Kapitel 9

In ihre Plauderei vertieft, hatte Theda gar nicht bemerkt, dass sie bereits die Fußgängerzone von Wangerooge erreicht hatten. Hier reihten sich Geschäfte an Restaurants, und die Luft war erfüllt von köstlichem Essensduft.

»Ich habe nichts reserviert, ich dachte, dass wir spontan entscheiden, wo wir einkehren. Haben Sie einen Wunsch?«, erkundigte sich Hinnerk.

Theda überlegte. Wenn sie Clara besucht hatte, waren sie selten zum Essen ausgegangen. Meist hatte Clara es genossen, sie zu bekochen. »Wir können ja mal einen Blick auf die Speisekarten draußen werfen, es sei denn, Sie haben ein Lieblingsrestaurant«, schlug Theda vor.

»Meisten brutzele ich mir was auf meiner Kochplatte im Gartenhäuschen«, gab Hinnerk zu. »Nicht, weil ich so geizig wäre, sondern weil nachmittags und abends meine beste Schreibzeit liegt und es mich aus dem Fluss reißt, wenn ich da zwischendurch essen gehe.«

»Also habe ich Sie aus dem Fluss gerissen?«

»Nein! So war das nicht gemeint!« Hinnerk sah ehrlich entsetzt aus, und Theda musste lachen. »Alles gut. So, das hier sieht doch ganz nett aus.«

Nach einem kurzen Blick auf die Speisekarte nahmen sie draußen auf der Restaurantterrasse Platz. Auf einer Tischdecke mit buntem Fischmuster stand zur Dekoration ein Windlicht in Form eines Leuchtturms. Die Speisekarten zierten Meerestiere im Aquarell-Stil. Dazu kam der appetitanregende Duft nach frischem Fisch, der über die Terrasse wehte, und Thedas Entschluss stand fest, noch bevor sie einen näheren Blick auf die Karte geworfen hatte. Zu Hause aß sie selten Fisch, doch an der Nordsee schmeckte er ihr immer. Sie bestellten beide Fischgerichte, und während sie auf ihr Essen warteten, kam Theda auf die Brosche zurück. »Sieht so aus, als hätte die Brosche doch nichts mit dem Toten zu tun. Vermutlich hat tatsächlich Anna sie am Strand verloren. Kann ja auch schon einige Zeit her sein und sie war bisher von Sand verdeckt, bis Elsa sie ausgegraben hat.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht«, stimmte Hinnerk zu. Er klang beinahe enttäuscht. »Am Strand liegt ja so einiges herum, was Gäste verloren haben. Wäre schon ein Zufall, wenn ausgerechnet die Brosche etwas mit Gutbrodt zu tun hätte.«

»Herr Gutbrodt hat es sich jedenfalls auch mit seiner Pensionswirtin verscherzt. Wirklich ein unangenehmer Zeitgenosse. Was hat ihn wohl so werden lassen?«

»Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag?«

Theda dachte an die tiefen Falten in Gutbrodts Gesicht und die nach unten zeigenden Mundwinkel. Frau Bridgers mochte in seinem Alter sein, und auch sie war nicht faltenfrei, doch bei ihr sah es aus, als stammten die Fältchen eher vom Lachen. Gutbrodts Gesicht hatte gewirkt, als hätten sich Leid und Schmerz in die Haut gegraben. Unwillkürlich betrachtete sie Hinnerks Gesichtszüge. Ihn ließen die Fältchen in den Augenwinkeln sympathisch und humorvoll wirken. Besonders, als sie sich nun vertieften, während er sie erwartungsvoll anlächelte.

