XIX.
Blick in den Abgrund
Jazmin glaubte für einen Moment, das Bewusstsein zu verlieren. Die Erschütterung kam aus dem Nichts. Der Sturz gegen die Wand presste ihr die Luft aus der Brust. Atme, rief sie sich zu. Atme, jetzt schrie sie in Gedanken. Sie schnappte nach Luft.
Das Kribbeln in den Fingern ließ nach. Denis Jagberg war es nicht besser ergangen, auch er wurde von den Beinen gerissen und lag mit den Füßen nach oben neben ihr. Wie er es geschafft hatte, sich während weniger Meter in der Luft zu drehen, wusste sie auch nicht. Sein nicht zu überhörender Einschlag auf die Stirnplatte eines Kältebetts hatte eine tiefe Beule im Metall hinterlassen.
»Hey! Ist alles in Ordnung mit dir?« Das war die erste Frage, die er stellte. In der kühlen und feuchten Luft konnte sie seinen Atem kondensieren sehen.
»Ja …« Sie setzte sich auf, um sich abzutasten. Ihr Rücken schmerzte, es war aber nichts gebrochen. Da war auch zum Glück kein Blut. »Was ist passiert?
»Espinoza hat Tarek Abbas eines der Navigationstriebwerke starten lassen. Das hat zu einer Explosion geführt. Dieser verdammte Idiot! Er hätte auf Tarek hören sollen!« Denis schlug mit der flachen Hand gegen eines der Kältebetten.
»Bist du verletzt?« Jazmin ging zu ihm.
»Zählen blaue Flecken?« Er kippte zur Seite und stand ebenfalls auf. Was für eine Riesensauerei! Aus den beiden Kältebetten war jeweils reichlich Transferflüssigkeit ausgetreten und ließ sie in einer riesigen Pfütze aus Blut, verwestem Gewebe und besagter milchiger Flüssigkeit stehen. Ohne Filter in der Nase wäre der Geruch nicht auszuhalten gewesen.
»Nein.« Jazmin wusste, dass der Major einen Fehler gemacht hatte. Er hätte Tarek Abbas niemals zwingen dürfen, das Navigationstriebwerk zu zünden. Der Techniker hatte ihn ausdrücklich gewarnt. »Harper für Espinoza. Verschlüsselte Verbindung aufbauen.«
Keine Reaktion.
Sie verzog den Mund. »Harper für Brücke. Verbindung aufbauen!« Sie musste unbedingt mit dem Major sprechen. Die beiden Toten in den Kältebetten stellten ihre ganze Mission in Frage. Sie musste unverzüglich klären, wie lange das Schiff wirklich bereits unterwegs war. Das mit den sieben Jahren war eine Lüge. Ihr wurde flau im Magen, wenn sie an die Konsequenzen dachte. Wenn sie nicht wussten, wie lange sie unterwegs waren, dann wussten sie auch nicht, wo sie waren.
»Ähm … hallo … wer ist da?« Ein Mann meldete sich. Im Hintergrund war ein lautstarker Streit zu hören, bei dem Jazmin nicht sofort alle Stimmen zuordnen konnte.
»Hier ist Colonel Harper.«
»Oh … Colonel.« Es war Captain Aayana. Verständlich, er war für die Kommunikation zuständig. In seiner Nähe schrie der Major jemanden an, dass dieser doch gefälligst seine Klappe halten und einfach tun solle, was er ihm befahl.
»Ich möchte mit Major Espinoza sprechen!«
»Das ist gerade schlecht …«
»Aayana! Mit wem zur Hölle reden Sie da?« , rief der Major, der völlig außer sich war.
»Sir, es ist Colonel Harper … sie bittet darum …« Aayana war nicht der Typ, um seinen neuen Kommandanten einzufangen. Dafür fehlten ihm noch einige Jahre auf der Uhr.
