XVI.
Spurensuche
Was Jazmin in dem Moment fühlte, wusste sie selbst nicht genau. Sie küsste Denis und flüchtete vor der Realität, um nicht an der Angst vor dem Tod zu ersticken. Er erwiderte ihre Zuneigung. Ein Paradoxon, sie hatte seinen Sohn getötet. Mit ihren eigenen Händen. Und er küsste sie, als ob es kein Morgen gäbe. Was in diesem Fall sogar zutraf.
»Das ist …« Sie schnappte nach Luft und hielt sich fest. Mit einer Hand am Haltegriff, mit der anderen an Denis. Sie wollte ihn nie wieder loslassen. Ihre Lippen bebten. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie ihm seine Kleider vom Leib gerissen. Der Gedanke an Sex war wie eine Droge, er betäubte alles andere. Weitere Erschütterungen erfassten sie, die sich aber überraschenderweise von ihnen wegbewegten.
»Wir müssten eigentlich bereits tot sein …«, sagte Denis, der selbst nach Luft rang. Er hielt sich mit der Hand am selben Haltegriff fest wie sie und mit der anderen an ihrem Hintern. Das war in Ordnung, sie wollte ihn spüren.
»Sind wir aber nicht …« Warum lebten sie noch? Warum nahmen die Erschütterungen ab? Es gab sie immer noch, nur fühlte es sich so an, als seien sie inzwischen weiter weg.
»Harper für Brücke. Major, was ist passiert?« Jazmin wusste ihre Eindrücke nicht recht zu deuten. Bei der enormen Größe der Meteoriten, die auf sie zukamen, war es völlig widersprüchlich, dass sie noch lebten und sogar spürten, wie sich die Erschütterungen durch explodierendes Gestein von ihnen entfernten.
»Oh … Colonel Harper, schön, Sie zu hören.«
»Espinoza, was machst du da?«, rief Denis.
»Und Jagberg lebt auch noch. Ihr seid zäh … ich habe deinen Ratschlag befolgt. War eine gute Idee. Danke dafür.« Der Major klang, als ob ihn seine eigenen Worte berauschen würden.
»Sir, was haben Sie getan?«
»Wir sind ausgebrochen …«
»Wie?«, fragte Denis. Mit dem Abnehmen der Erschütterungen entstanden entfernte Quetschgeräusche, die noch weniger zu deuten waren.
»Wir können nicht nach links … und wir können nicht nach rechts. Nach oben, unten oder zurück können wir auch nicht. Zudem fliegen uns mehr Meteoriten ins Gesicht, als wir mit der Hand wegschlagen können. Im Prinzip ist die Lösung einfach, oder?«
Der Major kicherte, während ihnen eines der Quetschgeräusche mit einem schrillen Quietschen nahe kam. So laut, dass sie sich mit beiden Händen die Ohren zuhielt. Jazmin schwebte in der Schwerelosigkeit, Denis ebenso – von den schweren Erschütterungen, die sie zuvor erlebt hatten, blieb nur noch ein weit entferntes Brummen. Die Luft fühlte sich kühler an und schmeckte abgestanden. Sie mussten diese Zone so schnell wie möglich verlassen. Die lebenserhaltenden Systeme arbeiteten hier nicht mehr.
»Espinoza, was hast du getan?« Denis blieb hartnäckig.
»Ich bin ausgebrochen …«
»Du hast gesagt, dass das nicht möglich sei.«
»Jagberg, du musst besser zuhören. Ich habe gesagt, dass wir unseren Kurs nicht verlassen können. Ich habe nicht gesagt, dass wir uns nicht drehen können.«
»Bitte was … wir drehen uns?« Denis schüttelte ungläubig den Kopf. Auch Jazmin verstand es nicht.
»Captain Aayana, geben Sie unserem misstrauischen Cheftechniker bitte ein Update.« Es war nicht zu erkennen, ob Espinoza den Verstand verloren hatte oder vor Erschöpfung kaum noch Luft bekam. Er atmete schnell und flach.
»Ja, Sir. T minus 92  Sekunden.« Das war Aayana, seine Stimme klang angespannt. »Denis, wir stellen die USS London quer …«
»Das ist Wahnsinn!«, brüllte Denis.
