XXVI.
Es liegt in deinen Händen
»Dazu möchte ich eine Sache betonen. Jazmin Harper ist etwas ganz Besonderes. Ich bin stolz auf sie und wünsche ihr auf ihrer Reise alles Gute. Sie gehört wegen ihrer besonderen Fähigkeiten zu einer kleinen Gruppe, die dieses Abenteuer stellvertretend für alle Menschen auf der Erde erleben darf. Nun, das klingt, als ob die Crew und sie nur einen netten Ausflug durch Zeit und Raum unternehmen. Das Licht benötigt 49  Jahre, um vom Alderamin-Sonnensystem zu unserem zu gelangen. Astronomisch betrachtet ist das ein Katzensprung, für unsere Maßstäbe allerdings eine kaum zu bezwingende Distanz. Die Reisedauer ist mit 109  Jahren angesetzt. 124  Jahre auf der Erde, wenn alles gut läuft. Was ich mir von Herzen wünsche. Schließlich haben Zehntausende Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker alles Machbare dafür getan.«
Finchs Vater stoppte einen Moment. In dem Kaminzimmer herrschte eine Totenstille. Jeder hörte Duncan Harper zu. Niemand störte sich daran, dass nur ein Hologramm sprach. Seinem Charisma konnte man sich schwerlich entziehen. Es überragte mühelos seinen Tod. Finch überlegte. Sein Vater beantwortete die Frage nicht direkt, vielleicht sollte er ihn unterbrechen? Vorerst entschied er sich dagegen.
»Die USS London ist für weit mehr geschaffen worden, als 109  Jahre in mehr oder weniger einer Richtung zu fliegen. Diese stolze britische Lady ist zäh. Sie ist größer als andere Raumschiffe und robuster als alles, was zuvor in unseren Werften gebaut wurde. Wir haben ihr die Fähigkeit gegeben, sogar unbeschadet durch einen Meteoritensturm zu fliegen. Sie ist gewappnet gegen alle Arten von Strahlung, die es im All gibt. Zudem ist sie eine mobile Werkstatt und in der Lage, sich selbst zu reparieren. Es können alle benötigten Ersatzteile nachgebaut und zur Not auch neu entwickelt werden. Dazu braucht es noch nicht einmal Menschen. Mutter, die zentrale Bord KI , könnte es auch mit den Drohnen alleine tun.«
»Vater, bitte erzähle den Zuschauern von Jazmin, ich denke, ihre Geschichte, ihre besonderen Fähigkeiten wird alle interessieren. Sie trägt deinen Namen, unseren Namen. Fliegt nicht deshalb ein Teil von unserer Familie auf dieser Reise mit?«
Finch musste eingreifen. Er spürte, wie sein Herz begann, schneller zu schlagen. Selbstverständlich billigte er seinem Vater eine Einleitung zu, aber jetzt sollte er sagen, was er mit ihr getan hatte. Die Zuschauer an den Bildschirmen sollten es aus seinem Mund hören. Jeder sollte erfahren, mit welcher Währung er für seine ach so edlen Ziele zahlte.
»Das werde ich tun … ich wollte den Zuschauern nur einen Überblick geben, mit welchen Unwägbarkeiten wir bei der Entwicklung dieser Mission zu kämpfen hatten. Ich selbst habe alle im Team dazu angehalten, jedes denkbare Problem vorherzusehen, es zu erkennen und dafür eine Lösung zu schaffen. Eine Strategie, die vermutlich in 99  Prozent aller denkbaren Schwierigkeiten zum Erfolg führt.«
»Nur 99  Prozent?«, fragte Finch. Das war zwar immer noch keine Antwort auf seine Frage, aber dennoch eine Aussage, die noch nie in dieser Klarheit in der Öffentlichkeit diskutiert worden war. Sein Vater sprach damit das verbleibende Risiko an, das von dem glänzenden Projektmarketing des Jahrtausendprojekts geflissentlich unter den Teppich gekehrt worden war. Wer als Investor viel Geld zahlte, wollte nichts von sehr unwahrscheinlichen Problemen hören, denen man nicht begegnen konnte.
