XXIV.
Wer ist das?
Jazmin ging an einem der im Boden eingelassenen Wassertanks vorbei. Das wollte sie sich genauer ansehen. Bei 0
,5
g glaubte sie, wie auf Wolken zu schweben. Warum befanden sich in einem Schiffsbereich, der in der Regel nie kontrolliert wurde, so viele Kältebetten? Das widersprach der Sicherheitsarchitektur auf der USS
London
. Wenn sie nicht ausgerechnet hier die Triebwerkssteuerung vom Stromnetz genommen hätten, wäre ihnen das niemals aufgefallen. Das Raumschiff war schlicht zu groß, um alle Ecken zu kontrollieren.
»Jazmin … im Moment sind die g-Werte angenehm, das könnte sich auch schnell wieder ändern.«
Denis’ Warnung nahm sie nicht auf die leichte Schulter.
»Was ist das hier?« Sie strich über ein Bedienfeld. Das Kältebett war aktiv. Sie zählte kurz. Es waren 56
. Sie kontrollierte ein zweites Bett. Auch dort befand sich ein Mensch im Tiefschlaf. Alles wirkte intakt. Das System zeigte keine Namen, sondern nur Nummern an. Es fehlte auch ein Bild des Schlafenden. Weiblich, vierzehn Jahre alt, Zustand gesund, mehr Informationen wurden neben der Nummer nicht angezeigt. Auch diese Details waren äußerst ungewöhnlich. Wer hatte die Kältebetten an diesem Ort installiert?
»Die Gravitation steigt auf
1
,
1
g … noch bleibt dir etwas
Zeit. Mach aber schnell. Findest du eine Seriennummer an dem Kältebett? Damit könnte ich überprüfen, wann sie gebaut wurden«
, fragte Denis. Gute Idee, leider fehlte die Seriennummer. Jazmin fühlte eine unbestimmte Gefahr auf sich zukommen. Langsam, aber nicht aufzuhalten. Das war kein Zufall. Zwischen den Kältebetten und der Reisezeit des Raumschiffs gab es einen Zusammenhang. Würden sie hier ebenfalls Leichen finden? 56
weitere Tote? Das könnte sein, aber das glaubte sie nicht.
Jazmin zog eines der Kältebetten hervor. Die gestiegene Gravitation ließ ihre Schritte schwerer werden. Ohne dass sie etwas sagen musste, machten sich vier Drohnen unter dem Kommando von R2
daran, ihr zu helfen. Sie hoben das schwere Kältebett an und brachten es zum Ausgang. Draußen würde sie es gefahrloser untersuchen können. Bei der nächsten Gravitationsspitze wollte sie nicht in dieser Zone sein. Die Sicherheitstür verschloss sich automatisch.
»Ich bin draußen … wir bringen das Kältebett in einen Aufwachraum. Ich möchte wissen, wer da drin ist.« Während Jazmin redete, huschten ihre Finger über das Bedienfeld des Systems. Trotz der ungeklärten Identität ließ sich die Aufwachroutine dieses Mädchens ohne Probleme starten. Bald würden sie mehr wissen. Es gab keine Fehlermeldungen. Das war ein Durchbruch, um zu verstehen, was sich in der Vergangenheit auf dem Schiff zugetragen hatte. Sie waren der Wahrheit ein gutes Stück näher gekommen.
»Jazmin?«
»Ja …«
»Das mit den zusätzlichen Kältebetten ist wichtig … Ich helfe dir auch dabei. Aber im Moment kämpfen wir um die Kontrolle über das Schiff. Unser Plan funktioniert, der Weg auf die zweite Brücke ist offen. Wir können jetzt damit beginnen,
Mutter aus dem Tiefschlaf zu holen. Dazu brauche ich deine Hilfe.«
»Ja.«
»Das Mädchen kann warten …«
»Du hast recht …« Sie hielt bereits die Hand über dem Feld, um das Mädchen aufzuwecken. Tat es aber nicht. Nein, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Die Drohnen sollten die Jugendliche in den Aufwachraum bringen. Dort konnte sie weiterschlafen. Mutter zurückzuholen war wichtiger. Sie war der Schlüssel, um zu überleben. Jazmin würde sich später um den blinden Passagier kümmern. »Ich mache mich auf den Weg und bin in fünfzehn Minuten bei dir.«
»Du riechst etwas streng …« Mit diesen Worten wurde eine Frau gern begrüßt. Denis lag nicht mehr in seinem Bett, er stand davor. Nicht gerade aufrecht, aber auf den Füßen. Auf seiner nackten Brust klebten ein handflächengroßer Kreislaufmonitor und ein Medikamentengeber. Er zog seine rechte Schulter nach vorne. Den Arm trug er in einer Schlaufe. Er war zäh.
