Theda musste zu ihrer Erleichterung nicht sofort antworten, denn der Kaffee wurde gebracht. Mit wachsendem Entsetzen sah sie zu, wie Hinnerk Graf ein Zuckerstück nach dem anderen in seinem dampfenden Becher versenkte. Als wäre das noch nicht genug des Grauens, trank er einen großen Schluck, nur um die Tasse großzügig mit Milch aufzufüllen, sodass dieses Gruselgetränk beinahe über den Rand lief.
Auf den Schreck musste Theda einen Schluck aus ihrem Becher nehmen. Kaffee, schwarz, stark. Danach fühlte sie sich gestärkt genug, um die Frage ihres Gegenübers zu beantworten.
»Ich möchte nicht gerne schlecht über den Toten reden«, begann sie, »aber gestern hat ihm bereits die Vorstellung Angst eingejagt, mit seinen schicken Schuhen durch den Sand zu spazieren. Er hat sich nämlich bei mir nach einem Strandkorb erkundigt. War ihm dann aber zu teuer.«
»Na, dann passt es ja, dass er sich später einfach ohne zu zahlen in einen Korb gesetzt hat.«
»Eben nicht«, widersprach Theda. »Er schien wirklich eine Abneigung gegen den Sand gehabt zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ausgerechnet im Dunkeln am Strand entlangspaziert ist.«
»Vielleicht war es noch nicht dunkel. Diese Beweislage erscheint mir ein wenig dürftig.«
Die Lachfältchen um Hinnerk Grafs Augen vertieften sich, und Theda wurde das Gefühl nicht los, dass er lediglich den Advocatus Diaboli spielte, um sie aus der Reserve zu locken. »Sie glauben doch auch nicht an eine natürliche Todesursache«, sagte sie ihm auf den Kopf zu.
»Nein, nicht wirklich«, gab er sofort zu. »Allerdings habe ich etwas bemerkt, das Ihnen entgangen ist.«
»Hat es etwas mit dem Handy zu tun?« Theda war aufgefallen, dass er das altmodische Teil interessiert betrachtet hatte.
»Ja.« Hinnerk Graf trank in aller Ruhe einen Schluck seines Zuckergetränks, das Theda beim besten Willen nicht als Kaffee bezeichnen konnte, und genoss es sichtlich, sie zappeln zu lassen. »Das Handy war nämlich kaputt.«
»Na ja, wenn es dem Herrn beim Herausziehen aus der Hand gefallen und in den Sand geflogen ist ...«
»Nein, das ist so ein robustes altes Ding, ein Klapphandy. Einen Sturz in den weichen Sand hätte es sicher überlebt. Nicht jedoch einen Tritt.«
»Ist er womöglich selbst versehentlich draufgetreten, nachdem es ihm heruntergefallen war?«
»Glaube ich kaum. Das Teil war kaputt, so als wäre jemand daraufgetreten.«
Theda ließ ihren Becher, aus dem sie hatte trinken wollen, sinken. »Der Mörder«, flüsterte sie.