»Das ist mein Dilemma … Wie du weißt, neige ich dazu, alles in meinem Leben zu planen. Eine Marotte, das ist mir durchaus bewusst, aber es kommt auf die Details an.«
»Ein Detail wie Jazmin?« Finchs Frage löste im Kaminzimmer eine gewisse Unruhe aus. Die Zuhörer bemerkten die Spannung, die sich zwischen seinem Vater und ihm aufbaute.
»Stimmt … ein Detail wie Jazmin. Nun, sie ist kein Detail. Wie bereits erwähnt, sie ist etwas ganz Besonderes, wozu ich gleich mehr sagen möchte. Vielen Dank dafür, dass du nachgefragt hast. Das war sehr wichtig.«
Finch nickte. Sein Vater nahm diesen Nadelstich souverän hin und verpasste ihm dafür eine verbale Ohrfeige. Ihm war immer klar gewesen, dass das Interview kein Spaziergang werden würde. Finch riss sich zusammen, er würde unbeirrt weitermachen. Früher oder später würde sein Vater mit der Wahrheit rausrücken müssen.
»Wo wir gerade bei Details sind … Natürlich verfügt unser Projekt über ein ausgefuchstes Risikomanagement. Wir haben damit auch die unmöglichsten Ereignisse gelistet, analysiert und entschieden, ob wir diesem Problem begegnen wollen. Jede denkbare Katastrophe bekam eine Kennzahl. Diese Kennzahl war eine monetäre Größe. Letztlich entschied die Wirtschaftlichkeit darüber, auf welche Probleme wir uns vorbereiteten. Ein seit langer Zeit etabliertes Verfahren. Die Investoren konnten damit leben. Ich konnte es nicht.«
Duncan Harper ließ die Worte wirken. Jeder im Raum hing ihm weiterhin an den Lippen. Auch Finch erwischte sich dabei, seinen Erläuterungen neugierig zu folgen. Aber wo wollte er mit dieser Argumentation hin? Sollte das der Grund sein, einen Roboter als sein Kind getarnt auf diese Mission zu schmuggeln?
»Ich habe viele Jahre damit verbracht, sehr unwahrscheinliche Probleme, die wirtschaftlich nicht zu lösen waren, mit der grundlegenden Architektur der Mission abzugleichen. Das waren komplexe Überlegungen … die zu absolut nichts geführt haben. Ich habe diese intellektuellen Herausforderungen persönlich genommen, vermutlich um meine Eitelkeit zu befriedigen, und bin damit gescheitert. Heute weiß ich es besser.«
»Ich bin vermutlich nicht in der Lage, diese sehr speziellen Überlegungen mit dir zu diskutieren. Der eine oder andere Zuschauer möglicherweise auch nicht. Erzähl uns von dem, was du gelernt hast. Was hast du aus diesen Erfahrungen mitgenommen?« Finch musste jetzt dringend die Richtung ändern, ansonsten würde weder er noch sonst jemand seinem Vater folgen können.
»Das Schicksal ist nicht gerecht. Wir bekommen nicht, was wir glauben, verdient zu haben. Niemand bekommt das. Gerechtigkeit ist nicht mehr als ein humanistisch geprägter Wunschtraum.«
»Geht es dir um Gerechtigkeit?« Über diesen Gedanken hätte Finch hingegen stundenlang mit ihm sprechen können. War es gerecht gewesen, seinen Sohn wie ein Stück Dreck zu behandeln?
»Es geht um Werte. Ja, Gerechtigkeit ist mir wichtig. Auch wenn ich selbst nicht immer gerecht war. Vor allem nicht dir gegenüber. Aber genau deswegen sitzen wir heute hier, oder? Ein Vater mit seinem Sohn. Wie sollte ich auch Gerechtigkeit als mein Motiv glaubhaft machen, ohne mich deinem Urteil zu stellen?«
»Lass uns darauf zurückkommen, aber möchtest du unseren Zuschauern nicht endlich erzählen, wie du Jazmin erschaffen hast?«
Finch registrierte erneut Unruhe unter den Zuschauern. Diesmal ging die Runde aber an ihn. Er war nicht der Versuchung erlegen gewesen, über seine missratene Jugend zu jammern.
»Einverstanden.« Sein Vater reagierte gefasst. Auch wenn Finch einer holographischen Animation in die Augen sah, zeigten sie Respekt. Ein Geschenk seines Vaters, das er nicht oft gemacht hatte. Seine Maßstäbe waren hoch. »Wir haben über eine gefährliche Reise gesprochen, über Risiken, über mein Versagen, sie zu eliminieren, und über die Idee der Gerechtigkeit, die mich zu meinen Taten motiviert hat. Ein Dilemma, wie bereits erwähnt. Trotzdem trage ich dafür die Verantwortung.«
Stille.
