Indem er die ausgebrochenen Schrauben nachzog und die Fassung mit Klebeband fixierte, gelang es Keller, das Türschloss behelfsmäßig zu reparieren. Natürlich war das nur eine Notlösung, er musste baldmöglichst den Bootsverleih kontaktieren. Man würde ihm sicher unverzüglich einen Servicemitarbeiter schicken, der den Schaden behob.
Während er noch an dem ramponierten Schloss herumbastelte, erschien der nächste Besucher auf der Bildfläche – vielmehr eine Besucherin: Im Gegenlicht der Mittagssonne bemerkte Keller nur die Silhouette einer aufrechten Gestalt mit nussbraunem Haar und einer hellen Bluse, deren Ärmel umgeschlagen waren. Um den rechten Arm baumelte ein Handtäschchen. Unter einem eng fallenden Rock lugten zwei schlanke Beine hervor, die Füße steckten in schmalen, klassischen Ballerinas.
Keller beschattete seine Augen mit dem Handrücken, um seine Besucherin besser sehen zu können, und erhob sich mit etwas Mühe. Doch erst als ihm die Frau unmittelbar gegenüberstand, erkannte er sie – und war sehr verwundert über ihr Erscheinen: Es war Geneviève Bertrand, die Anwältin der Familie La Croix, die er an der Seite des trauernden Richard La Croix im Kommissariat gesehen hatte.
Geneviève Bertrand verkörperte klassische französische Eleganz. Ihr Erscheinungsbild war perfekt, sowohl die Kleidung – teure Marken, wie Keller vermutete – als auch die Frisur, die saß, als käme die Rechtsanwältin geradewegs vom Friseur. Das Gesicht, aus dem ihn zwei intelligente Augen anblickten, war ebenso gekonnt wie geschickt geschminkt, was Geneviève Bertrand um Jahre jünger wirken ließ, als sie wahrscheinlich war. Flüchtig betrachtet ging sie als Anfang bis Mitte dreißig durch, dachte Keller. In Wahrheit musste sie die vierzig längst überschritten haben, das schloss er aus den Fältchen um ihre Augen und auf den Händen. In etwa die gleiche Generation wie La Croix und dessen verstorbene Frau, stellte er fest, was seinen ersten Eindruck bestätigte.
»Was verschafft mir die Ehre?«, fragte Keller und stellte beschämt fest, dass er Madame Bertrand im durchgeschwitzten Hemd und mit Schmutz an den Knien gegenüberstand. Er sah sich um und wollte der Besucherin eine Sitzgelegenheit anbieten, doch die Unordnung in seiner Kabine mochte er ihr nicht zumuten, und auf dem Tisch des Sonnendecks befanden sich noch Teller und Besteck vom Vorabend.
Geneviève Bertrand winkte mit jovialer Geste ab. »Lassen Sie nur, Monsieur Keller. Keine Mühe meinetwegen, ich bleibe nicht lang.« Sie rückte die große Sonnenbrille zurecht, die in ihrem Haar steckte, und reichte ihm dann eine schlanke, kühle Hand, um sich als offizielle Vertreterin und Bevollmächtigte von Richard La Croix vorzustellen. »Wir haben erfahren, dass Sie in das schreckliche Unglück, das über die Familie La Croix hereingebrochen ist, verwickelt wurden. Wir bedauern das sehr, möchten Ihnen aber auch unseren Dank aussprechen. Denn nicht zuletzt durch Ihren Einsatz ist es gelungen, den Täter so schnell zu fassen. Durch Ihren Mut.« Bei dem Wort »Mut« fasste sie nach seinem Unterarm und drückte ihn. Gleichzeitig sah sie ihn gewinnend an. »Monsieur La Croix möchte Ihnen ausdrücklich danken für das, was Sie getan haben. Es ist nicht selbstverständlich heutzutage, dass jemand Zivilcourage zeigt.«
Sie ließ Kellers Arm wieder los und machte sich an ihrer Handtasche zu schaffen. »Ich bin berechtigt, Ihnen als Wiedergutmachung für Ihre Mühen und als Kompensation für den Ärger, den Sie unseretwegen hatten, eine angemessene Summe …«
»Sie brauchen mir nicht zu danken«, unterbrach Keller sie. »Und bitte, ich möchte kein Geld von Ihnen. Ich habe nichts getan, was die Polizei nicht auch allein geschafft hätte.«
Daraufhin ließ die Anwältin ihre Tasche geschlossen und nickte verständnisvoll. »Wie Sie wünschen, Monsieur Keller«, sagte sie in schmeichlerischem Ton, und Keller ahnte, dass ihr Besuch damit nicht beendet war. Und tatsächlich war da noch etwas, wohl der wesentliche Anlass für ihr Kommen.
