VI.
In den Fängen des Bösen
Der nächste Tag. Finch saß im Büro seines Vorgesetzten. Die Situation war schwierig, er war schwierig, dessen war er sich bewusst. Bei dem Treffen mit seinem Vater, seiner Schwester, dem Premierminister, dem UN -Präsidenten und General Mellenbeck hatte es keine Probleme gegeben. Das war doch ein Erfolg. Zumindest in seinen Augen. Leider gab es auch Menschen, denen das nicht genügte.
»Finch!« Sein Boss, Chief Inspector Howard Campbell, war nur ein Jahr älter als er. Trotzdem sah er mit seinem grauen Haar und der hohen Stirn älter aus. Der Kragen seines Hemdes war offen. Die Krawatte lag auf dem Tisch. War es nicht faszinierend, dass der Brauch, sich bunte Stoffstreifen um den Hals zu wickeln, mühelos die Zeit überstehen konnte? Selbst jemand mit einem sechshundert Jahre alten Binder wäre in London niemandem aufgefallen.
»Es ist doch gut gelaufen … Was willst du von mir?« Finch hatte Duncan Harper weder ein Glas Champagner über dem Kopf entleert noch ihn angespuckt. Geschlagen hatte er ihn auch nicht. Alles Dinge, die ihm durchaus gefallen hätten.
»Du hattest keine Freigabe für Marrakesch!« Howard zeigte sich also kleinlich. Auf seinem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit, zumindest leuchteten auf der holographischen Arbeitsumgebung neben ihm zahlreiche rote Symbole, die nach seiner Aufmerksamkeit verlangten.
»Echt jetzt?«
»Finch! Verarsch mich nicht!« Howards Kommunikator meldete sich, bevor er antworten konnte. Er tippte an seinen Hals, um das Gespräch anzunehmen.
»Ja.«
»Das ist richtig.«
Finch konnte nicht hören, wer mit ihm sprach oder worum es in dem Gespräch ging.
»Ja, der arbeitet für mich.«
»Ermittler.« Howard sah Finch an, es ging um ihn. »Das denke ich nicht.«
»Das verstehe ich.«
»Ja … sein Vater ist ein bekannter Wissenschaftler.« Dieser Schatten würde sein ganzes Leben über Finch schweben.
»Wer hat sich bei uns gemeldet?«
»Stimmt das wirklich?«
»Das ist ärgerlich.«
»Nein … da stimme ich Ihnen zu.«
»Ja, Sir. Das ist eine gute Idee.«
»Perfekt.«
»Ich werde das erledigen.« Howard beendete das Telefonat und wandte sich wieder Finch zu. »Das war der Superintendent. Finch, du hast Scheiße gebaut!«
»Ähm …«
»Ich helfe dir auf die Sprünge … Marrakesch.«
»Aha …« Finch erkannte das Problem noch nicht. Er hatte dort wegen der Kindermorde in Kensington ermittelt. Leider ohne neue Indizien beibringen zu können. Ein Misserfolg, der sich auch bei der besten Polizeiarbeit nicht verhindern ließ.
»Du hast den Kensington-Mörder gejagt.«
»Richtig …« Er musste jetzt vorsichtig sein.
»Ohne meine Erlaubnis.«
»In gewisser Weise …«
»Nein, Finch, ohne meine Erlaubnis!«
»Es tut mir leid, dass …«
»Nein, Finch! Es tut dir nicht leid! Ich kenne dich! Ich kenne dein Talent, und ich kenne die Dämonen, die dir im Nacken sitzen! Du würdest es immer wieder tun!«
»Ähm …« Howards Worte waren so zutreffend wie entwaffnend. Finch musste sich eine neue Verteidigung ausdenken.
»Du weißt besser als ich, was das für ein Kerl ist! Dieser Mann ist gefährlich. Mehr noch … Er ist gefährlich, reich und intelligent. Das ist eine ganz miese Mischung. Du hast nicht ihn, du hast seine Begleitung belästigt!«
»Das habe ich getan, um …«
»Um Beweise zu sichern?« Howard verschränkte die Arme. »Du hast sie bedrängt, du hast sie belästigt, du hast sie gegen ihren Willen geküsst, hast ihr dabei eine Wanze untergeschoben und bist dabei gefilmt worden.«
»Das Hotel hatte den Bereich der Lobby nicht überwacht …« Darauf hatte Finch geachtet, er war doch kein Anfänger.
