Theda kannte sich nicht sonderlich gut mit Vögeln aus. Sie konnte wohl eine Elster von einer Möwe unterscheiden, mehr aber auch nicht. Und dennoch war sie ziemlich sicher, dass es sich bei dem Besuch am Fenster um die Elster vom Strand handelte. Unmöglich, schließlich sahen alle Elstern gleich aus, oder? Schwarz-weißes glänzendes Gefieder, dunkle Knopfaugen, lange Schwanzfedern, spitzer Schnabel ... Besagten Schnabel nutzte die Elster, um damit an die Fensterscheibe zu picken.
Ob sie hereinwollte? Clara mochte Tiere, besonders Vögel. Theda konnte sich gut vorstellen, dass sie Freundschaft mit einer Elster geschlossen hatte. Das Bild der weißhaarigen Tante tauchte vor ihr auf, wie sie in ihrer geblümten Küchenschürze durch den Garten tanzte, auf der Schulter eine Elster und umschwirrt von Rotkehlchen und Meisen, ein Liedchen trällernd. Disney ließ grüßen.
Jedenfalls erinnerte die Elster, die weiter energisch an die Scheibe klopfte, Theda an das Vogelfutterhäuschen im Garten. Und an ihren eigenen knurrenden Magen. Clara hatte sie zwar nicht gebeten, die Vögel zu füttern, aber wegen der spontanen hektischen Abreise hatte sie vermutlich nur nicht daran gedacht. Erst die Tiere, dann der Mensch! Theda musste im Garten nicht lange nach dem Vogelfutter suchen. Ein Sack mit gemischten Körnern lag auf einem Regal in Claras kleinem, sonnengelb gestrichenem Schuppen, in dem sie ihre Gartengeräte verwahrte. Die Futterstation stand in gebührendem Abstand, aber in Sichtweite der Terrasse. Dabei handelte es sich nicht um ein einfaches Holzkonstrukt, o nein! Die Vögel in Claras Garten durften sich über eine herrschaftliche Villa freuen. Nun ja, vermutlich war es den Vögeln egal, in welchem Domizil sie ihre Körner fressen konnten. Theda allerdings bewunderte das fein gearbeitete Häuschen aus bemaltem Holz. Viele liebevolle Details wie Fensterläden, eine Veranda mit Geländer und Erkertürmchen machten die Futterstelle zu einem Schmuckstück.
Theda gab eine großzügige Menge der Körner in die leeren Näpfe. Kaum hatte sie sich ein paar Schritte von dem Häuschen entfernt, landeten schon die ersten Meisen auf dem Dach. Eine Weile sah Theda zu, wie die Vögel die Villa anflogen und mit Beute im Schnabel wieder verließen. Nur die Elster ließ sich nicht blicken. Die schätzte Theda allerdings auch als zu groß für die Futterstelle ein.
Nun musste sie sich aber dringend um ihr eigenes leibliches Wohl kümmern! In der Aufregung hatte sie gar nicht mehr ans Frühstück gedacht, und nun war es schon Mittag. In Claras Küche bereitete sie sich eine opulente Mahlzeit aus Rührei, Baked Beans und Toast mit Orangenmarmelade zu. Beim Anblick der Baked-Beans-Dosen im Schrank musste sie gerührt lächeln. Clara mochte diesen unverzichtbaren Teil eines englischen Frühstücks nicht, wusste jedoch, dass Theda im Urlaub gerne ausgiebiger frühstückte und die Bohnen in Tomatensauce liebte.
Vorsichtig balancierte Theda ein Tablett mit ihrem verspäteten Frühstück auf die Terrasse und stellte es auf dem schmiedeeisernen Tischchen mit der Mosaikplatte ab. Von ihrem Platz aus konnte sie die Vogelschar an ihrer Futtervilla beobachten. Erst jetzt, als sie zur Ruhe kam, fiel ihr auf, wie angespannt sie gewesen war. Ihre Schultern entspannten sich, und nach den ersten Bissen löste sich der Knoten in ihrem Magen. Der Fund des Toten hatte sie doch stärker mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte. Aber war das ein Wunder? Schließlich fand sie nicht jeden Tag eine Leiche in einem Strandkorb.