»Sie haben Madame Bardot aufgesucht«, stellte sie fest, wobei ihr Ton eine Nuance kühler ausfiel. »Es ist nachvollziehbar, dass Sie sich nach all dem, was Ihnen widerfahren ist, für den Fortgang der Ermittlungen interessieren. Dennoch muss ich Sie bitten, die Sache den zuständigen Stellen zu überlassen.« Noch immer lächelte die Anwältin, doch ihr Blick war jetzt eisig. »Vor allem von der Familie La Croix halten Sie sich bitte fern.«
Keller lag es auf der Zunge zu sagen, dass von der Familie ja nicht viel übrig geblieben sei. Doch er schwieg taktvoll, wusste er doch, wessen Interessen diese sich zwar charmant gebende, aber doch knallharte Juristin vertrat: die des stadtbekannten Unternehmers und aufstrebenden Politikers Richard La Croix. Wie sich jetzt zeigte, war ihm Kellers Interesse an dem Mord nicht verborgen geblieben. Denn einen neugierigen Ex-Polizisten, der sich in seine Privatangelegenheiten mischte, konnte er sicher nicht gebrauchen. Schon gar nicht, wenn auf diese Weise womöglich unschöne Details aus seinem Familienleben an die Öffentlichkeit gelangten.
Madame Bertrand hatte also gar keine andere Wahl, als Keller die Pistole auf die Brust zu setzen, auch wenn sie es mit Schmeichelei und einem lukrativen Angebot zu verschleiern versuchte.
»Wir können also davon ausgehen, dass Sie sich aus dieser Angelegenheit von jetzt an heraushalten werden?«, wollte die Familienanwältin nun unmissverständlich wissen.
»Ich will Monsieur La Croix keine Schwierigkeiten machen«, erwiderte Keller und vermied damit eine klare Antwort.
Madame Bertrand hakte diesen Punkt mit einem Nicken ab und gab Keller einen Rat: »Wir stehen kurz vor der Hauptsaison, den grandes vacances. Ganz Frankreich macht dann Urlaub, dazu kommen die vielen Gäste aus dem Ausland. Auf dem Kanal werden sich bald die Boote drängen, und gerade hier bei uns in Carcassonne kann es dann sehr ungemütlich werden.«
Dabei beließ sie es, doch Keller wusste natürlich, was unausgesprochen im Raum stand: Er sollte verduften und Carcassonne noch vor der großen Reisewelle verlassen haben.
Schon wieder jemand, der mich drängt, dachte er ärgerlich und merkte, wie sein Trotz immer stärker wurde. Dennoch rang er sich durch zu sagen: »Richten Sie Monsieur La Croix bitte mein aufrichtiges Beileid aus.«
Geneviève Bertrand nahm auch dies zur Kenntnis, wirkte jedoch nicht vollends überzeugt. »Und Sie möchten die Belohnung wirklich nicht annehmen?«, erkundigte sie sich, während ihre Finger über die Handtasche glitten.
»Nein, das möchte ich nicht«, erklärte Keller bestimmt. »Lassen wir es einfach dabei bewenden, dass Sie sich im Namen von Monsieur La Croix bei mir bedankt haben.« Den Zusatz »Ihr Auftrag ist damit erfüllt« behielt er für sich.