»Aber der Kerl hat seine Freundin überwacht! Das ist ein Psychopath. Er dachte, dass sie ihn betrügen würde. Was sie nicht tat, aber dich auf frischer Tat zu filmen hat ihm dennoch gefallen.« Howard machte weiter. Das war mies gelaufen. »Er hat die örtliche Polizei um Hilfe gebeten. Die haben deine Wanze gefunden.«
»Das ist … nicht gut«
»Nein, das ist es nicht! Die Regierung von Marokko fragt nun über föderale Kanäle nach, ob es in England für die Abhöraktion eine richterliche Anordnung gab.«
Eine unglückliche Entwicklung. Finch konnte Howards Verstimmung darüber nachvollziehen. Die Falten auf seiner Stirn sprachen Bände.
»Nun … unsere Regierung, die Polizeileitung, der Superintendent und meine Wenigkeit sehen in diesem Zusammenhang wenig Spielraum, wenn wir deinen arroganten Hintern nicht an die Fische vor der Küste Nordafrikas verfüttern wollen. Was wir könnten, um das einmal klarzustellen.«
»Ähm …« Das war zu befürchten. Finch sah sich bereits unter einer Brücke schlafen oder, schlimmer, seinen Vater um Hilfe bitten. Nein, so weit würde es nicht kommen. Dann lieber die Brücke.
»Atticus Finch Harper … die Anwälte dieses Wichsers fordern deinen Kopf … ansonsten verklagen die uns!«
»Ich verstehe …« Damit dürfte seine Karriere bei der Polizei ein Ende finden.
»Wirklich?«
»Ähm …« Vielleicht verstand er auch nicht, worauf Howard gerade herauswollte.
»Dein Name hat eine gewisse Strahlkraft.« Howard stand auf und steckte die Hände in die Hosentaschen.
»Das ist mir bewusst.«
»Aber wir können dich nicht halten.«
Finch nickte.
»Wir können dich aber auch nicht feuern oder zusehen, wie die Anwälte dieses Mörders an dir ein Exempel statuieren.«
»Ja?«
»Die USS London ist vor einer Stunde gestartet.« Howard ging zum Fenster. Die Holzvertäfelung in diesem Büro passte zu der Farbe seiner auf dem Tisch liegenden Krawatte. Das mit dem Raumschiff war Finch natürlich nicht entgangen. Draußen war es heller als am Tag zuvor um dieselbe Uhrzeit. Eine Woche lang hatte diese mit Antimaterie befeuerte mobile Sonnenfinsternis London verdunkelt.
»Du hast Glück. Der Superintendent ist ein kluger Mensch. Ich denke zwar, er hat ein zu weiches Herz, sehe aber wie er keine bessere Möglichkeit.«
»Als?« Jetzt war Finch neugierig.
»Du wirst um deine temporäre Versetzung bitten!«
»Werde ich das?« Im Moment konnte Finch seinem Boss nicht folgen.
»O ja!«
»Und wohin möchte ich mich versetzen lassen?«
»In die Public-Relations-Abteilung der Stadt.«
»Bist du dir sicher?« Damit würde er den Polizeidienst aussetzen, das war das Letzte, was Finch tun wollte.
»Sehr sicher sogar!«
»Also an der Stelle möchte ich einwenden …«
»Nein, nein … mein Freund, du sagst keinen Ton. Ich bin noch nicht fertig. Dafür, dass der Superintendent, der dich eigentlich für einen bornierten Hammel hält, und ich dich davor retten, am nächsten Mast aufgeknüpft zu werden, wirst du dich für deinen neuen Job durch eine beeindruckende Leistung empfehlen.«
»Ach, und wie werde ich das tun?« Das wurde immer besser. Als ob Finch bei diesem Mist mitmachen würde. Die Idioten von der Stadt sollten doch ihre Touristenflyer selbst verteilen.
»Indem du zeigst … dass die Stadt gar keine andere Möglichkeit hat, als dein Talent, deine Verbindungen und deinen Namen genau für diesen Job zu nutzen.«
»Meinen Namen?« Finch wusste noch nicht, ob ihm die neue Richtung gefiel.
»Natürlich …«
»Erzähl mir mehr.«
»Du wirst der Stadt eine exklusive Homestory über deinen Vater liefern. Das volle Programm: private Bilder am Kamin, ein Interview und einen Stream, der es in sich hat. Du wirst umwerfend sein … weltmännisch, witzig und geistreich, ein echter Sohn unserer Stadt. Die Menschen sollen dich lieben, deinen Vater bewundern und sich, egal, wo sie gerade sind, wünschen, wenigstens noch einmal vor ihrem Tod London zu besuchen.«
»Das ist nicht dein Ernst!« Finch hatte mit vielem gerechnet, aber sicherlich nicht damit. »Verdammt, ich bin Polizist und kein Klatschreporter.«
»Bald nicht mehr, wenn du nicht tust, was ich dir sage …«
»Mein Vater gibt keine Interviews.«
»Ich weiß.« Howard lächelte.