»Ich habe Jazmin benutzt, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Wie hast du es eben so schön formuliert? Dich interessiert, wie ich sie erschaffen habe? Nun, das kann ich dir sagen, ich habe sie benutzt, um die Sicherheitsarchitektur der USS London zu umgehen. Ich habe mit ihr mehr als ein Dutzend Sicherheitsregeln verletzt! Sogar die, an denen ich selbst mitgewirkt habe, um das Schiff vor der Penetration durch nichtautorisierte Software zu schützen!«
Duncan Harpers Projektion redete jetzt nicht mehr um den heißen Brei herum. Finch sah zu Colonel Keller, der als Erster aufgestanden war. Hektisch legte er sich seine Finger an den Hals, um mit jemandem zu telefonieren. Verständlich, das war sein Job. Martin, sein Producer, saß reglos auf seinem Regiestuhl, und der Bürgermeister hielt sein wohlgenährtes Gesicht tief in seinen Fingern vergraben. Alex stand mit beiden Händen vor dem Mund wie erstarrt auf der Stelle.
»Software? Das verstehe ich jetzt nicht. Wir reden doch über einen Menschen, oder nicht? Es geht um Jazmin Harper? Sie ist doch meine Schwester. Vater, was hast du mit ihr getan?« Genau die Frage hatte Finch ihm stellen wollen.
»Es geht um Verantwortung! Verstehst du es nicht? Es geht nicht um Jazmin, auch nicht um mich, noch nicht einmal um die Besatzung der USS London . Auf dem Schiff befinden sich drei Millionen befruchtete Embryonen. Das ist eine Arche. Vermutlich die vorletzte, die die Erde verlassen wird. Es geht um das Leben! Es ging immer um das Leben! So wie es einmal gedacht war: geboren zu werden, aufzuwachsen, zu leben und auch zu sterben, wenn die Zeit kommt. Um diesen natürlichen Lauf der Dinge zu schützen, würde ich alles tun. Ich würde mein Leben opfern und, wenn es notwendig ist, auch das meiner Kinder!«
»Vater!«, rief Finch, bremste sich aber im gleichen Moment. Es war nicht seine Aufgabe, ihn zu verurteilen. Das sollten andere tun. Jeder für sich. Das war Gerechtigkeit. »Lass uns bei den Fakten bleiben. Du hast gerade eingestanden, dass deine angebliche Tochter ein Androide ist. Also kein Mensch! Und dass du sie benutzt hast, um nicht zertifizierte Software auf die USS London zu bringen. Habe ich das richtig verstanden?«
»Das ist fast richtig.« Duncan Harper verzog den Mund. »Nein, es stimmt. Ich möchte nicht um Kleinigkeiten streiten. Jazmin und Max sind auf den Raumschiffen. Das war mein Ziel gewesen. Mir ist es auch wichtig, dir zu sagen – dir, Atticus Finch Harper, meinem Sohn –, dass jeder von uns eine Aufgabe hat. Ich habe meine erledigt. Jazmin und Max haben ihre, und du wirst jetzt eine neue bekommen.«
Finch schüttelte nur den Kopf.
»HABEN SIE MICH NICHT RICHTIG VERSTANDEN ? ES GEHT UM DIE USS BOSTON , WIR MÜSSEN SIE SOFORT ERREICHEN . MIR IST KLAR , DASS SICH DIE USS LONDON BEREITS AUSSER REICHWEITE BEFINDET ! WIR HABEN EIN SCHWERWIEGENDES SICHERHEITSPROBLEM !«, brüllte Colonel Keller in einer Lautstärke, die niemand überhören konnte. Er zog ebenfalls seine Schlüsse. Natürlich, es ging um Maximilian Harper, Jazmins jüngeren Bruder. Wenn sie die Sicherheitsregeln verletzt hatte, würde er es ebenso getan haben können. Max dürfte kaum echter sein als seine Schwester.
»Möchtest du nicht wissen, was deine Aufgabe ist?«, fragte sein Vater, der sich wieder gefangen hatte. Von welcher Aufgabe sprach er? Als ob Finch das interessieren würde.