»Natürlich ist es das!« , antwortete der Major und lachte. »Es ist sogar so wahnsinnig, dass unser Feuerleitsystem uns deswegen abschreibt. In weniger als neunzig Sekunden wird uns ein über viertausend Tonnen schwerer Ferritklumpen küssen. Und nichts, absolut nichts, wird diesen Meteoriten davon abhalten!«
»T minus 74  Sekunden. Denis, wir stellen das Schiff quer und können damit neben den Waffensystemen am Bug auch die Batterien mittschiffs einsetzen. Wir verdoppeln unsere Feuerkraft. Zudem werden nun die Steuerborddeflektoren aktiviert und entlasten die überhitzten Systeme am Bug.«
»Steuerbord sind unsere Supraleiter noch intakt!«, rief Denis, der offenbar realisierte, was der Major tat. Jazmin konnte dem Gespräch nur bedingt folgen. Raul nahm also die waidwunde Nase der USS London aus dem Wind und brachte seine intakte Flanke nach vorne. »Der Einsatz der Steuerborddeflektoren lässt die am Bug abkühlen!«
»Das ist richtig« , antwortete Aayana.
»Jagberg, noch 59  Sekunden« , sagte der Major, als ob er sich auf das Ende freute.
»Was ist dann?«, fragte Jazmin.
»Dann kreuzt ein 4312 Tonnen schwerer Felsen aus Eisen, Nickel, Kamacit und Taenit unseren Kurs. Okay, das Ding könnte auch Spuren von Germanium, Gallium, Iridium, Arsen, Wolfram und sogar Gold enthalten.« Der Major zelebrierte seinen Ritt. »Nilsson, bestätigen, dass das automatische Erfassungssystem diesen Meteoriten nicht erfassen wird.«
»Bestätigt, Sir« , rief Nilsson.
»Übrigens, Colonel, Sie sollten sich Jagberg schnappen und den Korridor verlassen. In genau 48  Sekunden wird es dort sehr ungemütlich!« , erklärte der Major.
»Los!« Denis nahm sie an die Hand und stieß sich von der Wand ab. »Wir müssen sofort raus hier!«
Da vorne war die Kreuzung. Er drehte sich mit Jazmin in der Luft, setzte mit den Beinen an einer Ecke auf und bugsierte sie in den richtigen Korridor. Sie schwebten auf den Ausgang zu. Denis nutzte jede Erhebung, die er finden konnte, um sie zu beschleunigen. Sie tat es ihm gleich. Das waren fast dreihundert Meter.
»Wie ich sehe, bewegen Sie sich … das ist gut. Ich würde Sie wirklich ungerne missen. Sie haben noch 34  Sekunden. Aayana, ist das Schott offen?«
»Ja, Sir!« , brüllte der Captain zurück. Die Vibrationen wurden wieder stärker. »Unsere Drehung ist beinahe abgeschlossen. Die Geschütze am Bug haben keine Ziele mehr. Die Heckbatterien übernehmen. Triebwerke sind aus. Heckdeflektoren online: durchschnittliche initiale Last bei 450  Pro zent.«
»Warum tun Sie das?«, fragte Jazmin, die den Sinn dieses Manövers nicht verstand.
»Colonel, wollen Sie das wirklich wissen? Sie haben nur noch 26  Sekunden und weitere zweihundert Meter vor der Brust. Sie liegen hinter der Zeit.«
»Schneller!« Denis trieb sie an. Sie mussten aufpassen, nicht an irgendetwas hängen zu bleiben. Da vorne, sie konnte bereits das Druckschott sehen. Die Tür war offen.
»T minus 18  Sekunden. Drehung abgeschlossen. Sir, das Heck ist ausgerichtet. Antrieb nicht aktiv. Deflektoren bei 1100 Prozent. Wir sind bereit.«
»Wissen Sie, ich habe bei der Ausbildung anderen Offizieren zugehört, als sie darüber diskutierten, warum man eine Arche so schwer bewaffnen müsse. Verrückt, oder?« Der Major atmete schnell. »Die haben tatsächlich unsere Hochenergiegeschütze und Railguns für überzogen gehalten und sich nicht vorstellen können, warum sie benötigt würden.« Er lachte heiser. »Dabei hat keiner von denen verstanden, an welcher Seite die USS London wirklich Zähne hat!«
»Los!« Denis drückte sich erneut von der Wand ab. Sie wurden schneller. Hinter dem Schott würde es Gravitation geben. Jazmin spürte sie bereits. Sie stürzten horizontal durch den Raum.
