XX.
Kaliber .45 ACP
Die Zeit lief gegen ihn. Denis konnte in seinem Head-up-Display sehen, was auf ihn zukam. Das war nicht gut. Nur noch wenige Sekunden. Die Gravitation würde sich eine Auszeit nehmen. Verdammt, er hatte noch keine Idee, wie er damit umgehen sollte. Um die Rotation ihrer fetten britischen Lady abzubremsen, sah Aayanas Höllenskript einige extreme Verlagerungen der künstlichen Gravitation vor. Es lief ähnlich wie bei einer Schaukel, bei der man sein Gewicht einsetzte, um zu beschleunigen oder abzubremsen.
»Scheiße!« Noch zwei Sekunden. Zu wenig, um dreißig Meter zu überbrücken. Er würde springen. Jazmin war mindestens zehn Meter hinter ihm. Für sie war es noch gefährlicher. Es gab keine Alternative. Sie mussten das durchziehen. »WIR
SPRINGEN
!«
Ein weiterer Schritt, ein Atemzug, und er sprang. Durch das Schiff ging ein Ruck. Da war nichts. Keine Decke über ihm, kein Boden unter ihm und keine Wand neben ihm. Nur das Overlay seines Displays zeigte ihm verbliebene Konturen und Abstände an. Ein Blindflug. Das wenige Licht erlaubte ihm kaum, drei Meter weit zu sehen. Er drehte sich in der Luft. Da war Jazmin. In ihrem Gesicht war die Anspannung zu erkennen. Sie war gerannt wie der Teufel und bewegte sich jetzt auf ihn zu. Die Gravitation löste sich in
Wohlgefallen auf. Sie befanden sich in einer kurzen Phase der Schwerelosigkeit und hatten sich für den erneuten Start des Karussells nicht gerade die beste Stelle ausgesucht. Ihnen drohte ein Sturz in die Tiefe, den sie nicht überleben würden.
»
JAGBERG
,
ICH
WEISS
,
DASS
DU
MICH
HÖRST
!
REDE
, ODER
ICH
TÖTE
DIESEN
NIGGER
!«
Denis konnte Espinozas Drohungen gerade so gut gebrauchen wie Bauchschmerzen. Eigentlich dachte er, dass diese rüde Bezeichnung irgendwo in der Zeit abgesoffen wäre. Aber dem war nicht so. Dummheit überlebte alles. Er konnte Christoph Aayana nicht helfen. Das hatte dieser Mann nicht verdient. Sein mathematisches Talent war der einzige Grund dafür, dass sie noch lebten.
»Major Espinoza! Hier spricht Colonel Harper! Ich übernehme das Kommando!«, rief Jazmin. Wenn es doch nur so einfach wäre. »Major Simmerkirk, ich befehle Ihnen, Major Espinoza zu entwaffnen! Sie werden ihn festhalten, bis ich bei Ihnen bin!«
»Hey, ist das jetzt so ’n Niggerding, oder was geht hier?«
Espinoza lachte höhnisch. »Mein süßer Colonel, ohne deinen Vater hättest du weder deinen Rang noch deine Position bekommen. Du hast es einfach nicht drauf!«
»Major Simmerkirk! Führen Sie meinen Befehl aus! Ich autorisiere Sie ausdrücklich, Major Espinoza, falls er sich widersetzt, zu erschießen!« Jazmin drehte sich, während sie redete, um ihre eigene Achse. Denis bekam sie zu fassen. Sie bebte am gesamten Körper. Ihr langer weißer Zopf streifte sein Gesicht. Die Gravitationsvektoren würden gleich die Richtung ändern. Nur noch wenige Sekunden. Er sah den weiteren Verlauf. O nein, das war alles andere als gut. Die beiden Drohnen konnten ihnen nicht helfen. Sie folgten
Denis und hatten selbst mit der instabilen Gravitation zu kämpfen. Sie hatten sich die ganze Zeit wild gedreht, waren immer wieder einige Meter abgesackt und mussten sich erneut fangen.
»Sorry, Ma’am, aber das kann ich nicht tun. Finde dich damit ab … du hast verloren! Stirb einfach und geh mir nicht auf den Sack!«
Das war Rufus Simmerkirk. Dieser Verräter. Von ihm brauchten sie auf keine weitere Unterstützung zu hoffen.
