VII.
Staub in den Ecken
Das war ein Scheißtag heute. Denis warf das verschmorte Lenkrad in eine Kunststoffwanne und sammelte weitere Bruchstücke von Carls Scooter vom Gitterboden der Frachtzone auf. Diese Kisten waren definitiv nicht dafür geschaffen, um damit Rennen zu fahren. Er hätte, um sich selbst ein halbwegs brauchbares Fahrzeug zu bauen, das Fahrwerk, den Antrieb, den Motor, die Bremsen, die Akkutechnik und die Elektronik modifizieren müssen. Nein, das Chassis war eigentlich ebenfalls unbrauchbar. Das war wirklich eine bescheuerte Idee gewesen. Sein Freund hatte dafür sein Leben lassen müssen. Denis fühlte sich hundeelend.
»Ist alles in Ordnung, Boss?« Das war Tarek. Tarek Abbas, ein Techniker aus seinem Team, der ihm half, die Unfallstelle aufzuräumen. Ein guter Mann, aufmerksam und geschickt im Umgang mit Werkzeugen. Tarek war einen Kopf kleiner als er, hatte zierliche Hände und brachte nur fünfzig Kilogramm auf die Waage.
Um verteilte Bruchstücke aufzusammeln, hatte Denis auch die beiden Drohnen eingesetzt, die ihn mittlerweile bei jeder Fahrt begleiteten. R2 und D2 hatten in über hundert Meter Entfernung Plastiksplitter, Blut und sogar einen Finger von Carls zerschmetterter rechter Hand gefunden. Bereits der Aufprall hatte ihn getötet.
»Nein.« Nichts war in Ordnung. Diese Reise war verflucht. Zuerst Sue, dann der Ausraster von Mason und jetzt der Tod von Carl. Wer wusste schon, was als Nächstes passieren würde? Das war der richtige Tag, um sich zu betrinken.
»Entschuldige …«
»Es ist nicht deine Schuld.« Denis klopfte Tarek auf die Schulter. Er machte dem Nordafrikaner keine Vorwürfe. »Carl war mein Freund.«
»Es tut mir leid.«
Er nickte.
»Da vorne liegt ein Stoßdämpfer.« Tarek ging auf den Dämpfer zu, den es offenbar beim Aufprall aus der Aufhängung gerissen hatte. Er war verbogen, aber nicht verbrannt und steckte in einem Gitterspalt. Der Boden in dieser Frachtzone war größtenteils geschlossen. Über zahlreichen Revisionsöffnungen lagen aber Metallgitter, um eine Luftzirkulation zu ermöglichen.
»Gibst du ihn mir bitte?«
»Klar.« Tarek reichte den Dämpfer weiter. »Der ist nicht mehr zu gebrauchen.«
»Stimmt.« Dieser Einschätzung konnte Denis nur zustimmen, der Knick in der Führung war nicht zu übersehen. Die hohen Kräfte, die beim Aufprall auf den Dämpfer einwirkten, hatten die Feder nach außen gedrückt und den Holm verbogen.
»Versau dir nicht die Klamotten … das Ding ist undicht.«
»Du hast recht …« Denis hatte sich bereits die Arbeitsuniform mit dem Dreckszeug versaut. Er wischte mit dem Finger über das galvanisch behandelte Metall. Da waren zahlreiche kleine schwarze Krümel zu sehen. Wo kamen die her? »Sieh mal.«
»Das ist der Dichtungsring. Der Kunststoff ist mürbe und hat sich aufgelöst.«
»Nach sieben Jahren?« Denis stutzte, das war ungewöhnlich. Kein Dichtungsring aus modernen Verbundwerkstoffen sah nach sieben Jahren so aus.
»Durch das Feuer?«
»Der Dämpfer war nicht den Flammen ausgesetzt.« Der Aufprall hatte das verhindert.
Tarek hob die Schultern.
Denis ging zu seinem Scooter und drehte das mobile Display zu sich. Er wollte etwas überprüfen.
»Tarek, schnapp dir R2 und sammle alles auf, was durch die Gitterroste eine Ebene tiefer gelandet ist.«
»Geht klar, Boss!«
»Mutter.«
»Ja, bitte.« Die KI war überall auf dem Schiff ansprechbar.
»Ich brauchte eine Explosionszeichnung mit Teilenummern.«
»Holographische Darstellung?«
»Gerne …« Das machte es einfacher, im Arsenal zwischen den verschiedenen Ersatzteilen zu navigieren.