»T minus 9  Sekunden. Feuerleitsystem manuell unterdrückt. Wir nehmen die Heckdeflektoren in neun Sekunden offline. Haltet euch alle fest!« , rief Aayana.
Jazmin sah die Öffnung auf sie zurasen. Sie nahm eine letzte Korrektur ihrer Flugbahn vor. Das passte. Sie fielen durch das Schott, stürzten zu Boden und schlidderten noch etliche Meter weiter. Die Drucktür schloss sich automatisch.
»Drei, zwei, eins, alle Deflektoren offline, jetzt! VOLLER SCHUB AUF DIE TRIEBWERKE ! JETZT ! Dieser Scheißmeteorit hat keine Ahnung, mit wem er sich anlegt« , rief Major Espinoza euphorisch. »Kiss my ass!«
Jazmin befand sich in ihrem Labor. Der Extraktor und das bereits mit zwanzig Blutproben gefüllte Magazin hatten auf dem Höllentrip wie durch ein Wunder nichts abbekommen. Sie selbst hatte weniger Glück gehabt. Ihr gesamter Rücken und die Hüfte waren voller blauer Flecke. Auch eine halbe Stunde später kamen ihr die Erlebnisse reichlich unwirklich vor.
Major Raul Felix Espinoza, an dessen Zurechnungsfähigkeit sie zwischenzeitlich gezweifelt hatte, hatte sie alle gerettet. Mit einem Manöver, das so verrückt war, dass es in keinem Lehrbuch der Akademie stand. Das würde sich in Zukunft ändern – vorausgesetzt, sie überlebten. Die Situation war absolut aussichtslos gewesen, da die USS London in ein Meteoritenfeld geraten war und auch der bestmögliche Ausweichkurs das Schiff in die völlige Zerstörung geführt hätte. Die Anzahl und die Masse der Meteoriten waren schlicht zu groß gewesen, um sie mit den Bordwaffen klein zu kriegen und den ultraheißen und auch ultraschnellen Staub mit der Schiffsnase auf die Seite zu schieben. Das Zeug hätte die Frontaldeflektoren früher oder später durchschlagen. Mit katastrophalen Folgen, die niemand von ihnen überlebt hätte.
Der Major hatte dafür einen ungewöhnlichen, aber effektiven Lösungsweg gefunden. Er hatte das Schiff gedreht. Damit entlastete er den überhitzten Bug, brachte weitere schwere Waffen zum Einsatz und nutzte zum Schutz die noch nahezu jungfräulichen Supraleiter, Zwischenspeicher und Deflektoren auf der Steuerbordseite. Die Drehung hatte weniger als zwei Minuten gedauert, dann flogen sie mit dem Heck voran. Was folgte, war ein simples Bremsmanöver. Voller Schub gegen die Flugrichtung bedeutete, mit maximal negativer Beschleunigung abzubremsen. Ein vollständiges Bremsmanöver hätte, ähnlich wie beim Start, mehrere Tage benötigt. Das war natürlich nicht im Sinn des Kunstgriffs. Die Feuerkraft der Hochenergiegeschütze und Railguns war lächerlich klein, verglichen mit den Antimaterie-Triebwerken. Das Bremsmanöver dematerialisierte alles, was sich in einem Abstand von einem Lichttag vor ihnen befand. Man hätte damit auch einen Planeten aus der Umlaufbahn schieben können. Der Weg war also fürs Erste frei.
Bei dem Manöver hatten 15  g Beschleunigung auf das Schiff eingewirkt. Wer sich zu diesem Zeitpunkt nicht in einer geschützten Ausgleichszone befunden hätte, wäre nun nicht mehr am Leben.
»Colonel Harper, darf ich kurz stören?« Major Espinoza kam zu ihr in das Labor. Jazmin war dabei, die Blutproben für eine weitere Untersuchung zu präparieren.