Beim Bootsverleih, wo er unmittelbar nach dem – zugegebenermaßen eleganten – Abgang von Geneviève Bertrand anrief, sicherte man ihm zu, dass gleich am nächsten Morgen ein Servicemitarbeiter bei ihm vorbeischauen werde. Das Schloss zu reparieren sei kein großer Aufwand und innerhalb kurzer Zeit erledigt.
Morgen früh also, dachte Keller und war nicht böse darum, dass er nun einen Grund hatte, seinen Aufenthalt in Carcassonne um einen weiteren Tag zu verlängern. Denn so viel stand für ihn fest: Vertreiben lassen würde er sich nicht!
Der Rest des Nachmittags verlief ohne besondere Vorkommnisse. Zwar hatte Keller fest damit gerechnet, dass Béatrice Bardot sich wegen der gestohlenen Gürteltasche bei ihm melden würde, doch sein Handy blieb still. Er nutzte die Zeit für einige Recherchen auf seinem Notebook – auch das hatte der Einbrecher verschmäht, obwohl es in einer unverschlossenen Schublade gelegen hatte. Dazu machte er es sich in einer schattigen Ecke auf dem Deck gemütlich, neben sich einen Teller mit einer Auswahl der Leckereien, die er in Mansouris Geschäft erworben hatte.
Keller wollte mehr über La France d’abord! erfahren, die rechtsgerichtete Partei, der Richard La Croix angehörte. Er hielt es nämlich nicht für ausgeschlossen, dass es zwischen La Croix’ politischem Engagement und der Bluttat einen Zusammenhang geben könnte, was möglicherweise auch die Spur erklären würde, die ins Ozanam-Viertel führte. La Croix’ ausländerfeindliche Grundhaltung könnte bei den Leuten aus dem Problemviertel Hass gegen ihn geschürt und die Gewalttat provoziert haben. Den Beleg dafür, dass das im Bereich des Möglichen lag, hatte Keller ja bereits vor Augen gehabt: Die hitzige Debatte, die er in der Shisha-Bar miterlebt hatte, war ein Zeichen gewesen für die Unbeliebtheit von La Croix in diesen Kreisen.
Er erzielte auf Anhieb etliche Treffer im Internet. Keller studierte verschiedene Beiträge, wobei schnell deutlich wurde, wie rigoros La Croix als Kopf von La France d’abord! auftrat. Unverhohlen machte er gegen Zuwanderer aus Nordafrika Stimmung und stellte Zusammenhänge zwischen erhöhter Kriminalitätsrate und dem Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung her. Auch wurde klar, auf was La Croix abzielte: Während er Hilfs- und Förderprojekte in den sozialen Brennpunkten für reine Geldverschwendung hielt, machte er sich für strengere Gesetze und konsequente Abschiebung selbst bei geringen Vergehen stark.
Vor allem auf Algerier wie Karim hatte es La Croix abgesehen. Keller wusste durchaus um die besondere Bedeutung von Algerien für Frankreich: Schon Napoleon hätte das nordafrikanische Land gern seinem Reich einverleibt. 1830 folgte die Invasion der Franzosen, die an Rohstoffen und billigen Arbeitskräften interessiert waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich dann eine schlagkräftige Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie, es kam zu Aufständen. Bei Unruhen in den Provinzen Sétif und Guelma wurden Zehntausende Algerier von der französischen Armee getötet. Doch der Widerstand wurde dadurch nur noch stärker. Das Mutterland versuchte es daraufhin mit Zugeständnissen, so wurde 1947 allen Algeriern die französische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Aber auch das bewirkte nur einen Aufschub. Die Proteste hielten an, der Konflikt mündete in den Algerienkrieg. 1962 verabschiedete sich die Kolonie endgültig in die Freiheit.