Der Major fiel ihm ins Wort. »Das interessiert mich gerade einen Scheiß! Die soll einen Eintrag ins Logbuch machen und mich in Ruhe lassen!«
»Captain Aayana! Sie werden mich jetzt umgehend auf die Brücke schalten!«, befahl Jazmin.
»Ma’am, Sie haben ihn gehört …«
»Aayana, es ist wirklich wichtig. Sie wissen, was richtig und was falsch ist, oder?« Das war keine Frage des Rangs.
»Ja, aber …«
»Tun Sie es!« Während Jazmin sprach, sammelte Denis einige in der Gegend herumliegende Körperteile ein und warf sie zurück in die beiden offenen Kältebetten.
»Er kann Sie hören …« , flüsterte Aayana.
»Major Espinoza, ich muss Sie umgehend sprechen! Es geht um unser aller Überleben!«, sagte Jazmin und legte ihre gesamte Autorität in die Worte.
» AAYANA , WARUM SPRICHT DER COLONEL ÜBER LAUTSPRECHER Er tobte regelrecht.
»Sir, Sie sollten vielleicht …«
» SIE VERSTEHEN ES NICHT , ODER , brüllte der Major zurück. Das Gespräch drohte schwierig zu werden.
»Sir, ich befinde mich bei den Kältebetten und muss mit Ihnen über eine sehr wichtige Entdeckung reden!« Das sollte er doch nun verstanden haben, er hatte sie selbst auf diese Mission geschickt.
» ALS OB DAS NOCH JEMANDEN INTERESSIEREN WÜRDE ! WIR WERDEN ALLE STERBEN
»Sir, bitte öffnen Sie umgehend eine verschlüsselte Verbindung! Es ist wichtig!« Jazmin blieb beharrlich. »Wir müssen über eine problematische Entwicklung sprechen.« Jazmin wollte nicht allen auf der Brücke mitteilen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit zahlreiche Mitglieder ihrer Mission den Kälteschlaf nicht überlebt hatten.
» HARPER , HÖREN SIE NICHT ZU
»Doch … das tue ich sehr wohl!«
» SIE SIND BEREITS TOT
»Nein!«
» DOCH ! SIE WISSEN ES NUR NOCH NICHT , schrie der Major wie ein Verrückter. Nichts von seinen Worten ergab Sinn. » WAFFEN AUFNEHMEN ! WIR WERDEN DIE BRÜCKE BIS ZUR LETZTEN SEKUNDE HALTEN ! WIR KÄMPFEN ! NIEMAND WIRD SEINEN FUSS DURCH DIESE TÜR SETZEN
Neben seiner Stimme waren Jenkins und Simmerkirk zu hören. Jenkins, die dagegenhielt, und Simmerkirk, der gemeinsam mit dem Major die anderen aufwiegelte.
»RAUL , HÖREN SIE MIR ZU  …« Dann wurde es still. Die Verbindung brach ab. Was war nur mit Major Espinoza los? Er hatte sich während der Ausbildung niemals so verhalten. Mit dieser hysterischen Tour wäre er bei keiner Notfallübung durchgekommen. Der Tod seiner Frau, die Angst und der allgemeine Stress hatten offenbar dazu geführt, dass er komplett übergeschnappt war.
Denis sah sie fragend an.
»Der Major will nicht mit mir sprechen …«
»Espinoza ist verrückt geworden!«
»Er ist krank.« Jazmin wusste es besser, sie hatte sein Blutbild gesehen. Das hätte genügt, um ihn dienstuntauglich zu schreiben. Was passierte auf dem Schiff? Sie musste an ihren Vater denken. Als Kind hatte sie immer geglaubt, dass er alles wüsste. Es hatte keine Frage gegeben, die er nicht beantworten konnte. Auch wenn sie einiges erst viele Jahre später verstanden hatte: Das besondere Talent des Menschen sei es, aus Fehlern zu lernen, dumm nur, dass viele diese Erkenntnis mit dem Leben bezahlen, hatte er ihr einmal gesagt. Worte, die sie nie vergessen hatte.
