Da Keller mit dem Wagen unterwegs war, wollte er die Gelegenheit nutzen, um Cocoon im Krankenhaus zu besuchen oder sich wenigstens nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen. Doch an der Anmeldung wies man ihn ab und rückte auch mit keinerlei Informationen heraus. Aber damit war ja eigentlich zu rechnen gewesen.
Um die Zeit bis zu seiner Verabredung totzuschlagen, fuhr er aus der Stadt hinaus. Er verbrachte zwei entspannende Stunden damit, einen Treidelpfad am Kanal entlangzuspazieren. Dabei betrachtete er die Bötchen, die in zunehmender Zahl das ruhige Gewässer bevölkerten, und verweilte bei einem ausgedienten Frachtkahn, der fest vertäut in einer Bucht lag und als schwimmendes Eigenheim hergerichtet worden war. Einschließlich eines kleinen Gartens vor dem Steg, in dem die Bewohner ihr eigenes Gemüse zogen.
Beim Zurückschlendern erfreute er sich an der Vielfalt der Pflanzen, die das Ufer säumten. Aus seinem Reiseführer wusste er, dass die Kanalbauer die Haltbarkeit der Böschungen verbessern wollten, indem sie an den Uferrändern Schwertlilien und auf den Dämmen schnell wachsende Bäume pflanzten. Die ursprünglichen Weiden waren später durch die in Südfrankreich allgegenwärtigen Platanen ersetzt worden, weil sie besonders fest am Uferrand wurzelten. Außerdem hatten sie einst Schatten gespendet für die Pferde, die die Boote in früheren Zeiten zogen.
In aller Ruhe bummelte Keller zurück zu seinem Renault. Noch immer hatte er mehr als genug Zeit, mit dem Auto dauerte der Weg zum Polizeihauptquartier nicht lange. Ohne Stau oder sonstige Verzögerungen traf er überpünktlich dort ein. Er fand eine passende Lücke für seinen Kleinwagen, schwang sich aus dem Sitz und nahm die Stufen bis zum Eingang mit wenigen schnellen Schritten.
Doch sobald er das Gebäude betreten hatte, überkam ihn ein mulmiges Gefühl, und mit jedem Meter, den er in Richtung von Béatrice’ Büro ging, wurde es stärker. Er fragte sich auf einmal, ob er ihr mit seinem letzten Tipp einen Bärendienst erwiesen hatte.
Richard La Croix galt in der Region als eine wichtige Persönlichkeit. Von vielen wurde er wegen seiner politischen Ansichten verachtet oder sogar gehasst, von mindestens ebenso vielen anderen aber hochgeschätzt und als eine Art Heilsbringer verehrt. Diesen Eindruck hatte Keller zumindest durch die Lektüre diverser Zeitungen und aus verschiedenen Rundfunkbeiträgen gewonnen. Das bedeutete, dass sich Béatrice mit einem starken Gegner anlegen würde. Einem, der mit harten Bandagen kämpfen und seinen sicherlich beträchtlichen Einfluss geltend machen würde. Konnte sie es mit einem solchen Mann aufnehmen?
Auch Béatrice strahlte keineswegs Zuversicht aus. Als Keller ihr vor ihrem Büro in die Arme lief, fielen ihm sofort die dunklen Flecken auf, die sich unter den Ärmeln ihrer Bluse gebildet hatten. Ihre Haut wirkte fahl und blass, die Augen trübe.
Keller erkannte sofort, was der Grund war. Durch die halb offene Tür konnte er Madame Bertrand sehen. Hatte Béatrice die Anwältin etwa schon einbestellt, um mit ihr La Croix’ Alibi durchzugehen? Oder war ihr die energische Juristin zuvorgekommen?
»Sie wollen Karim immer noch sprechen?«, fragte Béatrice und klang gehetzt. »Dann tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber fassen Sie sich kurz. Ich gebe Ihnen zehn Minuten. Adieu!«
Frostig reichte sie Keller an einen Gendarmen weiter, der ihn in den Zellentrakt bringen sollte. Keller konnte sich vorstellen, warum Béatrice so kurz angebunden war. La Croix’ gewitzte Anwältin heizte ihr vermutlich ordentlich ein. Keller war froh, nicht in ihrer Haut zu stecken.
Zwei Treppen tiefer und drei Flure weiter erreichten sie Karims Zelle. Der Gendarm sperrte die nur mit einem schmalen Sehschlitz versehene Stahltür auf und machte den Blick frei in einen schlauchförmigen Raum, der lediglich mit einer sehr einfachen Pritsche, Stuhl und Tisch sowie der notwendigsten sanitären Ausstattung versehen war. Durch ein vergittertes Fenster weit oben fiel Tageslicht herein. Karim, groß und muskulös, wie Keller ihn in Erinnerung hatte, saß mit gebeugtem Rücken auf dem Bett und starrte auf seine gefalteten Hände.
