Es gab so vieles, was er noch nicht kannte! Trotz der Intensität, mit der ihn diese Stadt aufgenommen hatte, war sie ihm etliche ihrer Geheimnisse schuldig geblieben. Diese Gedanken gingen Konrad Keller durch den Kopf, während er über das unebene Kopfsteinpflaster der Cité spazierte.
Es war ein milder Abend. Die meisten Tagestouristen hatten die engen Gassen der Festungsstadt schon wieder verlassen, sodass sich das mittelalterliche Kleinod entspannt genießen ließ. Eine knappe Woche war seit den dramatischen Ereignissen an der Écluse du Fresquel vergangen. Sechs Tage, die Keller in einem Wechselbad der Gefühle durchlebt hatte.
Nach Genevièves Unfalltod in der Schleusenkammer hatte er seine Abreise vorerst gestrichen, da er sich für die polizeilichen Ermittlungen zur Verfügung halten musste. Hatte er sich anfangs noch dagegen gesträubt, freundete er sich in den Folgetagen damit an, doch noch etwas zur Aufklärung dieses spektakulären Falls und seines gewaltsamen Ausgangs beitragen zu können. Der zuständige Untersuchungsrichter sah in ihm nun eine Schlüsselfigur im Fall La Croix, deren Aussagen für den Abschluss der Ermittlungen zwingend notwendig waren. Auch Béatrice überwand ihren Unwillen, sprach wieder mit ihm, verzieh ihm.
Es gab noch einen zweiten Grund, der Keller das Bleiben leichter machte: So hatte er die Möglichkeit, den Schleusenwärter im Krankenhaus zu besuchen und seine Genesung mitzuerleben. Serge, so lautete der Name des alten Herrn, hatte tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten, doch es konnte ihm noch rechtzeitig geholfen werden. Schon bald würde Serge wieder in sein Schleusenwärterhäuschen einziehen können. Bis dahin übernahm ein Vetter das Bedienen der Tore.
Auch Anwalt Cocoon ging es von Tag zu Tag besser. Nachdem die Ärzte ihn aus dem Koma geholt hatten, zeichnete sich bald ab, dass der Unfall keine bleibenden Schäden hinterlassen hatte. Allerdings warteten mehrere Wochen Reha auf ihn, was ihm gar nicht passte, musste er doch so lange seine Kanzlei schließen.
Wie sich herausgestellt hatte, traf Geneviève diesmal keine Schuld, an seinem Wagen war nichts manipuliert worden. Die Verantwortung musste sich der Anwalt selbst zuschreiben, er hatte am Steuer telefoniert. Ein kurzer Moment der Ablenkung reichte, die Räder gerieten aufs Bankett, das Auto krachte frontal gegen einen Baum.
Und Selena? Es versetzte Keller jedes Mal einen Stich, wenn er an sie dachte. Sie und ihr Ungeborenes aus dem Leben gerissen – wegen nichts. Keller hatte all seinen Mut zusammennehmen müssen, um ihren Vater Djamal Mansouri aufzusuchen und ihm sein Mitgefühl auszusprechen. Dafür war er noch einmal zu dessen Obstladen gefahren. Aber dann hatte er es doch nicht fertiggebracht, ihm gegenüberzutreten, sondern lediglich eine schriftliche Botschaft hinterlassen. Auch der Beerdigung war er ferngeblieben, er wollte den Angehörigen seinen Anblick nicht zumuten. Selbst wenn er keine unmittelbare Schuld an Selenas Tod trug, war er doch einer der Beteiligten. Einer, der Unglück über die Familie Mansouri gebracht hatte. So hielt sich Keller zurück, um das Leid der Trauernden nicht noch größer zu machen.
Keller bummelte über den Place du Château, mitten in der Festungsstadt gelegen und einer seiner liebsten Orte in diesem steinernen Idyll. Von hier aus genoss er den Blick auf das alles überragende Schloss Comtal, das seinerseits von einer Mauer und zahllosen Wehrtürmen umgeben war. Die Erbauer hatten es verstanden, die stolze Anlage heroisch und grazil zugleich wirken zu lassen.
Mitten auf dem Platz blieb Keller stehen und drehte sich langsam um die eigene Achse, um den besonderen Zauber dieses Ortes mit allen Sinnen aufzunehmen: die außergewöhnliche Architektur, das Gemisch aus verschiedensten Klängen und Geräuschen, die durch die enge Bauweise reflektiert und verstärkt wurden, die vielen Geruchsnoten von uraltem Gemäuer, dem Küchendunst aus den umliegenden Lokalen und den Blüten und Kräutern, die auf den Feldern hinter den Ringmauern wuchsen und deren Duft über der Stadt hing.
Sein Weg führte ihn weiter durch die malerische Rue Porte d’Aude bis in ein verstecktes Seitengässchen, dem Ziel seines abendlichen Spaziergangs. Das Sträßchen war dermaßen eng, das sich jeweils nur ein Passant an den Tischen vorbeizwängen konnte, die zu einem Restaurant in einem windschiefen Haus gehörten.
An einem der winzigen Tische drängten sich drei Personen, die ihm erwartungsfroh entgegensahen: Ein etwas dicklicher Mann Ende dreißig mit zurückweichendem Haar und einem zu knappen T-Shirt über lindgrünen Shorts. Daneben ein kaum älterer Mann, größer, athletisch, mit markanten Zügen und dunkelblondem, fast schulterlangem Haar, der sein papierweißes Hemd bis zur Brust geöffnet und die Nase ziemlich hoch trug. Außerdem eine viel jüngere Frau, ebenfalls blond, zierlich, in einem luftigen Kleid und Sandaletten. Sie hatte hellwache blaue Augen und ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen.