»Bitte.«
»Wir haben gerade ein schwieriges Manöver überstanden.«
»Das ist richtig.« Neben First Lieutenant Adele Lefevre waren noch zwei von Denis’ Technikern verstorben, die wie Mellenbeck inmitten dieses Chaos einen Schlaganfall erlitten hatten. Damit stieg die Anzahl ihrer Opfer auf neun.
»Ich habe vielleicht ein paar Dinge gesagt …« Ihm schien selbst bewusst zu sein, dass er sich während des Bremsmanövers seltsam benommen hatte. Aber er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Nur darauf kam es an. Es war immer nur eine Frage der richtigen Entscheidung.
»Raul, das tun wir alle.« Jazmin dachte an ihr eigenes Geplapper, als sie mit Endorphinen abgefüllt und halbnackt vor den anklagenden Blicken der halben Crew gestanden hatte.
»Wie kommen Sie weiter?«
»Es dauert noch ein wenig … geben Sie mir zwei Stunden, dann kann ich Ihnen mehr sagen.« Das hoffte Jazmin zumindest, sie hatte keine Ahnung, wonach sie eigentlich suchte. Die Symptome der Opfer ließen bislang keine seriöse Diagnose zu.
»Okay … bitte informieren Sie mich, sobald Sie etwas haben.«
»Natürlich.« Sie lächelte.
»Wo ist eigentlich Jagberg?«
»Ich weiß es nicht.« Sie wusste genau, wo Denis war. Er hatte nur keine Lust, den Wachhund zu spielen. Auf dem Schiff gab es nach dem waghalsigen Wendemanöver inmitten eines Meteoritenschwarms genug zu tun. Dabei war einiges zu Bruch gegangen.
»Ach … ist eigentlich auch egal.« Er schüttelte den Kopf und verließ das Labor. Jazmin wertete diese Geste als zarte Pflanze seines neuerwachten Vertrauens.
Eine Stunde später hatte sich Denis bereits dreimal bei ihr gemeldet. Einen dienstlichen Grund gab es nicht. Er tat es einfach. Um ihre Stimme zu hören, sagte er. Ihr war es beinahe schon peinlich, aber angenehm zugleich. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte.
Nicht, dass es ihr in der Vergangenheit an männlichem Zuspruch gemangelt hätte, aber ihm kaufte sie die Zuneigung ab. Das war ehrlich. Glaubte sie. Außerdem wollte sie nicht wieder an ihm zweifeln. Vertrauen brachte einen in Gefahr, fallengelassen zu werden, aber es wärmte auch. An jemanden zu glauben war der einzige Weg, auf dieser Reise nicht den Verstand zu verlieren.
Bei ihren Blutuntersuchungen kam sie ein Stück weiter. Bei drei Proben hatte sie eine erhöhte Amyloidbelastung feststellen können. Amyloid war ein zentraler Auslöser für Alzheimer, ein dementielles Syndrom. Andere hatten Osteoporose, Knochenschwund, zwei hatten Diabetes, und bei sechs Personen zeigte sich eine Arteriosklerose, eine Arterienverkalkung, die zum Schlaganfall führen konnte. Eine Sache hatten alle diese Ergebnisse gemeinsam, es waren typische Alterskrankheiten. Ihr eigenes Blut gehörte zu den wenigen Proben, bei denen sie keine Besonderheiten feststellen konnte. Das passte nicht zu dem durchschnittlichen Alter der Besatzung und noch weniger dazu, dass sie nur sieben Jahre im Kälteschlaf verbracht hatten. Was stimmte nicht mit ihnen?
Sie legte zwei Finger an den Hals. »Harper für Espinoza, vertrauliche Verbindung aufbauen.«
»Ja.«
»Können Sie reden?«
»Warten Sie einen Moment … jetzt.«
»Ich habe was …«
»Und?«
»Es ergibt keinen Sinn … viele Mitglieder der Besatzung zeigen Symptome von Alterskrankheiten. An der Leiche von Mason Harper habe ich sogar eine Veränderung des Gehirns feststellen können. Raul, dafür sind wir alle viel zu jung.« Jazmin hatte Mason obduziert.