»Ich sollte dir jetzt sagen, dass du liegen bleiben musst … ich bin deine Ärztin.«
»Solltest du …«
»Kannst du gehen?« Sie sparte sich das Gerede. In dieser Situation war Rücksicht fehl am Platz. Sie benötigte seinen technischen Sachverstand und seine Nähe.
»Wenn wir nicht tanzen … wird es gehen.«
»Tanzen?« Sie lachte.
»Das lassen wir besser.«
»Warte, ich helfe dir.« Sie stützte seine linke Seite. Die Exomuskulatur hatte sie bereits abgelegt. Ihre Haare stanken trotzdem nach Kuhscheiße. Sie dachte an Schottland.
Das war wie nach einem Besuch im Stall von Glamis Ca stle.
Er stöhnte, sie bugsierte ihn Schritt für Schritt auf den Korridor. Ihr Ziel, die zweite Brücke, befand sich fünf Meter weiter rechts. Die Tür stand offen. Die beiden Drohnen R2
und D2
standen Spalier. Diese Sache mit ihrem merkwürdigen Verhalten mussten sie später auch noch klären. Ihre Liste mit offenen Aufgaben wurde länger.
Auf der Brücke packte Jazmin Denis auf den Sessel des Kommandanten, dessen Rückenlehne sich flacher stellen ließ. Da konnte er ihr helfen und sich dennoch schonen.
»Danke.«
»Gern geschehen.« Mit dem Absetzen gab sie ihm noch einen Kuss. Der nicht für ihn, sondern für sie war. Sie wollte wissen, ob das alles wirklich passierte.
»Colonel Harper, Ihre Brücke … bitte sehr.«
»Danke sehr.«
»Dies ist keine Übung. Bitte evakuieren Sie das Schiff. Dies ist keine Übung. Bitte evakuieren Sie das Schiff.«
Die Meldung nervte ungemein. Jazmin sah sich um. Über die Hälfte aller Systeme war inaktiv. Die Bildschirme in der Wand blieben dunkel und die Konsolen ohne Funktion. Im Moment würden sie weder Informationen über ihren Kurs, die Triebwerkssteuerung noch über den Zustand der lebenserhaltenden Systeme angezeigt bekommen. Sie glaubte, bereits einen kühlen Luftzug festgestellt zu haben. Die Temperatur fiel. Was hingegen funktionierte und auf mehreren Bildschirmen bunt leuchtete, waren die Frontaldeflektoren, die ohne Probleme alles, was sich ihnen in den Weg stellte, abräumten. Der Einsatz der Waffen war nicht notwendig. Es gab keine schweren Brocken, die auf sie zuflogen. Wenn man auf ein Schwarzes Loch zuflog, gab es keinen Gegenverkehr.
Auch ihre aktuelle Geschwindigkeit konnten sie nur erraten. Schnell war es auf jeden Fall. Sehr schnell sogar. Hoffentlich nicht zu schnell.