Unabhängigkeit hin oder her: Die in Frankreich lebenden Algerier waren La Croix und seinen Anhängern ein Dorn im Auge, genossen sie doch bis heute das gesetzlich verankerte Privileg der doppelten Staatsangehörigkeit, der algerischen und der französischen. Entschlossen sie sich, in Frankreich zu leben, konnten sie alle Sozialleistungen in Anspruch nehmen, wie sie auch den Inlandsfranzosen zustanden. La Croix wetterte gegen diese aus De-Gaulle-Zeiten stammende Praxis und bezeichnete die Nutznießer als Sozialschmarotzer. Schon bei kleinsten Vergehen sollte man ihnen den Status aberkennen, forderte La Croix, und Zuzüge aus der ehemaligen Kolonie gar nicht mehr zulassen. Geschähe das nicht, würde die französische Bevölkerung mehr und mehr von Zuwanderern unterwandert und schließlich verdrängt werden.
Immer wieder das alte Lied, dachte sich Keller und rief ein YouTube-Video auf, das La Croix bei einem seiner Wahlkampfauftritte zeigte. Darin kam der Frontmann von La France d’abord! ebenso kämpferisch rüber, wie es seine Veröffentlichungen vermuten ließen. Ein Agitator, fand Keller und konnte sich gut vorstellen, dass der charismatisch wirkende La Croix sogar von solchen Bürgern Stimmen bekam, die noch nie im Leben ein Problem mit einem Ausländer gehabt hatten. La Croix verstand es, Feindbilder zu erzeugen und sich selbst als Verteidiger der Französischen Republik darzustellen, der die angeblichen Feinde der Grande Nation persönlich zurückschlug.
Keller sah sich das Video bis zum Schluss an und wartete darauf, dass der Redner mit Fakten aufwartete, die seine Forderungen untermauerten. Die aber blieb La Croix weitgehend schuldig, wie er sich auch sonst sehr vage äußerte, wenn es um Zahlen, Daten oder belastbare Informationen ging.
Die typische Masche populistischer Parteien, dachte Keller: Stimmung gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe machen und Schuld zuweisen, ohne echte Lösungsansätze für die aufgezeigten Probleme zu liefern. Was beim Zuschauer hängen blieb, war ein dumpfes Gefühl der Bedrohung – und diese Bedrohung ging angeblich von Menschen wie Karim und seinen Landsleuten aus.
Das führte Keller zu der Frage: Hatte Karim die Tat etwa doch verübt? War er ein politischer Fanatiker und hatte La Croix’ Familie aus Rache für dessen Schmähreden getötet? Das könnte erklären, warum er bei dem Einbruch in der Villa nichts gestohlen hatte. Keller suchte online nach Reaktionen auf La Croix’ radikale Thesen, um diese Möglichkeit zu überprüfen. Es gab tatsächlich einschlägige Kommentare auf einigen Nachrichtenportalen, ein muslimischer Verband bezeichnete La Croix’ Äußerungen gar als Brandreden, die nach Vergeltung riefen. Das war ein Ansatz, fand Keller und forschte nun gezielt nach Aufrufen, die sich gegen La Croix und dessen Partei richteten. Auch da wurde er fündig, allerdings handelte es sich lediglich um die üblichen, meist anonymen Hassbotschaften auf Social-Media-Plattformen, wie sie auch in Deutschland an der Tagesordnung waren.
Keller schaute von seinem Notebook auf, rieb sich die Augen und ließ den Blick über das Hafenbecken gleiten. Er beobachtete einen Schwarm Mücken, der dicht über dem Wasser kreiste. Die Insekten umschwirrten sich gegenseitig, schienen sich zu jagen, um Momente später einvernehmliche Gruppen zu bilden. Während er das Naturschauspiel verfolgte, konstruierte Keller eine Verschwörergruppe gegen La Croix, bestehend aus Gemüsehändler Djamal Mansouri als muslimischem Extremisten und Karim als seinem willigen Werkzeug. Nach diesem Szenario hätte Mansouri Karim den Befehl erteilt, La Croix’ weitere politische Karriere dadurch zu vereiteln, dass er dessen Familie tötete.