Gleich ging es abwärts. Denis sah den Counter ablaufen. Er zeigte Jazmin mit einem Fingerstrich am Hals, das Mikro zu kappen, und brachte sie für den Sturz in eine bessere Ausgangsposition. Er selbst hing mit dem Kopf nach unten. Das sollte er, wenn er sich nicht den Hals brechen wollte, schleunigst ändern.
Die Schwerkraft setzte wieder ein. Sie fielen. Sie stürzten in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Leider fielen sie erheblich schneller an den Containern vorbei, als sie über sie hergelaufen waren. Die Gravitation verschob sich weiter und drückte sie gegen das geriffelte Verbundmaterial der Container. Eine schmerzhafte Angelegenheit. Sie waren zu schnell.
»Halt dich fest!« Denis versuchte verzweifelt, Halt zu finden. Keine Chance, da war nichts, was er greifen konnte. Die weitere Drehbewegung bremste sie ab, sie waren aber immer noch viel zu schnell, und der Boden kam näher. Jazmin befand sich unter ihm. Plötzlich war sie weg, nein, sie war über ihm und griff nach seiner Hand. Sie hielt sich fest. Das konnte sie unmöglich schaffen. Sie schrie. Er packte zu. Der Ruck drohte ihm die Schulter auszurenken. Sie ließ ihn nicht los.
»Du wirst heute nicht sterben! Nicht, wenn ich bei dir bin!
Ich konnte Mason nicht retten, aber dich!« Sie zog ihn zu sich. Wo nahm sie bloß diese Kraft her?
»Danke.« Denis schaffte es nun selbst, sich festzuhalten. Er befand sich direkt neben ihr. Der Sturz war vorbei. Die Flanken der Container bildeten wieder den Boden unter ihren Füßen.
»Los! Das müssen wir ausnutzen!« Jazmin sprang auf und zog ihn ebenfalls hoch. Denis hatte diese Mission topfit begonnen und brauchte für vierhundert Meter weniger als fünfundvierzig Sekunden, dennoch hatte er Mühe, Schritt zu halten.
»
JAGBERG
!
ICH
WARTE
IMMER
NOCH
AUF
EINE
ANTWORT
!
ODER
LÄSST
DU
JETZT
DIESE
KLEINE
SCHWARZE
SCHLAMPE
FÜR
DICH
SPRECHEN
?
ALTER
,
LASS
DIR
EIER
WACHSEN
!«
»Espinoza, sobald ich dir gegenüberstehe, werde ich dir eine Antwort geben. Und glaub mir, Captain Aayana sollte dann noch leben! Sonst werden wir ein sehr kurzes Gespräch haben!« Denis folgte Jazmin bei einem Sprung an eine Leiter. Das passte. Noch drei Sekunden. Die Gravitation kippte. Die ursprüngliche Trasse war jetzt wieder für ein Zeitfenster von dreißig Sekunden zu belaufen.
»
DU
DROHST
MIR
?«
Denis rannte weiter. Um Jazmin nicht zu verlieren, musste er sich zwischen dumm daherreden und schnell laufen entscheiden. In seinem Display sah er bereits die nächste Vektorenänderung auf sie zukommen. Gleich würde es auf der gegenüberliegenden Containerwand weitergehen. Die Strecke war schwieriger, weil die Fracht dort nicht ordentlich in einer Reihe stand.
Unter ihnen gab es eine Explosion. Denis hatte keine Ahnung, was das war. Die Trasse schwankte. Flammen
schlugen hinter ihnen durch die Laufgitter. Das war eine gute Motivation, nicht langsamer zu werden. Seitlich knarrte etwas. Kein schönes Geräusch. Dann war das Knarren weg. Es pfiff.
»Festhalten!« Denis warf sich auf den Boden und hielt sich an den Gittersprossen fest. Jazmin tat es ihm gleich. Von oben hatte sich ein Container gelöst, der nun als tonnenschweres Wurfgeschoss nur wenige Meter vor ihnen durch die Trasse krachte. Wären sie weitergelaufen, hätte der Klotz sie erwischt. Okay, ohne etwas Glück ging es nicht. Noch lebten sie.