»Ich habe die Drohnen rausgeschickt, um an zentralen Punkten eine Schadensaufnahme durchzuführen«, erklärte Denis. »Das Schiff sieht besser aus, als ich befürchtet habe … unsere Hülle ist intakt. Das ist wichtig. Das größte Problem sind nach wie vor die Navigationstriebwerke auf der Steuerbordseite … eines davon funktioniert, wir brauchen aber mindestens vier, um zu wenden. Drei sind völlig zerstört. Zwölf stehen uns für eine Reparatur zur Verfügung. Wir müssen nur die Hitzesensoren austauschen … Die Drohnen brauchen dafür vier bis sechs Stunden. Ich lasse sie mit den Arbeiten beginnen.«
»Sehr gut!« Das war eine positive Wendung, mit der sie Zeit sparen würden. Sie setzte sich an den Arbeitsplatz des Offiziers, der für die Datenbank zuständig war. Das wären Cloe oder Rufus gewesen. Beide lebten nicht mehr. Beide hatten falsche Entscheidungen getroffen. Hoffentlich würde sie es besser machen.
»Wir brauchen Mutter!«
»O ja!« Ohne die zentrale KI
würden sie das Schiff nicht wieder in Betrieb nehmen können. Nur die KI
war in der Lage, Espinozas Verschlüsselung aufzuheben. Mit ihr konnte man reden, sie überzeugen. Mit den nachgelagerten Steuerungssystemen ging das nicht. »Und wir werden sie finden!«
»Ich bin bereit.«
Jazmin aktivierte die digitale Hilfsumgebung, mit der Rufus Mutter aus ihrer dauerhaften Indexierung zurückholen wollte. Er war damit gescheitert. »Simmerkirks Umgebung ist online. Sie ist riesig. Er hat sich diverse Hilfsebenen gebaut, um sich in Mutters Datenbank bewegen zu können.«
Erst jetzt bemerkte sie, welche Anstrengungen Rufus Simmerkirk unternommen hatte. Er hatte dutzendfach neue Versuche gestartet, um an die zentrale KI
heranzukommen. Umsonst.
»Gehen wir von hier rein?«
»Das werden wir … Ich habe unsere beiden Head-up-Displays synchronisiert.« Jazmin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und zog sich die Datenhandschuhe an. Auch Denis hatte welche. Das war nicht die perfekte Ausrüstung, aber es würde funktionieren. Auf die Ganzkörperanzüge konnten sie verzichten. Die Projektion baute sich vor ihren Augen auf. »Wir starten in drei, zwei, eins, jetzt!«
Im nächsten Moment stand Jazmin auf einer weißen Fläche. Denis befand sich direkt neben ihr. Unverletzt und weißgekleidet. Auch die Schrammen in seinem Gesicht waren verschwunden. Intuitiv nahm sie seine Hand. Die einzige Stelle, an der sie sich auf dieser virtuellen Reise berühren konnten.
»Wir sind drin!« Er lächelte. »So sieht es auch in meinem Kopf aus, wenn ich zu viel trinke.«
»Warte ab, was kommt …« Jazmin ging vor. Dieser künstliche Raum hatte keine Bedeutung. Er diente nur dazu, ihnen eine Landefläche zu bieten. Keine zehn Meter weiter befand sich eine Treppe, die nach unten führte. Nur eine, das war merkwürdig. Rufus hatte bei ihrem ersten Ausflug schon bemerkt, dass es mehrere geben müsste.
»Das sieht abgefahren aus … Wie können wir hier Kontakt mit Mutter aufnehmen?« Denis stellte die richtigen Fragen.
»Wir werden sie suchen.« Sie ging auf die Treppe zu, kam dort aber nicht an. Alles veränderte sich. Plötzlich standen sie mitten in einer großen Stadt. Denis? Sie hielt ihn immer noch an der Hand. Das war London. Die Hochhäuser ragten
unweit in die Höhe. Sie gingen über die Westminster Bridge auf Big Ben zu. Diese Wahrzeichen hatten sich im Laufe der Jahrhunderte nicht verändert. Hunderte Menschen strömten geschäftig an ihnen vorbei. Geschäftsleute in Anzügen, Touristen, die auf alles mit dem Finger zeigten, und Teens, die dank Head-up-Displays in ihrer eigenen Welt lebten. Es gab Apps, mit denen man die Realität verändern konnte. Jazmin erinnerte sich, dass damals eine Piratenversion von London im 17
. Jahrhundert der absolute Hit gewesen war. Die App steckte jeden Passanten in eine virtuelle Piratenkluft. Böse Zungen hatten damals behauptet, dass man für diesen Effekt eigentlich keine App brauchte. Es würde ausreichen, genauer hinzusehen.