Hinnerk nickte vielsagend. »Davon gehe ich aus.«
»Er hat mit dem Opfer telefoniert und wollte nicht, dass es jemand herausfindet?« Theda runzelte die Stirn. »Dann hat der Mörder entweder keine Ahnung von Technik, oder es war eine Kurzschlussreaktion, auf das Handy zu treten. Oder ein Versehen? Die Polizei kann die Anrufe doch ganz leicht durch eine Anfrage beim Telefonanbieter nachvollziehen.«
»Guter Punkt«, gab Hinnerk Graf zu. »Und warum hat er das Handy nach der Tat nicht mitgenommen? Das wäre doch unauffälliger gewesen, als es dort liegen zu lassen.«
Ihre Überlegungen erinnerten Theda an das Spiel Black Stories, bei dem man die Gründe für eine skurrile Situation mithilfe von Fragen herausfinden musste, die lediglich mit Ja und Nein beantwortet werden durften. Sie konnte nicht anders, als ihre eigene Black Story zu verkünden. »Ein Mann sitzt tot im Strandkorb, ein Handy zu seinen Füßen. Was ist passiert?«
Ein wenig zu spät fiel ihr ein, dass Hinnerk Graf diese Art Spiel vermutlich gar nicht kannte und sie nun für ein wenig seltsam halten musste. Doch ein lausbübisches Grinsen flog über sein Gesicht und ließ ihn gleich zehn Jahre jünger aussehen. »Ah! Black Story. Wurde die SIM-Karte des Handys entfernt?«
»Das weiß ich leider nicht.«
»Ich auch nicht, da mich jemand davon abgehalten hat, einen näheren Blick auf das Handy zu werfen.«
Theda übersah seine gehobenen Brauen. »Das wird die Polizei schon herausfinden. Allzu viele Morde wird es hier auf der Insel wohl nicht geben ...«
»Nun ja, schon ab und zu einen, wenn natürlich nicht vergleichbar mit dem Verbrechensaufkommen einer Großstadt. Vertrauen Sie der örtlichen Polizei etwa nicht?«
Nun bloß nicht ins Fettnäpfchen treten. Schließlich pflegte Hinnerk Graf freundschaftlichen Umgang mit der Hauptkommissarin. »Doch, schon, und es kommt ja auch Unterstützung vom Festland«, sagte Theda daher ausweichend. »Zurück zu den Black Stories. Da ist oft nicht die erste Vermutung die richtige. Was, wenn der Verstorbene doch selbst sein Handy zertreten hat? Könnte doch sein, dass er sich über einen Anruf dermaßen aufgeregt hat, dass er sein Handy wutentbrannt zertrampelt hat. Das hat sein schwaches Herz nicht mitgemacht und ...«
»... nun konnte er leider auch keine Hilfe mehr rufen«, vervollständigte Hinnerk Graf Thedas Theorie. Diesmal fiel sein Grinsen anerkennend aus. »Nicht schlecht!«
»Aber auch nicht sehr wahrscheinlich.« Theda seufzte. »Sie haben gestern nicht mitbekommen, wie sehr sich der Herr an der Gepäckausgabe am Bahnhof echauffiert hat. Knallrot war er im Gesicht und hat die Mitarbeiter angebrüllt. Hatte er wirklich ein schwaches Herz, wäre er wohl schon dort aus mit ihm gewesen.«
»Oder er hatte abends vergessen, sein Herzmedikament einzunehmen.« Hinnerk Graf rieb sich das Kinn mit dem durchaus attraktiven Dreitagebart.
»Auch möglich.« Theda verzog das Gesicht. »Schon komisch, wie sehr wir nach Gründen suchen, dass es ein Mord gewesen sein könnte. Liegt vermutlich daran, dass ich zu viele Krimis lese.«
»Und ich schreibe dann wohl zu viele? Ich finde, wir ... Moment.« Hinnerk Graf zog sein Smartphone hervor und wischte darauf herum. »Eine WhatsApp von Elke. Wir können zur Polizeistation kommen und unsere Aussagen zu Protokoll geben.«
Theda wunderte sich darüber, wie schnell die Verstärkung eingetroffen war.
»Zur Polizeistation ist es nicht weit von hier«, informierte er sie. »Kommen Sie, lassen wir die vielbeschäftigte Wangerooger Polizei nicht warten.«
Die Polizeistation entpuppte sich als unauffälliges, rot verklinkertes Gebäude, das wie ein Wohnhaus aussah. Im Vorgarten parkte ein blau-weiß bemaltes Fahrrad. Statt eines Fahrradkorbes stand ein ebenfalls blauer Topf auf dem Gepäckträger, der mit farbenfrohen Blumen bepflanzt war. Zwischen Sattel und Lenker spannte sich eine Kette, an der ein Blechschild mit der Aufschrift Polizei hing. So verspielt diese Dekoration auch wirkte, auf der Station selbst ging es professionell zu. Ein junger Beamter nahm Thedas Aussage in einem modern eingerichteten Büro direkt an einem Laptop auf. Er druckte das Formular auch gleich für Theda zur Unterschrift aus.
Bereits nach einer halben Stunde stand Theda wieder vor dem Blumenfahrrad. Der Polizist hatte ihr eine Visitenkarte überreicht mit der Bitte, später ihre Telefonnummer durchzugeben, und ihr empfohlen, die Insel innerhalb der nächsten drei Tage nicht zu verlassen. Das hatte Theda ohnehin nicht vor. Fragen zum Fortgang der Ermittlungen hatte sie sich verkniffen, obwohl es sie brennend interessierte, wie die Polizei den Fall weiter behandeln würde, und ob sie ihn überhaupt als Kriminalfall betrachtete. Das Handy musste ihnen auf jeden Fall aufgefallen sein.