»Bildaufbau erfolgt.« Mit Mutters Worten verließ die zweidimensionale Darstellung auf dem Display des Scooters den Rahmen und wuchs in die Höhe.
»Haptik aktivieren.« Er wollte etwas in den Händen halten.
»Haptik aktiv.«
Denis begann, den körperlosen Dämpfer zu zerlegen. Seine Handbewegungen wurden von dem System erkannt und visuell umgesetzt. Als Erstes löste er die Dämpferfeder. Das Feedback erfolgte über Sensoren in seinen Handschuhen. Es war natürlich immer noch ein Unterschied zu spüren, aber die simulierte Haptik der virtuellen Darstellung fühlte sich schon ziemlich echt an.
»Kann ich helfen?«
»Natürlich …« Denis hatte nach wenigen Handgriffen den Dämpfer zerlegt und einen der Dichtungsringe in der Hand. »Ich brauche die Nummer dieses Bauteils.«
»N 24101968
»Zweite Darstellung aufbauen. Ansicht vergrößern. Lagerbestand auflisten.«
»Darstellung aufgebaut. Das ist ein Build-to-order-Bauteil. Die Bereitstellungszeit beträgt zwölf Minuten.«
Denis drehte den virtuellen Dichtungsring und kontrollierte die Nummer. Bei solchen Ersatzteilen war es immer schwierig, die richtige Lagermenge zu bestimmen. Bei zu wenigen könnte man bei Bedarf in Schwierigkeiten geraten. Packte man hingegen die Hütte voll, hätte man die Größe der USS London vermutlich verdoppeln müssen. BTO bedeutete, dass sie sich nahezu beliebig viele Dichtungsringe an Bord herstellen lassen konnten. Dazu waren mehrere leistungsfähige 3 -D-Drucker vorhanden, die wirklich jeden Scheiß herstellen konnten.
»Werkstoffanalyse einleiten.« Er war noch nicht fertig. Die Tücke lag im Detail.
»Welche Informationen sind von Interesse?«
»Werkstofftyp?« Denis kannte das Zeug ziemlich gut, aus dem diese Dichtungsringe gefertigt wurden. Genau deswegen ging er dieser Spur nach.
»Aramit-Kevlar-Composit-Typ 3
»Zertifizierung des Herstellers auflisten.«
»Daten aufgelistet.« Mutter spielte neben dem Dichtungsring auch die Werte des Herstellers ein. Da zahlreiche Teile auf dem Schiff aus Aramit-Kevlar-Composit-Typ3 bestanden, war dieses Material ausgiebig getestet worden. Hitzebeständigkeit, Reißfestigkeit, Kälteresistenz, Haltbarkeit im Wasser, im All, an der Luft und so weiter. Interessanterweise wurde das Wartungsintervall unter Flugbedingungen mit 750  Jahren zertifiziert. Verständlich, da das Schiff dafür geschaffen worden war, eine Strecke von fünfzig Lichtjahren hin und zurück zu fliegen, ohne dass man sich an einem Dämpfer ölige Finger holte. Die USS London war schlicht zu groß und hatte zu viele Bauteile, um alle paar Jahre eine Generalüberholung durchführen zu können. Das hätten auch hundert Techniker, wenn sie Tag und Nacht durchgearbeitet hätten, nicht geschafft.
»Wurde dieses Bauteil bereits auf dem Flug hergestellt?«
»Negativ.«
»Wurden andere Bauteile aus diesem Werkstoff hergestellt?«
»Negativ.«
Denis stellten diese Antworten nicht zufrieden. Mutter hatte keinen Grund zu lügen, trotzdem passte das nicht zusammen. Die Dichtung aus dem Dämpfer von Carls Scooter war zerbröselt. Das machte so eine Dichtung normalerweise nicht, weil sie keine Lust mehr hatte, dicht zu halten. Das machte sie, weil sie alt war.
»Boss?« Das war Tarek, der sich unter ihm befand.
Denis sah durch das Gitter, konnte ihn aber nicht sehen. »Gibt es Probleme?«
»Nein … aber hier unten ist es dreckig wie Sau.«
»Und?« Denis wusste im ersten Moment nichts mit der Information anzufangen.