»Gibt es einen Zusammenhang mit dem Kälteschlaf?«
»Der sollte genau das Gegenteil bewirken.«
»Können Sie die Krankheiten behandeln?«
»Das sollte gehen … ich werde eine individuelle Vergabe von Medikamenten erarbeiten. Warten Sie einen Moment.« Jazmin bekam eine Notfallmeldung auf ihrem Bildschirm angezeigt. »Es gibt einen Zwischenfall im Wohnbereich. Ich melde mich später.«
»Colonel, bitte melden Sie mir umgehend, wenn es eine neue Entwicklung gibt.«
»Das werde ich tun.« Jazmin fürchtete sich vor dem, was sie herausfinden könnte.
Eine Stunde und eine Leiche später. Wieder ein Schlaganfall. Nummer zehn. Wieder kam jede Hilfe zu spät. Jazmin hatte nur noch den Tod der jungen Frau feststellen können. Mit sechsundzwanzig waren solche Krankheiten zwar möglich, aber sehr ungewöhnlich. Vor allem bei den ganzen medizinischen Tests, die die Besatzung für diese Mission hatte über sich ergehen lassen müssen.
Sie waren nur noch neunundzwanzig. Mit achtunddreißig hatten sie begonnen. Später kam noch Helen Minous dazu. Jazmin ging zur Brücke, sie musste mit dem Major persönlich sprechen und dachte an Denis. Auch sein Blut war auffällig. Als ob er bereits viel, viel älter wäre. Sie würde ihm nachher persönlich Medikamente geben. Das war alles so irrsinnig. Sie wollte es nicht wahrhaben.
Die automatische Tür zur Brücke öffnete sich, und eine Klangwolke beschäftigter Stimmen schallte ihr entgegen. Hier war es genauso laut wie vor dem Bremsmanöver. Sie blieb einen Moment stehen und sah sich um. In der Mitte der Brücke veranschaulichte erneut eine holographische Projektion die Lage der USS London . An der verkleinerten Darstellung gab es zahlreiche Bereiche, die sich rotleuchtend von den anderen absetzten. Das war kein gutes Zeichen.
»Colonel …« Raul reagierte als Erster. »Sie konnten nichts für die Frau von Nilsson tun?«
»Nein.«
Der Waffensystemoffizier hatte seinen Posten verlassen und war bei seiner toten Frau.
»Was meinen Sie, sind wir bereits alle tot, wenn uns das Schiff um die Ohren fliegt?«
»Es gibt neue technische Probleme?« Entspannt sah auf der Brücke jedenfalls niemand aus. Hier kämpften immer noch alle um das Überleben des Schiffs.
»Ja.« Er zeigte auf ein Kurs-Chart. »Wir driften aus der Spur. Inzwischen machen wir nur noch 0 ,42  c und schlingern wie ein Lämmerschwanz. Wir haben mehrere beschädigte Navigationstriebwerke. Dass wir steuerbords durch einen Bombenhagel geflogen sind, hat nicht geholfen. Es gab keine direkten Treffer, aber die Druckwellen haben trotzdem Schäden angerichtet. Die Deflektoren lenken den heißen Staub zwar ab, drücken dabei aber auf die Integrität des Schiffs.«
»Habe ich gemerkt.« Die Orgie an schweren Erschütterungen war alles andere als angenehm gewesen. »Wie gehen die Reparaturen voran?«
»Die Techniker tun, was sie können … aber es sind zu wenige. Wir müssen mehr Personal aktivieren. Ich habe das Kältebettenproblem priorisiert. Denis Jagberg kümmert sich persönlich darum. Ich hoffe, er kriegt das hin.«
»Ich muss mit Mutter reden. Ich befürchte, dass wir ansonsten die nächste Woche nicht überleben werden.« Das war übertrieben, aber Jazmin wollte nicht billig abgespeist werden.
»Das würde ich auch gerne …«
»Und weil es nicht geht, muss ich in ihren Datenbanken herumstöbern. Raul, ich brauche Rufus. Er muss mir einen virtuellen Zugang verschaffen.«
»Simmerkirk, hast du zugehört?«
»Ja.« Rufus nickte, er saß direkt neben Raul.