Theda fiel auf, dass sie ihn ein wenig zu interessiert musterte, und sie lenkte ihre Gedanken zurück zum Fall. »Was Gutbrodt wohl hier auf der Insel wollte? Er sah nicht wie der typische Urlauber aus.«

»Nein, viel zu fein und unpassend gekleidet«, stimmte Hinnerk zu. »Ob Brigitte etwas aus ihm herausbekommen konnte? Morgen frage ich auf jeden Fall Marta danach.«

»Also ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Gutbrodt für ein Plauderstündchen mit seiner Pensionswirtin aufgelegt war, nachdem er das Zimmer und alles andere schon so schrecklich fand«, wandte Theda skeptisch ein.

»Wer weiß. Brigitte bringt selbst eine verschlossene Auster zum Reden. Ah, da kommt unser Essen!«

Zwar keine Austern, aber hervorragend zubereiteter Fisch. Theda genoss jeden Bissen, und während sie aßen, erzählte Hinnerk unterhaltsam von den seltsamen Funden, die er bei seinen morgendlichen Laufrunden am Strand schon entdeckt hatte. Von einem Gebiss bis zu einer entwurzelten Zimmerpalme war einiges dabei gewesen.

»Die Palme steht jetzt sogar bei Marta im Wintergarten«, berichtete er.

»Ist Ihnen aufgefallen, wie blass sie geworden ist, als sie die Brosche gesehen hat?«, fragte Theda. »Offenbar hat sie keine angenehmen Erinnerungen bei ihr ausgelöst.«

»Der Tod ihrer Freundin geht ihr wohl noch nahe. Aber ja, sie hat einen Verehrer erwähnt, von dem Annas Mutter die Brosche bekommen hat, und auf den scheint sie nicht sonderlich gut zu sprechen zu sein ...«

»Stimmt, der Haufen Lügen, den er ihr erzählt hat. Das klingt, als wären der Verehrer und Annas Mutter nicht im Guten auseinandergegangen. Ob das wohl noch vor Annas Geburt passiert ist?«

»Und noch mehr Inspiration. Das dunkle Geheimnis der Möwenbrosche «, witzelte Hinnerk. »Haben Sie noch Lust auf einen Absacker in einer Strandbar?«

»Gibt es die denn hier?«

»Na ja, so eine richtige Bar am Strand, Cocktails mit den Füßen im Sand, werden Sie hier vergeblich suchen. Es gibt ein paar Lokale an der Promenade, da kann man draußen sitzen und noch ein wenig aufs Meer schauen. «

»Hört sich gut an!«

Trotz Thedas Protest übernahm Hinnerk die Rechnung. Nach dem Bezahlen warf er einen Blick auf sein Handy und runzelte die Stirn. „Entschuldigen Sie bitte, ich muss kurz telefonieren.“

Er wollte aufstehen, doch Theda winkte ab. „Ich gehe solange zur Toilette.“

Zurück am Tisch steckte Hinnerk gerade sein Handy weg und schenkte ihr ein leicht verlegenes Grinsen. „Das war mein Sohn Niklas. Er ruft mich so selten an, dass ich schon gefürchtet habe, es wäre etwas passiert.“ Er rieb sich die linke Augenbraue und lachte. „Offenbar macht er sich aber nur Sorgen, dass ich hier vereinsame, und möchte mich in den Semesterferien besuchen.“

Sohn? Aus irgendeinem Grund hatte Theda angenommen, Hinnerk wäre ein unverheirateter, kinderloser Single. Vermutlich, weil er so viel Zeit allein auf der Insel verbrachte. Gab es auch noch eine Ehefrau, die zu Besuch kommen wollte? Und machte es ihr nichts aus, dass Hinnerk sich monatelang zum Schreiben nach Wangerooge zurückzog?

Doch das ging Theda alles nichts an, und obwohl sie liebend gern mehr erfahren hätte, beließ sie es bei einem Lächeln. Pünktlich zum Sonnenuntergang schlenderten sie an der Promenade entlang.