Bevor sie weitere Theorien über die Todesursache spinnen konnte, tauchte die Elster wieder auf. Sie marschierte über die Terrasse und hüpfte mit einem lässigen Flügelschlag auf den zweiten Stuhl.
»Na hallo, du Hübsche«, sagte Theda und kam sich nur ein bisschen seltsam vor. »Bist du eine Freundin von Clara?«
Der Vogel betrachtete sie aus klugen Augen. Ob es sich wirklich um dasselbe Tier handelte, das Theda am Strand gesehen hatte? Und was hatte es für einen glänzenden Gegenstand im Schnabel gehalten? Es mochte weit hergeholt sein, doch womöglich hatte der etwas mit dem Toten zu tun.
»Meine liebe Elster, dir ist hoffentlich klar, dass man keine Gegenstände von einem möglichen Tatort entfernen darf«, erklärte Theda dem Vogel, der tatsächlich ein wenig beleidigt aussah. Um ihren Worten die Schärfe zu nehmen, warf Theda der Elster ein paar Bröckchen Rührei hin, die mit einem Happs verschlungen wurden.
»Jetzt sagen Sie nicht, die Elster hat Beweise gestohlen!«, hörte sie eine Stimme.
Verblüfft drehte sie sich um. Büsche verstellten den direkten Blick zur Straße, doch über der oberen Kante des Gesträuchs erschien ein bekanntes Gesicht mit dunklen Locken. Hinnerk Graf winkte Theda zu. »Entschuldigen Sie bitte, ich wollte mich nur vergewissern, dass es Ihnen gut geht.«
Theda schwankte zwischen Ärger und Verlegenheit, weil Hinnerk Graf sie bei dem Gespräch mit einer Elster erwischt hatte. »Und darum schleichen Sie sich an und belauschen mich?«
Ein jungenhaftes Grinsen flog über sein Gesicht. »Ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben. Entschuldigen Sie vielmals! Bin auch schon wieder weg.«
Gegen ihren Willen konnte Theda ihm nicht böse sein. Eigentlich war es ja auch ganz nett, dass er sich nach ihrem Befinden erkundigte. »Nein, warten Sie«, sagte sie rasch. »Haben Sie Lust auf eine Tasse Tee?«
»Ich möchte Sie aber nicht beim Frühstück stören.«
»Bin sowieso gerade fertig.«
Das stimmte, denn das restliche Rührei verleibte sich soeben die Elster ein, die dreist direkt neben Thedas Teller saß und darauf herumpickte. Sie ließ sich kaum davon stören, als Theda aufstand. Auch, als Theda mit Hinnerk Graf zurück in den Garten kam, blieb sie auf dem Tisch stehen.
»Hallo, Elsa«, sagte Hinnerk Graf höflich.
Theda starrte ihn an. »Sie kennen den Vogel?«
»Ja, das ist Elsa. Sie ist hier öfter zu Besuch.« Das brachte er zwar ernsthaft vor, doch die Fältchen um seine Augen verrieten, dass er Spaß an der Situation hatte.
»Ich wusste nicht, dass Clara eine zahme Elster hat.«
»Als zahm würde ich sie auch nicht bezeichnen. Clara hat Elsa gefunden, nachdem sie als Jungtier aus dem Nest gefallen war. Von den Eltern keine Spur, also hat Clara sie großgezogen. Sobald Elsa alt genug war, hat Clara versucht sie auszuwildern. Das dürfte etwa zwei oder drei Jahre her sein. Tatsächlich führt Elsa ein selbstständiges Leben, sie ist bestimmt kein Haustier, aber ab und zu kommt sie her und schnorrt Futter.« Hinnerk Graf warf einen bezeichnenden Blick auf den leeren Teller, auf den Elsa erneut pickte, als erwartete sie eine zweite Portion. »Bei Ihnen scheint sie ja auch Erfolg gehabt zu haben.«
»Das ist ja spannend. Clara hat mir gar nichts davon erzählt.« Was Theda schmerzlich daran erinnerte, wie selten sie während der letzten Jahre Kontakt zu ihrer Tante gehabt hatte. Sie hatte gehofft, mit diesem Besuch einiges nachholen zu können, doch bisher schien er unter keinem guten Stern zu stehen.
