27
Ich werde wachgerüttelt, als der Lastwagen zum Stehen kommt. Mein Kopf liegt auf Phoenix’ Schulter, seine Jacke ist über meinen Schoß gebreitet. Die Wärme der Heizung und das sanfte Schaukeln des Lkws haben mich in einen tiefen Schlaf gewiegt. Und Phoenix ebenfalls, so wie es aussieht. Er grüßt mich mit einem schläfrigen Lächeln, während ich gähne und mich strecke.
»Guten Morgen, ihr Schlafmützen«, sagt Mitch fröhlich und stellt den Motor ab. »Nächster Halt: Swindon! Bitte alle Fahrgäste aussteigen!«
Ich blicke noch ganz benebelt aus dem Beifahrerfenster. Wir befinden uns auf einem Rastplatz. Es gibt ein mobiles Café, einen Picknickplatz und einen kleinen Toilettenblock, aber sonst wenig. Wenigstens keine Kameras
, denke ich. Dann schüttle ich leicht bestürzt den Kopf darüber, wie wachsam – oder besser gesagt wie paranoid – ich in nur wenigen Tagen geworden bin.
Vor meiner Begegnung mit Damien und seinen Seelenjägern hätte ich mich bei meinen Eltern über diese trostlose Anlage beschwert. Jetzt beurteile ich Orte aufgrund ihrer Überwachungsausrüstung und bin einfach erleichtert über eine Toilette, so heruntergekommen und schmutzig sie auch sein mag!
Wir klettern aus dem Führerhaus und schütteln unsere Beine aus. Nachdem wir die Toiletten benutzt und uns ein wenig aufgefrischt
haben, kauft uns Phoenix in dem Café je eine Tasse Tee und ein Bacon-Sandwich. Mitch lehnt das Frühstücksangebot ab, entschuldigt sich und erklärt, er müsse seinen Zeitplan einhalten, aber Phoenix besteht darauf, ihm zumindest einen Kaffee zum Mitnehmen zu spendieren.
»Passt gut auf euch auf, ihr beiden«, sagt Mitch und klettert zurück in seinen Laster.
Wir winken ihm zum Abschied und setzen uns dann an einen Picknicktisch, um unsere Bacon-Sandwichs zu verschlingen. Sicher nicht meine bevorzugte Art von Frühstück, aber ich bin völlig ausgehungert: Das ständige Rennen und die Adrenalinschübe des letzten Tages haben ihren Tribut gefordert. Ich zittere fast vor Hunger, aber das heiße Essen belebt mich schnell wieder, und die Tasse Tee beruhigt meine angegriffenen Nerven.
Nachdem wir unser Frühstück beendet haben, fischt Phoenix aus seinem Rucksack die Straßenkarte. Er beugt sich darüber, um unsere Route zu planen.
»Okay«, sagt er und denkt laut. »Havenbury ist über Nebenstraßen mindestens fünfundfünfzig Kilometer von hier entfernt. Dazu müssen wir zwei Tage lang in mäßigem Tempo gehen. Wir könnten es auch an einem Tag im Eiltempo schaffen, aber wenn man nicht an lange Strecken gewöhnt ist, kriegt man möglicherweise schon nach fünfzehn Kilometern Blasen an den Füßen.«
»Warum trampen wir nicht?«, schlage ich vor.
Phoenix schüttelt widerstrebend den Kopf. »Vielleicht haben wir nächstes Mal nicht so viel Glück. Nicht alle Lastwagenfahrer sind Seelenbrüder – sie könnten auch Wächter oder Schlimmeres sein. Besser, wir verlassen uns auf uns selbst.«
Während er die Karte wegräumt, bemerke ich in seinem Rucksack den schwarzen Obsidiansplitter. Da wir so viel riskiert haben, um ihn aus dem Seelengefäß im Schloss zu bergen, überlege ich, warum wir das getan haben.
»Was ist so besonders an diesem Steinsplitter? Wie hilft er uns gegen Tanas?«, frage ich.
Phoenix reicht ihn mir. »Tanas ist durch Obsidian verwundbar«, erklärt er.
»Ein bisschen wie Superman und Kryptonit?«, frage ich halb scherzhaft, während ich die Klinge in meiner Hand hin und her wende. Das Gestein ist glatt, überraschend leicht und die Schneide so scharf wie ein Skalpell.
»Irgendwie schon, außer dass es in
ihm stecken muss, um seine Wirkung zu entfalten. Ich habe es einmal geschafft, Tanas mit einer solchen Klinge in die Brust zu stechen. Ein Teil davon brach ab, als es von seinem Brustbein abprallte. Und als er die Klinge herauszog, blieb ein Splitter davon in seinem Herzen stecken. Von Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation trägt er diese Wunde mit sich.«
Ich untersuche den schwarzen Stein, bezaubert von seiner glasartigen Glätte. »Du meinst, dies hier würde ihn töten? Ich meine, seine Seele töten?«
Phoenix zuckt mit den Achseln. »Keine Ahnung. Es schwächt ihn sicherlich für das nächste Leben. Wenn wir die ursprüngliche Klinge hätten, dann würde sie ihn vielleicht töten. Aber die ging verloren. Also müssen wir uns mit dem begnügen, was wir haben.« Er nimmt mir den Stein wieder ab und schiebt ihn in die Schlaufe seines Gürtels, zugänglich und sofort einsatzbereit.
»Was war noch in diesem Seelengefäß?«, frage ich, jetzt wo meine Neugierde geweckt ist.
Phoenix greift in den Rucksack, zieht den Lederbeutel heraus und leert den Inhalt auf den Picknicktisch. Ein kleines blaues Amulett an einer Goldkette und ein gefaltetes Stück Pergament purzeln heraus. Phoenix beäugt das zweite Objekt und runzelt die Stirn. »Ich erinnere mich nicht, das dort hineingelegt zu haben.«
Er entfaltet das Pergament und sein verwirrter Gesichtsausdruck vertieft sich.