»Vater, im Vergleich zu Jazmin und Max dürfte das kaum der Rede wert sein. Lass uns …«
Duncan Harper unterbrach ihn. »Du täuschst dich.«
»Bitte?«
»Es fängt gerade erst an.«
»Was fängt an?«
»Die Zukunft. Deine Zukunft und die Zukunft aller, die morgen einen weiteren Tag auf der Erde verweilen dürfen.«
»Mit dieser Zukunft hast du nichts mehr zu tun!«, warf Finch ihm trotzig entgegen. »Deine Zeit ist vorbei.«
»Du täuschst dich erneut.« Mit seinen dickköpfigen Antworten wurde es wieder ruhiger im Kaminzimmer. Colonel Keller hatte den Raum wild gestikulierend verlassen, und Alex hatte die Kontrolle über den Dreh übernommen, weil Martin schlappgemacht hatte. Die Kameras hatten alles aufgezeichnet. The show must go on. Die zweite Runde begann.
»Lass hören … womit täusche ich mich wieder?«
»Es geht um mein Erbe.«
»Meinst du damit Jazmin und Maximilian?«
»Nein … mein Erbe, das ich dir hinterlasse. Es geht um deine Aufgabe. Jeder Mensch braucht doch ein Ziel, oder?«
»Ich habe damit nichts zu tun!«, keifte Finch zurück.
»Das liegt in deinen Händen!«
»Hör auf damit!« Finch wurde sauer.
»Jaz und Max wirst du nie wiedersehen. Es ist völlig gleich, was sie erleben, es wird ohne dich geschehen. Deshalb bist du mein einziges Kind. Mein Sohn. Mein Erbe. Mein Alleinerbe, wohlgemerkt. Du bekommst, was du dir verdient hast. Es geht um Gerechtigkeit. Die ist uns beiden wichtig, oder nicht?«
»Ich will dein Erbe nicht!«
»Das ist mir bekannt. Deswegen bist du der Einzige, dem ich es anvertrauen kann. Geld korrumpiert. Fast jeden, aber nicht dich. Du hasst es. Aus sehr persönlichen Gründen, die uns beiden gut bekannt sind. Darum möchte ich meinen Letzten Willen verkünden. Ich, Duncan Harper, vererbe mein gesamtes Vermögen an Atticus Finch Harper, meinen leiblichen Sohn. Er wird sämtliches Barvermögen, alle Immobilen, Aktien und Nutzungsrechte an meinen Patenten erben.«
»Das kannst du nicht tun!«
»Ich habe es bereits vor Jahren getan. Mir ist bewusst, dass das Hologramm einer toten Person zwar eine Meinung vertreten kann, aber juristisch nicht geschäftsfähig ist. Deshalb habe ich vorgesorgt. Mein Erbe ist notariell verbrieft und damit gültig.«
»Nein!«
»Atticus, akzeptiere es. Das ist meine Entscheidung. Du bist nun ein reicher Mann. Und kannst mit deinem Erbe tun, was immer du tun möchtest. Man kann nicht alles planen, du erinnerst dich, das Schicksal ist selten gerecht.«
»Ich will es nicht!«
»Wenn du willst, kannst du es verschenken … oder es auch auf der Wiese hinter dem Haus verbrennen. Ja … mir sind deine Absichten durchaus bekannt. Nun, da sich ein Vermögen in dieser Größenordnung nur schwerlich in bar auszahlen und anschließend durch einen Schredder jagen lässt, wirst du so oder so professionelle Unterstützung benötigen. Ich möchte nun die Bühne einer guten Freundin überlassen«, erklärte sein Vater mit einer der Situation völlig unpassenden Geste der Erheiterung, bevor er sich in Luft auflöste.
»Guten Tag.« Lady Henriette Leicester schritt auf den Sessel zu, auf dem zuvor sein Vater gesessen hatte. Ohne sich einzumischen, hatte sie die ganze Zeit in der Ecke gestanden und höflich abgewartet. Sie setzte sich und richtete sich mit einem Lächeln an die Zuschauer. Die Show ging in die dritte Runde.