Keller ging mit ausgebreiteten Armen auf die drei zu und begrüßte seine Kinder herzlich. »Sophie, Burkhard, Jochen! Dass ihr wirklich da seid. Großartig! Ich freue mich!«
»Kommst du nicht zu uns, kommen wir eben zu dir«, meinte Jochen und zog einen Mundwinkel nach oben. »Wir wollten mit eigenen Augen sehen, was es mit dieser Stadt auf sich hat, die dich nicht mehr loslässt.«
»Eines kann ich jetzt schon sagen«, meinte Sophie gut gelaunt. »Ich könnte mich auch in Carcassonne verlieben. Hat echt Flair!«
»Vor allem die vielen Boutiquen, in die du uns heute Nachmittag hineingeschleppt hast«, stichelte ihr ältester Bruder.
»Nein, Jochen, ich finde es hier auch prima«, entgegnete Burkhard und setzte sich wieder vor seinen Teller, auf dem sich kleine Pasteten türmten, die aufgestellten Garnrollen ähnelten. »Pézenas, eine lokale Spezialität«, erklärte er. »Darin steckt eine Lammfüllung, süß und salzig zugleich, mit einem Schuss Zitrone.«
»Vorher hat er schon ein Enten-Confit verspeist«, petzte Jochen. »Unser Dickerchen kann den Rand einfach nicht vollkriegen.«
Nach dem gegenseitigen Necken und Lästern in alter Familientradition ließen sich die Kellers einen Wein kommen. Einen besonders guten Tropfen, bei dem Gastgeber Konrad Keller nicht auf den Preis achtete. Bevor der Kellner, der die Bestellung aufgenommen hatte, gehen konnte, hielt ihn Burkhard am Saum seiner Jacke fest und flüsterte: »Dazu bitte die schwarze Olivenpastete und ein paar Extrascheiben Baguette.«
»Nun lass mal hören, Paps«, forderte Sophie ihren Vater auf, nachdem sie angestoßen hatten. »Wie ist das alles passiert? Wie bist du in diese Geschichte überhaupt so tief hineingeraten? Und weshalb bist du solche Risiken eingegangen?«
Konrad Keller hielt das bauchige Glas auf Augenhöhe und begutachtete das samtige Rot des erstklassigen Weins. In diesem Tropfen des Terroir der Cité de Carcassonne, erzeugt und gewonnen in den Weinbergen rund um die mittelalterliche Zitadelle, vereinte sich das Beste, was das Languedoc zu bieten hatte. Atlantische und mediterrane Rebsorten, die durch ihre natürliche Harmonie verblüfften und all das verkörperten, was Keller mit dieser Gegend verband. Der Wein war frisch, fruchtig, ausgewogen und vor allem aufrichtig. Er nahm einen reichlichen Schluck und ließ ihn am Gaumen ruhen. Als er heruntergeschluckt hatte, schaute er seine Tochter an und neigte den Kopf. »Warum von der Vergangenheit sprechen? Lasst uns lieber über die Zukunft reden! Der Sommer ist noch jung, und das Hausbootfahren – trotz allem – die schönste Art zu reisen.«
Alle drei sahen ihn entgeistert an. »Du willst immer noch bleiben?«, fragten sie wie aus einem Mund.
»Warum nicht? In Frankreich gibt es jede Menge Wasserstraßen, die sich zu erkunden lohnen. Eine malerischer als die andere.«
»Besser malerisch als mörderisch«, kommentierte Burkhard.
Keller ging darüber hinweg. »Am südlichen Ende des Canal du Midi liegt Agde. Von dort aus kann man über den Étang de Thau nach Sète fahren und dann weiter den Canal du Rhône à Sète hinauf nach Aigues Mortes, einer wunderhübschen mittelalterlichen Stadt. Eine Alternative ist der Canal de Bourgogne weiter im Norden: Er verbindet die Yonne mit der Saône, führt unter anderem durch Dijon und hat eure Mutter und mich schon immer sehr gereizt. Ja, ich denke, dass ich dort meine Tour fortsetzen werde.«
Ratlose Gesichter hatten sich ihm zugewandt.
Burkhard war der Erste, der sich wieder fasste. »Dijon – stammt von dort nicht der famose Senf? Ansonsten kommt mir Bœuf bourguignon in den Sinn, ein Rindfleisch-Schmortopf. Oder Coq au vin de Bourgogne, der in Rotwein marinierte und zubereitete Hahn, und natürlich die traditionellen Escargots à la bourguignonne, Schnecken mit Kräuterbutter. Auch die Desserts sollen nicht schlecht sein: Pain d’épices, der burgundische Gewürzkuchen, oder Nachspeisen mit Cassis, dem berühmten Likör aus Schwarzen Johannisbeeren. Eines steht fest: Verhungern wirst du dort nicht.«
Das Dessert, eine Crème brûlée mit karamellisiertem braunen Zucker, wurde serviert, als Sophie den Kopf an die Schulter ihres Vaters legte.
»Vermisst du sie noch?«, fragte sie so leise, dass die anderen es nicht hören konnten.
»Ja«, antwortete Keller. »Mehr denn je.«
»Mir geht es genauso.«
»Dabei heißt es doch, die Zeit heilt alle Wunden.«
»Warum sollte sie?«
Keller spürte die Wärme seiner Tochter. »Ich wäre so gern bei ihr.«
»Es hat nicht viel gefehlt, und Helga hätte dich gehabt.« Mit dieser Feststellung löste sich Sophie von ihm. »Aber es ist gut, dass du bei uns geblieben bist«, ergänzte sie und stieß ihren Löffel durch die Karamellkruste.
Fin