Béatrice’ Augen waren fest auf Kellers Gesicht gerichtet, mit beiden Händen hielt sie einen Kaffeebecher umschlossen, der vor ihr auf dem Schreibtisch ihres Büros stand. Keller starrte zurück. Beide sagten kein Wort.
Die eisige Stille, die zwischen ihnen herrschte, wurde erst durchbrochen, als Béatrice auf die große Wanduhr über der Tür schaute. Der Stundenzeiger stand auf der Zwei.
»Vier Stunden«, murmelte sie. »Die Kollegen der Gendarmerie mobile durchkämmen seit vier Stunden die Gegend. Keine Spur von Geneviève Bertrand und Selena. Vor einer Stunde sind auch die Spürhunde eingetroffen. Bisher ohne Ergebnis. Ich rechne nicht damit, dass sich vor Sonnenaufgang etwas ausrichten lässt.«
Keller nickte stumm. Auch er war pessimistisch und glaubte nicht daran, dass man die flüchtige Anwältin so bald fassen würde. Nach dem Eintreffen des Sonderkommandos bei der Bonheur hatte er dem Kommandanten zwar präzise Angaben und Personenbeschreibungen mit auf den Weg gegeben, aber zu diesem Zeitpunkt hatte Geneviève schon eine knappe halbe Stunde Vorsprung. Mindestens. Sollte es ihr inzwischen gelungen sein, sich ein Auto zu organisieren, war sie längst über alle Berge.
Doch ob sie das geschafft hatte, blieb vorerst offen. Zumindest so lange, bis der Morgen graute und jemand seinen Wagen als gestohlen meldete.
Mehr noch als die Flucht von Geneviève bewegte Keller das Schicksal von Selena. Wie mochte es ihr inzwischen ergangen sein? Wie konnte sie in ihrem Zustand diese Strapazen überstehen?
Bei seiner Sorge um Selena musste er an seine Tochter denken, an Sophie. Plötzlich verspürte er den Drang, seine Kinder anzurufen und ihnen zu erzählen, was er erlebt hatte. Dann aber besann er sich: Was hätte es für einen Zweck, sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen, wenn er inzwischen in Sicherheit war? Er würde sie nur ängstigen und für Verwirrung sorgen. Das Telefonat konnte bis morgen warten. Jetzt gab es andere Prioritäten.
»Seit wann wissen Sie es, Konrad?«, fragte Béatrice unvermittelt und schob ihren kalt gewordenen Kaffee beiseite.
»Seit wann weiß ich was?«
»Dass nicht Richard La Croix der Täter ist, sondern seine Anwältin? Haben Sie mich bewusst auf die falsche Fährte gelenkt, um allein den Ruhm zu ernten? Ist das Ihre Art, sich für meine offene Art Ihnen gegenüber zu bedanken?«
Keller schüttelte entschieden den Kopf. »Keinesfalls. Ich hatte nie vor, Informationen zu unterschlagen.«
»Dennoch haben Sie es getan. Ich frage Sie: Warum?« Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Auf Geneviève bin ich erst ganz am Schluss gekommen. Bei der Suche nach dem stärksten Motiv. Außerdem konnte ich einfach nicht begreifen, dass ein Vater seine eigenen Kinder erschießt.«
»Diese Überlegungen hätten Sie mir nicht verschweigen dürfen«, sagte Béatrice streng.
Keller hasste es, andere anzuschwärzen. Doch ihm blieb nichts anderes übrig. »Ich habe ja gestern noch versucht, Sie zu erreichen«, erklärte er. »Doch Monsieur Gauthier wollte mich partout nicht zu Ihnen durchstellen.«
Béatrice’ Augen weiteten sich. »Sie haben, bevor das alles passierte, mit Marc telefoniert?«
»Ja, ich habe ihm sogar gesagt, dass ich vor meiner Abreise noch einem Verdacht nachgehen wollte. Ich bat ihn, es Ihnen auszurichten – was er offenbar nicht getan hat.«
Er registrierte, wie Béatrice mit den Zähnen knirschte. Einen Augenblick lang erweckte sie den Eindruck, als würde sie den Fokus ihres Zorns von Keller auf ihren Adjutanten verlagern. Dann aber heftete sich ihr Blick wieder fest auf Keller.
