Ein letztes Mal heulte der Motor auf, als Keller den Rückwärtsgang einlegte, damit das Boot keine Fahrt mehr machte. Mit sanftem Ruck stießen die Fender gegen die Uferbefestigung. Keller drehte den Zündschlüssel und stellte den Motor ab. Die Bonheur lag jetzt still an der Böschung.
»Los, gehen Sie an Land! Ich werfe Ihnen die Leinen zu«, ordnete Geneviève an.
Keller fiel es schwer, die Hände vom Steuerrad zu nehmen. Ihm war, als hätte er Blei in den Sohlen, während er sich dem Bootsrand näherte. Wie beim Gang zum Schafott.
Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: Sollte er das Vertäuen des Schiffs zur Flucht nutzen? Wahrscheinlich war dies seine allerletzte Chance! Doch wieder gab er dem Drang nicht nach, wusste er doch, wie die Folgen für Selena aussehen würden.
»Machen Sie endlich voran!«, schimpfte Geneviève ungehalten.
Keller sprang von Bord. Das grasbewachsene Ufer war feucht und bot kaum Halt, mit dem rechten Bein rutschte er ab und trat ins kalte Kanalwasser.
Augenblicklich erschien Geneviève an der Reling, in der Hand die Pistole, die auf Kellers Brust gerichtet war. »Denken Sie gar nicht erst ans Abhauen! Ich verfehle nie mein Ziel.«
»Wie denn abhauen, etwa durchs Wasser? Damit Sie mir in den Rücken schießen können?« Keller rappelte sich auf. »Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun.«
Geneviève quittierte diesen Satz mit einer grimmigen Grimasse. Dann warf sie ihm eines der Taue zu. Das zweite schickte sie wenig später hinterher.
Keller nahm die Leinen auf und ging damit zu den Bäumen, an denen er festmachen wollte. Währenddessen arbeitete sein Hirn auf Hochtouren. Immer noch suchte er nach einer Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen, ohne Selena im Stich zu lassen. Doch seine Hoffnung, eine Lösung zu finden, schwand zusehends.
Das zweite Tau war gespannt und Keller auf dem Rückweg zum Boot, als ihm der Zufall zu Hilfe kam. Zunächst drang ihm nur ein leises Brummen ans Ohr, dann kam ein feines Plätschern hinzu. Er hielt nach der Quelle der Geräusche Ausschau und erkannte im aufziehenden Dunst die Silhouette eines Hausboots, das kanalabwärts fuhr.
Keller verharrte in der Bewegung, suchte den Blickkontakt zu Geneviève und wartete auf eine Reaktion.
Sie merkte sofort, was los war. Hektisch winkend beorderte sie Keller zurück an Bord. Der kam ihrer Aufforderung nicht sofort nach, sondern sah sich abermals nach dem anderen Schiff um.
»Zurück!«, rief Geneviève gepresst. »Die sollen uns nicht sehen. Wir gehen in die Kabine und machen die Lichter aus.«
Zu spät, dachte Keller mit einem tiefen Gefühl der Erleichterung. Der Freizeitschiffer auf dem anderen Boot war auf Keller aufmerksam geworden und betätigte sein Horn.
Das Hupen zerriss die bedrohliche Stille, dann kurbelte der Mann am Steuerrad und änderte den Kurs. Es sah ganz so aus, als wollte er hinter der Bonheur anlegen.
Keller war hin- und hergerissen, wie er auf die veränderte Situation reagieren sollte. Er beobachtete Geneviève, wie sie den Kopf einzog und sich in geduckter Haltung in die Kabine flüchtete. Ohne jede weitere Anweisung überließ sie ihn sich selbst. Im Grunde die perfekte Möglichkeit für einen Befreiungsschlag.
Aber Keller wusste nur zu gut, dass Geneviève nicht klein beigeben würde. Vor allem war sie nach wie vor im Besitz einer Waffe. Wenn Keller sich auch nur einen winzigen Schnitzer erlaubte, würde er nicht nur Selena in Gefahr bringen, sondern schlimmstenfalls auch die Besatzung des zweiten Bootes.
»Ahoi!«, rief ihm der Neuankömmling zu.
Keller stand wie angewurzelt da, unfähig, den Gruß zu erwidern.