Nun ja, die Aufklärung eines Todesfalles war nicht Thedas Job, auch wenn der Tote ausgerechnet in einem von Claras Strandkörben gesessen hatte, was Theda wiederum daran erinnerte, was zurzeit tatsächlich ihr Job war. Wenigstens ein Infoschild konnte sie an der Strandkorbvermietung anbringen. Zunächst wartete sie noch eine Weile, ob Hinnerk Graf die Polizeistation auch verlassen würde. Warum eigentlich? Sie waren sich nur zufällig begegnet, und obwohl sie ihn sympathisch fand, war sie ihm nicht schuldig, auf ihn zu warten. Vermutlich war er ohnehin schon weg. Trotzdem nagte leichte Enttäuschung an Theda. Sie schüttelte das Gefühl ab und machte sich auf den Weg zurück zur Promenade.
Schon von Weitem sah sie die Menschentraube, die sich um Claras Holzbude gebildet hatte. O Schreck! Sollte sie diesen Leuten wirklich erklären, was passiert war? Sie zögerte. Da entdeckte sie zwischen den lebhaft gestikulierenden Menschen die Uniform eines Polizisten. Erleichtert blieb sie stehen. Offenbar übernahm bereits der Beamte die unliebsame Aufgabe, den Gästen mitzuteilen, dass sie ihre Strandkörbe an diesem Tag zunächst nicht nutzen konnten. Sie würde den Leuten die Miete zurückerstatten müssen. Am besten, sie fragte später Clara danach.
Theda trat näher an den Rand der Promenade und spähte über die Büsche, die den Fußweg vom tiefer liegenden Strand trennten. Um ein großes Stück Strand zog sich das gelb-schwarze Absperrband und zäunte die Strandkörbe gleichsam ein. Von ihrem Standpunkt konnte Theda den Korb, in dem sie die Leiche gefunden hatte, nicht sehen. Zwischen dunklen Uniformen machte sie den blonden Pferdeschwanz von Hauptkommissarin Wagner aus.
Hinnerk Graf schien ja näher mit ihr bekannt, womöglich sogar befreundet zu sein, da sie sich mit Vornamen ansprachen. Ob er mehr über die Ermittlungen herausfinden konnte? Theda interessierte es schon sehr, wie der Mann zu Tode gekommen war. Und sie wusste, Clara würde es auch wissen wollen. Hoffentlich schadete der Leichenfund der Strandkorbvermietung nicht. Vor Thedas Augen tauchten Schlagzeilen auf:
Der Strandkorb des Todes!
Liegt ein Fluch über Wangerooges Strandkörben?
Nein, Unsinn. So reißerisch würde die Meldung sicher nicht ausfallen, und nach ein paar Tagen wäre Gras über die Sache gewachsen. Oder, besser gesagt, Sand darüber geweht.
Allerdings hatte der Gedanke an Clara Theda daran erinnert, dass sie ihre Tante dringend anrufen sollte. Es war schon später Vormittag, und bestimmt hatte Clara schon mehrmals versucht, sie telefonisch zu erreichen. Auf schnellstem Weg machte sich Theda auf zu Claras Haus.
Beide Vermutungen von Theda stellten sich als richtig heraus. Der Akku ihres Smartphones war leer, und nachdem sie es aufgeladen hatte, ploppten die Mitteilungen über drei entgangene Anrufe von Clara auf.
Theda rief zurück, und Clara meldete sich nach dem ersten Klingeln. »Theda, na endlich, ist alles in Ordnung bei dir?«
Das bejahte Theda, denn schließlich war nicht sie es, die tot im Strandkorb gesessen hatte. Ob sie Clara ihren unerwarteten Fund besser verschwieg? Während Clara erzählte, dass es Billes Mann leider schlecht ging und Bille noch immer völlig überfordert war, entschied sich Theda dagegen. Clara sollte es nicht aus der Zeitung erfahren, und sie war eine bodenständige Frau, sie würde das schon verkraften. Also berichtete Theda knapp und möglichst sachlich von dem abrupten Ende ihres Morgenspaziergangs. Clara hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, sie gab nur ein paar überraschte, erschrockene und vor allem mitfühlende Laute von sich.