Denis blieb stehen. In der Luft über ihm zogen einige Gleiter lautlos vorüber. »Wie willst du hier Mutter finden?«
»Hilf mir dabei.« Jazmin versuchte, alle Details zu erfassen, aber es waren zu viele. Menschen, Kleidung, Fahrzeuge, Gebäude, ein Fluss und ein strahlend blauer Himmel.
»Weißt du, woran man merkt, dass hier nichts echt ist?«, fragte er amüsiert.
»Woran?«
»Das Wetter … Es regnet nicht.«
Sie schüttelte den Kopf. »Danke für deine Hilfe. Wo bist du noch einmal aufgewachsen?«
»Nicht in London!« Denis betrachtete sie. »Du siehst anders aus. Gefällt mir.«
»Ja?« Jazmin bemerkte, dass ihre Haare in diesem virtuellen Ausflug wieder dunkel waren. Sie trug auch keinen weißen Anzug, sondern normale Straßenkleidung.
»Ich bitte um Entschuldigung. Können Sie mir kurz helfen?« Denis sprach eine junge Mutter an, die neben ihrem schwebenden Kinderwagen herlief.
»Gerne …« Sie zeigte sich hilfsbereit.
»Wir gehören zur Besatzung der USS
London
.« Denis plauderte munter drauflos.
»Oh, wirklich?«
»Ja … nur eine kurze Frage.«
»Bitte …«
»Wir befinden uns auf der Suche nach unserer zentralen Bord KI
. Wir nennen sie Mutter. Es ist wichtig. Können Sie uns vielleicht sagen, wo wir sie finden?«
Jazmin stand mit offenem Mund daneben. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, einfach zu fragen. Denis war in vielen Dingen anders als der Rest der Besatzung.
»Das ist kein Problem. Sie müssen einfach …« Die Stimme der jungen Mutter verstummte, und die Skyline der Stadt verblasste. Sogar die weit über tausend Meter hohen Wolkenkratzer lösten sich auf. Als ob ein starker Nebel aufkommen würde.
»Denis?«, fragte Jazmin.
»Ich bin noch da.«
Sie sah ihn nicht.
»Wo sind wir hier?« Sie schwammen in einem Meer aus Nebel. Das war ein Rückschritt. Denis’ Frage und die freundliche Antwort hatten offenbar die Datei korrumpiert.
»Ich habe keinen blassen Schimmer … Mit Logik kommen wir hier nicht weiter. Mutter hat einen an der Waffel. Lass uns weiter Regeln brechen und sehen, wohin wir damit kommen.«
»Okay …« Regeln brechen, genau das passte zu Denis, schließlich war es ihm sogar gelungen, leitender Techniker zu werden, ohne dass er Offizier war. Ich brauche jemanden, der unsere britische Lady in- und auswendig kennt. Ein militärischer Rang ist dafür nicht notwendig, hätte
George Mellenbeck geantwortet, wenn man ihn danach gefragt hätte.
»Also … was macht man, wenn man sich in einer undefinierten virtuellen Datensuppe befindet? Ich möchte dich an dieser Stelle daran erinnern, dass uns die Zeit im Nacken sitzt.«
»Willst du mich unter Stress setzen?«
»Hilft es?«
»Nein …« Jazmin hielt die ganze Zeit seine Hand. Oder er ihre? Na, das spielte keine Rolle. Sie hatte eine Idee. Mehr Intuition als ein fundierter Gedanke. »Mutter?«
Keine Antwort.
»Das wäre auch zu einfach gewesen.«
Musste der Weg zu Mutter eigentlich kompliziert sein? In einer gewissen Art und Weise war Jazmin mit der KI
aufgewachsen. Ihr Vater hatte sie oft mit frühen Versionen spielen lassen. »Vater.«
»Okay … gute Idee«, sagte Denis.