»Ich will keinen Besuch. Hauen Sie ab!«, sagte er, ohne aufzublicken.
Keller beobachtete den Häftling aus sicherer Entfernung, musterte seine Kleidung, die aus einem einfarbigen T-Shirt und ausgebeulten Hosen bestand. Gefängnisausstattung, die ohne Gürtel, Schnallen oder Nieten auskam, die man hätte zweckentfremden können. Natürlich wusste Keller, dass ein Kerl wie Karim keine Hilfsmittel benötigen würde, um ihn zu überwältigen. Doch das kümmerte ihn nicht.
»Lassen Sie uns bitte kurz allein?«, sagte er zu seinem Begleiter, woraufhin dieser einen Schritt zur Seite trat, die Tür aber geöffnet ließ. Keller ging langsam auf Karim zu. Als der Mann keinerlei Regung zeigte, fasste Keller den schäbigen Stuhl an der Lehne, zog ihn nahe an Karim heran und setzte sich. Er beugte sich vor, wobei er den Kopf in die Hände stützte.
»Erinnern Sie sich an mich?«, fragte er ruhig. »Ich bin derjenige, der Ihnen diesen Schlamassel eingebrockt hat.«
Karim ließ nun doch so etwas wie ein leises Interesse erkennen, blinzelte kurz und gab einen Grunzlaut von sich.
»Um es gleich vorwegzusagen«, redete Keller weiter, »ich stehe auf Ihrer Seite. Man treibt ein böses Spiel mit Ihnen.«
Karim funkelte ihn argwöhnisch an. »Halten Sie mich etwa nicht für einen Verbrecher wie jeder andere hier? Für Abschaum aus der Gosse des Ozanam-Viertels?«
»Doch, Sie sind ein Verbrecher, Karim. Denn es gibt Beweise dafür, dass Sie sich gewaltsam Zutritt in das Haus der Familie La Croix verschafft haben. Dafür werden Sie bezahlen müssen. Es fragt sich nur, wie viel.«
Karim kniff die Augen zusammen. »Wollen Sie mit mir feilschen? Hat Madame le commissaire Sie vorgeschickt, um es auf diese Tour bei mir zu versuchen? Weil ihr Hiwi mit seinem Gummiknüppel keinen Erfolg hatte?«
»Ich bin selbst vom Fach. Vier Jahrzehnte meines Lebens war ich bei der Polizei. Ich weiß, wann ich einen Kleinkriminellen vor mir habe. Und ich weiß auch, wann ich einem Mörder gegenüberstehe. Sie, Karim, sind kein Mörder.«
»Wenn Sie das wissen, dann sorgen Sie dafür, dass die mich hier endlich rauslassen aus diesem Loch.«
»Das kann ich nicht. Denn für den Einbruch werden Sie mit Sicherheit verurteilt und müssen Ihre Strafe absitzen. Aber für den Dreifachmord brauchen Sie Ihren Kopf nicht hinzuhalten. Helfen Sie mir, den wirklichen Täter zu überführen, dann haben Sie die Chance, Ihr Strafmaß zu reduzieren.«
»Wie denn? Ich weiß ja selbst nicht, wer es gewesen ist. Als ich in das Haus kam, lagen sie schon da. Die Frau und die Kinder. Ihre Körper völlig verdreht, und überall dieses Blut! Ich wusste sofort: Die sind tot. Da war mir klar, dass ich in eine Falle geraten bin.«
»Das haben Sie Ihrem Verteidiger gegenüber ebenfalls erwähnt. Was meinen Sie damit, eine Falle?«
»Sie haben mit Cocoon geredet? Vergessen Sie den. Eine Niete!«
»Täuschen Sie sich nicht. Er hat für Sie gekämpft, Karim. Genau wie ich es tun werde, wenn Sie mithelfen, uns auf die Spur des wahren Täters zu führen. Also: Erklären Sie mir, was Sie meinen, wenn Sie von einer Falle sprechen.«
Karim sah Keller abschätzend an. Er war offensichtlich hin- und hergerissen, ob er dem Fremden trauen sollte oder nicht. Schließlich schien er zu begreifen, dass er nichts zu verlieren hatte. »Eine Falle deshalb, weil dieser Bruch nicht auf meinem Mist gewachsen ist«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Sondern?«, fragte Keller und sah ihn aufmerksam an.