»Es geht los …« Während Denis sprach, musste er, um nicht zu fallen, zwei Schritte nach hinten ausweichen. Ihr erging es nicht besser. Als ob sich vor ihren Augen der Boden neigen würde. Die Flüssigkeit bewegte sich auf sie zu. Die künstliche Gravitation an Bord der USS London verschob sich.
»Was geht los?«
»Wir rotieren. Die Explosion hat dem Schiff einen Drehimpuls verpasst. Alle anderen Triebwerke sind offline. Die Rotation drückt uns nach außen. Was wir nun erleben, ist das erfolglose Bestreben unserer künstlichen Gravitation, dem entgegenzuwirken.«
»Ähm …« Sie hatte keine Ahnung, mit welchen Folgen sie nun zu rechnen hatten.
»Ich kürze es ab … wenn wir das nicht in den Griff bekommen, haben wir bald ein Problem.«
»Welche Sorte Problem?« Jazmin lehnte sich gegen die Wand, das war inzwischen einfacher.
»Die Sorte, bei der wir uns keine Sorgen mehr um den nächsten Tag machen müssen. Die zunehmenden G-Kräfte dieser Rotation werden uns töten.«
»Und was tun wir dagegen?« Sie hatte gerade keine Lösung parat, um ein manövrierunfähiges Raumschiff mit einem durchgeknallten Kommandanten wieder in die richtige Spur zu bringen. Zudem war ihre aktuelle Situation denkbar schlecht. Die Rotationskräfte wurden immer stärker. Sie klebte förmlich an der Wand. Es war unmöglich, den Raum zu verlassen.
»Wir?« Er rollte sich zu ihr. »Also wenn ich auf der Brücke wäre … oder dort noch jemand wäre, mit dem man reden könnte, wüsste ich eine Antwort. Ansonsten werden wir daran wenig ändern können. Mir fehlt die Berechtigung, um …«
»Warte einen Moment …« Jazmin öffnete ihre digitale Arbeitsumgebung und spiegelte diese mit Denis’ Display. Keines der Systeme war sehr groß. Sie dachte an General Mellenbeck, der ihr den maximalen Zugriff gestattet hatte. »Du kannst mit meinen Rechten auf Root-Level agieren.«
»Ja, Ma’am …« Denis lächelte. »Volle Rechte … damit könnte etwas gehen. Du steckst voller Überraschungen. Ich probiere es. Drück mir die Daumen!«
»Was hast du vor?« Die Gravitation presste sie immer stärker gegen die Wand.
»Zuerst müssen wir die Auswirkung der Rotation abmindern. Ansonsten sehe ich schwarz.«
»Wie soll das ohne Steuerbordtriebwerke funktionieren?« Um die Rotation zu stoppen, hätte man genau die Navigationstriebwerke benötigt, die bei der Explosion zerstört wurden.
»Wird nicht leicht. Für eine weitere Reparatur fehlt uns die Zeit. Ich versuche deshalb, die Steuerung für unsere künstliche Gravitation an Bord zu öffnen, deren KI die ganze Zeit versucht, uns zu stabilisieren … das ist falsch. Völlig falsch sogar. Mutter hätte es besser gewusst, und auch Espinoza sollte es eigentlich verstehen. Dummerweise spürt er kaum etwas davon. Die Brücke, der Wohnbereich und die Zone unserer Lebendtiere haben einen besonders hohen Schutz gegen hohe G-Kräfte. Den gibt es hier nicht. In dieser Zone sind nur die Kältebetten gesichert.«
»Der Major hat Waffen ausgegeben lassen …« Jazmin wollte sich nicht ausmalen, was er damit vorhatte.