»Was steht da?«, frage ich.
»Keine Ahnung«, antwortet Phoenix und reicht es mir.
Mit roter Tinte ist etwas auf das Blatt geschrieben, eine
verwirrende Mischung aus alter Schrift und Hieroglyphen. Auch ich kann mir keinen Reim darauf machen.
»Vielleicht ist es ein Code?«, schlage ich vor.
»Hm, vielleicht«, sagt er, aber sein Stirnrunzeln bleibt. »Wie auch immer es den Weg in das Seelengefäß gefunden hat, es muss wichtig sein. Vielleicht ist Gabriel in der Lage, es zu entziffern. Pass gut darauf auf.«
Vorsichtig falte ich das Pergament neu und stecke den geheimnisvollen Zettel tief in die linke Vordertasche meiner Jeans.
Inzwischen hat Phoenix sich das Amulett genommen. »Das ist für dich«, sagt er und legt es mir um.
Die schmale Kette schmiegt sich kühl an meinen Hals und das leichte runde Amulett aus blauem Edelstein ruht nun neben meinem Herzen.
»Also, es ist jedenfalls ein schönes Schmuckstück«, sage ich und bewundere es. Das Amulett hat etwa die Größe des Zifferblatts einer Uhr, die himmelblauen Schattierungen des Steins sind mit Blitzen aus purem Gold geädert. Die Fassung zieren offensichtlich ägyptische Symbole – ein Vogel, ein Auge und ein schleifenköpfiges Kreuz.
»Es ist mehr als das«, sagt Phoenix. »Es ist ein Talisman. Ein Guardian-Stein, der dich vor Tanas schützen soll.«
»Wie das?«
»Er soll dein Licht stärken und seine dunklen Künste abwehren«, erklärt Phoenix. »Keine Ahnung, was all diese Symbole bedeuten, aber das Kreuz mit der Schleife oben ist das Ankh
, das ägyptische Symbol des Lebens. Auf einem Amulett bietet es dir göttlichen Schutz.«
Als ich meine Hand auf den kostbaren Anhänger lege, fühle ich ein kaum wahrnehmbares Vibrieren, als ob ich einen zarten Schmetterling zwischen meinen Fingern halten würde. Ich schiebe den Talisman in meine Bluse, sein sanftes Gewicht auf meiner Haut wirkt vertraut und beruhigend zugleich.
»Danke«, sage ich. »Ich schätze, ich brauche allen Schutz, den ich kriegen kann.«
»Dann lass uns dich an einen noch sichereren Ort bringen«, sagt Phoenix, leert seinen Tee und erhebt sich. Als er seinen Rucksack überstreift, zuckt er zusammen.
»Wir sollten die Verbände auf deinem Rücken wechseln«, schlage ich vor.
Phoenix winkt ab. »Später.«
»Aber du brauchst frische Verbände, wenn die Wunden heilen sollen«, beharre ich.
»Und wir müssen in Bewegung und unsichtbar bleiben«, antwortet er stur und verlässt den Picknickplatz. Widerwillig gebe ich nach und eile ihm hinterher.
Als wir den Rastplatz verlassen, schmeiße ich unseren Müll in den Abfalleimer und bemerke eine weggeworfene Zeitung, die obenauf liegt. Ihre Schlagzeile fällt mir ins Auge:
WIE KONNTEN SIE ENTKOMMEN?
JUGENDLICHE
TERRORISTEN MACHEN
DAS
LAND UNSICHER
!
Ich schnappe mir die Zeitung und zeige sie Phoenix. Auf der Titelseite und unter dem Bild des umgekippten Polizeitransporters sind eine Reihe von Fahndungsfotos zu sehen, unter anderem von Phoenix und mir.
Offenbar gelte ich nicht länger als Geisel, sondern als Komplizin!
Was wohl meine Eltern jetzt denken?
Sie müssen krank vor Sorge sein. Und ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie meine Freunde auf all das reagieren. Mei ist bestimmt ausgeflippt!
»Ich muss Mum und Dad anrufen«, sage ich zu Phoenix. »Ihnen erklären, was wirklich
vor sich geht.«
»Ausgeschlossen«, entgegnet Phoenix. »Es ist ein zu großes Risiko. Jetzt, wo wir Damien und seine Jäger abgehängt haben, ist das
unsere beste Chance, Gabriel zu erreichen.«
»Aber vielleicht könnten meine Eltern uns helfen?«, wende ich ein. »Sie könnten uns nach Havenbury bringen.«
Phoenix wirft mir einen belustigten Blick zu. »Du willst sie also anrufen und ihnen dann bitte was genau sagen?«
»Dass ich auf der Flucht vor Jägern bin, natürlich. Dass sie mich um meiner Seele willen töten wollen und dass du mein Guardian bist und Gabriel die Mittel hat, uns zu helfen in diesem Kampf …«
Ich verstumme. Sobald ich es laut ausspreche, wird mir klar, wie lächerlich das alles klingt. Wer in aller Welt würde solche Märchen von Jägern und Guardians glauben? Von Nachkommen und Inkarnaten? Von früheren Leben?
Hätte ich die Schimmer nicht selbst erfahren oder Damiens beunruhigende Wandlung aus erster Hand miterlebt, würde ich
mir das auch nicht abkaufen.
Phoenix legt mir die Hand auf die Schulter und schaut mir in die Augen. »Ich weiß, es ist schwer zu akzeptieren. Aber im Moment sind wir in diesem Kampf auf uns allein gestellt. Nur du und ich gegen die Inkarnaten.«