»Bekommst du das hin?«
»Einfach ist es nicht. Ich war schon drin … um es vorsichtig zu formulieren, dort sieht es ziemlich wüst aus. Die Ordnungsstrukturen sind offline … man sieht nur einen Berg ungeordneter Daten. Ich würde eher empfehlen …«
»Als ob mich das interessieren würde! Also, ja … du wirst dem Colonel helfen!« Der Major kürzte das Gespräch ab und nickte Jazmin zu.
Virtuelle Exkursionen in die technischen Layer einer Datenbank waren der beste Weg, um einen ohnehin schon gestressten Menschen beim letzten Schritt über die Klippe zu helfen. Jazmin hatte dazu an der Akademie an zwei Übungen teilgenommen. Nach der ersten hatte sie sich kurz die Seele aus dem Leib gekotzt, nach der zweiten eine ganze Nacht lang übergeben. Sie war also vorbereitet.
»Okay, Jazmin, sind Sie bereit?«, fragte Rufus, dessen virtuelles Alter Ego lebensecht vor ihr stand. Sie befanden sich in einem weißen und leeren Eingangsraum. Auf dieser Technologie basierte auch ihr Trainings- und Freizeitcenter.
»Ja.« Zögern brachte nichts, sie musste Hinweise finden, warum so viele von ihnen an Alterskrankheiten litten. Rufus und sie trugen jeweils weiße Kleidung. Das gab ihrer Mission etwas Unschuldiges. Irgendwie unpassend, fand sie. Physisch lagen sie beide in einem Biofeedback-Anzug auf einem Sessel in der Krankenstation und wurden medizinisch überwacht.
»Sie haben die C1 - und C7 -Übung mitgemacht, richtig?«, fragte er.
»Ja.«
»Vergessen Sie alles, was Sie damals gelernt haben.«
»Das ist ja beruhigend …«
»Folgen Sie mir.« Rufus ging los. Jazmin blieb an seiner Seite. »Bei den Übungen gab es keine KI , die versuchte, ihre eigenen Erinnerungen zu vergessen. Mutter tut das … ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, warum. Ich war auf der Akademie bei der Qualitätssicherung ihres Quellcodes dabei. Ich habe auch unter Aufsicht des Nachrichtendienstes Codezeilen des Kernels zertifiziert, die Ihr Vater persönlich geschrieben hat. Wenn man auf Bits und Bytes steht, ist das purer Sex: einfach, effektiv und genial.«
»Dann kennen Sie vermutlich die Arbeit meines Vaters besser als ich.« Jazmin lächelte. Sie war aus Gründen der Geheimhaltung nicht in solche Dinge involviert gewesen. Was natürlich auch ihrem Job als Ärztin geschuldet war.
»Ich kenne Mutters zentrale Parameter … die kann sie nicht ändern. Das ist wie ihre DNA , und glauben Sie mir, da steht nichts davon, dass sie nach sieben Jahren anfängt, ihren Speicher auszumisten.«
»Sie indexiert immer noch?«
»Das tut sie.« Neben Rufus führte eine Treppe hinunter, die auf eine Wiese mündete. Über ihnen schien die Sonne. »Übrigens … das mit der Physik nimmt Mutter nicht so genau. Die Sonne scheint hier auch im Keller. Diese Wiese muss ein neues Eingangsplateau sein. Ich habe keine Ahnung, wo sie das herhat. Hat auf jeden Fall nichts mit dem Schiff zu tun.«
»Das ist Schottland.«
»Ähm … echt jetzt?«
»Da vorne ist Glamis Castle.«
»Wo?«
»Na da!« Jazmin zeigte auf das Schloss. Dort war sie als Kind immer gewesen.
»Ähm … das war doch eben noch nicht da, oder? Hier war sonst immer eine leere Halle, und ich konnte weitere Treppen hinablaufen.«
»Treppen sehe ich keine, aber das alte Herrenhaus. Kommen Sie mit, ich kenne mich hier aus.«
»Ich nicht …«
»Warum reflektiert Mutter Teile aus meinem Gedächtnis?« Das konnte Jazmin sich nicht erklären.