»Wir warten auf die nächste Verschiebung. Noch sieben Sekunden … dann können wir weiter.« Das Schiff kippte bereits. Jazmin zeigt mit dem Daumen nach oben.
»
JAGBERG
,
DU
SOLLTEST
KEINEN
KAMPF
BEGINNEN
,
DEN
DU
NICHT
GEWINNEN
KANNST
!
ICH
KANN
DICH
SEHEN
!
HEY
,
DU
SIEHST
ECHT
SCHEISSE
AUS
!
Noch drei Sekunden.
»Keine Sorge, unsere Fracht ist sicher. Du bist es nicht. Ich dachte eigentlich, dich mit dem Container zu erwischen … hey, ehrlich, es ist nicht einfach, damit zu zielen!«
Espinoza, dieses miese Schwein, hatte versucht, sie zu töten.
Jetzt. Die Gravitation machte nun aus der linken Flanke eine Lauffläche. Für die nächsten Sekunden noch mit Schräglage, aber dann sollte es bessergehen. Denis ließ das Gitter los und fiel auf einen Container. Jazmin war ihm auch diesmal voraus. Sie sah zu ihm, nickte und sprintete los.
»Du magst nicht mehr mit mir reden, oder?«
Espinoza behielt ihn offensichtlich im Auge. Solange er dafür Christoph Aayana in Ruhe ließ, war das in Ordnung.
Noch siebzehn Sekunden, dann würde hier alles kopfstehen. Das war zu wenig Zeit, um bis zur Decke zu laufen.
Jazmin zeigte auf eine Leiter, die würden sie erreichen können. Um Luft zu holen und die nächste Phase auszusitzen. Oder in ihrem Fall auszuhängen.
»Jagberg, weißt du, ich denke, dir fehlt die richtige Einstellung. Wenn du schon das Maul aufmachst, solltest du auch was zu sagen haben.«
Noch wenige Meter. Jazmin hatte sich mit Unterschenkel und Unterarm an der Leiter festgekrallt. Denis machte dasselbe. Dicht bei ihr. Ihre Nase befand sich an seiner. Beide atmeten schnell. Die Gravitation kippte und ließ sie mit dem Kopf nach unten hängen. Das würde sich erst wieder in achtundzwanzig Sekunden ändern. Die Manipulation an der Steuerung der künstlichen Gravitation ließ den Raum keine volle Drehung machen. Die Bewegung ähnelte einer gigantischen Schaukel. Der nächste Vektor würde die Schwerkraft in Laufrichtung wirken lassen. Sie würden dann nicht laufen, sondern die Container waagerecht zur ursprünglichen Ausrichtung hinabklettern müssen.
»Wir schaffen das …«, flüsterte sie und gab ihm einen Kuss. »Hör nicht auf Espinoza. Wir tun das Richtige!«
»Oh, ihr macht eine Pause. Das ist ein geschickt gewählter Ort. Inzwischen habe ich auch verstanden, was diese Scharade mit der Gravitation an Bord soll. Tolle Idee, was aber nichts daran ändern wird, dass wir alle sterben werden. Das Schwarze Loch wird uns früher oder später zerreißen!«
»Raul! Wir haben drei Millionen Leben an Bord! Wir wollen Leben auf eine neue Welt bringen! Wir kämpfen für unsere Kinder!«, rief Jazmin.
»Na und? Keines davon ist von mir.«
Er zog die Nase hoch. »Ich verliere die Geduld mit euch. Ihr seid bereits tot. Das bringt alles nichts. Es ist vorbei. Aus, Schluss und vorbei! Ich werde den Toten nicht das Schiff überlassen!«
»Er widerspricht sich …«, sagte Denis und schüttelte den Kopf. Nur Jazmin konnte ihn hören.
»Und merkt es nicht einmal … ich komme nicht zu ihm durch. Er ist völlig psychotisch. Keine Ahnung, wie es so schnell mit ihm bergab gehen konnte.«
»
WOLLT
IHR
SEHEN
,
WIE
ES
EUCH
ERGEHEN
WIRD
?«
, brüllte Espinoza und sendete ein Videosignal.