»Das wird sie sicher noch«, sagte Hinnerk Graf, als könnte er Thedas Gedanken erraten. »Aber möchten Sie mir vielleicht erzählen, was es mit dem Entfernen von Beweisstücken auf sich hat?« Er schaufelte mehrere Teelöffel Kluntjes in seinen Tee, was Theda nicht wirklich überraschte.
»Von Beweismitteln habe ich nichts gesagt«, stellte sie klar. »Mir ist heute Morgen am Strand eine Elster aufgefallen, die etwas Glänzendes im Schnabel hatte. Mehr war da nicht.«
»Wussten Sie, dass das Märchen von der diebischen Elster wirklich nur das ist, ein Märchen nämlich?«
Theda unterdrückte ein Seufzen und lehnte sich zurück. Fiel das schon in die Kategorie Mansplaining? Sie konnte Männer nicht leiden, die keine Gelegenheit ausließen, vermeintlich unwissenden Frauen ungefragt die Welt zu erklären. »Ach nein!«, heuchelte sie Überraschung. »Und Füchse sind gar nicht schlau und Wölfe auch nicht grimmig?«
Hinnerk lachte. »Sie halten mich bestimmt für einen nervigen Besserwisser.«
Theda tat ihre spitze Bemerkung schon leid. »Nun erzählen Sie schon, was Sie über Elstern wissen. Ich müsste es sonst doch später nur nachschlagen.«
»Ich weiß es auch nur, weil eine diebische Elster in einem meiner Bücher vorkommt und mein Lektor mir das angekreidet hat. Untersuchungen haben gezeigt, dass Elstern gar nicht so häufig von glänzenden Gegenständen angezogen werden, wie man ihnen nachsagt. Bei einem Experiment wurden Elstern neben ihrer Futterstelle je eine Schale mit glänzenden und eine mit matten Schrauben präsentiert. Statt sich nun auf die glänzenden Teile zu stürzen, hielten die Elstern zunächst vorsichtigen Abstand sowohl von den Schrauben als auch vom Futter und zeigten kein gesteigertes Interesse.«
»Und wie kam es dann zu der Annahme, dass Elstern glitzernde Sachen stibitzen?«
»Womöglich kommt es durchaus vor, dass Elstern kleine Gegenstände mitnehmen. Und manchmal mag da auch etwas Glänzendes darunter sein. Das fällt dann natürlich mehr auf.«
»Interessant«, sagte Theda und meinte es ernst. »Ändert aber nichts daran, dass die Elster, die ich am Strand gesehen habe, wirklich etwas im Schnabel trug, und das hat geglänzt.«
»Sie konnten nicht sehen, was das war?«
»Leider nein.« Theda hob die Schultern. »Tja, die Chancen stehen schlecht, dass wir das jemals herausfinden werden. War vermutlich nur ein Kaugummipapier.«
»Das eventuell der Mörder verloren hat. Übrigens kann es gut sein, dass es sich bei der Elster, die Sie gesehen haben, wirklich um Elsa gehandelt hat. So viele Elstern gibt es hier auf der Insel nämlich gar nicht. Dafür jede Menge Dohlen. Und Elsa hält sich oft in der Nähe von Claras Strandkörben auf. Übrigens brüten auf Wangerooge rund achtzig Vogelarten, darunter etwa fünfundvierzig Singvogelarten. «
Das mochte ja sehr interessant sein, doch Theda interessiert etwas ganz anderes. Eine frische Brise wehte ihr das Haar ins Gesicht, und sie strich es zurück. »Haben Sie eigentlich der Polizei von unserem Verdacht erzählt, dass es sich um Mord handeln könnte?«
Hinnerk Graf winkte ab. »Nein, das sollen die schön selbst herausfinden. Außerdem ... na ja, Sie können sich vielleicht denken, dass die Polizei es nicht sehr schätzt, wenn ihnen ausgerechnet ein Krimiautor Tipps geben will.«
»So langsam werde ich neugierig auf Ihre Krimis. Wollen Sie mir wirklich nicht Ihr Pseudonym verraten?«
»Da habe ich eine bessere Idee. Darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen? Ich könnte Ihnen ein Exemplar meines letzten Krimis mitbringen.«
Theda musterte ihn überrascht. Sollte das ein Date sein?