Doch hätte Mansouri, so fragte sich Keller dann, nicht ahnen müssen, dass er mit einem solchen Schritt wahrscheinlich das genaue Gegenteil erreichen würde? Denn La Croix’ Fremdenfeindlichkeit dürfte durch diese Tat eher noch mehr befeuert werden. Mansouri hätte seinem Erzfeind also politisch in die Hände gespielt, statt ihm zu schaden, was wohl kaum Zweck der Sache gewesen sein dürfte.
Nein, nein, nein, dieses Konstrukt führte in eine Sackgasse. Es sei denn, Mansouri wäre darauf aus, die Lage vollkommen eskalieren zu lassen. Möglich, aber Keller mochte nicht daran glauben, da er keine sinnvolle Strategie dahinter erkannte.
Wenn es also doch keinen politisch-religiösen Hintergrund gab und man einen profanen Raubmord ebenfalls ausschloss – was blieb dann übrig?
Er ging die Alternativen durch, die ihm aus seinem früheren Berufsleben geläufig waren. Wie er sehr wohl wusste, hatten die meisten Gewaltdelikte einen persönlichen Hintergrund. Handelte es sich folglich auch in diesem Fall um etwas Persönliches, eine private Angelegenheit? Aber wenn ja, um welche? Fest stand: Er hatte das Problem noch nicht bis zum Ende durchdrungen.
Noch einmal tauchte er ein in die verzweigte Welt des Internets, studierte Fotos von La Croix und seinen Gefolgsleuten. Er sah sich auch dessen Publikum an und war erschrocken, wie viele junge Menschen sich darunter befanden und welch hingebungsvolle Begeisterung sich auf ihren Gesichtern zeigte. Unter anderem sah er eine werdende Mutter, deren T-Shirt sich über dem Babybauch spannte. Keller verweilte bei dieser Aufnahme – und plötzlich kam ihm eine Idee, die ihn erneut ins Grübeln brachte …
Als die Sonne tief im Westen stand und den Himmel in ein zartes Rosa tauchte, fand er es an der Zeit, sich noch einmal unter Menschen zu begeben. Weil er dem notdürftig geflickten Türschloss nicht traute, nahm er sicherheitshalber seine wichtigsten Papiere und die Fotokamera mit, versteckte das Notebook und machte sich ohne festes Ziel auf den Weg.
Zunächst bummelte er über den nach wie vor belebten Place Carnot in der ville basse, der Unterstadt. In der warmen, weichen Luft verwoben sich die Stimmen der Passanten mit dem Klirren von Tellern und Tassen aus den umliegenden Cafés, Bistros und Restaurants und den Melodien von Straßenmusikern zu einem betörenden Klangteppich. Keller erfreute sich am quirligen Treiben einer Gruppe Kinder, die zwischen den großen Bäumen Verstecken spielten, bewunderte die Grazie einiger junger Damen, die sich um einen braun gebrannten Schönling vor einem Motorroller scharten, und beobachtete mit einem Funken Neid und Wehmut ein altes Ehepaar, das Händchen haltend über das Pflaster trottete.
Sein Magen begann zu knurren, als sich in die Abendluft feinwürzige Gerüche aus den diversen Küchen mischten, die mit ihren Köstlichkeiten um Kunden buhlten. Als bekennender Fleischliebhaber war er neugierig auf Bœuf à la gardianne, eine Spezialität der Region, die sein Sohn Burkhard ganz bestimmt auch schon probiert hatte. Das Rindfleisch wurde mehrere Stunden in eine Marinade mit Kräutern gelegt und dann geschmort, was es besonders zart und aromatisch machte.