»Wir müssen ihn aufhalten!«
»Du kümmerst dich um die künstliche Gravitation, ich um unseren Major!«
»Deal!«
»Harper für Espinoza. Verbindung aufbauen. Priorität eins. Andere Einstellungen ignorieren.« Das war keine höfliche Art, ein Gespräch zu beginnen, aber es funktionierte.
»Was wollen Sie?« , schrie der Major. In seiner Umgebung war es sehr laut. Mehrere Personen riefen durcheinan der. »Simmerkirk, du sicherst die automatische Tür von rechts!«
»Raul! Das Schiff rotiert! Sie müssen uns helfen, diese Drehbewegung zu stoppen!«
»Das ist nicht mein Problem. Wir sind in der Sicherheitszone. Die Techniker meutern! Abbas will die Brücke stürmen! Das werde ich nicht zulassen!«
»Raul, das ist sicherlich ein Missverständnis, hören Sie …« Weiter kam sie nicht. Er kappte die Verbindung erneut.
»Sprich mit Tarek«, erklärte Denis, ohne sie anzusehen.
»Harper für Abbas. Verbindung aufbauen. Denis Jagberg einbinden.« Das sollten sie zu dritt klären. Jazmin hatte während der Ausbildung mit Tarek Abbas kaum mehr als drei Worte gewechselt. Denis hingegen war sein Teamleiter.
»Wer ist dort bitte?« Auch bei dem Techniker waren zahlreiche Hintergrundgeräusche zu hören.
»Colonel Jazmin Harper. Denis Jagberg ist bei mir. Wir möchten mit Ihnen sprechen.«
»Tarek … ich freue mich, dass du noch lebst«, sagte Denis, der, während er sprach, in der Luft diverse Handbewegungen machte.
»Vier von uns sind dabei gestorben. Der Major hätte das Triebwerk nicht starten dürfen!«
»Tarek! Niemand gibt dir dafür die Schuld!« Denis sprach weiter. Das war gut. Er konnte mehr erreichen als sie.
»Der Major schon …«
»Das ist Blödsinn!«
»Das sieht er anders.«
»Tarek, was hast du jetzt vor?«, fragte Denis.
»Wir gehen zur Brücke …«
»Und dann?«
»Werden wir das klären.«
»Nein! Hast du mich verstanden? Du wirst nicht mit Espinoza reden! Die haben sich Waffen besorgt! Du wirst warten!«
»Auf was?«
»Auf Colonel Harper und mich … Wir reden mit ihm. Du wirst es nicht alleine tun. Tarek … er würde dich erschießen!«
»Ähm … einen Moment.« Tarek zögerte und tuschelte im Hintergrund mit jemandem. »In Ordnung … ich vertraue dir. Denis, der Major hat den Verstand verloren. Er sagte mir, dass du und der Colonel nicht mehr leben würden.«
»Uns geht es gut.« Jazmin atmete erleichtert auf. Sie hatten ihn auf ihrer Seite. »Danke, Tarek.«
»Espinoza täuscht sich gewaltig.« Denis zeigte mit dem Daumen nach oben. »Haltet euch bereit, okay?«
»Ja.«
»Wie sieht bei euch die Gravitation aus?«
»Wir sind alle in der Sicherheitszone. Die fette britische Lady eiert durch den Raum, als ob sie eine Flasche Scotch geext hätte. Niemand sollte sich jetzt in nichtgesicherten Zonen befinden.«
»Da stimme ich dir zu«, sagte Denis.
»Wo bist du?«
»Bei den Kältebetten.«
»Brauchst du Hilfe?«
»Danke … aber das bekommen wir alleine hin.«
»In Ordnung, Tarek, wir melden uns später.« Jazmin stellte den Kanal auf Stand-by. Da Denis in ihrer gespiegelten Umgebung agierte, sah sie, was er tat. Er griff in die Steuerung der künstlichen Gravitation ein und deaktivierte sämtliche Routinen. Für solche Aufgaben hatte sich Mutter perfekt geeignet, die beliebig viele Bedienfelder gleichzeitig drücken konnte. Ein Mensch brauchte dafür erheblich länger.
