Kapitel 8

Theda berührte das Schmuckstück. »Die Brosche? Kennen Sie sie?«

»Allerdings.« Marta räusperte sich. »Aber wahrscheinlich gibt es nicht nur diese eine. Obwohl ... na ja, er hat ihr sowieso einen Haufen Lügen erzählt.«

Das klang interessant! Theda wechselte einen raschen Blick mit Hinnerk. So schnell hatte sie nicht mit dem Erfolg ihres Plans gerechnet. »Die Brosche habe ich am Strand gefunden. Wenn Sie die Besitzerin kennen ...« Den Teil mit Elsa ließ sie lieber aus, um die Sache nicht unnötig kompliziert zu machen.

»Ja. Nein.« Allmählich kehrte die Farbe in Martas Gesicht zurück, und sie lachte unbehaglich. »Du liebe Güte. Sie müssen mich für sehr merkwürdig halten, weil ich mich wegen Modeschmuck so aufrege. Es ist nur so: Eine gute Freundin von mir hatte die gleiche Brosche. Sie hat ihr viel bedeutet. Ein Verehrer hat sie ihr geschenkt, als sie jung war.«

»Wohnt Ihre Freundin auf der Insel? Dann ist es gut möglich, dass es sich um ihre Brosche handelt. Natürlich gebe ich sie ihr so bald wie möglich zurück«, versicherte Theda. Nicht, dass Marta noch glaubte, sie wolle das Schmuckstück behalten.

»Nein.« Ein Schatten flog über Martas Gesicht. »Sie ist vor zehn Jahren gestorben. Ich vermute, sie hat die Brosche an ihre Tochter Anna weitergegeben.«

Bei dem Namen horchte Theda auf. »Anna, die Grundschullehrerin?«

»Ja, genau.« Marta musterte Theda interessiert. »Kennen Sie sich?«

»Nur flüchtig, ich habe Anna auf der Fähre getroffen.«

»Es könnte auch Zufall sein«, sagte Marta nachdenklich. »Ich habe nämlich nie gesehen, dass Anna die Brosche getragen hätte. Unwahrscheinlich, dass sie sie am Strand verloren hat. Es wird wohl doch eher so sein, dass es viele von der Sorte gibt.«

»Trotzdem würde ich Anna gerne fragen, ob es sich um ihre Brosche handelt, bevor ich das Stück beim Fundbüro abgebe.«

»Natürlich. Ja. Ich kann Anna Bescheid sagen, und sie würde sich dann bei Ihnen melden, wenn Ihnen das recht ist.«

Das war Theda sehr recht. Sie gab Marta ihre Telefonnummer. »Wenn Anna möchte, kann sie auch zur Strandkorbvermietung kommen. Die habe ich für Clara übernommen, solange sie weg ist. Allerdings habe ich keine Ahnung, wann die Polizei die Körbe wieder freigibt. Hoffentlich morgen.«

»Ah!« Ein neugieriges Glitzern trat in Martas Augen. »Dann haben Sie also die Leiche gefunden. Hinnerk ... Herr Graf ... hat mir schon davon berichtet. Und natürlich ist es sowieso schon Inselgespräch Nummer eins. Haben Sie gewusst, dass der Tote nur zwei Häuser weiter gewohnt hat? In der Pension von Brigitte Koch. Die Polizei hat Brigitte befragt und das Gästezimmer versiegelt! Ich frage mich, warum, denn der alte Herr wird doch vermutlich eines natürlichen Todes gestorben sein, oder?«

Theda fand es bemerkenswert, dass Marta, die sie auf mindestens genauso alt wie den Toten schätzte, von ihm als von einem alten Herrn sprach.

»Hatte Frau Koch denn den Eindruck, dass der Tote krank war?«, erkundigte sich Hinnerk betont beiläufig, doch Theda entging nicht das jagdlustige Aufblitzen seiner Augen.

Marta winkte ab. »Ja, schon. Er hatte ein ganzes Arsenal an Medikamenten bei sich. Sie wissen schon, diese Tablettenkästchen, mit einem Fach für jeden Tag, in das man die Medikamente einsortieren kann. Er wirkte etwas kurzatmig auf die arme Brigitte. Man soll ja nicht schlecht über die Toten reden, aber er war erst einen halben Tag hier und hat schon an allem herumgenörgelt. Nichts war ihm gut genug. Dabei hat Brigitte ihm ihr schönstes Zimmer gegeben, das nach hinten raus mit dem Erker. Aber nein, das war dem Herrn nicht genehm. Die Matratze zu weich, das Kissen zu hart, die Frühstückszeit zu spät, dann gab es noch Ärger mit seinem Gepäck, und ihm war sowieso alles zu teuer.« Marta unterbrach sich. »Oje. Ich sollte wirklich nicht so über Gäste reden. Egal ob lebendig oder tot.«

»Kein Problem«, versicherte ihr Hinnerk mit einem charmanten Lächeln. »Ich bin doch schon eher Familie als Gast, oder, Marta? Da kannst du ruhig ehrlich sein.«

Das brachte Marta zum Strahlen. »Na ja, wenn du das so siehst ... wie dem auch sei, Brigitte hat sich ja schon Gedanken gemacht, als Herr Gutbrodt nicht zum Frühstück aufgetaucht ist. Doch sie hat sich auch nicht getraut, an seine Tür zu klopfen. Ich glaube, sie war ganz froh, dass sie eine Weile Ruhe vor ihm hatte. Kann ich ihr nicht verdenken.«

Nun hatte der Tote also einen Namen. Gutbrodt.