Tatsächlich aber entschied er sich nach ausgiebiger Suche und dem langwierigen Vergleich von Speisekarten auf halber Strecke zwischen ville basse und der Cité für das L’Atelier de la Truffe mit seiner auffällig lilafarbenen Fassade. Das kleine Restaurant in der Rue Triviale schien seinem Namen alle Ehre zu machen, schon beim Eintreten strömte Keller der betörende Duft der sündhaft teuren schwarzen Knollen entgegen. Dargeboten wurden sie als Œufs cocotte à la truffe, eine formidable Eierspeise, oder in hauchdünne Scheiben gehobelt zur Gänseleberpastete Foie gras. Der hausgemachte Fromage truffe, eine Käsespezialität, lachte Keller besonders an. Zu einer dicken Scheibe davon ließ er sich einen passenden Wein servieren, der vollmundig und schwer war wie die meisten in dieser sonnenverwöhnten Gegend.
Während Keller den überaus harmonischen Ausklang eines aufreibenden Tages in vollen Zügen genoss, versöhnte er sich wieder mit dieser liebenswerten und facettenreichen Stadt – trotz des Ärgers, den er mit dem einen oder anderen Einwohner haben mochte. Sein Wohlfühlbarometer war beim zweiten Glas Wein auf Höchstwerte gestiegen, als das Klingeln seines Handys den Frieden störte.
Meldete sich Béatrice Bardot vielleicht doch noch?, ging es Keller durch den Kopf. Er ertappte sich dabei, dass er freudig an Madame le commissaire dachte. Trotz ihrer Zwistigkeiten konnte er sie gut leiden. Aber es war unwahrscheinlich, dass sie ihn sprechen wollte, nicht um diese Zeit. Nein, es musste sich um jemand anderes handeln – und Keller erriet den Anrufer, noch ehe er die Stimme vernahm.
Burkhard! Gerade eben hatte er an ihn gedacht – war das etwa Gedankenübertragung? »Es ist nicht dein Ernst, dass du dich schon wieder meldest. Bist du jetzt mein Babysitter?«, begrüßte Keller ihn ärgerlich. Das ging nun wirklich zu weit!
»Wohl eher Daddysitter«, konterte sein Sohn schlagfertig.
»Was willst du?«, fragte Keller und drehte sich von seinen dicht neben ihm platzierten Nachbarn weg.
»Immer das Gleiche.«
»Mein Bedarf an Menüvorschlägen ist gedeckt.«
»Ich meine das andere Gleiche.«
»Dann können wir es kurz machen: Ich bin immer noch in Carcassonne, und dieses Kleinod einer mittelalterlich geprägten Stadt wächst mir mehr und mehr ans Herz.«
Pause.
»Burkhard? Bist du noch dran?«
»Ja, Paps. – Sag mal, hast du getrunken?«
»Nein. Das heißt: Ja! Ich bin gerade munter dabei. Und dazu lasse ich mir einen Trüffelkäse vom Feinsten schmecken. Ich sage dir, so was Köstliches hast du noch nicht gegessen. Du hast doch gesagt, ich soll es mir gut gehen lassen, oder etwa nicht?«
»Doch, ja.«
»Aber?«
»Ähm …« Burkhard lachte gekünstelt, und Keller beschloss, den Sohn nicht länger hinzuhalten.
