. Dann die komplette Kehrtwende, der Griff nach dem Kragen und der Rausschmiss. Was war der tiefere Grund für diese überschießende Aggressivität?
Anfangs hatte der Obsthändler in ihm wohl nur einen neuen Kunden gesehen. Einen, dem man mit Freundlichkeit begegnete, weil man sich ein gutes Geschäft versprach. Kaum hatte Keller durchblicken lassen, warum er wirklich da war, kam der wahre Mansouri zum Vorschein – und der hatte ganz offensichtlich etwas zu verbergen. Bloß was?
War er Keller so heftig angegangen, weil er um Karims Lage wusste und nicht selbst in diese Sache hineingezogen werden wollte? Oder aber gab es andere Gründe für die harsche Reaktion? Hatte es am Ende gar mit der jungen Frau zu tun, die wahrscheinlich seine Tochter war und die er ganz offensichtlich von Keller hatte fernhalten wollen?
Er trommelte mit seinen Fingern auf das Armaturenbrett. Was hatte es mit der Frau für eine Bewandtnis? Weshalb hatte es ihr Vater so eilig gehabt, sie aus dem Verkaufsraum zu scheuchen? Wollte er sie schützen, weil sie schwanger war und sich nicht aufregen sollte? Nein, diese einfache Lösung widerstrebte Keller. Er spürte, dass da mehr sein musste, dass Mansouri tatsächlich etwas zu verheimlichen hatte. Doch je länger Keller nachdachte, desto unsicherer wurde er. Wie konnte er auf Mansouris Beweggründe schließen oder sie auch nur erahnen, wenn er das Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter nicht verstanden hatte? Was wusste er schon von der Lebenswirklichkeit einer maghrebinischen Obsthändlerfamilie in Frankreich? Und zeigten die köstlichen Speisen, die er gerade gekauft hatte, nicht auch, dass es der Händler mit seiner Arbeit ernst meinte und nicht in erster Linie dubiose Nebengeschäfte mit seinem Vetter betrieb? Oder war dies alles Bestandteil einer perfekten Tarnung? Er wusste es nicht!
Die Sonne brannte auf das Dach des Renaults und verwandelte den Innenraum in einen Backofen. Keller kurbelte das Fenster herunter und fächelte sich Luft zu. Da kam ihm eine Idee, wie er vielleicht doch mehr über Mansouri und dessen Beziehung zu Karim erfahren konnte.
Mit einem Griff in seine Hemdtasche förderte er das Kärtchen zutage, das ihm Anwalt Cocoon zugesteckt hatte. Darauf waren zwei Telefonnummern abgedruckt, eine Festnetznummer, wahrscheinlich die der Kanzlei, sowie eine Mobilfunknummer. Keller wählte das Handy des Anwalts an und hatte Glück.
»Société Cocoon, bonjour, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich der Anwalt persönlich.
»Konrad Keller am Apparat. Maître Cocoon, Sie waren vorhin auf meinem Boot, der Bonheur.«
»Oui. Eh bien?« Die Verwunderung war Cocoon anzuhören. »Weshalb rufen Sie mich an, Monsieur Keller?«
»Als Sie mich auf meinem Boot aufsuchten, haben Sie mir eine Menge Fragen gestellt. Zur Abwechslung habe diesmal ich eine Frage.«
»Ach ja? Was möchten Sie von mir wissen?«
»In Ihren Gesprächen mit dem Mandanten – hat er dabei den Namen seines Vetters Djamal erwähnt? Djamal Mansouri?«
Cocoon schwieg, als müsste er nachdenken. »Ja«, sagte er dann, »aber in keinem bestimmten Zusammenhang.« Karims Angaben seien bedauerlicherweise allesamt ziemlich konfus, und er selbst äußerst sprunghaft. Mal gebe er den Einbruch zu, nicht aber die Morde, mal streite er sämtliche Vorwürfe ab und rede Wirres von einer angeblichen Falle, die man ihm gestellt habe, ohne jedoch Ross und Reiter nennen zu können. Das Beste für alle Beteiligten wäre ein vollständiges Geständnis und das Erkennenlassen von Reue, wiederholte Cocoon das, was er bereits an Bord der Bonheur geäußert hatte. »Karims einzige Chance«, schloss er.
Keller bat ihn, trotzdem noch einmal das Gespräch mit dem Klienten zu suchen und ihn eingehend nach seinem Verhältnis zu seinem Vetter Djamal zu fragen.
»Ich weiß nicht, was das bewirken soll, aber meinetwegen, ich mache es. Ich bin ohnehin gerade auf dem Weg zu ihm.«
»Danke vielmals, Maître.«
»Ja, ja, schon gut. Au revoir, Monsieur Keller.«
Nachdem das kurze Gespräch beendet war, empfand Keller wieder einen Hauch von Optimismus. Obwohl sich Cocoon genauso reserviert gegeben hatte wie schon bei seinem Besuch am frühen Morgen, meinte Keller, in der Stimme des Anwalts aufkeimendes Interesse gehört zu haben. Er hoffte darauf, am Ende doch noch den Ehrgeiz des Pflichtverteidigers geweckt zu haben. Das würde Kellers Position deutlich stärken. Denn auf sich allein gestellt konnte er bei Madame le commissaire ganz sicher nichts bewirken.
Keller steuerte seinen Renault durch die inzwischen überaus belebte Stadt. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr. Einheimische konkurrierten mit Auswärtigen um die letzten Parklücken vor den Geschäften und Supermärkten. Je näher er der Altstadt kam, desto häufiger sah er Touristen, klar erkennbar an Bermudashorts, auffällig bedruckten T-Shirts und Kopfbedeckungen wie Baseballcap oder Strohhut. Engländer meinte Keller an ihrer sonnengeröteten Haut zu identifizieren, während deutsche Männer mitunter Socken in den Sandalen trugen.