»Na ja … ich denke, dass … ich Ihnen dazu absolut keine sinnvolle Antwort geben kann. Kennen Sie dieses alte Gemäuer? Sieht nicht gerade bewohnt aus.«
»Ja …« Je näher Jazmin ihrem Elternhaus kam, desto offensichtlicher erkannte sie, dass es unbewohnt und leer war. Das Schloss alterte in extremer Geschwindigkeit. Das Dach stürzte ein, und Fensterscheiben zerbrachen. Moose bildeten sich, vergingen wieder, und massive Mauersteine zerfielen zu Bruchstücken. Als würden Jahre in Sekunden vergehen. »Das ist nicht real.«
»Ähm … natürlich nicht.«
»Nein, ich meine, so sieht es auf Glamis Castle nicht aus. Das Gebäude ist nicht zerfallen.«
»Für Mutter schon … sie löscht die Erinnerung aus ihrem Speicher. Hier wird nichts übrig bleiben.«
»Lassen Sie uns reingehen.« Als Jazmin die Tür berührte, tat sich der Boden unter ihnen auf. Alles stürzte in die Tiefe. Sie schrie, konnte aber die eigene Stimme nicht hören.
Dann war es vorbei. Sie standen in einem Kellergewölbe. Dunkel und leer. Ihre Schritte wirbelten Staub auf. Sie konnte nur eine Wand sehen, der Rest des Raums verlor sich in der Schwärze.
»Was für ein Sturz. Wir müssen den Table gewechselt haben. Der alte existiert nicht mehr«, erklärte Rufus, der sich den Dreck von der Kleidung schlug. »Ein nettes Plätzchen …« Er drehte sich herum. »Kennen Sie auch dieses Kellerloch?«
»Nein.« Was sie wunderte. »Warum sind wir jetzt hier gelandet?«
»Wenn Mutter keine KI wäre, würde ich sagen, sie hat einen Knall … aber so kann ich nur meine Antwort von eben wiederholen: Ich weiß es nicht. Relationale Datenbanken sind logisch aufgebaut. Alle Informationen sind durch einen Index identifizierbar. Es gibt Ordnungsstrukturen, die wir allerdings komplett umgangen haben. Ich habe mir eine Hilfsstruktur erschaffen. Hat es aber auch nicht gebracht.«
»Diese Daten haben etwas mit mir zu tun.«
»Oder mit Ihrem Vater. Hatte Duncan Harper die KI nicht auf seinem Landsitz in Schottland entwickelt?«
»Stimmt.«
»Dann würden wir uns in einer sehr alten Erinnerung befinden. Ehrlich gesagt, kann das eigentlich gar nicht sein. Ein solches Datenbankelement hätte niemals den Weg durch die Sicherheitskontrolle geschafft.«
»Rufus, sehen Sie das alte Sofa?« Es stand ein Stück weiter. Das braune Leder wirkte alt. Die Füße waren rissig und teilweise ohne Farbe. Jazmin ging darauf zu.
»Ja … kennen Sie es?«
»Nein.« Jazmin konnte eine kleine Gestalt erkennen, die unter einer dicken Staubschicht auf dem Sofa saß. Ein Kind, es trug schmutzige rote Schuhe.
»Sagt Ihnen die Puppe etwas?«
»Das ist keine Puppe …« Jazmin erschrak, das farbige Mädchen hatte lange dunkle Locken. Sie wischte etwas von dem Staub weg. Das Kleid, das sie trug, war früher einmal weiß gewesen. Die Augen des Kindes starrten sie an. »Das hört sich jetzt vielleicht bescheuert an, aber … das bin ich.«
»Ähm … bitte?«
»Ja …« Jazmin berührte vorsichtig die Hand des Kindes und wurde umgehend durch die nächste Mauer geschleudert. Sie versuchte zu atmen und öffnete die Augen. Die Krankenstation der USS London . Sie war zurück.
»Ma’am, Sie sind aus der Sitzung geflogen«, erklärte ein Sanitäter, der auf sie aufgepasst hatte, und hielt sie fest. »Bitte beruhigen Sie sich wieder!«
Neben ihr lag Rufus Simmerkirk auf der Liege und schrie sich die Seele aus dem Leib.