Etwas unternehmen – aber wie? Keller war nicht mehr fit genug, um das Problem mit Kraft oder körperlicher Geschicklichkeit zu lösen. In seinem Alter musste er auf einen wachen Verstand vertrauen, wenn er etwas bewirken wollte. Das hieß: Er musste sprechen, reden auf Teufel komm raus. Und das tat er.
»Warum machen Sie das alles?«, fragte er über das Plätschern des Wassers hinweg. »Erst die Morde an der Familie, und jetzt sollen Selena und ich an der Reihe sein? Woher kommt dieser Hass? Was hat Sie in einen solchen Blutrausch versetzt?«
Geneviève ließ ein trockenes Lachen hören. »Blutrausch! Wie pathetisch. Aber Sie liegen falsch. Ich töte nicht um des Tötens willen. O nein, viel lieber wäre es mir, wenn wir uns all das hier ersparen könnten.«
»Dann verstehe ich es erst recht nicht. Warum mussten Claire, Clément und ihre Mutter sterben? Aus welchem Grund haben Sie Richard La Croix’ Familie ausgelöscht, der Sie doch angeblich so nahegestanden haben?«
»Seien Sie still!«
»Sie wollen nicht antworten? Dann lassen Sie mich raten: weil auch Sie Richard lieben und ihn für sich allein haben wollen? Ist das der Grund, dass Sie zur Mörderin wurden? Aber das hätte man doch auch ohne Blutvergießen lösen können. Mit einem Gang zum Scheidungsrichter.«
Geneviève schwieg und starrte mit stumpfem Blick vor sich hin. Keller wendete immer wieder den Kopf, um sein Augenmerk abwechselnd auf den Kanal und auf Geneviève zu richten. Doch auf eine Antwort wartete er vergeblich. Er hörte nichts als das monotone Brummen des Schiffsmotors.
»Richard wollte die Scheidung nicht, richtig?«, fragte er forsch. »Ganz im Gegenteil, er hat versucht, eine Trennung von seiner Frau mit allen Mitteln zu verhindern. Andernfalls wäre er vom Geldfluss des Familienunternehmens abgeschnitten gewesen, was unmittelbare Auswirkungen auf seinen Lebensstandard und – schlimmer noch – auf den Wahlkampf gehabt hätte. Ist es so? Liege ich richtig?«
Geneviève schwieg und rührte sich nicht. Keller, der sich immer wieder nach ihr umdrehte, konnte nicht einschätzen, ob seine Worte sie in irgendeiner Weise getroffen hatten oder ob sie ihn einfach ignorierte. Doch dann zeigte sich, dass es ihm gelungen war, sie aus der Reserve zu locken.
»Ja, ich liebe Richard«, sagte Geneviève mit brüchiger Stimme. »Er ist der Mann meines Lebens. Schon immer gewesen. Er empfindet genauso für mich und hat sich nur des Geldes wegen für die andere entschieden.«
Gut, dachte Keller, sie war auf das Gespräch eingestiegen. Nun galt es, den Dialog am Laufen zu halten. »Sie haben also ein Liebesverhältnis mit La Croix. Wie lange läuft das schon?«
»Lange. Zu lange. Viel, viel Zeit, und alles für die Katz. Ich habe ihm meine besten Jahre geschenkt. Doch er hat mich nur vertröstet, immer und immer wieder. Weil er einfach nicht anders konnte.« Geneviève wirkte jetzt sehr niedergeschlagen.
»Das heißt, Sie haben irgendwann erkannt, dass er sich niemals von seiner Familie trennen wird.«
Geneviève ließ den Kopf hängen. »Immer wieder wurde ich hingehalten, immer wieder hat er mich verletzt. Die Zeit, in der ich selbst noch eine Familie hätte gründen können, ist nutzlos verstrichen. Für immer vorbei.«
»Richard hat Ihnen diese Möglichkeit geraubt, indem er Sie so lange hingehalten hat«, vermutete Keller.