»Zehn Zentimeter Staub … Da finde ich höchstens Metallteile. Ansonsten ist da nichts zu machen.«
»Staub?«
»Das sagt zumindest der Scanner deiner Drohne. Angeblich ungefährlich … Das Zeug stinkt aber.«
»R2
»Von mir aus …«
»Pack eine Probe ein.« Das wollte Denis sich selbst anschauen. Hatte da etwa die letzte Schicht das Putzen vergessen? Na ja, noch nicht einmal dann hätte sich so viel Dreck angesammelt. Staub auf einem hermetisch abgeschlossenen Raumschiff bedeutete vor allem Hautpartikel, Haare, alte Popel und möglicherweise noch Brotkrümel, wenn jemand auf den Laufgittern seine Stulle verdrückt hatte. Na gut, hier gab es noch den Reifenabrieb von Gummirädern, aber auch der würde in sieben Jahren keine zehn Zentimeter starke Schicht Staub entstehen lassen.
»Geht klar.«
»Mutter, hast du das Putzen vergessen?«
»Diese Frage kann ich nicht interpretieren.«
Denis stutzte, er hatte beim Training auf der Erde mit Mutter noch ganz andere Dialoge geführt. Damals hatte sie deutlich coolere Antworten gegeben. »Warum so zickig … Hast du deine Tage?«
»Diese Frage kann ich nicht interpretieren.«
»Lass gut sein …«
»Es gibt ein Problem in der Klimasteuerung von Zone C 1 . General Mellenbeck bittet darum, dass Sie sich umgehend darum kümmern.« Mutter wechselte das Thema. Zwar nicht sonderlich geschickt, aber gut, das war sein Job.
»Tarek, ich habe einen neuen Auftrag. Machst du hier alles fertig?«, rief er nach unten durch das Gitter. In dem Loch konnte man absolut nichts sehen.
»Geht klar.«
Denis fuhr mit seinem Scooter zur Zone C1 . Tarek hatte noch einen zweiten fahrbaren Untersatz dabei. Die Fahrzeit würde einige Minuten dauern. Zeit, um nachzudenken. Zeit, um an Sue zu denken, an die er in den letzten Monaten jeden Tag gedacht hatte. Ihr schulterlanges blondes Haar hatte er geliebt. Wie auch alles andere an ihr. Ihren Verlust wollte er nicht akzeptieren. Warum sie? Ihr Tod schmerzte immer noch.
Sein Kommunikator meldete sich, das war der Doc. Er hatte ihr einen eigenen Ton zugeordnet.
»Hier ist Jazmin.«
»Hi, wie geht es Mason?«
»Er schläft.«
»Immer noch?«
»Er hat eine Gehirnerschütterung … der Schlaf hilft ihm.«
»Okay.« Denis hätte gern mit seinem Jungen gesprochen. Die Erinnerung an ihr letztes Gespräch mit ihm tat weh.
»Kommen Sie nachher auf der Krankenstation vorbei? Ich bin den ganzen Abend hier …«
»Ja … ähm … selbstverständlich.« Natürlich würde er das tun. Die Frage verwirrte ihn, natürlich es ging um Mason. Aber trotzdem – Frauen waren kompliziert. Auch wenn er bereits einige Monate mit den Händen über der Bettdecke schlief, war er unfähig, locker zu reagieren. Seine Stimme klang, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
»Bis später.«
Der Doc trennte die Verbindung. Denis schüttelte den Kopf. Das Leben ging weiter, er musste lernen, sich nicht länger wie ein Idiot zu benehmen. Ansonsten würde Mason ein Einzelkind bleiben. Er lächelte. Das war gut. Er war sich sicher, dass Sue wollen würde, dass er sein Leben auf die Reihe bekam.
Denis fuhr zu einer Schleuse. Die Zone C1 war der Trainingsbereich der USS London . Neben virtuellen Notfallübungen, bei denen man naturgemäß nicht wusste, dass man an einer Übung teilnahm, gab es ebenfalls Übungen, bei denen einem diese Tatsache bewusst war. Dort ging es weniger darum, die Entscheidungsfähigkeit unter Stressbedingungen zu testen, als vielmehr, Wissen zu vermitteln, oder einfach, sich mit neuen Dingen vertraut zu machen.