„Wussten Sie, dass sich der Name Wangerooge aus dem altgermanischen Wort Wanga für Wiese und dem friesischen Wort Oog für Insel zusammensetzt?“, fragte Hinnerk. Er schien keine Antwort zu erwarten, denn er redete gleich weiter. „Allerdings ist die Insel nach dem Wangerland benannt, das Wangerooge vorgelagert ist. Wangerooge bedeutet also die zum Wangerland gehörende Insel.“

„Und Wangerland heißt übersetzt Wiesenland“, schlussfolgerte Theda. „Und wussten Sie, dass die Insel aus der Luft wie ein Seepferdchen aussieht?“

Bevor sie sich weiter gegenseitig mit ihrem Wissen über Wangerooge übertrumpfen konnten, hielt Theda Ausschau nach einem freien Platz. Sie hatten Glück: Als sie an dem Pub Die bärtige Meerjungfrau vorbeikamen, wurde gerade einer der Strandkörbe frei, die am Rand der Promenade vor dem Lokal standen. Von dort aus konnten sie den Meerblick genießen und noch etwas trinken. Hinnerk nahm ein Bier und Theda entschied sich für einen Aperol. Schweigend sahen sie zu, wie die Sonne als rot glühender Ball am Horizont versank und die Abenddämmerung orangene und rosa Streifen auf den Himmel malte.

Unwillkürlich überlegte Theda, was wohl Herr Gutbrodt vor seinem Tod gesehen hatte. War ihm klar geworden, dass er sterben würde? Hatte er bei einem möglichen Herzinfarkt Anzeichen dafür verspürt und noch versucht, den Notruf zu wählen?

»Die Frage nach der durchschnittenen Kehle war gar nicht so weit hergeholt«, sagte Theda nachdenklich.

Ein wenig spät fiel ihr auf, dass dies kein sonderlich geeignetes Thema für einen Drink bei Sonnenuntergang darstellte, und sie wappnete sich für eine entsprechende Bemerkung von Hinnerk. Doch der rieb sich nur die Braue und sagte: »Ja, ich habe mich auch gerade gefragt, woran Gutbrodt gestorben ist, falls es Mord war. Von Strangulation keine Spur. Mit einem Kissen erstickt? Da sieht man auch geplatzte Äderchen in den Augen, die sind mir nicht aufgefallen ...«

Theda konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Im Gegensatz zu ihr schien Hinnerk keine Probleme mit der Themenwahl zu haben, im Gegenteil.

»Vergiftung? Erscheint mir am Wahrscheinlichsten. Das wird die Obduktion zeigen.«

»Deren Ergebnis wir erfahren werden?«

»Davon gehe ich eher nicht aus. Außerdem wird es dauern, bis das eintrifft. Gerade bei Vergiftungen nimmt die Auswertung der Proben Zeit in Anspruch, da es Tausende von giftigen Substanzen gibt, nach denen gesucht werden muss. Die Ergebnisse müssen vor Gericht bestehen können, daher ist man da sehr genau. Es ist sogar erforderlich, dass die Gerichtsmediziner mit zwei unterschiedlichen Methoden zum gleichen Resultat kommen müssen.«

„Und das wissen Sie natürlich von Ihren Krimirecherchen.“

Theda fiel etwas ein. »Falls die Polizei feststellt, dass Herr Gutbrodt tatsächlich ermordet wurde, sind wir die Hauptverdächtigen, oder? Schließlich haben wir die Leiche entdeckt.«

»Schließt uns das nicht als Verdächtige aus?«

»Nein, Sie schreiben doch Krimis, das müssen Sie doch wissen. Wir, oder vielmehr ich, habe durch das Verständigen der Polizei versucht, den Verdacht von mir abzulenken, was mich erst recht schlecht dastehen lässt.«

»Genau genommen habe ich die Polizei verständigt.« Hinnerk machte ein Gesicht, als würde ihn das freuen. »Wenn die Polizei also Mord vermutet, werden wir garantiert noch mal verhört.«

»Grandiose Aussichten.« Sie lachten, wurden aber schnell wieder ernst. »Das ist kein Spiel«, stellte Theda klar. »Keine Black Story, mit der man sich gut unterhält. Ein Mann ist gestorben. Sicher hat er Angehörige, die um ihn trauern.«

»Wer weiß? Hier war er jedenfalls allein. Ich würde zu gern einen Blick in sein Gepäck werfen, um herauszufinden, was er hier wollte. Außer an allem herumzunörgeln und in einem Strandkorb zu sterben.«

Theda mochte Hinnerks trockenen, ziemlich schwarzen Humor.