»Wir könnten weiter über den Fall spekulieren«, sagte Hinnerk Graf mit einem charmanten Lächeln, wie um etwaige Bedenken zu zerstreuen. »Das hat mir beim Kaffeetrinken wirklich Spaß gemacht.«
Theda hatte das auch gefallen, also stimmte sie zu. Was war schon dabei? Dass sie sich mit ihm zum Essen traf, hatte rein gar nichts mit der subtilen Bemerkung von Clara bezüglich Hinnerk Grafs Familienstand zu tun. Theda war nicht auf die Insel gekommen, um Männer kennenzulernen. Und überhaupt sollte sie nicht zu viel in diese simple, nett gemeinte Einladung hineininterpretieren.
Sie tauschten ihre Telefonnummern aus. Bei der Gelegenheit speicherte Theda auch gleich die Nummer von Elke Wagner in ihrem Telefon und teilte ihr mit einer kurzen SMS ihre Nummer mit. Schließlich wollte sie so schnell wie möglich darüber informiert werden, wann sie die Strandkörbe wieder nutzen durfte.
Nachdem sich Hinnerk verabschiedet hatte, räumte Theda den Tisch ab und spülte. Elsa blieb, vermutlich in der Hoffnung auf weitere Leckereien, in der Nähe der Terrasse, und Theda brachte es nicht übers Herz, sie zu enttäuschen. Sie brachte ein Tellerchen mit Käsewürfeln in den Garten und sah zu, wie Elsa sie zufrieden verzehrte.
Den letzten Würfel nahm Elsa in den Schnabel und flog damit weg. Ob sie Küken zu versorgen hatte? Theda beobachtete, wie der schwarz-weiße Vogel zunächst eine Runde über dem Garten drehte und schließlich auf dem Komposthaufen neben dem Schuppen landete. Dort schob Elsa Laub hin und her, pickte ein wenig herum und flog davon.
Nun war Theda doch neugierig geworden. Sie ging zu dem Kompost und wischte ein paar Blätter an der Stelle zur Seite, an der sie Elsa hatte herumwerkeln sehen. Der Geruch von modernden Pflanzen stieg ihr in die Nase, und sie musste niesen.
Tatsächlich, da lag der Käsewürfel. Vorrat für schlechtere Zeiten? Aber ... was war das?
Versteckt unter halb kompostierten Gartenabfällen schimmerte etwas. Mit spitzen Fingern griff Theda danach. Ein Kaugummipapier. Hatten sie nicht vorhin noch darüber gesprochen? Offenbar hatte sie soeben Elsas nun nicht mehr so geheimes Vorratslager aufgestöbert. Sie legte das Papierchen zurück und entdeckte noch mehr. Theda tippte auf die glänzende Ecke, die unter einem Blatt hervorlugte. Sie fühlte sich hart und glatt an. Das musste sie sich näher ansehen. Sie zog das Beutestück aus Elsas Schatz hervor und legte es sich auf die Handfläche. Eindeutig kein Papier. Sah aus wie ein silberner Anhänger. Sie wischte den feuchten Sand ab. Nein, das war eine Brosche in Form einer Möwe mit ausgebreiteten Flügeln. Eine der Schwingen berührte einen Bogen, der wie ein halbes Herz geformt war. Ein Blick auf die Rückseite des Schmuckstücks verriet anhand der Gravur, dass es sich um Sterlingsilber handelte.
So viel zu den Untersuchungen der Elsterforscher. Vielleicht hätten sie statt schnöder Schrauben lieber Silberschmuck anbieten sollen ...