»Also schön: Es gibt gute Gründe dafür, dass ich geblieben bin. Die Sache nimmt Fahrt auf. Auf der Bonheur ist eingebrochen worden. Jemand hat die Bauchtasche von Karim gestohlen, noch bevor ich sie der Polizei übergeben konnte.«
»Hört sich nicht gut an.«
»Finde ich auch. Irgendetwas ist faul an der Sache, und ich wüsste zu gern, was.«
»Meine Meinung darüber kennst du.«
»Ja, und du bist offenbar nicht der Einzige, der findet, dass ich mich nicht darum kümmern sollte.«
»Worauf spielst du an?«
»Madame le commissaire scheint der Diebstahl nicht weiter zu stören, zumindest hat sie es nicht für nötig gehalten, sich bei mir zu melden.«
»Hast du es denn für nötig gehalten?«
»Bitte?« Keller wunderte sich über die Frage. »Was meinst du?«
»Ob du dich bei ihr gemeldet hast? Es gehören ja immer zwei dazu, wenn es darum geht, ein Gespräch zu führen.«
»Äh, nein. Nachdem ich nicht zu ihr durchgestellt worden bin, habe ich es nicht noch einmal versucht.«
»Da haben sich ja zwei Sturköpfe gefunden …«
»Das ist aber nicht alles«, fuhr Keller fort, der sich von seinem Sohn ertappt fühlte. »Mich hat eine echte grande dame aufgesucht, die Familienanwältin des Hauses La Croix. Sie hat mir mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht einmischen soll.«
»Diese Frau ist mir auf Anhieb sympathisch! Dasselbe rate ich dir ja auch, Paps.«
Keller schob den Teller mit Trüffelkäse beiseite und antwortete grimmig: »Ich kann jetzt unmöglich die Segel streichen.«
»Brauchst du nicht. Bei der Bonheur reicht es völlig aus, die Leinen zu lösen.«
»Du weißt, was ich meine«, knurrte Keller.
»Ja, ich weiß genau, was du meinst. Deshalb spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, mir ein Flugticket zu kaufen und mal bei dir nach dem Rechten zu sehen.«
»Das kannst du ohnehin nicht. Deine tierischen Patienten und mehr noch ihre menschlichen Herrchen und Frauchen werden dich nicht von heute auf morgen entbehren wollen.«
Burkhard grummelte etwas Unverständliches, dann gab er zu: »Ja, das stimmt schon, ich kann meine Praxis nicht einfach im Stich lassen.«
»Na also …«
»Aber ich kann ersatzweise Sophie schicken.«
»Halt deine kleine Schwester da raus!«, erwiderte Keller drohend.
Burkhard ließ sich davon nicht schrecken. »Sophie hat derzeit kein festes Engagement. Es sind Theaterferien, da haben Schauspielerinnen viel Zeit. Ich frage sie, ob sie den Trip für mich übernimmt. Meinetwegen zahle ich ihr den Flug, denn sie ist ja immer knapp bei Kasse. Auf jeden Fall wird sie Erfolg haben, denn wie du sehr wohl weißt, hat sie einen noch größeren Dickkopf als du.«
Keller ließ seine Faust auf die Tischplatte sausen, was ihm einige verwunderte Blicke bescherte. »Lass es gut sein, Burkhard. Ich kann selbst auf mich aufpassen, klar? Du hast mein Wort, dass ich keine unnötigen Risiken eingehen werde. Aber ich muss wissen, was hier gespielt wird. Wenn ich jetzt meine Reise fortsetzen würde, wäre ich mit den Gedanken ohnehin ständig beim Fall La Croix.«
»Du willst es also wirklich durchziehen«, stellte Burkhard fest und klang resigniert. »Konrad Keller, der Unbestechliche. Zielstrebig und unerschütterlich, ganz wie früher …«
Keller ging über diese Anspielung hinweg und versuchte es mit Argumenten: »Es mag hin und wieder so sein, dass die einfachste Lösung die richtige ist. Aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, wie oft der Schein trügt. Ich habe nichts Konkretes in der Hand. Doch so viel ist für mich klar: Für die Raubmordtheorie gibt es zu viele Ungereimtheiten. Ich glaube nicht, dass Karim den Finger am Abzug hatte. Schon eher, dass er ein Bauernopfer ist.«
»Bauernopfer?«
»Ja! Ich habe keinen Schimmer, wer ihn für seine Zwecke eingespannt hat. Möglicherweise ist es etwas Politisches, eher noch eine persönliche Angelegenheit, aber ganz bestimmt kein missglückter Diebstahlseinbruch. Hier sollte etwas vertuscht werden. Unter den Teppich gekehrt. Ich weiß nicht, weshalb, aber ich bin ganz sicher, dass weit mehr hinter alldem steckt, als sich bisher erahnen lässt.«
»Welche Spur willst du verfolgen?«, erkundigte sich Burkhard nach einer Denkpause.