»Ich habe einen Tipp bekommen. Nur darum bin ich in die Hütte eingestiegen.«
»Woher kam dieser Tipp? Von Ihrem Vetter Mansouri?«
»Ach was! Da liegen Sie aber völlig daneben.« Karim erzählte von einem anonymen Hinweisgeber, der ihn mit unterdrückter Nummer und verstellter Stimme angerufen habe. »Der wusste genau, dass ich schon länger vorhatte, mich in dieser Nobelhütte einmal umzusehen.«
»Weil Sie durch Ihren Vetter beziehungsweise dessen Tochter vom Wohlstand dieser Familie wussten und neugierig waren?«
»Dass die stinkreich sind, wusste ich schon, bevor Selena mit diesem La-Croix-Jungen rumgemacht hat. Aber ja, ich habe mich für die Villa interessiert. War scharf drauf, da mal rumzustöbern, um zu sehen, in welche Verhältnisse meine kleine Nichte einheiratet.«
»Sie hatten also gar nicht vor, etwas mitgehen zu lassen, sondern wollten sich bloß umsehen?«
Karim war vermutlich klar, dass Keller ihm das nicht abnehmen würde, er sagte deshalb nichts.
»Kommen wir noch einmal auf diesen Tipp zu sprechen. Wie genau lautete die Information, die Sie erhalten hatten?«
»Wortwörtlich weiß ich das nicht mehr. Der Typ hat behauptet, es gebe da eine günstige Gelegenheit. Sagte, dass der alte La Croix mindestens vier Stunden nicht im Haus sein würde, wegen einem Fernsehinterview, was ja auch stimmte. Und der Rest der Familie sei angeblich verreist. Ich hätte also freie Bahn. Eine Lüge, um mich dorthin zu locken und mir alles in die Schuhe schieben zu können!«
»Der Tipp kam über Telefon?«, vergewisserte sich Keller.
»Ja, habe ich doch gesagt.«
»Und Sie konnten nicht feststellen, von wem er kam?«
»Unterdrückte Nummer. Hören Sie denn nicht zu, Mann?«
»Haben Sie den Anrufer erkannt?«
»Nein.«
Keller insistierte: »War es die Stimme eines Mannes oder die einer Frau? Jung oder alt?«
»Keine Ahnung, Mann. Wie gesagt: Die Stimme war verstellt und so dumpf, als hätte jemand eine Socke übers Telefon gezogen.«
Dies bestätigte Keller in seiner Annahme, dass Karim nur als Mittel zum Zweck gedient hatte. Allerdings störte er sich an der Anonymität des Anrufers. Denn so ließ sich nicht nachweisen, dass Richard La Croix persönlich am Apparat gewesen war. »Ich brauche mehr Details, wenn wir dieser Sache auf den Grund gehen wollen, Karim. Versuchen Sie, sich zu erinnern.«
»Details? Was denn für gottverdammte Details?« Karim war aufgesprungen, er brüllte diese Fragen geradezu heraus.
Keller kam ebenfalls auf die Beine und wich erschrocken zurück. Gleichzeitig stürmte der Gendarm in den Raum, mit gezücktem Schlagstock. Die Besuchszeit war beendet, so viel stand fest.
»Na, mein Freund«, nahm Béatrice ihn wenig später in ihrem Büro in Empfang. Sie hatte ein verkniffenes Lächeln auf den Lippen. »Haben Sie Ihren Frieden mit Karim geschlossen und sich im Guten vom ihm getrennt? Sie als sein Schutzengel.«
»So, wie Sie fragen, kennen Sie die Antwort bereits«, entgegnete Keller. Er hatte sich von seiner Begegnung mit Karim weit mehr erhofft.
»Was haben Sie erwartet?«, fragte Béatrice und bot Keller den Stuhl an, auf dem kurz zuvor Anwältin Bertrand gesessen hatte. Ihr sportiv-elegantes Parfüm hing noch in der Luft. »So etwas wie Dankbarkeit? Das können Sie von einem wie Karim nicht verlangen. Er ist ein Krimineller, war immer schon einer, von Kindesbeinen an. Vielleicht kein Mörder, aber einer, der nichts anbrennen lässt. Egal, wie der Richter urteilt, ob hart oder gnädig: Karim wird immer einer unserer Stammkunden bleiben. So traurig das auch sein mag, man muss den Realitäten ins Auge blicken.«
Keller verzog den Mund. »Fest steht, dass er benutzt worden ist. Man kann ihm seine Naivität ankreiden und seine zweifellos vorhandene kriminelle Energie. Aber in dieser Mordsache war er bloß eine Strohpuppe. Angezündet, um von dem eigentlichen Drahtzieher abzulenken.«
»Schön gesagt: eine Strohpuppe. Auf den Inhalt seines Kopfes dürfte das zutreffen«, bemerkte Béatrice mit beißender Ironie.