Das andere Hausboot kam längsseits. Der Mann am Steuer, ein gemütlicher Dicker in kurzen Hosen und buntem Hemd, rief ihm zu: »Sind Sie das etwa? Konrad?«
Nun war Keller vollends irritiert. Sollte er diesen Mann kennen?
Das Boot landete wenige Meter von der Bonheur entfernt an, wobei der Skipper den Motor geräuschvoll arbeiten ließ. Kaum am Ufer, schnappte sich der Mann ein Tau und warf es Keller entgegen. »Fangen Sie!«, forderte er ihn auf.
Keller war wie vom Donner gerührt, als er begriff, mit wem er es zu tun hatte: mit seinem flüchtigen Bekannten aus dem Hafen von Carcassonne, dem Deutschen, der ihn zum Abendessen eingeladen hatte – Willy!
Wenn Keller nicht den Argwohn des Mannes erwecken wollte, musste er jetzt mitspielen. Also zwang er sich dazu, so zu tun, als wäre nichts geschehen, und ging auf das andere Boot zu. Er nahm die Leine auf und machte sie an einer der Pappeln fest. Um die andere kümmerte sich Willy selbst.
»Ich dachte, Sie wollten erst in den nächsten Tagen aufbrechen«, sagte Keller nach getaner Arbeit. »Sagten Sie nicht, dass Sie noch eine Weile in Carcassonne bleiben wollten?«
»Ja, das hatten wir vor«, bestätigte Willy, dessen eng stehende Schweinsäuglein unternehmungslustig funkelten. »Aber nachdem Sie uns einen Korb gegeben hatten, hat meine Frau es sich anders überlegt und wollte auch weiter. So ist sie, meine Marianne. Immer für eine Überraschung gut. Da freut man sich auf einen geruhsamen Abend mit einer Flasche Bier in der Hand und den Füßen an der Reling – aber nein, man soll durch die Gegend schippern, bis es dunkel wird. Was ein Glück, dass wir Sie noch eingeholt haben. Sonst wäre das ein verdammt einsamer Abend geworden. Nichts gegen romantische Zweisamkeit, aber nach vierzig Jahren Ehe …« Er lachte über seinen eigenen schlechten Witz. »Um ein Haar wären wir gar nicht mehr so weit gekommen. Den letzten Schleusenwärter mussten wir bestechen. Haben ihm ein Kilo Honig und drei Flaschen Wein abgekauft, sonst wären die Schotten dicht geblieben.«
Der Redefluss des Mannes endete abrupt mit dem Auftreten von Marianne. Auch sie war eine stattliche Erscheinung, eine dauergewellte Endfünfzigerin, deren cremefarbenes T-Shirt das Übergewicht nicht kaschieren konnte. Etwas ungelenk kletterte sie von Bord und stellte sich Keller vor.
»Lerne ich Sie also doch noch kennen«, sagte sie mit einem herzlichen Lächeln und reichte ihm ihre warme, weiche Hand. »Sie sind allein unterwegs, sagt mein Mann?« Noch während sie das fragte, sah sie sich nach der Bonheur um. Das unbeleuchtete Boot war von Nebelschwaden umgeben, ein Blick ins Innere aus der Distanz nicht möglich.
»Was halten Sie davon, wenn wir auf unser gemeinsames Glück anstoßen?«, fragte Willy und klopfte Keller kumpelhaft auf die Schultern.
»Glück?«, fragte Keller, der sich von der schnellen Folge der Ereignisse überrumpelt fühlte.
»Willy meint das Glück, dass wir uns getroffen haben«, erklärte Marianne und gab ihrem Mann einen Wink. »Hol den Sekt aus dem Kühlschrank. Und bring drei von den Klappstühlen und ein Windlicht mit. Und eine Schale Nüsschen.«
»Sekt? Meinst du nicht, ein Bier wäre Konrad lieber?«
»Bier könnt ihr später immer noch trinken«, bestimmte Marianne, woraufhin sich Willy trollte.
Keller klingelten die Ohren. Nicht nur deshalb, weil sich das Paar über ihn hinwegsetzte und ohne seine Zustimmung einen gemeinsamen Abend plante – sie taten das in einer derartigen Lautstärke, dass es weithin zu hören war. Ganz bestimmt auch an Bord der Bonheur.