Zurück am Kanalhafen fiel Kellers Blick sofort auf einen Polizeiwagen, der in Piernähe stand. Am Kotflügel lehnte ein gelangweilt wirkender flic, der seine Uniformjacke lässig über die Schulter gelegt hatte. Keller war spät dran und konnte froh sein, dass der Polizist auf ihn gewartet hatte.
»Sie wurden sicherlich wegen der Bauchtasche geschickt«, sprach Keller ihn an, nachdem er seinen Clio abgestellt hatte und zu ihm geeilt war.
Der Polizist, um die vierzig, leicht übergewichtig und mit stoischer Miene, nickte stumm. Dann löste er sich von seinem Wagen und ging wortlos auf das Hafenbecken zu.
Keller folgte ihm und zeigte auf den schneeweißen Rumpf der Bonheur, die friedlich im papierplanen Wasser lag. »Kommen Sie bitte an Bord. Ich hole den Beutel aus der Kabine.«
Der flic kam der Aufforderung kommentarlos nach. Kaum an Deck, veränderte sich seine Mimik. Er zog die Brauen hoch und deutete mit dem Zeigefinger auf die Kabinentür. »Haben Sie sie aufgelassen?«, fragte er mit tiefer Stimme und beugte sich im nächsten Moment über das Schloss.
»Aufgebrochen«, stellte er fest. »Wie es aussieht, mit einem Schraubenzieher oder ähnlichem Werkzeug. Sehen Sie die Kratzer ringsherum?«
Keller sah sie und war auf Schlimmes gefasst. Er schob sich an dem Polizisten vorbei und nahm mit zwei schnellen Schritten die Stufen der kleinen Treppe unter Deck. Wie befürchtet erwartete ihn in der Kajüte das reine Chaos. Alles war verwüstet! Sämtliche Schränke und Schubladen aufgerissen, der Inhalt wahllos über Tisch und Boden verstreut. Hier hatte sich jemand ausgetobt und bei seiner Suche nach Wertsachen keinerlei Rücksicht auf Schäden genommen.
Keller zuckte zusammen, als er seine Digitalkamera in einer Ecke liegen sah. Ein teures Modell, das Helga ihm zum letzten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hatte. Keller hoffte inständig, dass sie nichts abbekommen hatte.
Der Polizist trat neben ihn und wartete ab, bis Keller die Funktionstüchtigkeit des Fotoapparats überprüft hatte. Er war unverändert ruhig und wirkte wenig überrascht, woraus Keller schloss, dass er nicht der erste Tourist war, bei dem eingebrochen worden war.
Dennoch schien dem Polizisten etwas aufzufallen, denn er sagte: »Sieht neu aus, die Kamera. Wundert mich, dass der Dieb sie nicht eingesteckt hat. Gibt es sonstige Wertgegenstände an Bord?«
Keller dachte an seine Papiere und an seine Armbanduhr, die er in der Eile des Morgens nicht angelegt hatte. Er klappte einen kleinen Stauraum unter der Sitzbank auf, in dem er Ausweise und weitere Reisedokumente versteckt hatte. Sie waren unberührt an Ort und Stelle. Dann eilte er ins Bad, wo er die Uhr auf dem Waschbeckenrand liegen gelassen hatte. Auch sie war noch da. Seltsam, dachte er. Wie konnte der Einbrecher sie bloß übersehen haben? Immerhin eine Markenuhr, tipptopp gepflegt und in Ordnung.
Nun dämmerte Keller, dass der Dieb nicht willkürlich auf Wertsachen aus gewesen war, sondern nach etwas Bestimmtem gesucht hatte. Er ahnte, um was es sich dabei handelte, und sah in einem der leer geräumten Hängeschränke über der Fensterreihe nach. Dort hatte er am Abend zuvor Karims Gürteltasche deponiert. Sie war fort.
Keller war augenblicklich klar: Es konnte sich nicht um einen Zufall handeln, dass der Dieb ausgerechnet Karims Bauchtasche mitgenommen hatte, sonst jedoch nichts. Er wandte sich an den Polizisten: »Die Tasche ist verschwunden. Die, die Sie abholen und bei Madame Bardot abliefern sollten.«
Den Polizisten schien das wenig zu kratzen. Er zog die Schultern hoch und sagte mit einem Blick, aus dem die Erfahrung vieler, vieler Dienstjahre sprach: »Da kann man nichts machen.« Fast im gleichen Atemzug fragte er: »Möchten Sie Anzeige erstatten? Ich kann Ihnen allerdings keine großen Hoffnungen machen, dass wir den Täter erwischen. Gerade jetzt, zu Beginn der Hochsaison, kommen wir bei Delikten dieser Art kaum hinterher.« Nur ein Bruchteil der Kleinkriminellen könne überführt werden, ergänzte er, riet aber trotzdem, Anzeige zu erstatten, da Keller sie als Nachweis für seine Versicherung brauchen könnte.
Keller war drauf und dran, dem Polizisten zu erklären, dass es hier nicht um einen persönlichen Schaden gehe, sondern dass womöglich ein Beweisstück in einem Mordfall abhandengekommen sei und das Ganze eine völlig andere Dimension habe als ein läppischer Einbruch, wie er in Südfrankreich wohl hundertmal am Tag vorkam. Doch beim Blick in das Gesicht des abgeklärten Ordnungshüters kapitulierte er. Keller würde sich für das, was er zu sagen hatte, einen anderen Ansprechpartner suchen müssen.