»Mutter, lass mich rein.«
»Zutritt gewährt.«
»Das ist nett …« Der Sicherheitscheck war seiner Meinung nach unnötig. Na ja, damit konnte man eine KI beschäftigt halten. Denis fuhr in die Zone hinein, parkte den Scooter und schnappte sich sein Werkzeug. D2 ließ er zurück. Die Drohne verabschiedete ihn mit einem Piepton. »Es ist kalt hier.«
»Das System steht auf 22  Grad Celsius.«
»Es ist kälter.« Das waren höchstens fünfzehn.
»Die Sensoren liefern falsche Daten. Die Temperatur in der Zone wird mit 28  Grad Celsius angezeigt. Deshalb läuft die Kühlung.«
»Das ist ein Fehler.« Denis steckte den Zeigefinger zuerst in den Mund und dann in die Luft. Sein Sensor funktionierte immer.
»System neu kalibriert. Heizung aktiviert. Delta wird in zwölf Minuten ausgeglichen sein.«
Denis blieb stehen und nahm von seinem Rangabzeichen den Projektor für die Nasenwurzel ab und steckte ihn auf selbige. In der Trainingszone waren gerade zwei virtuelle Sessions aktiv. Während die vier Aspiranten sich in turmhohen und vollbeweglichen Körperlafetten befanden und spezielle Feedbackanzüge trugen, wurde ihre Umgebung holographisch angezeigt.
Zwei Kommandooffiziere nutzten ihre Freizeit, um auf der neuen Welt einen Berg zu erklimmen. Das sah lustig aus, da beide eigentlich frei in der Luft hingen, während sie in der virtuellen Realität ihre Kletterbewegungen machten.
Die Landschaft in der virtuellen Simulation war wie auf der Erde, bis auf die Tatsache, dass es dieses Gebirge auf der Erde nicht gab. Wohl aber auf ihrer neuen Heimat. Der Planet war vor einhundertsechzig Jahren entdeckt worden und hatte bisher noch keinen offiziellen Namen. Man hatte drei unbemannte Raumschiffe entsandt, von denen immerhin eines Daten an die Erde zurückfunkte. Auf diesen Informationen basierte ihre gesamte Mission.
In dem anderen Szenario spielte eine Mutter mit ihrer zwölfjährigen Tochter am Strand. Beide hatten sichtlich Spaß bei ihrem virtuellen Ausflug.
»Mutter, ich brauche ein Overlay. Gib mir alle Sensoren, die der Klimasteuerung Daten liefern.«
»Overlay online.«
»Danke.« Denis ging weiter. Es gab hier acht Trainingssektionen, in denen jeweils bis zu vier Personen in eine Körperlafette eingespannt werden konnten. Die Wände waren dunkel gehalten, das sollte Streulicht minimieren. Die Raumhöhe betrug neun Meter. Das Overlay zeigte ihm zweiunddreißig Sensoren an, die gleichmäßig in die Wände integriert waren. Das war das Schöne an der USS London , alles wirkte hier so geordnet.
»Mutter, ich leite jetzt die Datenströme um.« Denis wollte nicht so viel Zeit verlieren und auf keinen Fall jeden Sensor einzeln überprüfen. Dafür hätte er mehrere Stunden und eine Leiter benötigt. Er wischte über das Overlay und ließ die Sensoren die gemessene Temperatur direkt an ihn senden. Das Ergebnis war überraschend, da nicht ein Sensor Blödsinn sendete. Also daran lag es nicht. »Die Sensoren sind es nicht. Ich schaue mir selbst die dezentrale Steuerung an.« Denis konnte spüren, dass es wärmer wurde. Mutter sorgte manuell für die Zuführung von warmer Luft.
»Der Steuerungsschrank befindet sich unter einer Revisionsöffnung. Der Zugang ist entriegelt.«
»Ich sehe ihn.« Denis öffnete eine Klappe im Boden. Hier liefen neben der Klimasteuerung auch die Energieversorgung, die Gravitation, die Sauerstoffzufuhr und das Netzwerk zusammen. »Ich werde die Temperaturdaten an diesem Knoten erneut abfangen.«
Das war wie eine Schnitzeljagd. Denis arbeitete sich strukturiert durch alle möglichen Fehlerursachen durch. Die Sensoren hatte er überprüft, jetzt war der Schaltschrank an der Reihe. Er startete eine Prüfroutine, die sich mit dem Computer verband. Ein Counter zeigte an, dass es zwei Minuten dauern würde.