»Vater, ich kann dich nicht sehen. Ich brauche dich. Kannst du mir helfen?«
Die Nebelbrühe löste sich auf, und sie standen im Kaminzimmer in Glamis Castle. Vor ihr befand sich sein alter Sessel. Das braune Leder wirkte stumpf. Ihr Vater liebte diesen Ort und hatte hier oft mit einem Buch seine Zeit verbracht. Sie hatte jederzeit zu ihm kommen können. In den vielen Jahren hatte er sie nicht einmal weggeschickt. Er hatte sich immer Zeit für sie genommen. Im Nachhinein wunderte sie sich, wann er überhaupt gearbeitet hatte. Sie konnte sich nicht entsinnen, ihn jemals konzentriert arbeiten gesehen zu haben.
»Wo sind wir hier?«, fragte Denis.
»Hier bin ich aufgewachsen … das ist Glamis Castle.« Jazmin sah die alten Bücher an der Wand und glaubte sogar,
den typischen Geruch von damals wahrnehmen zu können. Eine Mischung aus dem Kirschholz der Regale und dem typischen Muff eines alten Hauses.
»Ähm … was hat Mutter mit deiner Kindheit zu tun?«
»Hast du mir nicht gesagt, ich soll Regeln brechen? Mein Vater hat die KI
an diesem Ort entwickelt. Das sind nicht meine Erinnerungen, sie gehören Mutter.«
»Einverstanden. Im Moment springen wir durch lose Datensätze, indem wir zufälligen Verbindungen folgen. Erkennst du ein Muster?«
»Ein Muster?« Jazmin ließ ihn los und setzte sich auf einen Hocker. Das hatte sie auch als Kind getan, wenn sie ihrem Vater eine Frage stellen wollte. Er hatte dann immer sein Buch gesenkt, gelächelt und ihr die Frage, die ihr am Herzen lag, beantwortet. »Dad, warum hat mich meine Suche nach Mutter hierhin gebracht?«
»Weil du ein kluges Mädchen bist.« Das war nicht Denis. Sie kannte diese Stimme, das war ihr Vater. Er zeigte sich in seinem Sessel sitzend. Ruhig und entspannt mit einem Buch in der Hand, das er gerade auf seine Oberschenkel legte. Er hatte immer eine Brille getragen. Eine Marotte von ihm. Niemand sonst trug eine Brille, um eine altersbedingte Sehschwäche auszugleichen.
»Denis, siehst du ihn auch?«
»Duncan Harper …«
»Dad, ich habe einen Freund mitgebracht.« Eine Sache, die Jazmin als junge Erwachsene nie getan hatte. Keiner von den Jungs, mit denen sie etwas anfing, hatte jemals mit ihm gesprochen. Dazu hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Nein, das stimmte nicht. Sie war nie lang genug mit jemand zusammen gewesen, um ihn ihrem Vater vorzustellen. Ja, das entsprach eher der Wahrheit.
»Es freut mich, Sie kennenzulernen.« Er nickte Denis zu. »Wie heißen Sie, junger Mann?«
»Denis Jagberg. Sir, die Ehre liegt ganz auf meiner Seite.« Denis ging zu ihm und gab ihm die Hand. »Sir, ich bin erfreut, Sie kennenzulernen, und überrascht, es auf diese Art zu tun.«
»Dad, wir stecken in Schwierigkeiten. Das hier ist nicht real. Weißt du, wo wir uns befinden?«
»Erinnerungen sind real.« Er nahm seine Brille ab. »Wären sie es nicht, hätten wir nie existiert.«
»Dad, wir befinden uns in der Datenbank von Mutter, der KI
, die du auf Glamis Castle entwickelt hast. Denis und ich fliegen mit der USS
London
auf ein Schwarzes Loch zu. Wir sind in ernster Gefahr. Es geht um Leben und Tod.« Jazmin wollte herausfinden, ob sie über das Gespräch mit dem Teil von Mutter, der sich an ihren Vater erinnerte, einen direkten Kontakt zu ihr aufbauen konnte.
»Das ist nur teilweise richtig«, erklärte er völlig unbeeindruckt und legte das Buch auf einen Beistelltisch.
Jazmins Augen wurden schmaler. Sie achtete auf jedes Wort. »Wo liegt mein Irrtum?«
»Weißt du, mir ging es immer nur darum, Leben zu beschützen.« Er wich ihrer Frage aus.