Denis sah es in seinem Display. Christoph Aayana kniete auf der Decke der Brücke. Auch dort stand alles kopf. Die Hände befanden sich an seinem Rücken. Vermutlich gefesselt. Jemand neben der Kamera steckte ihm eine Handfeuerwaffe in den Mund. Dann schoss er. Blut spritzte von seinem Hinterkopf weg und verteilte sich auf der gesamten Brücke.
»Du mieses Schwein!«, sagte Denis. Espinoza hatte den Captain eiskalt abgeknallt. »Dafür wirst du bezahlen!«
Jazmin legte ihre Hand an seine Wange. Sie hatte es auch gesehen. »Wir müssen weiter …« Der nächste Counter lief ab. In drei Sekunden würden sie die Container horizontal zur Trasse herabklettern können.
Er nickte.
Sie kletterten los. Zwischendurch konnten sie einige Meter rennen, dann mussten sie wieder klettern. Die Drohnen blieben die ganze Zeit an ihrer Seite. Ihr Bewegungsfenster betrug zweiunddreißig Sekunden. Dann stand ihnen erneut eine Schwerelosigkeit bevor, die diesmal über zwei Minuten andauern sollte.
»Wollt ihr immer noch kämpfen?«
, fragte Espinoza. »Sicher wollt ihr das. Ich warte auf euch!«
Container für Container kamen sie weiter. Die Zeit lief ab. Denis blieb stehen. Er atmete hastig. Die Schräglage war bereits bedenklich. Gleich würden sie fallen. Wo waren sie? Er setzte über sein Display eine Order ab, die Drohnen kamen
zu ihnen. D2
für Jazmin und R2
für ihn. Sie piepten bestätigend.
Er fiel, blieb aber einen Moment später in der Luft hängen. Jetzt war es einfach für die Drohnen, sie zu transportieren. Die Systeme waren darauf ausgelegt, kurzzeitig schwere Lasten zu heben oder sich ohne Last schnell zu bewegen. Beides gleichzeitig ging nicht. Es sei denn, man befand sich in völliger Schwerelosigkeit.
»Gute Idee!«, rief Jazmin. Durch den Turbo kamen sie schnell voran. Das war wichtig. Da nach der nächsten Änderung der Massepunkt der Gravitation mit dem Faktor drei hinter ihnen liegen würde. Die Drohnen wären dann kaum noch in der Lage, sie zu halten, und der Fall, die bereits zurückgelegte Strecke entlang, würde sie mit 3
g Beschleunigung über zweitausend Meter tief in den Tod stürzen lassen. Ein flotter Abgang.
»Das sollte reichen …« Denis legte ihre Geschwindigkeit von knapp neunzig Kilometern in der Stunde auf die verbliebene Strecke, um den zentralen Frachtbereich zu verlassen. Hinter dem Schott wären sie erst mal in Sicherheit. Alle Korridore, die dann folgten, hatten nicht mehr diese enormen Dimensionen wie ihr zentraler Frachtbereich.
»Das hoffe ich … wir können nicht zurück!« Jazmin flog vor. Sie und D2
passierten die Schleuse.
»Drin …« Denis hatte es geschafft. Noch fünf Sekunden. Sie hätten noch eine Ehrenrunde drehen können. Die Schleuse schloss sich, die Gravitation setzte wieder ein und zog sie zurück. Die beiden Drohnen kämpften nicht dagegen an und setzten sie sanft auf der geschlossenen automatischen Tür ab. Die Schwerkraft nahm zu. Denis’ Muskeln mussten sein dreifaches Körpergewicht tragen, eine Tortur, zu der er nach der Rennerei kaum noch in der Lage war. Er legte sich auf
den Rücken, was zwar ebenfalls nicht angenehm, aber besser auszuhalten war, als stehen zu bleiben. Auch die beiden Drohnen setzten auf, um diese Gravitationsphase auszusitzen.
»Wie geht es dir?«, fragte Jazmin.