Keller konnte darüber nicht lachen. »Ihnen scheint nicht klar zu sein, dass Sie ohne Karim als Belastungszeugen ganz schlechte Karten haben, wenn Sie gegen La Croix vorgehen wollen.«
»Ach ja?« Béatrice’ aufgesetzte Lässigkeit war nun verflogen. »Mir ist meine Lage sehr wohl bewusst, Konrad. Es ist keine fünf Minuten her, dass Madame Bertrand die ganze neue Theorie zerpflückt hat wie ein Suppenhuhn.«
»So? Was für Argumente brachte sie denn vor?«
»Die einer guten Anwältin«, erwiderte Béatrice verbittert und zählte auf: Auch wenn momentan Indizien gegen La Croix sprächen, ließe sich ihrem Mandanten keine Straftat nachweisen. Die Aussagen zweier vorbestrafter Schläger, die nach Madame Bertrands Erkenntnissen drogensüchtig sind, würden vor Gericht nicht standhalten. Und die Theorie, dass La Croix in dem winzigen möglichen Zeitfenster seine Familie ausgelöscht haben sollte, halte sie sowieso für konstruiert. »Madame l’avocat hat mich in Grund und Boden geredet«, endete Béatrice.
»Umso wichtiger wäre es, Karim als Belastungszeugen aufzubauen. Wenn er seinen Tippgeber benennen kann und sich daraus eine Verbindung zu La Croix ableiten lässt, hätten Sie einen Trumpf im Ärmel.«
»Meinen Sie denn, wir hätten das nicht längst versucht?«, blaffte sie ihn an. »Wir haben Karim stundenlang auf den Zahn gefühlt. Alles haben wir probiert, auf die harte Tour und auf die weiche. Meine Güte, wir haben dem Kerl sogar die Zigaretten gegeben, nach denen er verlangt hat. Aber er erinnert sich nicht. Kann nichts sagen über den ominösen Anrufer. Wie Sie es schon treffend ausdrückten: Er hat einfach nichts als Stroh im Kopf.«
»So habe ich das nie gesagt!«, protestierte Keller. Doch auch er sah ein, dass Karim vor Gericht einen lausigen Zeugen abgeben würde. Ihn in einer Verhandlung gegen La Croix antreten zu lassen konnte nur schiefgehen.
Béatrice seufzte. »Die Bertrand zieht La Croix in null Komma nichts aus dem Feuer. Das hätte ich mir vorher denken können.«
»Geben Sie den Kampf nicht so schnell auf, Béatrice!«, appellierte Keller an sie. Dabei fiel sein Blick auf die Tatortbilder, die noch immer an der Wand des Büros hingen. Er sah die Markierungen, die die Position der Toten anzeigten, und fragte sich abermals, weshalb Madame La Croix und ihre Kinder nicht versucht hatten wegzulaufen, als auf sie geschossen wurde.
Aus seiner Sicht konnte es darauf nur eine Antwort geben: Sie hatten ihren Mörder gekannt. Gut gekannt. Sie waren arglos gewesen, weil sie nichts Böses von ihm erwartet hatten.
Aber diese Annahme allein war noch kein Beweis, was Keller durchaus bewusst war. »Auch ein reiner Indizienprozess kann zum Erfolg führen«, sagte er schließlich und hörte selbst, wie wenig überzeugend das klang.
»Vergessen Sie’s! So, wie die Dinge stehen, wird ohnehin keine Anklage erhoben. Ich habe vorhin mit dem Untersuchungsrichter gesprochen. Kaum hatte er gehört, um wen es sich dreht, hat er kalte Füße bekommen. Er hat mir eine Frist für die weitere Beweisaufnahme gesetzt. Wenn mir die nicht reicht, ist die Sache gelaufen.« Sie sammelte sich, straffte die Schultern und richtete sich auf: »Aber so läuft das nun mal in unserem Geschäft, nicht wahr? Mal gewinnen wir, und mal die anderen.«
Keller hätte ihr am liebsten erneut widersprochen, denn diese fatalistische Einstellung ging ihm vollkommen gegen den Strich. Doch er verkniff sich eine Antwort und stand auf. »Also dann: Halten Sie die Ohren steif!«, sagte er zum Abschied.
»Sie auch! Werden wir uns noch einmal sehen?«, erkundigte sich Béatrice. Keller hätte nicht zu sagen gewusst, ob sie sich darüber freuen würde oder nicht.
»Das glaube ich kaum«, sagte er. »Ich kann hier nichts mehr ausrichten, das sehe ich ein. Diesmal sind Sie mich wirklich los.«
Béatrice ließ diesen Satz unkommentiert im Raum stehen. Und es schien, als läge ein winziges Lächeln auf ihren Lippen.
Er hatte bei ihr verspielt, dachte Keller betrübt.