»Jazmin!«
»Ja.«
»Ich brauche Aayana … er muss mir helfen, ein mathematisches Modell für unsere dämliche Rotation zu erstellen. Scheiße, das kriege ich nicht hin.«
»Christoph, können Sie mich hören … falls Sie wegen des Majors nicht frei sprechen können, schreiben Sie mir. Wir brauchen Ihre Hilfe.« Sich Textnachrichten zu schicken war zwar nicht sehr modern, funktionierte aber immer noch.
Ich höre , schrieb er.
»Das Schiff rotiert. Denis Jagberg versucht, diese Entwicklung zu stoppen. Dafür benötigten wir Ihre Hilfe. Können Sie ein mathematisches Modell unserer Rotationsbewegung erstellen und auf meine Arbeitsumgebung spiegeln?«
Ja.
Jazmin bekam eine Sekunde später Aayanas Arbeitsumgebung als Fenster in ihrem Sichtfeld angezeigt. Damit sah auch Denis, was er tat. Dem Captain standen Navigationswerkzeuge zur Verfügung, um direkt aus den Werten der Sensoren ein graphisches Modell zu berechnen und die Formel dafür weiterzureichen. Ohne Mutters Hilfe bedurfte es dennoch eines gewissen mathematischen Sachverstandes, um die Formel richtig abzubilden. Sie hätte das nicht hinbekommen.
Die USS London rollte unkontrolliert über alle drei Achsen durch den Raum auf das Schwarze Loch zu. Dabei wurden sie schneller. Inzwischen lagen sie bereits bei 56  Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Sie hatte keine Ahnung, wie lange das Schiff das noch mitmachen würde. Laufend wurden Deflektoren auf allen Seiten aktiviert, da ihr Schiff schneller war als der Staub, der hier ansonsten seine Runden drehte.
Minuten später. Jazmin ging es nicht gut. Die G-Kräfte wurden kritisch. Ihr fiel es schwer zu atmen. Sie sah, wie Christoph und Denis gemeinsam die Bewegungen des Raumschiffs abbildeten. Mehr noch, sie schufen eine Routine, die diese Werte laufend mit Sensorwerten abglich und an die Steuerung für die künstliche Gravitation weiterreichte. Normalerweise arbeiteten diese Systeme völlig autark.
Sie kopierte diesen komplexen Datenfluss und lenkte ihn in ein medizinisches Modell, um die Auswirkung für den Menschen einschätzen zu können. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Außerhalb der Sicherheitszone würden sie in weniger als zehn Minuten an schweren Hirnblutungen oder ähnlichen Dingen sterben. Auch der Sicherheitsbereich würde auf Dauer nicht verschont bleiben. Dort wäre das Leben in sechzig Minuten beendet. Oder vorher, falls es das gesamte Schiff in zwei Teile zerriss. »Denis!«
»Ja.«
»Wir haben nicht mehr lange!« Jazmin gab ihnen noch ein sicheres Zeitfenster von fünf Minuten.
»Das ist mir bewusst.«
»Ich wollte es nur gesagt haben.«
»Wenn die Steuerung der künstlichen Gravitation nach meiner Kriegserklärung noch mit mir redet, können wir deine Bedenken diskutieren.«
Jazmins Hinterkopf wurde an die Wand gedrückt. Genau an der Wand, an der nun von unten nach oben die schleimige Totensuppe an ihr vorbeilief. Es war widerlich.
»Das Schiff spielt mit uns …« Dann rollte Denis sich nach hinten ab und stand aufrecht auf der Stirnplatte eines Kältebetts. Die Gravitation hatte ihren Vektor um mehr als 90  Grad verschoben. »Lass es geschehen.«
»Was hast du gemacht?« Jazmin spürte, wie der Druck abnahm. Sie machte ebenso eine Rolle rückwärts und stand wieder auf den Beinen. Der Boden unter ihren Füßen war zuvor Wand gewesen und umgekehrt. Die Drehbewegung ging weiter.