»Ich bin platt …«
»Da liegt noch ein Stück Weg vor uns.«
Denis nickte. Das Raumschiff war leider kein kompakter schicker Gleiter. Wenn er jemals in seinem Leben zu Geld gekommen wäre, hätte er sich einen geilen Tempelton gekauft. Die Kisten machten echt was her. Jazmin nahm seine Hand. Ihre Finger waren warm. Sie lebte. Es war schön, nicht allein zu sein.
»Noch zwanzig Sekunden …«, sagte sie.
»Ja.« Die Gravitation würde dann einen Schlenker machen. Sie hatten lange noch nicht alle Kapriolen erlebt, die Christoph Aayanas Routine ihnen zu bieten hatte. »Wir werden zuerst fallen, dann wird der Vektor kippen, und wir können die rechte Wand hinablaufen. Diese Bewegung wird uns nach einer kurzen Zeit wieder bergauf schicken, um sich danach um 180
Grad zu drehen und uns die andere Wand entlangrennen zu lassen.«
»Ich bin bereit!«
»Ich öffne zwei Schotts.« Der Sog nach hinten ließ nach. Sie waren frei. Für einen Moment. Drei, zwei, eins, dann fielen sie, begleitet von den Drohnen, nach vorne. Direkt durch das zweite geöffnete Schott hindurch. Die Drehung begann. Denis bekam im Fall die Wand unter seinen Füßen zu spüren. Er rannte. Zuerst bergab, weiter auf einer Ebene, dann bergauf. Er sprang über einen seitlich weglaufenden Korridor. In das Loch zu fallen wäre in dieser Situation tödlich gewesen.
Denis bekam einen Anruf. Es war Tarek Abbas. Er nahm das Gespräch an.
»Wir sind auf dem Weg …«
»Warst du das mit der Gravitation?«
»Aayana und ich.« Denis zeigte Jazmin drei Finger. Sie ihm zwei. Er ihr einen. Sie sprangen gemeinsam, drehten sich in der Luft und liefen auf der gegenüberliegenden Seite weiter. Falls es jemals einen Wettbewerb im Synchrongravitationshindernislauf geben würde, würden sie ihn locker gewinnen.
»Boss! Das war genial … das Schiff stabilisiert sich. Die Rotation wird in drei Minuten zum Erliegen kommen. Dann rasen wir zwar immer noch mit
0
,61
c auf ein Schwarzes Loch zu, aber immerhin drehen wir uns nicht mehr wie besoffen im Kreis.«
»Tarek, Christoph Aayana ist tot.« Der nächste Wechsel würde sie unter der Decke bergauf laufen lassen.
»Ich weiß.«
»Wo seid ihr?«
»In der Nähe der Brücke. Irene hat einen Moment nicht aufgepasst. Der Major hat sie sofort erschossen. Wir haben noch versucht, sie wiederzubeleben … keine Chance.«
»Habt ihr Waffen?«
»Der Major hat die Depots versiegeln lassen … da kommen wir nicht ran. Wir haben uns zwei Molotow-Cocktails gemixt. Ansonsten nur Knüppel.«
»Willst du damit unsere Brücke abfackeln?«, fragte Denis. Drei, zwei, eins, sie liefen unter der Decke weiter. Sie mussten zwei Decks weiter nach oben. Er keuchte. Der Sprint bergauf kostete Kraft.
»Sollen wir uns von diesem Verrückten erschießen lassen? Er will uns doch alle tot sehen!«
»Das werde ich nicht zulassen!«, rief Jazmin, die an einer
auf den Kopf gestellten Treppe hinabkletterte. Die beiden Drohnen bildeten die Vorhut und übertrugen ein Videobild. Damit konnten sie vermeiden, in einen Hinterhalt zu laufen.
»Colonel, wie wollen Sie das tun?«
»Tarek, vertrauen Sie mir.« Sie kletterte weiter. Denis hinterher. Jetzt war es nicht mehr weit. Die nächste Änderung der Gravitation würde das Schiff wieder in Flugrichtung bringen.