Zwei Minuten später wartete Denis immer noch. Das war kein gutes Zeichen. Mit einem möglichen Wechsel des gesamten Schaltschranks würden zwei Techniker mindestens drei Tage beschäftigt sein. Die BTO -Drucker würden zudem einen Tag benötigen, die komplexe Kiste neu aufzubauen.
»Verbindung zu Tarek Abbas aufbauen.« Denis wollte die Wartezeit nutzen.
»Hi, Boss.«
»Fertig?«
»Ich bin auf dem Weg zurück.«
»Hast du noch was gefunden?«
»Schwarze Finger … Deine Drohne sieht jetzt aus, als ob sie die letzten beiden Jahre in einer Kohlengrube gearbeitet hätte.«
»Machst du R2 noch sauber?«
»Kein Problem … Was ist das mit dir und deinen Drohnen, warum hast du ihnen Nummern gegeben?«
»Namen.«
»Namen?«
»Kennst du R2 -D2 nicht?«
»Nein.«
»Ist ein Insider.« Denis schmunzelte, die alten Filme kannte heute nicht mehr jeder.
»Eine Sache habe ich noch …«
»Welche?«
»Ich habe in dem Dreck eine Handfeuerwaffe gefunden.«
»Bitte was?« Denis wüsste nicht, dass Carl eine Waffe getragen hätte. Wen hätte er damit auch in den Fuß schießen sollen?
»Eine Automatik, im Magazin befanden sich zwei Patronen. Das Kaliber habe ich noch nie gesehen. Sieht uralt aus, wie ein Colt oder so. Das Ding befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Der Holzgriff ist komplett vergammelt. Ich habe das Ding entladen und eingepackt.«
»Ähm … kannst du mir die Waffe mal bringen?« Denis glaubte, sich verhört zu haben. Handfeuerwaffen mit Holzgriffen wurden nicht mehr gebaut, und er kannte nur eine Person, die auf der USS London einen Colt M1911 an der Wand hängen hatte.
»Kein Problem.«
Denis schüttelte den Kopf. Alles wurde immer seltsamer. Was stimmte nicht mit dem Schiff? Was stimmte nicht mit der Crew? Oder stimmte etwas nicht mit ihm?
Weitere zwei Minuten später. Der Counter seiner Routine zeigte keinerlei Fortschritt. Das war doch Mist. Denis hatte keine Lust, hier den ganzen Abend zu verbringen.
»Mutter, ich komme nicht weiter. Meine Routine hakt, das Klimamodul zickt herum. Das könnte ein Softwarefehler sein. Ich müsste den Schaltschrank neu starten. Dann würde es aber deine Bergsteiger und die Badegäste aus der Spur hauen.«
»Diese Maßnahme ist nicht akzeptabel.«
»Hey, ich bin nur der Techniker, mach das mit dem General aus. Der Reboot und meine Routine würden das Trainingscenter nur für fünf Minuten vom Netz nehmen.« Vermutlich würde das genügen, um das Problem zu beheben. Das würde ihm auch ersparen, den gesamten Schaltschrank zu wechseln.
»Ich setze diesen Fehler auf die Liste für offene Reparaturen. Es gibt eine weitere Störung, die Ihre Aufmerksamkeit verlangt.«
»Echt?« Das artete heute wirklich in Arbeit aus. Denis sah auf die Uhr, es war bereits neun. 21 .05 Uhr Standardzeit. Die Uhren der Erde liefen auf dem Raumschiff weiter. Er war heute schon fast vierzehn Stunden auf den Beinen. »Was gibt es noch?«
»Zone T 18 . Ein Fehler im Gravitationsmodul.«
»Oh …« Das war unangenehm. In der T-Zone lebten Schafe, deren Scheiße nun durch die Luft flog. Der perfekte Job für Tarek und R2 . Bei den beiden würde nach dem Einsatz in der verdreckten Revisionsöffnung die Schafscheiße auch keinen Unterschied mehr machen. »Ich schicke Tarek.«
»Der hat schon einen neuen Auftrag.«
»Und die anderen?« Sie waren vierzehn Techniker. Einer würde doch Zeit haben. Denis wollte gleich zu Mason und dabei nicht wie ein verschissener Hammel riechen. Zudem würde er dort Jazmin Harper treffen.
»Alle Techniker befinden sich im Einsatz.«
»Wieso weiß ich davon nichts?« Wozu hatte der General ihn denn zum leitenden Techniker gemacht, wenn ihm die KI seine Männer ausspannte, ohne ihm etwas davon zu sagen.