»Es gibt vorerst nur eine: Die Lösung muss in Ozanam zu finden sein, dem Armenviertel von Carcassonne und Hassobjekt von Richard La Croix, seiner Auffassung nach Quell allen Übels. Außerdem soll sich sein Sprössling Clément dort herumgetrieben und etwas Unverzeihliches getan haben.«
»Etwas Unverzeihliches? Was soll ich mir darunter vorstellen?«
»Ich glaube mehr und mehr daran, dass das Motiv im privaten Bereich zu finden ist.« Keller dachte an Obsthändler Mansouri – und an dessen schwangere Tochter. »Bisher kann ich darüber nur spekulieren. Aber wenn ich mit meiner Ahnung recht behalte, hat Clément sich jemanden zum Feind gemacht, dem er nicht gewachsen war. Das war sein Todesurteil – und leider auch das seiner Schwester und Mutter.«
Burkhard schluckte hörbar. »Der wahre Mörder müsste also noch auf freiem Fuß sein«, folgerte er mit banger Stimme.
»Ich fürchte, ja. Und er tut alles dafür, um nicht erkannt zu werden.«
»Ich kann nicht behaupten, dass mich das beruhigt. Willst du mir verraten, wie deine Ahnung lautet?«
Keller ging nicht darauf ein, sondern sagte nur, dass es für Details zu früh sei. »Du weißt doch, wie ich es hasse, unausgegorene Ideen preiszugeben.«
»Das habe ich befürchtet. Dann verrate mir wenigstens, was es mit dieser Tasche auf sich hat. Weshalb hat man sie deiner Meinung nach von deinem Boot gestohlen?«
»Möglicherweise ist Karims Tasche verschwunden, weil sie einen Hinweis auf unseren großen Unbekannten enthielt und dieser verhindern wollte, dass er entdeckt wird.«
»Deshalb soll der Beutel gestohlen worden sein? Das hieße, dass der Mörder von dir und deinem Interesse an dem Fall weiß. Wenn das zutrifft, schwebst du in Gefahr, Paps. In Lebensgefahr!«
»Das sehe ich anders: Jeder außer mir hält Karim für den Täter, sämtliche Begleitumstände weisen auf ihn hin. Man wird ihn zu einem Geständnis bringen und aburteilen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wenn der wahre Drahtzieher gerade jetzt etwas gegen mich unternähme, würde er seine eigene, gründlich geplante Inszenierung torpedieren. Denn dann würde Béatrice Bardot sofort begreifen, dass sie etwas oder jemanden übersehen hat.«
Burkhard schwieg. Dann fragte er skeptisch: »Du wähnst dich in Sicherheit, weil du dich für klüger hältst als den Mörder?«
»Nein, nein. Ich bin davon überzeugt, dass ich es mit einem ausgesprochen cleveren Gegner zu tun habe. Einem, der den nahezu perfekten Mord entworfen hat. Wie es aussieht, bin ich die einzige Schwachstelle in seinem Konstrukt. Und gerade das schützt mich.«
»Ich kann nur hoffen, dass du weißt, was du tust.«
»Ja, das weiß ich. Habe ich all die Jahre als Dezernatsleiter ja auch gewusst.«
»Du versprichst, vorsichtig zu sein?«, vergewisserte sich Burkhard nach erneutem nachdenklichen Schweigen.
»Ich verspreche es!«
Als Keller das Telefonat beendet hatte und sich wieder dem Essen widmete, fühlte er sich tatsächlich siegessicher. Im Gespräch mit seinem Sohn hatten sich seine Gedanken wie von selbst neu sortiert. Er war nun überzeugt davon, auf der richtigen Fährte zu sein.
Es erfüllte ihn mit Stolz, dass er imstande war, auch ohne einen Stab von Mitarbeitern an seiner Seite die richtigen Schlüsse zu ziehen. Er hatte es eben doch noch drauf, freute er sich und bestellte das nächste Glas Wein.