»In Ordnung … wir warten.«
»Jazmin, ich laufe zu Tarek.« Denis zeigte auf einen anderen Korridor. »Hol du dir den alten Colt aus Mellenbecks Büro. Wir brauchen eine Waffe.«
»Funktioniert das Ding überhaupt noch?«
»Das werden wir sehen.«
»In Ordnung.« Sie wechselten die Richtung. Drei, zwei, eins, Denis lief an der Wand weiter und einen Moment später wieder am Boden. Das war Timing. Vorerst drohten ihnen keine weiteren Änderungen der Gravitationsvektoren.
»Boss, es ist gut, dich zu sehen!« Tarek klopfte ihm auf die Schulter. »Du siehst aber scheiße aus.«
»Danke.«
Tarek lachte. Insgesamt waren fünf weitere Techniker bei Tarek. Drei Männer und zwei Frauen. Denis kannte jeden und wollte niemanden mehr verlieren. Irenes Leiche lag mit abgedecktem Gesicht neben ihnen.
»Wie sieht es mit weiteren Beschädigungen auf dem Schiff aus?«, fragte Denis.
»Ich habe keinen Schimmer … Der Major hat das Steuerungssystem für die Reparatureinsätze gesperrt. Wir wissen weder wo Schäden auftreten noch welcher Natur sie sind.« Er presste die Lippen zusammen. »Wir haben drei
Steuerbordtriebwerke verloren. Eines könnte theoretisch funktionieren, ist aber offline. Wenn er uns machen ließe, hätten wir in zwei Stunden vier Systeme am Start. Dann wären wir in der Lage, das Schiff zu drehen und die Haupttriebwerke zu starten.«
»Wir reden also gerade mal über lausige zwei Stunden?« Was für ein Witz, dass deswegen Menschen sterben mussten.
»Ja, Boss.«
»Tarek.« Denis legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich werde uns zwei Stunden verschaffen.«
Tarek nickte.
»ESPINOZA
!«, rief Denis.
»Angekommen?« Die automatische Tür zur Brücke öffnete sich.
»Ja.«
»Du wolltest mit mir reden?«
»Wirst du mich erschießen?« Es war Wahnsinn, ihm offen gegenüberzutreten. Aber der Wahnsinn hatte Methode. Mellenbecks Büro lag direkt neben der Brücke. Auf der anderen Seite allerdings. Wenn Jazmin dort eindrang, sich die Waffe schnappte, könnte sie hinter ihm auftauchen und den ganzen Spuk beenden.
»Das liegt ganz an dir …«
Denis stand auf. Dieses Gespräch konnte er nicht hinter einer Ecke versteckt führen. »Hier bin ich.« Er zeigte seine Handflächen, drehte sich in seiner verdreckten Uniform und stellte sich mitten in den Korridor. Espinoza stand gut vierzehn Meter vor ihm im Zugang zur Brücke. In der rechten Hand hielt er eine blutverschmierte Waffe. Seine Augen wirkten ausdruckslos.
»Mutig.«
»Wie wäre es mit vernünftig?« Denis hatte keine Ahnung, wie er ihn zu packen bekommen sollte. Auf dem Boden der
Brücke lag Rufus Simmerkirk mit einem Gewehr im Anschlag.
»Ich habe den Nigger abgeknallt … Na und, was machst du jetzt?«
»Brauchst du wirklich einen Grund, um mich zu töten? Warum tust du es nicht?« Denis erhöhte den Einsatz. Wenn es ihm gelingen würde, Jazmin mehr Zeit zu verschaffen, wäre das bereits ein Erfolg. Ein Leben war hier im Moment nicht viel wert.
»Eigentlich nicht.«
»Siehst du …«
»Bist du wirklich nur gekommen, um dir eine Kugel einzufangen?« Espinoza richtete die Waffe auf seinen Kopf. Auf vierzehn Meter schoss kein Kommandooffizier vorbei.
»Nein.«
»Warum dann?«
»Um dich aufzuhalten.«
»Oh … und wie willst du das tun?«
»Ich rede mit dir.« Das war der leichtere Part dieses Plans. Der Rest bestand aus Improvisation.
