»Hallo, Clara!«, rief Theda. Ihre Erleichterung machte rasch neuer Sorge Platz. Trotz ihrer üblichen Aufmachung sah Clara anders aus als sonst. In Thedas Erinnerung war ihr weißes Haar immer zu zwei akkuraten Zöpfen geflochten gewesen. Zöpfe trug Clara auch jetzt, doch einer hatte sich halb aufgelöst, und der andere klemmte zur Hälfte unter dem Strohhut, der windschief auf ihrem Kopf saß. Am Kragen des Kleides prangte ein bräunlicher Fleck, der nach Kaffee aussah. Zwischen den Riemchen von Claras Sandalen leuchteten ein blauer und ein grüner Socken. Und beim Blick in Claras wettergegerbtes rundes Gesicht fiel Theda das erste Mal auf, dass Clara eine alte Frau war.
Natürlich war sie das, mit siebzig Jahren. Nur hatte sonst ihre lebhafte Art dafür gesorgt, dass Theda sich nie Gedanken darüber gemacht hatte. An diesem Tag sah ihre Haut unter der Bräune aschgrau aus, und ihre Mundwinkel zitterten, ihre sonst so strahlenden hellblauen Augen wirkten glasig. Das Lächeln, zu dem sie ihr Gesicht verzog, machte auf Theda zwar einen ehrlichen, aber doch ein wenig gezwungenen Eindruck.
»Theda, meine Liebe! Willkommen, willkommen auf der Insel!« Mit ausgebreiteten Armen kam Clara den Plattenweg durch den Vorgarten auf Theda zu. »Es tut mir unendlich leid, dass ich dich nicht abgeholt habe. Ich dachte ...«
»Alles gut, liebe Tante.« Theda schloss Clara in die Arme. Sie fühlte sich unerwartet zerbrechlich an. »Ich kenne doch den Weg.«
Am liebsten hätte sie Clara gleich gefragt, was los war. Denn dass hier etwas nicht stimmte, war klar. Aber sie kannte Claras Geheimrezept in allen Lebenslagen und sagte daher: »Wie wäre es zur Begrüßung mit einem Tässchen Tee?«
Eigentlich wäre es Claras Part gewesen, Theda das zu fragen. Nur machte Clara den Eindruck, als wüsste sie nicht genau, was sie tun sollte. Ihr Blick huschte von Theda zur Straße und zurück, und sie rückte an ihrem Hut herum.
»Oder passt es dir gerade nicht?«, fragte Theda, nun noch beunruhigter. »Du warst ja eben auf dem Weg zu ...«
Ja, wohin eigentlich? Clara blinzelte, als könnte sie sich selbst nicht erinnern. Sie gab sich einen sichtlichen Ruck. »Tee! Natürlich. Eine hervorragende Idee. Hattest du eine gute Überfahrt?«
Theda folgte Clara ins Häuschen. Zu ihrer Erleichterung sah in der winzigen, ordentlich aufgeräumten Küche alles so aus wie früher. Auf dem Fensterbrett standen Töpfe mit Kräutern, und in einem offenen Regal die blau-weiß gemusterten Teetassen, von denen Clara sogleich zwei auf den Tisch stellte. »Setz dich doch, Theda. Ach je, was bin ich nur für eine schlechte Gastgeberin. Dich einfach am Bahnhof stehen zu lassen.« Geschäftig eilte sie in der Küche hin und her und füllte einen altmodischen Kessel mit Wasser.
Theda nahm auf einem der bunt bemalten hölzernen Stühle Platz. »Nun ist es aber gut«, sagte sie mit liebevoller Strenge. »Ich hoffe doch sehr, dass du mich nicht als Pensionsgast siehst, sondern als Familienmitglied.«
Clara fiel der Kessel aus der Hand und landete scheppernd auf dem Boden. Das konnte Theda nicht länger mit ansehen. Sie stand auf, nahm Clara sanft am Arm und dirigierte sie zu einem Stuhl. »Setz dich mal hin. Ich übernehme den Tee.«
Clara öffnete den Mund und runzelte die Stirn, als wollte sie protestieren, sank dann aber auf den Stuhl und schnaufte nur.
Während Theda den Tee zubereitete, erzählte sie von der Überfahrt, dem Seenebel und dass sie Anna kennengelernt hatte. Ihr fiel auf, dass sie ihre größer werdende Sorge wegplappern wollte. Mit ihren Gedanken war sie nicht bei der Fähre, sondern überlegte, was wohl mit Clara los sein konnte und warum ihre sonst so lebhafte Tante zusammengesunken am Küchentisch saß und ihr kaum zu folgen schien.
Schließlich standen eine Kanne Tee, die Becher, dazu Milch und Kluntjes auf dem Tisch, und Theda nahm gegenüber von Clara Platz.
Nach den ersten Schlucken Tee seufzte Clara. »Ah. Das tut gut.«
Theda entschied sich, geradeheraus zu fragen. »Clara, was ist denn los mit dir?«
»Mit mir?« Clara blinzelte und verzog das Gesicht.