»Das hat er schon zwanzig Jahre nicht mehr getan.« Es könnten auch dreißig sein.
»Ja, ja … das ist bekannt.«
»Es war auch noch nie ein Kamerateam in seinem Haus.«
»Stimmt.«
»Ich war selbst schon Jahre nicht mehr dort.« Finch hatte sich auch geschworen, nie mehr einen Fuß über die Schwelle von Glamis Castle zu setzen. Sein Elternhaus repräsentierte für ihn alles, was er an seinem ach so berühmten Vater ablehnte.
»Ich bin sicher, dass du den Weg dorthin nicht vergessen hast.« Howard klopfte ihm auf die Schulter. »Finch, das ist eine Win-win-win-win-Situation.«
»Ach ja?«
»Die Anwälte dieses Kensington-Psychopathen kommen nicht auf die Idee, die Stadt zu verklagen, der Superintendent muss niemandem erklären, warum er den ältesten Sohn des klügsten Kopfes unserer Zeit vor die Tür gesetzt hat, und die Stadt bekommt eine PR , die für weltweite Aufmerksamkeit sorgt.«
»Das waren erst drei Wins.«
»Der vierte Gewinner bist du, Finch. Dein Vater ist 117 . Er wird nicht ewig leben. Egal, was zwischen euch gelaufen ist, nutzt die Chance und macht euren Frieden miteinander.«
»Das ist verrückt!«
»Das ist vielleicht deine letzte Gelegenheit!«
Finch stand auf. »Sogar wenn ich zustimme, was ich nicht tue, warum sollte mein Vater plötzlich Gefallen an der Presse finden?« Duncan Harper ging der Öffentlichkeit seit Jahren aus dem Weg. Da hatten noch ganz andere an seiner Tür geklingelt und eine Abfuhr erhalten.
»Weil die Anfrage von seinem Sohn kommt …«
Er schluckte. »Er hasst mich!« Finch hatte ihm vor Jahren einige wenig schmeichelhafte Dinge an den Kopf geworfen. Das Schlimme war, dass jedes einzelne davon zutraf.
»Tut er das?«
»Ja!«
»Finch, er hat geweint, als er dich gestern gesehen hat. Glaub mir, er wird mit dir sprechen.«
»Mit mir und einem Kamerateam?« Das war blanker Irrsinn. Aber hatte er eine Wahl? Er dachte an die Anwälte des Kensington-Mörders. Auf die hatte er auch keine Lust.
»Ja!«
Finch atmete durch. »Okay, ich mache es.«
»Wirklich?« Howard lachte auf.
»Ja, ich bin dabei!« Sein Vater würde ohnehin kein Interview geben, dessen war Finch sich sicher, er konnte also bedenkenlos zustimmen. In ein paar Wochen würde er wieder zur Polizei wechseln, und alles war vergessen.
Zwei Tage später. Finch stand im Rathaus von London, einem zwölfhundert Meter hohen Tower im Osten der Stadt, unmittelbar an der Themse. Das war noch nicht einmal das höchste Gebäude in der Gegend. Der Blick aus der dreihundertdreißigsten Etage war beeindruckend. Unzählige Gleiter schwirrten um die Hochhäuser herum.
»Sir, die Anwältin von Professor Duncan ist da«, erklärte eine Mitarbeiterin des Bürgermeisters.
»Sehr gut, sie soll hereinkommen.« Der Bürgermeister, ein korpulenter Mann in Nadelstreifen, stand von seinem Schreibtisch auf. Allein der Versuch, den Interviewtermin mit seinem Vater zu vereinbaren, war eine Herausforderung.
»Sehr wohl.« Die Mitarbeiterin machte einer älteren Dame Platz. Lady Henriette Leicester, promovierte Juristin, die selbst bereits 102  Jahre alt war. Sie war die Vertraute seines Vaters und seit Finch denken konnte ihre Familienanwältin. Im Gegensatz zu ihm brauchte sie aber weder einen Rollstuhl noch einen Sprachcomputer.
»Scott!« Die Lady und der Bürgermeister kannten sich persönlich. Ohne Beziehungen funktionierte auch im Jahr 2720 überhaupt nichts. »Es ist so schön, Sie wiederzusehen.
»Henriette, die Ehre ist ganz meinerseits.« Der Bürgermeister ging, vor Freude strahlend, auf sie zu.