»Ich habe uns etwas Zeit geschenkt« Er lächelte. »Sieh auf die Flüssigkeit. Folge ihr.«
»Wie?«
»Das Problem war, dass die Steuerung der künstlichen Gravitation unsere Lage nicht verstanden hat. Mit dem Versuch, die horizontale Achse zu halten, wurden wir durch die Rotationsbewegung gnadenlos an die Wand genagelt. Ich habe die Vorgabe aufgehoben und die künstliche Gravitation dynamisch zum Ausgleich gegen die Rotationkräfte eingesetzt. Das System filtert nun alles über 1 G weg und antizipiert dabei die Bewegung des Schiffs.«
Jazmin staunte nicht schlecht.
»Den Effekt siehst du. Wir können uns mit der verbliebenen 1 -g-Rotationsbeschleunigung wie gewohnt bewegen, müssen uns aber in einem sich ständig drehenden Umfeld zurechtfinden.« Denis ging einen Schritt auf die Seite. Leichenteile stürzten an ihm vorbei. Das Kältebett folgte dieser Bewegung. Gleich würde die Decke der neue Boden unter ihren Füßen sein.
»Passiert das auf dem ganzen Schiff?«
»Ich habe die Sicherheitszone involviert … damit Espinoza, dieser Idiot, es auch versteht.«
»Danke, Christoph!«
Gern geschehen , antwortete Aayana. Der Major ist stinksauer, er und Simmerkirk tragen Waffen. Jenkins, die das nicht mitmachen wollte, hat ein Loch im Kopf. Die beiden sind wie von Sinnen. Die haben sie vor aller Augen erschossen. Der Major hält die Manipulation der Gravitation für einen Trick und hat mich beauftragt, sie rückgängig zu machen. Keine Sorge, ich werde mir damit Zeit lassen.
»Wir sind auf dem Weg.« Denis reichte Jazmin die Hand. Sie folgten der Flüssigkeit. Gleich würden sie an der zweiten Wand herunterlaufen können. Die beiden geöffneten Kältebetten polterten ihnen hinterher. Zahlreiche Trümmerteile zerbarsten. Die beiden Drohnen schwebten die ganze Zeit leise piepend in der Raummitte und störten sich nicht an der Verschiebung der Gravitation.
Einen Moment später waren sie nach einer kompletten 360 -Grad-Drehung wieder auf dem ursprünglichen Boden angekommen. Die beiden Kältebetten hatte es völlig zerlegt. Ähnlich wie die Leichen, die nun stückweise an den Wänden klebten und auf dem besten Wege waren, eine zweite Runde zu drehen. Auch dem medizinischen Equipment, das sie mitgebracht hatte, war es nicht besser ergangen. Alles flog wild in der Gegend herum.
Noch ein Update zum Schiff. Wir werden schneller. Wir machen bereits 0 ,58  c. Das Kursdelta wächst, und wir nähern uns dem Schwarzen Loch. Das ist zwar noch weit entfernt, aber ich habe keine Ahnung, ob die Sensordaten überhaupt stimmen. Ich bin der Letzte, der sich um das Schiff kümmert. Das ist Wahnsinn! Anstatt mit den Technikern zu kämpfen, sollten wir lieber gemeinsam die verbliebenen Steuerbordtriebwerke reparieren.
»Warte …« Denis hielt sie inmitten der automatischen Tür auf. Draußen lag nur ein zerschmetterter Scooter auf dem Gitterboden. Die Drehung ging weiter. Etwas über ihren Köpfen knirschte. Jazmin lehnte sich nach hinten. Er umschloss sie mit beiden Händen. Eine Sekunde später krachte der vermisste Scooter auf die Gitter. Ein Rad löste sich und prallte nur einen halben Meter neben ihnen gegen den Türrahmen. Verdammt, das hätte schiefgehen können.