»Ja, du bist so ... durcheinander. So kenne ich dich gar nicht.«
Zu Thedas Schreck füllten sich Claras Augen mit Tränen. »Oje, ich möchte dich doch gar nicht damit belasten. Du hast Urlaub.«
»Belaste mich!«, forderte Theda sie auf. »Nun hab ich ja sowieso gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Bist du etwa krank?«
Clara schüttelte den Kopf. »Mit mir ist alles in Ordnung. Nur ... ich habe heute Morgen erfahren, dass der Mann von Sybille einen Schlaganfall hatte.«
Sybille war die beste Freundin von Clara, und obwohl sie bereits vor zwanzig Jahren zu ihrem Mann aufs Festland gezogen war, besuchten sich die Frauen, so oft es ging. Clara tupfte sich mit einer Serviette unter den Augen herum. »Und jetzt mache ich mir große Sorgen um Bille. Sie war ganz außer sich, als sie mich angerufen hat. Ich weiß nicht, ob sie es schafft, alles allein zu regeln. Ja, ich weiß, sie ist eine erwachsene Frau, aber in letzter Zeit kam sie mir etwas verwirrt vor, und dass Egon nun so krank ist, hat ihr glaube ich den Rest gegeben.«
»O nein, das tut mir so leid.« Betroffen griff Theda nach Claras Hand. »Ich kann gut verstehen, dass du dir Sorgen machst.«
Kein Wunder, dass Clara ihre Ankunftsdaten durcheinandergebracht hatte. Sie hatte andere Dinge im Kopf und war mit ihren Gedanken sicher ständig bei Sybille.
»Willst du nicht zu Sybille fahren?«, fragte Theda. »Sie könnte deine Hilfe bestimmt brauchen.«
»Das geht doch nicht. Ich kann doch meinen Strandkorbverleih nicht allein lassen. Die Saison fängt gerade an und ...«
Clara erklärte weiter, warum sie unabkömmlich war, doch Theda hörte ihr nur noch mit halbem Ohr zu. Wie sie die Lage einschätzte, könnte Clara die Vermietung ohnehin nicht vernünftig weiterführen. Sie hatte es nicht mal geschafft, Tee zu kochen. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihrer Tante das zu sagen. Endlich machte Clara eine Pause zum Luftschnappen, und Theda sagte rasch: »Das kann ich doch übernehmen.«
Clara starrte sie an. »Was? Aber ... das geht doch nicht!«
So spontan Theda den Vorschlag gemacht hatte, umso besser gefiel er ihr nun. »Warum denn nicht? Traust du mir etwa nicht zu, Strandkörbe an Touristen zu vergeben?«
»Doch, natürlich. Das ist aber sicher nicht das, womit du deinen kostbaren Urlaub verbringen möchtest.«
»Meinen Urlaub möchte ich vor allem am Strand verbringen. Da wäre ich ja dann, also passt das. Mir würde das Spaß machen, und du kannst unbesorgt aufs Festland fahren und deiner Freundin beistehen.«
Bei dem Gesicht, das Clara zog, konnte von unbesorgt wohl keine Rede sein. »Ich weiß nicht ...«, murmelte sie zweifelnd.
»Ich aber«, erklärte Theda resolut. »Es ist ein Wink des Schicksals, dass ich ausgerechnet jetzt hier bin. Weißt du was? Du packst deine Sachen und nimmst die nächste Fähre, und ich kümmere mich um die Strandkörbe.« Die Idee gefiel ihr richtig gut. Sie sah sich schon mit Strohhut an der Promenade sitzen und mit netten Gästen plaudern. Außerdem konnte sie sich mit dem kleinen Gefallen endlich bei Clara revanchieren, die sie schon so oft mit offenen Armen in ihrem Heim willkommen geheißen hatte.
Ein zaghafter Hoffnungsfunke trat in Claras Augen. »Meinst du wirklich?«
»Ja, allerdings. Du hast doch jetzt sowieso keinen Kopf für etwas anderes als Sybille, oder? Dein Platz ist an ihrer Seite. Du könntest dir bestimmt nicht verzeihen, wenn du jetzt nicht zu ihr fahren würdest.«
»Das stimmt.« Clara setzte sich auf. »Die letzte Fähre geht in vier Stunden, die kann ich nehmen.« Sie zögerte und sah Theda forschend an. »Aber wirklich nur, wenn es dir auch ernst damit ist.«
»Wenn es mir nicht ernst wäre, hätte ich den Vorschlag gar nicht gemacht. So gut kennst du mich doch, oder?«
Endlich lächelte Clara wie früher, schelmisch und ehrlich. »Ja, ich kenne dich. Dir kann ich meine Strandkörbe und meine lieben Gäste guten Gewissens anvertrauen. Es gibt da nur noch ein paar Dinge, die ich dir erklären muss ...«
»Jetzt packst du erst mal. Ich helfe dir, du erklärst mir alles in Ruhe und wir trinken noch einen Tee. So wild wird es schon nicht sein. Schließlich habe ich dir ja auch schon ein paarmal assistiert.«
Theda hatte es immer genossen, mit Clara vor ihrer Holzbude zu sitzen, Tee aus der Thermoskanne zu schlürfen und sich Geschichten über die Gäste anzuhören. Nur nette und witzige Geschichten, denn so war Clara, sie sah das Positive in jedem Menschen. Flüchtig huschte das Bild des grantigen Kerls vom Bahnhof durch Thedas Gedanken. Bestimmt hätte Clara auch an ihm gute Seiten entdeckt.