»Sie kennen mich bereits. Mein Name ist Henriette Leicester. Ich bin Juristin und eine gute Freundin der Familie Harper. Meine Aufgabe ist es, alle Dinge, über die Duncan Harper gesprochen hat, juristisch zu belegen. Dafür stehe ich den Ermittlungsbehörden jederzeit zur Verfügung. Darüber hinaus wird mein Mandant selbstverständlich auch nach seinem Tod für weitere Fragen zur Verfügung stehen. Bitte seien Sie versichert, dass mein Mandant mit den beiden Androiden keinerlei unlautere Absichten verfolgt.«
Finch lächelte verkniffen. Das wurde ja immer besser. Wer sollte ihr das glauben?
»Ich möchte nun über das Erbe sprechen, das mein Mandant seinem ältesten und einzigen auf der Erde verbliebenen Sohn vermacht hat. Es ist beträchtlich. Die Summe aller monetär bewertbaren Aktiva beläuft sich auf 502  Milliarden Dollar. Das meiste davon sind Barmittel, Immobilien, Aktien, Optionen und andere Geschäftsbeteiligungen. Weiterhin gibt es zahlreiche Patente, die auf Duncan Harper registriert sind, deren Wert sich nicht genau beziffern lässt. Die Urheberschaft verbleibt natürlich auch über den Tod hinaus bei Duncan Harper, nur die Nutzungsrechte sind von dem Erbe betroffen. Bisher existieren über die Nutzung der Patente keine Vereinbarungen. Duncan Harper hat die öffentliche Nutzung stillschweigend geduldet, weshalb daraus aber kein Rechtsanspruch auf eine fortlaufende Nutzung abzuleiten ist. Atticus, es steht dir frei, über die Nutzung der Patente neu zu verfügen.«
Henriette sprach wie eine Regentin, die zurückkam, um ihr Reich zu fordern.
»Dazu stehe ich dir als Freundin und rechtlicher Beistand zur Verfügung. Wenn du es wünschst. Wie dein Vater es sagte, wir hatten genug Zeit, diesen Tag vorzubereiten. Du kannst über das Erbe frei verfügen. Natürlich wirst du Bedenkzeit brauchen. Es ist eine wichtige Entscheidung, zu der wir gerne auch unter vier Augen sprechen können, wenn du das möchtest. Ich werde mich dir nicht aufdrängen und gerne auch mit Juristen deiner Wahl kooperieren.«
»In Ordnung …« Finch begriff, dass er das Gespräch nicht mehr moderierte, sondern selbst die Hauptattraktion war. Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn. Er war der Letzte aus ihrer Familie, der den Namen Harper auf der Erde führte.
»Ich würde gerne noch eine Aussage deines Vaters zur Nutzung der Patente erläutern. Ist dir das recht? Oder sollen wir an dieser Stelle abbrechen?« Henriette legte ihre Hand auf seine. Sie war real, sie war die ganze Zeit real gewesen. Die Begegnung bei der Verabschiedung von Jazmin, das Interview und alles was jetzt passierte. Sie war der Kopf hinter diesen Ereignissen.
»Ja, bitte …« Ob er ihr wirklich vertrauen konnte? Sie verfügte über weitreichende Befugnisse. Vermutlich hätte sie auch das Geständnis seines Vaters anders oder gar nicht stattfinden lassen können. Was sie aber nicht getan hatte. Ja, er vertraute ihr. Er sah keinen Grund, es nicht zu tun.
»Mein verstorbener Mandant war fest davon überzeugt, während seiner wissenschaftlichen Karriere schwere Fehler begangen zu haben. Diese ungeschehen zu machen ist nicht einfach. Ich habe umfangreiche gerichtliche Verfügungen vorbereitet, die nach der Zeichnung von Atticus Finch Harper umgehend diversen Richtern vorgelegt werden. Diese Verfügungen werden den zukünftigen Umgang mit Patenten von Duncan Harper neu regeln. Einige zentrale Technologien könnten damit aus unserem Alltag verschwinden. Das wird nicht ohne Gegenwehr abgehen, da zahlreiche und vor allem finanzkräftige Interesseninhaber dadurch massive Vermögensschäden erleiden werden. Diese Gerichtsverfahren werden Jahre dauern und Millionen verschlingen. Atticus Finch Harper verfügt allerdings über ausreichende Mittel, um seine restriktive Haltung juristisch geltend zu machen. Vielleicht werden wir nicht jedes Verfahren gewinnen, aber mein verstorbener Mandant erachtete alleine schon die öffentliche Diskussion über die unbedachte Nutzung von einigen prekären Technologien als Gewinn.«
Finch saß auf einer Wiese. Glamis Castle konnte man von hier nicht sehen. Es lag hinter einem der langweiligen Hügel verborgen. Das Gras war feucht, was ihn aber nicht störte. Ansonsten gab es noch vereinzelte Bäume, die ihm in einiger Entfernung Gesellschaft leisteten. Er brauchte Zeit, um nachzudenken. Über seinen Vater, seine Taten und über sich. Das war sehr viel auf einmal.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte Alex. Er hatte sie nicht kommen hören.