Geneviève aber widersprach vehement. Plötzlich riss sie die Pistole hoch und funkelte ihn böse an: »Nicht Richard, sondern seine Frau und seine Kinder sind es gewesen, die mein Leben zerstört haben! Sie waren es, die unserem Glück stets im Wege standen!«
Keller änderte die Taktik: »Sie haben Ihrem persönlichen Glück auf die Sprünge helfen wollen, indem Sie für vollendete Tatsachen sorgten.«
Darauf sagte Geneviève nichts.
»Aber was für ein kurzes Glück wäre das gewesen, wenn Sie gleich danach als Mörderin im Gefängnis gelandet wären«, stellte Keller fest. »Das wollten Sie vermeiden, indem Sie noch vor der Tat eine Spur in die falsche Richtung legten. Sie ließen Karim in eine Falle tappen, die Sie selbst für ihn aufgestellt hatten, mit der angeblich verwaisten Nobelvilla als Köder. Sie kennen die Einstellungen der Richter in Ihrer Stadt sehr gut und wissen, auf welches Täterprofil sie anspringen – ein Migrant wie Karim passte da gut ins Bild. Seine Verurteilung schien eine sichere Sache zu sein.«
Noch immer erfolgte keinerlei Reaktion. Nur der Motor tuckerte weiter leise vor sich hin.
»Aber wie haben Sie es fertiggebracht, den beinahe perfekten Mord zu begehen?«, fragte Keller und lieferte gleich selbst die Antwort: »Indem Sie die Zeitlücke nutzten, die zwischen Richards Abfahrt und Karims Ankunft lag. Sie selbst gelangten unerkannt ins Haus, weil Sie sich auskennen und vom toten Winkel an der Garage wissen. Den Schlüssel zur Tür der Garage haben Sie sich bei einem Ihrer Besuche besorgt. Kein Problem für Sie, denn Sie sind ja eine Freundin des Hauses.«
Geneviève quittierte diese Bemerkung mit einem leichten Zucken ihrer Mundwinkel.
Keller wartete einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Nach dem tragischen Tod der Familie stand Ihnen nichts mehr im Weg. Und dann haben Sie sich aufopferungsvoll um Ihren Richard gekümmert, um Ihr Ziel zu erreichen. Aber sagen Sie: Ist Ihr Kalkül aufgegangen? Haben Sie es geschafft und konnten Richard endlich für sich allein gewinnen?«
Geneviève erwachte aus ihrer Starre und hob den Lauf ihrer Waffe. »Ich arbeite daran, Monsieur Keller«, sagte sie mit eigentümlich sanfter Miene. »Ich arbeite daran.«
»Ach ja? Ist Ihnen denn immer noch nicht klar, dass Ihr Richard sich nur für einen Menschen auf dieser Welt interessiert, nämlich für sich selbst? Alle anderen sind für ihn und seine Karrierepläne bloß Mittel zum Zweck.«
Genevièves Augen verengten sich. »Hüten Sie Ihre Zunge! Niemand kennt Richard so gut wie ich. Deshalb weiß ich, dass er schließlich zu mir kommen und mir ganz allein gehören wird. Dass ihn mir niemand mehr wegnehmen kann. Auch Sie nicht, Monsieur Keller. Weder Sie noch Selena.«
Keller überlegte, wie er weiter argumentieren sollte. Fest stand für ihn, dass Geneviève völlig verblendet war. Sie war auf Richard La Croix fixiert. Was der Mann für sie darstellte oder bedeutete, vermochte Keller nicht zu beurteilen. Der Grund dafür lag vielleicht in einer frühkindlichen traumatischen Erfahrung, möglicherweise gab es aber auch ganz andere psychologische Ursachen. Um das herauszufinden, hätte Keller einen Experten gebraucht, den er jedoch nicht aus dem Hut zaubern konnte. Er war auf sich allein gestellt – und musste selbst versuchen, diese harte Nuss zu knacken.