»Dad, erkläre mir bitte meinen Fehler.«
»Deswegen habe ich diese Mission ins Leben gerufen.«
»Dad, bitte …«
»Hab einen Moment Geduld. Diese beiden Raumschiffe sind gigantisch. Ein Meilenstein menschlichen Schaffens. Dennoch sind sie nicht in der Lage, die Mission zu erfüllen. Auf eurer Reise kann so viel passieren. Dinge, die sich nicht vorhersagen lassen. Deshalb war es ein Irrweg, auf jede Frage eine Antwort bereitlegen zu wollen. Ich habe es probiert
… und bin gescheitert. Aber einen Fehler zu machen ist nicht zwingend ein Problem. Ich konnte dadurch lernen, es besser zu machen.«
»Dad, ich versteh nicht, was du mir sagen möchtest.« Seine Antwort hatte nichts mit ihrer Frage zu tun. »Welcher Teil meiner Aussage stimmt nicht?«
»Weißt du es noch nicht?«
»Nein.«
»Wo bist du?«
»Auf der USS
London
.«
»Genauer!«
»Auf der zweiten Brücke.«
»Noch genauer!«
»Ich sitze auf einem Sessel und bewege mich in der Datenbank unserer zentralen KI
. Sie indexiert Daten und ist deswegen nicht ansprechbar. Wir brauchen Mutter!«
»Genau da liegt das Problem.«
»Das Problem?« Jazmin verstand nicht.
»Das ist nicht Mutters Datenbank.«
»Bitte?« Sie schüttelte den Kopf. »Wessen denn sonst?«
»Deine …«
Stille.
»Sir, können Sie uns das bitte erläutern?«, fragte Denis. Jazmin war ganz perplex.
»Es geht um die elementare Frage, wer du bist. Was du bist. Wenn du das verstehst, es akzeptierst, wirst du deine Probleme lösen können. Solange du weiter in einer Illusion lebst … wirst du nur hilflos neuen Problemen nachja gen.«
Hinter ihnen war ein Kind zu hören, das lautstark in den Raum gelaufen kam. Das war sie selbst, im weißen Kleid und mit roten Schuhen. Sie lief zu ihrem Vater und setzte sich
freudestrahlend auf den Hocker. »Hi, Dad!«, rief sie voller kindlicher Freude.
»Hallo, Jazmin. Schön, dich zu sehen«, antwortete er. »Wie gefallen dir deine neuen Schuhe?«
»Ich liebe sie.«
»Das freut mich. Es ist nicht schlimm, wenn sie schmutzig werden, wir können sie nachher zusammen putzen.«
Jazmin stand auf, ihr jüngeres Ich blieb sitzen. Sie ging einige Schritte auf Denis zu. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Man traf sich nicht alle Tage selbst in der virtuellen Realität.
»Hey, rede mit mir!«, sagte Denis. Er war immer noch bei ihr, aber sie befanden sich nicht mehr im Kaminzimmer von Glamis Castle. Über ihnen war der Himmel blau. Mit der Hand konnte sie feuchtes Gras spüren.
»Denis?«
»Hey, nicht einschlafen!«
»Ich schlafe doch nicht …« Müde war sie dennoch. Sich kurz auszuruhen würde nicht schaden.
»WACH BLEIBEN
!«, rief er. Es klang gedämpft. Als ob er aus dem Zimmer nebenan sprechen würde. Sie konnte sein Gesicht sehen. Ganz nah. Er befand sich direkt bei ihr.
»JAZMIN
!«
Sie sah ihn an. Alles in ihr entspannte sich. Auf dieser Wiese im Sommer war es wunderschön.
»COLONEL
HARPER
! AUGEN
AUF
!«
Sie schreckte hoch. Denis’ Gesicht zeigte Furcht. Warum? Wovor hatte er Angst?
»Ich habe keine Ahnung, was hier abgeht! Aber du wirst mir jetzt nicht einschlafen! Hast du mich verstanden?«, rief er. Nein, das hatte sie nicht. Sie verstand nicht, was er von ihr wollte.