»Vielen Dank für die Einladung.«
»Aber nein, ich habe zu danken.« Die Lady sah aus wie eine sportliche Frau um die fünfzig: schlank und souverän. »Darf ich Ihnen Atticus Finch Harper vorstellen.«
»Wir kennen uns.«
Finch lächelte, natürlich taten sie das. Wenn sein Vater der Höllenfürst war, war sie der Feuerdämon an seiner Pforte, der mit einem Hauch seines Atems jeden Ritter binnen eines Lidschlags zu Asche verbrennen konnte. Ihr Ruf als Juristin war legendär, ebenso wie die lange Liste ihrer Schönheitsoperationen. Genetische Implantate waren der letzte Hit. Im Prinzip nutzte man partiell geklonte Organe, um damit den zahlungskräftigen Kunden zu verjüngen. Das funktionierte so gut, dass in Europa das Durchschnittsalter aller Menschen bei neunundsiebzig lag. In England gab es fünf Millionen Menschen über hundert, und der älteste Mensch der Welt, ein Japaner, war 213 und noch in der Lage, mit seinem vierten Satz Kniescheiben seinen Ur-ur-ur-ur-ur-Enkeln auf der Nase herumzutanzen.
»Atticus, ich wollte es zuerst nicht glauben.« Henriette nahm seine Hand. Solange man ihr für ihre Dienste 25000 Dollar in der Stunde bezahlte, war sie ein herzensguter Mensch.
»Ich bin es wirklich.«
»Glauben Sie es mir jetzt?«, fragte der Bürgermeister. Es war nicht möglich, Duncan Harper einfach anzurufen. Auch für Finch nicht. Man konnte nur sein Büro erreichen. Und genau so hatten sie es eingefädelt, Finch hatte über das Büro des Bürgermeisters das Büro seines Vaters kontaktiert, um das Interview anzufragen. Der Termin heute war ein Vorgespräch, bei dem sich die Vertraute seines Vaters überzeugen wollte, ob der Bürgermeister ihn wirklich mit an Bord hatte.
»Ja, Scott … bitte lassen Sie mich ein paar Worte mit Atticus wechseln. Wie lange ist es jetzt her?«
»Vierundzwanzig Jahre.« Finch, der von einigen in der Familie auch Atticus gerufen wurde, hatte genau vor vierundzwanzig Jahren, drei Monaten, vier Tagen, sieben Stunden und zweiunddreißig Minuten das Haus seines Vaters verlassen. Nachdem er ihm laut und deutlich einen langsamen und qualvollen Tod gewünscht sowie geschworen hatte, jeden Dollar eines möglichen Erbes auf einem großen Scheiterhaufen zu verbrennen.
»Ich war dabei.«
»Ja.« Unwesentlich jünger aussehend.
»Es gab gestern bereits ein Treffen?«, fragte sie.
»Eine Überraschung … Ich bin gebeten worden, zuvor nichts darüber zu sagen.«
»Die ist dir gelungen. Oh, ich hoffe, ich darf noch du sagen.«
»Aber selbstverständlich.«
»Dein Vater war zu Tränen gerührt.«
»Ich habe es gesehen.« Finch bemühte sich, das möglichst ironiefrei rüberzubringen.
»Wie ist es dir ergangen?« Sie zeigte auf eine Sitzgruppe. »Bitte lass uns ein wenig plaudern.«
»Ich arbeite für die Polizei … nicht immer ein einfacher Job, aber ich helfe dabei, den Abschaum von den Straßen zu holen.« Jeder verbesserte die Welt auf seine Weise. Bei ihm ging es um Gerechtigkeit. Ein altmodisches Motiv.
»Das ist gut.«
»Wie geht es dir?« Finch wollte sich nicht ausfragen lassen.
»Viel Arbeit … Dein Vater schafft es, einen ganzen Stall von Juristen zu beschäftigen. Es geht immer um Geld, Eitelkeiten und Kontrolle. Aber wir verstehen unser Handwerk und geben ihm den Freiraum, den ein kreativer Kopf benötigt. Niemand wird ihm jemals Schaden zufügen.« Das war Henriette Leicester, Juristin, Feuerdämon und Löwenmutter. Sie hatte seinen Vater immer beschützt.
»Mein Vater kann sich glücklich schätzen, dich an seiner Seite zu haben.«
»Das hoffe ich.« Henriette sah zum Bürgermeister, dem Statisten in dieser Unterhaltung. »Scott, ich werde dem Professor ausrichten, dass Ihre Anfrage authentisch ist. Ja, Sie haben Atticus an Ihrer Seite. Ein braver Junge, der nie vergessen hat, was richtig ist.«
»Das ist sehr gut!« Scott, der Bürgermeister, grinste wie ein Honigkuchenpferd. Nicht so süß, aber so rund. »Ich werde alles Weitere in die Wege leiten.«
»Das persönliche Sekretariat des Professors wird Sie dabei nach Kräften unterstützen.«
»Atticus, hast du noch eine Frage?«, fragte sie freundlich.