Noch während Keller überlegte, was wohl Geneviève von der Sache halten mochte und wie lange sie im Verborgenen bleiben würde, reichte Willy den ersten Klappstuhl über die Reling. Es folgten die anderen Stühle, das Teelicht sowie der Sekt mit drei Gläsern. Nur die Erdnüsse blieb Willy ihnen schuldig.
»Nichts mehr zu naschen da«, sagte er mit hochgezogenen Achseln.
»Das ist aber ärgerlich«, kommentierte seine Frau. »Aperitif ohne Knabbereien geht gar nicht.«
Willy sah Keller Rat suchend an. »Vielleicht könnten Sie etwas beisteuern?«, fragte er laut und vernehmlich.
Auch Keller hatte nichts dergleichen vorrätig. Doch ehe er das sagen konnte, stellte sich Willy dicht neben ihn und zischte: »Hinhalten!«
»Was?«, fragte Keller verwundert.
»Halten Sie sie hin!«
Im nächsten Moment nahm Willy wieder Abstand und trug sein etwas dümmlich wirkendes Gesicht zur Schau. Doch nun ahnte Keller, dass sich hinter dieser schlichten Fassade mehr als bisher angenommen verbarg.
Statt zu bedauern, dass er ebenfalls weder Erdnüsse noch Chips oder dergleichen an Bord hatte, sagte er: »Da wird sich schon was finden. Ich schaue gleich mal nach. Bin sofort wieder da.«
Willy und Marianne nickten ihm aufmunternd zu. »Ich köpfe inzwischen die Flasche!«, rief Willy ihm nach.
Kellers Beine waren weich wie Pudding, als er auf die Bonheur zuging. Ihr freundlich weißer Rumpf wirkte im trüben Dämmerlicht abstoßend grau. Die Nebelzungen, die an Bug und Flanken leckten, vervollständigten das düstere Bild. Ein Geisterschiff, kam es ihm in den Sinn.
Am liebsten hätte er kehrtgemacht. Doch jetzt kam es darauf an, Geneviève in Sicherheit zu wiegen. Ihr weiszumachen, dass er die Lage im Griff hatte und sie nicht durchzudrehen brauchte.
Damit würde er Zeit gewinnen, genau wie Willy es ihm zu verstehen gegeben hatte. Wieso Willy und Marianne überhaupt von seiner Zwangslage wussten oder sie zumindest erahnten, konnte sich Keller nur auf eine Weise erklären: Offenbar hatte sein Trick mit dem Einkaufszettel funktioniert. Auf dessen Rückseite hatte er nämlich die Worte »Bonheur, SOS« gekritzelt und den Zettel dem alten Schleusenwärter zusammen mit dem Geld für seine Einkäufe zugesteckt.
Keller vermutete, dass kurz danach Willy mit seinem Boot eingetroffen war und der Schleusenwärter ihm den schriftlichen Hilferuf gezeigt hatte. Weshalb aber waren Willy und seine Frau der Bonheur gefolgt, wenn sie von der Gefahr wussten? Warum hatten sie nicht einfach die Polizei verständigt?
Keller konnte sich keinen rechten Reim darauf machen, wollte die Chance aber nicht ungenutzt lassen. Er kletterte an Deck, von wo aus er Willy und Marianne noch einmal zuwinkte. Anschließend öffnete er die Luke und betrat die im Dunkeln liegende Kajüte.
Als er das Licht anknipste, erstarrte er vor Schreck. Geneviève hatte ihre Pistole gegen ein Küchenmesser ausgetauscht. Während die Schusswaffe in griffbereiter Nähe neben ihr auf der Sitzbank lag, hielt sie das Messer dicht unter Selenas Kehle. Mit panisch geweiteten Augen starrte die junge Frau Keller flehend an.
»Was …?« Keller war fassungslos. »Was zum Teufel tun Sie da?«
»Meine Pistole ist momentan unbrauchbar«, erklärte Geneviève ungerührt. »Ich kann es mir nicht leisten, dass Ihre neuen Freunde den Schuss hören, wenn ich Selena töte. Mit dem Messer geht es genauso gut – und geräuschlos.«
»Nehmen Sie das Messer runter!«, fuhr Keller sie voller Wut an.