»Darüber liegen mir keine Informationen vor.«
»Schon klar …« Denis kletterte aus der Revisionsöffnung und warf die Klappe zu. Dann ging er zum Ausgang. Es war Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen. »Alle aktuellen Einsätze meiner Techniker auflisten!«
»Auflistung erfolgt.«
Seine Jungs waren auf dem ganzen Schiff unterwegs, keine kritischen Jobs, nur sehr viele Kleinigkeiten gleichzeitig. Angeblich war das Schiff zu 99 ,98  Prozent wartungsfrei. Das war der Witz des Tages, er würde später lachen.
»Alle erledigten Jobs von heute auflisten.«
»Auflistung erfolgt.«
Das war eine Riesenliste. Jeder der Techniker befand sich praktisch im Dauereinsatz. Es waren auch Drohnen mit Aufträgen betraut. Mehr noch, Mutter nutzte weitere Drohnen aus der Bereitschaft, um zusätzliche Jobs abzuwickeln. Die BTO -Drucker liefen im Dauerbetrieb und stellten laufend neue Ersatzteile her. Klar, die Koordination dieser Arbeiten hätte er nicht leisten können, aber Mutter hätte ihn über diese hohe Arbeitslast informieren müssen.
»Ich möchte den General sprechen!«
»Der General schläft und möchte nicht gestört werden. Das ist keine Notsituation.«
»Dann werde ich das mit Colonel Harper klären!« Denis fühlte sich von Mutter verarscht.
»Das steht Ihnen frei.«
»Darüber reden wir noch!«
Denis sprang auf seinen Scooter und verließ den Trainingsbereich. Draußen wartete er auf Tarek. Das mit der alten Waffe war wichtig. Er spürte, dass er wütend wurde. Aber Wut war keine Hilfe. Also blieb er ruhig und sortierte seine Gedanken. Zuerst Tarek, die Waffe, dann zur Krankenstation, um seinen Sohn zu sehen und mit Jazmin zu sprechen. Dann musste er den General erreichen. Hier lief etwas aus dem Ruder.
»Tarek, wo bleibst du?« Er tippelte mit dem Fuß. »Verbindung aufbauen: Tarek Abbas!«
»Verbindung nicht möglich. Es liegt eine Störung vor.«
»Mutter, wir haben einen Ausfall der Kommunikation, und du sagst mir das nicht?«
»Darüber liegen mir keine Informationen vor.«
»Ist das dein Ernst?«
»Diese Frage kann ich nicht interpretieren.«
Denis fuhr los. Er würde sich später mit Tarek treffen. Sie hatten nicht nur eine lange Liste mit kleinen Problemen, sie hatten auch ein ganz großes! Mutter, die zentrale Bord-KI , zeigte ein fehlerhaftes Verhalten im Sprachmodul.
»Verbindung aufbauen: wachhabender Offizier auf der Brücke!« Er musste sofort einen Notfall melden.
»Verbindung nicht möglich. Es liegt eine Störung vor.«
Denis gab Vollgas. Der Weg zur Brücke führte an der Krankenstation vorbei. Das letzte Stück würde er laufen. Mit dem Scooter konnte man nicht in die Kommando- und Wohnbereiche fahren.
Er hielt an dem Wartungsportal, an dem auch andere Techniker ihre Fahrzeuge parkten. Der Parkplatz war leer. Die waren alle unterwegs. Bremsen, parken, rennen, er sprintete durch die Schleuse. Die Gänge waren leer. Da war niemand. Wenn man nicht gerade zur Kantine oder auf die Brücke ging, war es bei dem Riesenschiff eher ein Zufall, jemandem zu begegnen.
Bei der nächsten Treppe nahm er vier Stufen auf einmal. Weiter, da vorne war die Krankenstation. Alles sah aus wie sonst. Er hatte schon Angst, hier Dutzende Verletzte zu sehen. Da war die Glasscheibe. Dahinter lag Mason. Er schlief. War das gut? Das hoffte er. Jazmin war da. Sie kam ihm entgegen und sprach mit jemandem über ihr Kommunikationssystem. Funktionierte es wieder? War es nur ein partieller Ausfall? Sie sah ihn und blieb fast erschrocken stehen. Irgendwie wirkte sie derangiert, als hätte sie selbst die eine oder andere Hiobsbotschaft zu verdauen. Was zur Hölle war hier passiert?