»Christoph, was würde passieren, wenn wir die Antizipation der künstlichen Schwerkraft nicht an der Rotation ausrichten, sondern in passenden Momenten korrigierend eingreifen? Wie bei einem Kreisel inmitten eines rollenden Balls?«, fragte Denis. Die Drehung setzte sich fort. Die beiden zerstörten Scooter rutschten auf die Seite. Der Weg war frei. Grundsätzlich bewegte sich keiner der Container im Lagerbereich, aber es gab Zonen, in denen es abseits der Trasse hoch hinaus- oder steil abwärtsging.
Das würde die Rotation verlangsamen, aber auch euren Rückweg erschweren. Eine gegenläufige Rotation der künstlichen Gravitation würde nicht gleichmäßig verlaufen.
»Mach es … wir müssen uns mehr Zeit verschaffen, um das Schiff zu reparieren!«
Jazmin nickte. Sie vertraute Denis. »Captain, ich übernehme dafür die Verantwortung.«
Über die Verbindung mit der Brücke waren Schüsse zu hören, die erst mit einigen Sekunden Verspätung und deutlich leiser am Eingang zu den Kältebetten zu hören waren.
»Der Major feuert auf jemanden, der sich der Brücke nähern will. Ich weiß nicht, wer das war, aber er dürfte nicht mehr leben.« Christoph kämpfte mit den Tränen. Weitere Schüsse fielen. »Ich habe alle notwendigen Modifikationen der Gravitation berechnet. Colonel, Sie können die Änderung freigeben. Ich sende euch ein Profil, damit wisst ihr immer vorher, wann es zu einer Gravitationspitze kommt.«
»Fertig?«, fragte Denis.
Jazmin konnte sehen, aus welcher Richtung und mit welcher Stärke die Gravitation ihnen gleich die Route vorgeben würde. »Überleben wir das?«
»Ich gebe uns gute vierzig Prozent!« Denis grinste und sprintete los. Vor ihnen gab es ein Fenster von sieben Sekunden mit nahezu normaler Gravitation. Sie startete ebenfalls.
»Du bist verrückt!«
»Ja.« Denis, der vor ihr war, begann, seine Ausrichtung zu ändern. Er kippte immer mehr nach links. Ihr erging es nicht anders. »Aber du bist verrückter!« Denis zeigte drei Finger nach oben, zwei Finger und abschließend einen. Dann sprang er mit einem riesigen Satz ins Nichts. Sie tat es ihm gleich. Unter ihnen ging es dreißig Meter in die Tiefe. Beide flogen durch die Luft, während sich die Gravitation weiter um sie herum drehte und damit den Sprung wie durch Geisterhand verlängerte. »Du bist steinreich und trotzdem mitgekommen! Ich wäre an deiner Stelle daheimgeblieben und hätte in meiner schicken Londoner Stadtvilla Cocktails getrunken und Wohltätigkeitspartys geschmissen!«
»Idiot!«
Denis landete auf der Flanke eines Containers und lief lachend weiter. Der Sprung hatte eine Kluft von gut zwölf Metern überbrückt. In dieser Zone bildeten die Container eine nahezu gerade Lauffläche. Trotzdem rannte Denis schräg nach rechts oder, aus einer normalen Perspektive heraus betrachtet, schräg nach oben. Das war der richtige Weg, weil sie ansonsten der nächste Sprung metertief auf die Decke über ihnen krachen lassen würde.
»Noch neun Sekunden!« Er lief weiter und sprang einen Versatz hoch. Diese Passage war aufgrund des Höhenunterschieds von bis zu achtzig Metern lebensgefährlich.
» JAGBERG ! WARST DU DAS MIT DER GRAVITATION , brüllte Espinoza in den offenen Gesprächskanal. » DAFÜR WERDE ICH AAYANA EINE KUGEL IN DEN MUND SCHIESSEN