»Gar nichts werde ich. Nicht, bevor Sie mir sagen, was hier gespielt wird.« Geneviève taxierte ihn argwöhnisch. »Wer sind diese unmöglichen Leute? Ich kann ein paar Brocken Deutsch verstehen. Viel ist es aber nicht. Also: Worüber reden Sie mit Ihnen?«
»Ein paar Brocken Deutsch? Dann reicht es sicherlich dafür, um zu wissen, dass Willy und Marianne, zwei Touristen aus dem Ruhrgebiet, mit mir einen geselligen Abend verbringen möchten. Mit Sekt und Erdnüssen. Ich bin hergekommen, um nach den Nüssen zu suchen.«
»Das kommt gar nicht infrage!«, herrschte Geneviève ihn an. »Sie werden da nicht wieder hingehen! Wir verhalten uns still und warten, bis sie weiterfahren.«
»Darauf können Sie lange warten. Das andere Boot wird nicht ablegen, es bleibt über Nacht. Außerdem ist es keine gute Idee, einfach nicht zurückzugehen. Wenn ich fortbleibe, kommen sie zu uns, um nachzuschauen, was mit mir los ist.«
An Genevièves gequälter Miene war abzulesen, wie es in ihr arbeitete. Zwei Personen mit Waffengewalt in Schach zu halten mochte gerade noch möglich sein. Aber vier? Das war zu viel. »Verflixt, Sie haben recht. Holen Sie die verdammten Nüsse, und gehen Sie wieder nach oben. Aber nach einem Glas Sekt ist Schluss. Ich möchte, dass diese Leute bald Schluss machen und sich schlafen legen.«
Weil sie im Schlaf nicht mitbekämen, wie Geneviève ihn und Selena tötete? Keller erzitterte, als ihm diese Möglichkeit bewusst wurde.
Doch noch war es nicht so weit. Er war lebendig und hellwach – und er wusste, dass er mit Willy und Marianne zwei heimliche Verbündete auf seiner Seite hatte. Endlich lag der Vorteil nicht länger bei Geneviève, sondern bei ihm.
Keller suchte zunächst die Stauflächen über der Fensterreihe ab, dann nahm er sich die Küchenschränke vor. Das machte er in aller Ruhe, bis Geneviève ihn antrieb: »Es kann doch nicht so schwer sein, eine Packung Nüsse zu finden. Geht das nicht schneller?«
»Wenn Sie mir helfen würden, ja.«
»Das würde Ihnen so passen!« Geneviève riss der Geduldsfaden. »Nehmen Sie einfach etwas anderes mit, wenn keine Nüsse da sind.«
Keller kniete sich vor den Kühlschrank und holte ein Plastikschälchen heraus. »Ich hätte da diese eingelegten Oliven.«
»Das ist mir völlig gleichgültig. Nehmen Sie sie, und machen Sie, dass Sie fortkommen!«
Keller merkte, dass er es mit dem Herauszögern nicht übertreiben durfte. Er nahm die Oliven an sich und verließ die Kabine.
Aber nicht, ohne vorher einen Blick auf Selena zu werfen. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein. Keller erkannte: Es musste dringend etwas geschehen, um sie aus Genevièves Gewalt zu befreien.
»Da sind Sie ja wieder«, gab Marianne freudig von sich. Auch Willy strahlte ihn an. Sie hatten die drei Stühle inzwischen auf dem Treidelpfad aufgestellt und noch ein kleines Tischchen zum Abstellen der Gläser aufgetrieben. Das Teelicht spendete ein einladendes Licht.
Keller schwenkte die Olivenpackung in seiner Hand. »Das muss als Ersatz dienen. Nüsse sind auch bei mir aus.«
»Kein Problem«, meinte Willy und lud Keller ein, sich zu setzen. Dann schenkte er allen dreien großzügig ein. »Auf unser Wohl!«, rief er aus.
»À votre santé!«, antwortete Keller so laut, dass es Geneviève mitbekommen musste. Er ließ sein Glas an die der beiden anderen klirren.
Nach dem ersten Schluck stellte Marianne ihr Glas ins Gras, fasste mit unauffälliger Bewegung hinter sich und zog ein schmales Etui aus ihrer Hosentasche. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, hielt sie es Keller hin und klappte es auf.
Keller sah auf eine Polizeimarke. Erstaunt blickte er zu Marianne auf.