»Seien Sie glücklich über Ihre Ahnungslosigkeit«, sagte Geneviève ungefragt. »Ihnen ist es im Leben offenbar anders ergangen als mir. Ich habe für Richard alles geopfert. Meine Jugend, aber auch den eigenen Kinderwunsch. Ich war bereit, für ihn zurückzustecken, hatte aber immer noch Hoffnung. Weil ich ja sicher war, dass sich das alles eines Tages auszahlen würde.«
»Doch dieser Tag ist nie gekommen«, nahm Keller den Faden wieder auf. »Das Leben ist an Ihnen vorbeigezogen, während Richard La Croix sein persönliches Glück mit einer eigenen Familie gefunden hat. Ihnen blieb nur die undankbare Zuschauerrolle.«
»Ja, und das hat mich krank gemacht.«
Wie krank?, fragte sich Keller. So krank, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begeben musste? Dass sie womöglich Medikamente nahm, die ihr Urteilsvermögen trübten?
Seine Vermutung bewahrheitete sich schon im nächsten Moment. Als er sich kurz nach Geneviève umschaute, sah er, wie sie schnell eine Hand zum Mund führte. Sie hatte etwas eingenommen. Psychopharmaka? Wie zurechnungsfähig war diese zutiefst verstörte Frau?
»Ich wollte, konnte einfach nicht länger warten«, sprach sie weiter, so schnell, als hätte sich eine innerliche Barriere gelöst. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. »Nachdem klar geworden war, dass Richards Frau die Scheidung wollte, dachte ich, es wäre endlich vorbei. Das Warten hätte ein Ende. Aber nein: Richard kämpfte dagegen an, er wollte eine Trennung unter allen Umständen verhindern. Und ich, die Hausanwältin, sollte ihm sogar noch dabei helfen, einen Kompromiss zu finden. Seine ach so heilige Familie durfte nicht auseinandergerissen werden, weil sein Image dadurch Schaden genommen hätte.«
Endlich ließ sie Kritik an dem von ihr vergötterten Richard zu, benannte Fehler in dem, was er getan hatte. Eine Chance für Keller. »Das brachte das Fass zum Überlaufen«, merkte er an und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Geneviève eine weitere Tablette einwarf.
»Sie sagen es. Ich konnte nicht länger stillhalten. Musste endlich etwas tun. Sonst wäre es immer und immer so weitergegangen.«
»Glauben Sie wirklich, dass Sie auf diese Weise zum Ziel kommen? Dass Richard nach dem Tod seiner Familie sich Ihnen zuwendet? Sie haben doch bestimmt inzwischen selbst erkannt, dass er nicht der Heilige ist, für den Sie ihn lange gehalten haben«, sagte Keller.
Ihm war daran gelegen, das Gespräch am Laufen zu halten, und zwar nicht nur, um mehr über Genevièves Beweggründe zu erfahren. Insgeheim nutzte er die gewonnene Zeit, um die Umgebung abzusuchen. Nach späten Spaziergängern oder anderen Hausbootfahrern, die einen Anlegeplatz für die Nacht suchten. Doch so weit er blicken konnte, waren sie allein.
»Reden Sie nur. Aber Sie werden mich nicht umstimmen«, gab ihm Geneviève zur Antwort. »Ich bin fest davon überzeugt. Richard wird sich besinnen, und dann wird er endlich zu mir stehen.«
»Nicht, wenn er erfährt, dass Sie hinter dem Tod seiner Familie stecken«, entgegnete Keller. »Sobald er es weiß, wird er sich von Ihnen abwenden. Er wird Sie hassen.« Im selben Moment biss er sich auf die Zunge. Er merkte sofort, dass er mit dieser letzten Bemerkung zu weit gegangen war.
Tatsächlich fiel Genevièves Reaktion entsprechend harsch aus. »Stoppen Sie!«, befahl sie. »Wir sind weit genug gefahren. Legen Sie an. Dort drüben unter den Pappeln.«
Das jähe Ende der Fahrt hatte sich Keller selbst zuzuschreiben. Er hatte Geneviève an den eigentlichen Grund ihrer Tour erinnert und somit das Ende eingeleitet. Hier war es einsam und dämmrig genug, um das Todeswerk zu vollenden.
Keller mahlte mit den Zähnen, während er die Bonheur ans Ufer treiben ließ. Was blieb ihm jetzt noch, um sein Schicksal abzuwenden?