»Gerne.« Er freute sich, sie zu sehen. Sie strich sich gerade eine Locke aus dem Gesicht.
»Heftig, oder?«
»Ja.«
»Damit hat niemand gerechnet.«
»Vor allem ich nicht …«
»Du hast aber eine gute Figur gemacht.« Sie nahm seine Hand. Er liebte ihre gepflegten Fingernägel. Auch das machte sie sympathisch. »Ich hätte das nicht geschafft.«
»Lügnerin.«
Sie lachte. »Ach komm, dein Vater hat uns alle an der Nase herumgeführt.«
»Das hat er.«
»Der Bürgermeister hat, nachdem du das Interview abgebrochen hast, lautstark getobt. Dieser Colonel Keller wollte dich sogar direkt verhaften lassen. Na ja, da hat er sich mit der Richtigen angelegt. Lady Leicester hat beide vor den Augen aller zur Sau gemacht. Mit dieser Frau möchte ich mich nicht streiten …«
»Nein …« Finch zog sein mobiles Display aus der Tasche und zeigte Alex seine Kündigung aus dem öffentlichen Dienst. »Ich bin suspendiert worden.«
»Aber du wirst nicht verhaftet!«
»Nein, das nicht.« Henriette hatte ihn darüber bereits informiert. Er würde ein freier Mann bleiben. »Und was ist mit dir?«, fragte er. Alex hatte dem Bürgermeister, nachdem er sie beleidigt hatte, ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet.
»Bin arbeitslos.«
»Ich hätte einen Job für dich.«
»Echt?«
»Als meine persönliche Assistentin … Du machst den besten Tee weit und breit.«
»O danke, was für ein Kompliment!«
»Ist aber so. Ich werde Hilfe brauchen, um mit der Geschichte klarzukommen.« Finch war völlig klar, dass er ab jetzt keinen Schritt in der Öffentlichkeit mehr machen konnte, ohne von einem Heer von Paparazzi verfolgt zu werden. Sie würden alles, was sie über ihn fanden, in den Medien ausschlachten.
»Willst du das Erbe wirklich ablehnen … ich meine, man kann mit Geld auch Gutes tun.«
»Als ich es vor langer Zeit gesagt habe, war ich sehr wütend … und heute? Ich weiß zumindest noch, warum ich wütend gewesen bin. Das Geld ist mir nach wie vor gleichgültig. Eher eine Belastung als ein Geschenk. Und das gilt auch für die damit verbundene Verantwortung. Ich brauche keine dicken Gleiter. Mein Vater war sicherlich kein guter Mensch. Aber am Ende seines Lebens war er bereit, für seine Fehler einzustehen. Ich denke, ich werde mich gut beraten lassen und versuchen, bessere Endscheidungen zu treffen.«
»Und Glamis Castle?«, fragte Alex.
»Was ist damit?«
»Mir gefällt es hier … was hast du mit dem Schloss vor?« Alex stupste ihn in die Seite.
Finch lachte. Darüber hatte er bisher noch nicht nachgedacht. Na ja, er hatte viel zu tun, da würde er nicht mit dem alten Gemäuer anfangen müssen. Eine Sache, die ihm besonders am Herzen lag, hatte weder etwas mit dem Schloss in Schottland noch mit dem Erbe seines Vaters zu tun. Darum wollte er sich zuerst kümmern. Mit Henriette an der Seite bot sich ihm eine völlig neue Perspektive. Geld für etwas Gutes einzusetzen, Alex hatte völlig recht, genau das würde er tun. Man musste kein Polizist sein, um für ein wenig mehr Gerechtigkeit einzutreten.