»Dann hätten Sie sich eben durchsetzen müssen!«, fuhr sie ihn an. »Sie sind doch Profi, ein alter Hase. Sie hätten sich nicht einfach von ihm abspeisen lassen dürfen.«
»Aber ich …«
»Es war ein sträflicher Leichtsinn, mich im Unklaren zu lassen und stattdessen auf eigene Faust weiterzuermitteln. Sie sehen ja selbst, was dabei herausgekommen ist.«
»Ich wollte keine eigenen Ermittlungen anstellen. Wie Sie wissen, wollte ich abreisen …«
»… haben sich vorher aber noch mit Madame Bertrand zum Essen verabredet«, ging sie dazwischen. »Erzählen Sie mir nicht, dass Sie mit ihr übers Wetter reden wollten.«
»Nein«, gestand Keller ein. »Aber glauben Sie mir, Béatrice: Wenn sich während des Gesprächs bestätigt hätte, dass ich mit meiner Vermutung richtiglag, hätte ich Sie umgehend informiert und mich nicht noch einmal von Gauthier aufhalten lassen.«
Aus ihrem Missfallen machte Béatrice keinen Hehl, als sie sagte: »Nur leider war Geneviève Ihnen voraus und hatte Ihre List durchschaut. Das hätten Sie einkalkulieren müssen. Sie haben einen großen Fehler begangen, Kollege. Dieser Fehler hat nicht nur Sie in Gefahr gebracht, sondern auch eine völlig Unbeteiligte: Selena Mansouri.«
Keller schluckte. Dem, was Madame le commissaire ihm schonungslos vorhielt, hätte er leicht widersprechen können. Er hätte ihr gestehen können, dass er an ihrer Kompetenz als Ermittlerin und an ihrem Einsatzwillen zweifelte, an ihren kriminalistischen Fähigkeiten ebenso wie an ihrer Neutralität gegenüber anderen gesellschaftlichen Klassen.
Aber das alles sprach er nicht aus. Denn Keller wusste ebenso gut, dass Béatrice mit dem, was sie gesagt hatte, absolut richtiglag. Er hatte falsch gehandelt, als er das Treffen mit Geneviève arrangierte. Mit all seinem Wissen und der Erfahrung hätte er erkennen müssen, dass die gewiefte Anwältin ihm eine Falle stellen würde. Ihre spontane Zusage hätte ihn ebenso stutzig machen müssen wie ihr Vorschlag, ein so zentral gelegenes Restaurant als Treffpunkt zu wählen, was ihn in Sicherheit gewiegt hatte.
An dieser Sache gab es einfach nichts schönzureden: Er war ihr voll auf den Leim gegangen.
»Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, sollten wir uns um Schadensbegrenzung bemühen«, sagte Béatrice und strich sich mit der Hand übers Kinn. »Sie haben mehrere Stunden mit Geneviève Bertrand verbracht. Was können Sie mir darüber sagen?«
»Sie hat mir gegenüber ein Geständnis abgelegt. Mehr oder weniger vollumfänglich«, berichtete Keller und gab die Gespräche wieder, die er während der Bootsfahrt mit Geneviève geführt hatte. »Der Tathergang lässt sich relativ schlüssig darstellen. Auch die Auffindesituation der Leichen ergibt nun einen Sinn: Da sie Geneviève gut kannten, hegten die Opfer keinen Argwohn, als sie in den Wohnraum kam. Daher blieben sie, wo sie waren, und versuchten nicht zu flüchten. Dass Geneviève ihre Ziele trotz der Distanz nicht verfehlte, sondern auf Anhieb traf, liegt übrigens daran, dass sie ausgebildete Kunstschützin ist.«
Béatrice nickte und machte sich Notizen. »Wie beurteilen Sie sie? In was für einem seelischen Zustand befindet sich Madame Bertrand?«
»Ich bin kein Psychologe, sondern allenfalls durch meine Arbeit mit Gemütszuständen wie diesem vertraut«, erklärte Keller.
»Also? Wie schätzen Sie sie ein?«
»Kurz und bündig: Geneviève ist völlig durchgedreht. Sie nimmt Tabletten …«
»Das haben wir inzwischen recherchiert: verschreibungspflichtige Antidepressiva. Richtig starke Hämmer«, fiel Béatrice ihm ins Wort.
»Ja, das passt. Ihr labiler Zustand macht mir große Sorgen.«
»Mir auch«, sagte sie und ließ das erste Mal während dieser Unterhaltung so etwas wie Milde erkennen. »Das Mädchen Selena tut mir leid. Das Ganze muss ein Martyrium für sie sein.«
Keller stimmte ihr zu. »Hoffentlich wird sie bald gefunden.«
Die Tür öffnete sich, und ein blassgesichtiger Uniformierter trat ein. Er salutierte, bevor er stockend zu sprechen begann: »Meldung der Gendarmerie mobile.«
Béatrice winkte ihn zu sich heran. »Lassen Sie hören!«
»Der Suchtrupp ist fündig geworden.«
Keller stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Gott sei Dank«, sagte er.
Doch der Gendarm war noch nicht fertig: »Leblose Person im Kanal schwimmend aufgefunden. Laut der Papiere handelt es sich um Selena Mansouri.«