»Rede …«
»Du hast Fehler gemacht.«
»Drauf geschissen. Das ändert jetzt auch nichts mehr. Das Schiff ist verloren!«
»Warum ist es dir dann so wichtig, die Brücke zu verteidigen? Wenn wir alle verloren sind, könntest du dich doch einfach zurücklehnen und die Show aus der ersten Reihe ansehen? Du bekommst die besten Plätze, kühle Drinks und Popcorn.«
Espinoza lachte. »Aus dir hätte ein guter Offizier werden können … echt, du zeigst Talent.«
»Denis … ich bin in Mellenbecks Büro. Es hat mich niemand
bemerkt. Ich gehe jetzt zum Glaskasten.«
Das war Jazmin, die Denis ins Ohr flüsterte. »Ich kann die Waffe sehen. Ich öffne den Kasten.«
Der Plan funktionierte.
»Das ist keine Antwort!«
»Willst du die Antwort wirklich?« Espinozas Mundwinkel bewegten sich genüsslich nach oben. So als ob er sich auf etwas freuen würde.
»Denis, der Typ wird dich töten«, flüsterte Tarek von der Seite. »Spring zu uns. Wir lassen ihn brennen!« Er hatte eine Glasflasche in der Hand, aus deren Öffnung ein Stück Stoff hing. In der anderen ein brennendes Feuerzeug.
»Ich habe den Colt. Das Magazin ist drin. Ich habe ihn durchgeladen. Hoffentlich fliegt mir das Ding nicht beim ersten Schuss um die Ohren. Ich gehe jetzt zu Mellenbecks privatem Zugang zur Brücke. Sag meinen Namen, wenn ich warten soll.«
Auf den Moment kam es an. Espinoza durfte sie nicht bemerken. Nur dann würde es funktionieren.
»Espinoza, du weißt es doch selbst nicht … du stehst da, weil du die Hosen gestrichen voll hast. Du tötest andere, um mit deiner eigenen Angst klarzukommen. Wenn du mich reinkommen lässt, darfst du dich an meiner Schulter ausweinen!« Denis spuckte auf den Boden. Das sollte ihn in Rage bringen. Und wer sich ärgerte, passte nicht auf.
»Hey, so redet niemand mit mir!«
»Warum nicht?« Denis sah ihm in die Augen. Tarek, der hinter der Ecke saß, zitterte.
»Ich bin auf der Brücke. Jenkins und Aayana sind tot. Der Major steht in der Tür. Simmerkirk liegt mit einer Waffe im Anschlag auf dem Boden. Drei weitere Offiziere sind bewaffnet und stehen hinter der Tür. Ich habe freies Schussfeld, bin mir aber nicht sicher, wie oft die mich schießen lassen. Denis,
die zielen auf dich. Soll ich Simmerkirk oder Espinoza ausschalten?«
»Hey, Rufus, hast du eigentlich immer noch Probleme mit deinem Oberschenkel?« Jazmin konnte nicht beide gleichzeitig erschießen. Er brauchte einen Schuss mit doppelter Wirkung. Das war ein Spiel über die Bande.
»Was redest du für einen Scheiß!«, rief er zurück. Die Botschaft war auch nicht für ihn bestimmt gewesen.
Jazmin schoss. Rufus schrie und fuhr zusammen. Das würde jeder tun, wenn man ihm ins Bein schoss. Bei der Bewegung holte er mit dem Lauf seines Gewehrs Espinoza von den Beinen. Der schoss zwar ebenfalls, traf aber nur die Decke.
»Tarek!« Denis duckte sich. Tarek lief zwei Schritte auf die Tür zu und warf den Brandsatz durch die Öffnung. Rufus hielt sich sein Bein, Espinoza lag auf dem Rücken, aber ein dritter Schütze kam aus der Deckung und schoss Tarek dreimal in die Brust. Die Wucht der Treffer schleuderte den Körper gegen die Wand hinter ihnen.
Tareks Molotow-Cocktail traf den Schützen am Kopf. Das Glas zersplitterte, zerschnitt sein Gesicht und setzte ihn in Brand. Er fing an zu schreien. Weitere Schüsse fielen. Kaliber .45
ACP
klang dumpfer als moderne Waffen. Mindestens zwei weitere Schüsse konnte Jazmin abgeben. Dann wurde es ruhiger. Denis schnappte sich Tarek und zog ihn hinter die Ecke. Der zweite Werfer beförderte den Cocktail auf die Brücke.