Marta wandte sich an Theda. »Ist Ihnen denn etwas an der Leiche aufgefallen, das auf Mord hindeuten könnte? Eine durchgeschnittene Kehle vielleicht?«

Theda hätte beinahe laut herausgelacht und verkniff es sich gerade noch. »Äh ... also ...«, brachte sie hervor. Sie hegte den Verdacht, dass alles, was sie jetzt sagte, spätestens am nächsten Morgen sämtlichen Einheimischen bekannt sein dürfte. Eher noch am selben Abend.

»Also wirklich, Marta!« Hinnerk kam ihr zu Hilfe und drohte Marta scherzhaft mit dem Finger. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nichts Ungewöhnliches an dem Toten bemerkt habe. Meinst du nicht, eine durchschnittene Kehle wäre mir aufgefallen?«

»Hm, doch, vermutlich«, gab Marta zu. »Womöglich ist das auch normale Polizeiroutine, und da der Herr alleine hier war, müssen sie bestimmt in seinem Gepäck nach Anhaltspunkten dafür suchen, wen sie von seinem Tod verständigen müssen.«

»So wird es sein. Und nun machen wir uns auf den Weg zum Abendessen. Du warst doch auch am Aufbrechen?«

»Ja, ich wollte rüber zu Brigitte. Die Polizei hat wie gesagt das Zimmer versiegelt, weil sie es morgen durchsuchen wollen. Wie in einem Krimi. Die arme Brigitte ist völlig außer sich.«

Besonders überzeugend klang das nicht. Theda vermutete, dass Brigitte den Tod ihres unsympathischen Gastes ganz gut weggesteckt hatte und die Damen nun einfach gerne noch ein wenig über ihn tratschen wollten.

Sie verließen gemeinsam das Haus und gingen nach einem freundlichen Abschied auf der Straße in verschiedene Richtungen. Hinnerk überreichte Theda das Taschenbuch. »Bitte sehr. Das ist der neuste Krimi von H. Nerksson.«

»Sehr kreatives Pseudonym.« Theda betrachtete das Cover, das eine düstere Wattlandschaft zeigte. Darauf prangte in blutroten Buchstaben der Titel Tidentod. Der Klappentext verriet, dass auf einer Wattwanderung eine Leiche entdeckt wurde.

»Hm, wurde da etwa ein gewisser Wattführer in diesem Roman verewigt?«, fragte Theda.

Hinnerk hob die Hände. »Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Übrigens zeige ich Ihnen das Gartenhäuschen gerne ein anderes Mal. Jetzt wollte ich möglichst schnell weg, bevor Marta ihr Verhör auf den kompletten Abend ausweitete. Sie ist ein sehr lieber Mensch, aber auch eine Klatschtante. Wenn irgendetwas auf der Insel passiert – Marta weiß Bescheid.«

»Dann ist es ja praktisch, dass Sie bei ihr wohnen. Könnte für die weiteren Ermittlungen von Vorteil sein.«

»Weitere Ermittlungen?« Hinnerk lüpfte die Brauen. »Wollen Sie etwa der Polizei Konkurrenz machen?«

»Sie doch auch«, gab Theda zurück. »Vermutlich wird der Titel Ihres nächsten Krimis Strandkorbmord lauten, oder?«

»Das kann ich nicht völlig ausschließen«, gab Hinnerk mit einem schiefen Grinsen zu. »Mit so viel Inspiration habe ich hier gar nicht gerechnet. Eigentlich bin ich wegen der Ruhe hergekommen.«

»Nichts spricht dagegen, den Mor... den Toten im Strandkorb zu ignorieren«, behauptete Theda. »Schließlich wissen wir nicht, ob es sich tatsächlich um Mord handelt.«

»Die Polizei scheint das zu glauben, sonst hätten die nicht das Zimmer versiegelt, oder?«

»Könnte auch zur Polizeiroutine gehören. Was sagt denn Ihre Freundin dazu?«

»Meine ...« Einen Moment schien Hinnerk verwirrt zu sein, dann verschwanden die Falten auf seiner Stirn. »Ach so, Sie meinen Elke Wagner!“

„Wird Sie Ihnen Bescheid geben, wenn die Autopsie-Ergebnisse da sind?“

„So dicke, dass sie mich an polizeilichen Ermittlungen teilhaben lässt, sind wir leider nicht. Ich habe sie ein paar Mal zum Essen eingeladen, weil ich für meine Krimis recherchiert habe.«

»Recherchieren Sie heute Abend auch?«, rutschte es Theda heraus, doch sie musste sofort über sich selbst lachen. »Wohl kaum, es sei denn, sie möchten einen Roman über das aufregende Leben einer Buchhändlerin schreiben.«

»Könnte mir vorstellen, dass Sie durchaus Interessantes in Ihrem Beruf erleben.«