»Hast du etwas dagegen, wenn wir es live machen?« Finch hatte damit gerechnet, dass sie dem Interview ablehnend gegenüberstehen würde. Aber das war nicht der Fall.
»Nein, nein, das ist eine wunderbare Idee … je spontaner, desto besser. Duncan hat viel zu lange gewartet. Ich war so froh, als ich von deiner Anfrage erfuhr. Ich habe geweint … wegen dir, deinem Vater und den vielen Jahren, die wir verschwendet haben.«
»Das wird wunderbar.« Der Bürgermeister rieb sich die Hände. Der Verlauf des Gesprächs übertraf seine Erwartung bei weitem.
Finch war dagegen einigermaßen überrascht. Es lief zu glatt. Wurde er von der alten Dame etwa vorgeführt? Es schien fast so, als würde sie die Gunst der Stunde nutzen, um eine möglichst große Plattform zu bekommen. Die Stadt London und Finch würden dieses Interview mit maximaler Reichweite propagieren.
»In vierzehn Tagen startet die USS London . Das zweite Schiff. Wie wäre es, das Interview an diesem Tag durchzuführen? Wir können den Start auf dem Landsitz des Professors in Schottland gemeinsam verfolgen. Es gibt zwar eine Einladung, nach Boston zu fliegen, die der Professor aber aus gesundheitlichen Gründen nicht wahrnehmen möchte.«
»Ein ansprechender Vorschlag.« Der Bürgermeister sprang darauf an. »Zwei Wochen sollten genügen, um alles vorzubereiten.«
»Atticus, bist du damit einverstanden?«
»Ja, natürlich.« Finch hätte keinen besseren Termin nennen können. Auch der Landsitz passte perfekt. Finch hatte seine Jugend sowohl in der Villa in London wie auch im Sommer auf Glamis Castle in Angus verbracht.
Finch musste neidlos anerkennen, dass die alte Lady den Bürgermeister und ihn mit Haut und Haaren vernascht hatte. Alles würde genau so laufen, wie sie es wollte.
»Ach, das ist doch ein wunderbarer Tag heute. Ich habe in meinem Leben an vielen Besprechungen teilgenommen, die, so die Natur meiner Arbeit, selten angenehm waren, um heute deinem Vater so phantastische Nachrichten überbringen zu können.« Henriette lächelte und legte erneut die Hand auf seine Finger.
»Ich freue mich auch …« Finch machte mit und schenkte ihr ein herzliches Lächeln. Wie gut konnte er lügen? Ob sie seine Verunsicherung sehen konnte? Der Bürgermeister spielte bei diesem Theater nur eine Nebenrolle.
Finch fragte sich unwillkürlich, ob die alte Lady eigene Ziele verfolgte. Schließlich musste sie zumindest ahnen, dass Finch alles andere als ein unproblematischer Gesprächspartner war. Er sollte anfangen, sich den Honig aus den Ohren zu wischen. Denk nach, rief er sich zu. Lady Henriette Leicester war wohlhabend, hochangesehen und eine Instanz in der europäischen Justiz. Als Syndikus ihres Vaters und Vorsitzende der Harper-Stiftung verwaltete sie das größte Privatvermögen des Landes. Weltweit stand Duncan Harper auf Platz sieben der reichsten Menschen der Welt. Er war zeit seines Lebens nicht nur ein begnadeter Wissenschaftler, sondern auch ein guter Geschäftsmann gewesen, der es wie kaum ein anderer verstanden hatte, von seinen eigenen Ideen zu profitieren.
Würde Henriette Leicester seinen Vater hintergehen? Professor Dr. Dr. Duncan Harper stand über den Dingen. Es gab kaum jemanden, der ihn wirtschaftlich, juristisch oder intellektuell herausfordern konnte.
Oder handelte die Anwältin loyal in seinem Auftrag? Tat sie nur, was er von ihr verlangte? Der Rollstuhl und der Sprachcomputer konnten Finch nicht täuschen. Duncan Harper war der klügste Mensch, den er kannte. Auch der ehrgeizigste und unerbittlichste. Er war genau der Typ Mensch, der einen Plan ausheckte, der auch hundert Jahre nach seinem Tod und Millionen Kilometer von ihm entfernt genau so funktionierte, wie er es wollte.