»Min Deern, geht es dir gut?«, erkundigte sie sich gleich, nachdem Theda ihre Story mit dem Verlassen des Polizeireviers beendet hatte. »Das muss ja ein großer Schreck für dich gewesen sein!«
»Schön war es nicht«, gab Theda zu. »Aber ja, es geht mir gut. Und ich hoffe, dass die Polizei heute noch den Strandabschnitt freigibt. Schließlich wollen die Gäste zu ihren Strandkörben.« Obwohl – einen ganz bestimmten Strandkorb würde Theda sicher vorerst nicht vermieten können. Ob es Interessenten geben würde? Katastrophentourismus auf Wangerooge?
»Darüber mach dir keine Gedanken«, beruhigte Clara sie. »Aber ich warne dich schon mal vor. Es wird Gäste geben, die Geld zurück verlangen, weil sie den Strandkorb eine Weile nicht nutzen konnten.«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wie soll ich das am besten regeln?«
»Gib ihnen einfach das Geld für den kompletten Tag zurück, auch falls die Polizei den Strand nicht den ganzen Tag gesperrt lässt. Zufriedene Kundschaft ist wichtiger als ein paar Euro.«
Erleichtert stellte Theda fest, dass sich Clara schon viel lebhafter anhörte als zu Beginn ihres Gesprächs. Die Ablenkung von den Sorgen um ihre beste Freundin tat ihr offenbar gut.
»Hat es so einen Fall schon mal gegeben?«, fragte Theda.
»Ja, ach, du musst bedenken, dass die meisten Gäste auf der Insel ein wenig betagter sind. Es sind durchaus schon Menschen am Strand gestorben. Kreislaufversagen, wenn sie sich beim Schwimmen überschätzt hatten oder zu lange in der Sonne geblieben waren ... aber einen Toten in einem meiner Strandkörbe hat es bisher nicht gegeben.«
»Übrigens soll ich dich von dem Autor Hinnerk Graf grüßen. Er hat gesagt, dass er dich kennt. Er war zufällig am Strand, als ich den Toten entdeckt habe, und konnte mir sein Smartphone leihen, um die Polizei zu rufen.«
»Hinnerk, ja, das finde ich gut, dass er dir zu Hilfe gekommen ist. Ein netter junger Mann.«
Nun ja. Zu Hilfe geeilt fand Theda ein wenig übertrieben ausgedrückt. Und wirklich jung war Hinnerk auch nicht mehr. Jedenfalls hatte es Spaß gemacht, mit ihm Mordtheorien auszutauschen. »Kennst du ihn näher? Hast du schon mal was von ihm gelesen?«
»Ja, und du bestimmt auch. Er wohnt jedes Jahr ein paar Monate auf der Insel und schreibt ein Buch. Übrigens ist er Single! Oh, entschuldige, ich muss auflegen, eine Ärztin will jetzt mit Bille sprechen, und sie möchte mich dabeihaben. Ich rufe dich später noch mal an!«
»Nicht ...« ... nötig, hatte Theda sagen wollen, doch Clara hatte die Verbindung bereits unterbrochen. Single also, soso. Wider Willen musste Theda grinsen. Clara hatte schon mehrmals versucht, sie mit einem der Inselbewohner zu verkuppeln. Da sie es bei gelegentlichen Bemerkungen beließ, fand Theda das nicht schlimm.
Wo sie das Smartphone nun schon in der Hand hatte, rief sie gleich im Polizeirevier an und hinterließ ihre Nummer. Der Beamte konnte ihr nicht sagen, wann man den Strandabschnitt wieder betreten durfte, versprach aber, sie zu informieren. Also beschloss Theda, die Zeit zu nutzen, sich in den Garten zu setzen und ein paar Kapitel zu lesen. Sie setzte Teewasser auf, da sah sie es am Küchenfenster schwarz-weiß aufblitzen.
Eine Elster saß außen auf der Fensterbank zwischen den Geranien und musterte sie mit schräg gelegtem Kopf.