30
Nach dem Abendessen duscht Phoenix, während ich abspüle und dafür sorge, dass wir in der Hütte keine Spuren unserer Anwesenheit hinterlassen. Als er endlich aus dem Schlafzimmer kommt, bestehe ich darauf, ihm den Rücken neu zu verbinden. Beim Ausziehen seines T-Shirts muss ich meinen Schreck verbergen. Neben den Schrotflintenwunden ist sein Oberkörper nun auch von einem Mosaik aus Blutergüssen bedeckt.
Wut steigt in mir auf. »Diese Jäger haben dich brutal zusammengetreten, oder?«, sage ich bitter.
»Ja, aber dafür habe ich einem von ihnen die Nase gebrochen«, erwidert er mit einem schiefen Grinsen. »Und du«, er schaut über die Schulter zu mir, »du hast einem von ihnen ernsthafte Kopfschmerzen bereitet.«
Mit einem verlegenen Lächeln antworte ich: »Aber ich konnte den anderen Jäger nicht aufhalten. Entschuldige … aber ich bin einfach keine gute Kämpferin.«
»Was? «, ruft Phoenix mit einem aufrichtig erstaunten Blick. »Du warst einmal eine Furcht einflößende Samurai-Kriegerin. In jenem Leben hatte ich kaum das Bedürfnis, dich zu beschützen. Ich erinnere mich, dass du einmal fünf Ninja mit bloßen Händen bekämpft hast. Du hast sie auseinandergenommen, als wären sie Stoffpuppen!«
Ich muss an vorhin unter der Dusche denken, wie ich da schluchzend gekauert habe. »Wirklich? Das klingt gar nicht nach mir.«
Phoenix schaut mir in die Augen. »Glaub mir, Genna, du hast den Geist einer Kriegerin.«
»Vielleicht damals, in diesem einen früheren Leben«, antworte ich und verwerfe die Vorstellung mit einem Achselzucken.
Ich öffne den Erste-Hilfe-Kasten und kümmere mich um seine Wunden. Der Gedanke, ich hätte das Zeug zur Kämpferin, und noch dazu einer Samurai-Kriegerin , scheint so weit entfernt von meiner Persönlichkeit – oder von allem, was ich in der Vergangenheit gewesen sein könnte. Ich kann mir mich vielleicht als Krankenschwester vorstellen … als Bäuerin … als Matrosin … sogar als eine Indianerin. Aber als eine todbringende Kriegerin?
Nachdem ich Phoenix verbunden habe, will ich ihm gerade sagen, dass er sein Hemd wieder anziehen kann, als ich eine dicke dunkle Linie direkt unter seinem Schulterblatt bemerke. Ich frage: »Was ist das?«, und zeichne die Linie sanft mit meinem Finger nach.
»Ein Muttermal, das ich seit meiner Geburt habe«, antwortet er.
Ich untersuche es bei Kerzenlicht genauer. »Sieht eher wie eine Narbe aus.«
Er nickt. »Das ist es auch. Manchmal kann ein traumatischer Tod in einem früheren Leben körperliche Nachwirkungen in zukünftigen Leben haben. Das da stammt von einem vergifteten Pfeil.«
Ein kurzer Schimmer Necallis, der im Fluss zusammenbricht, blitzt vor meinen Augen auf …
sein tätowierter Körper treibt leblos im Wasser, der Pfeil steckt wie eine Harpune in seinem Rücken, während mein Kanu wohlbehalten vom ausbrechenden Vulkan und dem wilden Stamm der Tletl-Krieger davongleitet …
Sogar jetzt noch, wenn ich mit dem Finger am Nachbild von Necallis Narbe entlangfahre, spüre ich die Qualen und den Kummer, die ich als Zianya erlebt habe. Schmerzhaft und wund, als hätte es erst gestern stattgefunden.
Dann, weiter unten auf Phoenix’ linker Seite, entdecke ich noch ein Mal, rund wie die Eintrittswunde einer Kugel. War das aus der Zeit, als er Hiamovi war und vom Marshall mit dem weißen Hut erschossen wurde ?, frage ich mich.
Zärtlich streichen meine Finger über die zahlreichen Blutergüsse auf seiner Haut und über die frischen Verbände, die seinen Rücken bedecken. Der Anblick so vieler Verletzungen bricht mir das Herz, und ich kann nicht anders, als über all die Schmerzen und Schrecken zu weinen, die mein Guardian von Leben zu Leben, von Tod zu Tod durchlitten hat. »Du hast so viel für mich durchgemacht«, murmle ich.
Phoenix wendet sich mir zu. »Nichts ist zu viel für dich«, antwortet er und wischt mir die Träne von der Wange.
Aus einem Impuls heraus schlinge ich meine Arme um seine Taille und lege meinen Kopf an seine Brust. Ich möchte ihn trösten, ihm seine Schmerzen nehmen, die Leiden lindern, die er für mich ausgestanden hat. Phoenix reagiert, indem er mich in seine Arme schließt, und ich spüre die Wärme seiner Haut, die Zärtlichkeit seiner Berührungen und die Kraft in seinem zerschundenen Körper. Ich verliere mich in dem Augenblick und will ihn nie wieder loslassen. Bei ihm bin ich sicher, geborgen und –
Plötzlich spannt sich Phoenix an. Ein lautes Wiehern dringt von der Koppel herüber. Er löst sich aus unserer Umarmung, bläst die Kerze aus, stürzt zum Fenster hinüber und blickt durch den Spalt zwischen den Vorhängen.
Ich frage: »Ist da jemand?«, und traue mich kaum zu atmen.
Phoenix starrt weiter in die Nacht hinaus. »Nein, nur die Pferde.«
Aber mein Unbehagen lässt nicht nach. Mir ist klar, dass wir nächstes Mal vielleicht nicht so viel Glück haben. »Tanas wird uns irgendwann finden, nicht wahr?«, sage ich, eine Spur von Verzweiflung in meiner Stimme.
»Wahrscheinlich.« Phoenix dreht sich zu mir um, sein Gesichtsausdruck grimmig in der Dunkelheit. »Du solltest besser etwas schlafen, solange noch Zeit ist. Ich halte Wache.«
Ich zögere und frage mich, ob ich zu ihm hinübergehen und unsere Umarmung wieder aufnehmen soll … aber mir ist klar, dass der Moment vorbei ist. Er ist jetzt wieder mein Guardian, sein Geist ganz auf die bevorstehende Aufgabe konzentriert.
Während er beginnt, nacheinander jedes Fenster zu kontrollieren, mache ich mich auf den Weg ins Bett, ich fühle mich hundemüde. Ich schlüpfe unter die Bettdecke, bette den Kopf auf mein Kissen, das weich wie eine Wolke ist, und in wenigen Augenblicken schlafe ich ein, in der Gewissheit, dass Phoenix über mich wacht.