Diese ließ das Brieftäschchen sogleich verschwinden, griff stattdessen wieder zu ihrem Glas und prostete ihm erneut zu. »Kripo Duisburg«, sagte sie leise, ohne ihr Verhalten zu verändern. Laut ergänzte sie: »Was für ein schöner Abend!«
Willy öffnete die Olivenschale und reichte sie in die Runde. »Der Schleusenwärter hat uns Ihre Nachricht gezeigt«, flüsterte er und lachte laut, als hätte jemand einen Witz erzählt. »Er hat auch beobachtet, dass Sie von jemandem mit einer Pistole bedroht wurden. Von einer Frau, wie er vermutet hat. Und offenbar ist noch jemand an Bord.«
Keller nickte dezent.
»Die hiesige Polizei ist informiert«, knüpfte Marianne an und angelte sich eine Olive aus der Packung. »Vorzüglich!«, sagte sie mit lauter Stimme. »Ich liebe das französische Essen.« Mit der nächsten Olive im Mund berichtete sie kauend: »Bei einer Geiselnahme kann die örtliche Gendarmerie aber nicht eingreifen. Ein Spezialkommando ist zu uns unterwegs.«
»Marianne hatte die Idee, dass wir so lange für Ablenkung sorgen, bis die Truppe ankommt«, ergänzte ihr Mann. »Sie macht immer so verrückte Sachen.«
Erneut hoben sie die Gläser und stießen an. Willy nahm die Flasche und goss nach.
»Danke«, sagte Keller, der sich fühlte, als wäre ihm eine zentnerschwere Last von den Schultern genommen worden.
»Noch ist die Gefahr nicht gebannt«, gab ihm Marianne zu verstehen. »Wie lange können Sie bei uns bleiben, bevor die andere Geisel in Schwierigkeiten gerät?«
»Nicht mehr lange. Allerhöchstens zehn Minuten, würde ich sagen.«
Marianne tauschte einen schnellen Blick mit Willy aus. Zwar sagte sie nichts, trotzdem meinte Keller, ihre Gedanken lesen zu können: Wird das reichen?
Nach Belanglosigkeiten, die sie lautstark miteinander austauschten, ging der Sekt zur Neige. Das meiste davon hatten sie ohnehin auf den Boden gekippt, denn jeder von ihnen wollte einen klaren Kopf bewahren. Von den angeforderten Rettern war nichts zu sehen oder zu hören.
Keller hatte keine Ahnung, wo die nächstgelegene Eliteeinheit stationiert war und wie lange sie brauchen würde, bis sie vor Ort wäre. Und selbst wenn die Spezialkräfte bald einträfen, würden sie sich möglicherweise zunächst im Hintergrund halten und die Lage sondieren. Aus taktischen Gründen.
Keller spürte ein Ziehen in der Brust. Er war jetzt seit mehr als zwanzig Minuten von Bord. So, wie er Geneviève zuletzt erlebt hatte, konnte er es nicht riskieren, seine Rückkehr weiter hinauszuzögern. Er stand auf.
»Was machen Sie?«, fragte Marianne.
»Ich muss zurück.«
»Bleiben Sie noch. Wenigstens ein paar Minuten. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Hilfe kommt«, appellierte Marianne an ihn.
»Wenn du doch wenigstens deine Dienstwaffe dabeihättest«, klagte Willy.
Keller setzte die Scharade fort, indem er erheitert tat, obwohl ihm ganz anders zumute war. Er verabschiedete sich herzlich von dem Paar, indem er beide umarmte.
»Passen Sie auf sich auf«, flüsterte Marianne ihm dabei zu. »Versuchen Sie, Abstand zwischen sich und die Geiselnehmerin zu bringen. Das ist wichtig bei der Erstürmung.«
Keller trat den schweren Rückweg an. Obwohl es sich nur um ein paar Meter handelte, kam es ihm vor, als hätte er einen Gewaltmarsch vor sich. Mit jedem Schritt, den er sich der Bonheur näherte, wuchs sein innerer Widerstand.
Kurz bevor er das Boot erreicht hatte, blieb er stehen. Er lauschte, hörte jedoch nichts als das Zirpen der Zikaden. Wo blieb bloß die Polizei?
Er überwand die Lücke zwischen Ufer und Bordwand, trat aufs Deck und ging auf die Kabine zu. Vor der Tür hielt er noch einmal inne und atmete tief durch. Dann gab er sich einen Ruck und stieß sie auf.
Die Kabine war leer.