Nun zog Hinnerk die Getränkekarte zu sich heran. »Das ist mir vorhin schon aufgefallen, hier gibt es eine erstaunliche Auswahl an Whiskys. Sieht so aus, als wäre der Lokalbesitzer Schottland-Fan und an der Speyside unterwegs gewesen. Was halten Sie von einem zwölfjährigen Glenlivet?«

»Von Whisky habe ich keine Ahnung«, gab Theda zu. »Und in Schottland war ich auch noch nie. Aber warum nicht? Kennen Sie sich damit aus?«

Während sie auf den Whisky warteten, erzählte Hinnerk von seiner Wanderung entlang des Speyside-Ways. »Die Destillerie-Dichte ist dort hoch. Ich konnte täglich eine oder mehrere besuchen. Die Wanderung ist nicht so beliebt wie der bekanntere West-Highland-Trail, hat aber auch landschaftlich einiges zu bieten. Mein Sohn hatte mich zu der Wanderung überredet, allein hätte ich mich wohl für eine gemütliche Mietwagenrundreise entschieden und nicht halb so viel erlebt. Und Sie haben kein Interesse an Schottland?«

»Nein, ist mir zu kalt und zu regnerisch. Ich fahre lieber in den Süden. Und jetzt endlich auch mal wieder an die Nordsee.«

Theda fiel auf, dass Hinnerk nur den Sohn erwähnte, keine Frau.

Der Whisky wurde serviert und sie kostete vorsichtig. Schmeckte viel weniger scharf, als sie erwartet hatte. »Haben Sie diese Destillerie auch schon besucht?«

»Ja, und in der Nähe in einer bemerkenswerten Pension übernachtet. Ein Herrenhaus, in dem ich mir vorkam wie in einem Museum. Die Badewanne hatte goldene Klauenfüße, und ich habe in einem riesigen Himmelbett geschlafen.«

»Das hört sich gut an! Spielen denn auch einige Ihrer Krimis in Schottland?« Theda dachte an den Liebesroman, den sie gerade las und in dem sich die Protagonistin unsterblich in einen Highlander im Kilt verliebte.

»Es ist schon einiges in meine Bücher eingeflossen«, sagte Hinnerk ausweichend. »Wie schmeckt Ihnen denn der Whisky?« Er drehte das Glas zwischen den langen, kräftigen Fingern. Theda konnte sich gut vorstellen, wie sie über die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine tanzten.

Zwei Whisky später waren sie per Du, und nach dem dritten Glas erklärte Theda, sie müsse nun aber wirklich nach Hause. Allmählich stieg ihr der Alkohol zu Kopf. Sie musste am nächsten Tag fit für ihren neuen Job sein, vorausgesetzt, die Polizei gab die Strandkörbe frei. Verlegen merkte sie, dass ihre Zunge schon etwas schwer war, und sie nahm nach dem Aufstehen dankend den Arm, den Hinnerk ihr galant anbot.

»Was hältst du von einem kleinen Abstecher zu Brigittes Pension?«, fragte er.

Im ersten Moment glaubte Theda, sich verhört zu haben. »Wieso denn das?«, sagte sie misstrauisch. Sie konnte sich denken, was Hinnerk vorhatte, aber das war doch hoffentlich nicht sein Ernst!

»Wir könnten einen Blick in sein Zimmer werfen.«

»Und damit meinst du, einbrechen und sein Gepäck durchwühlen?« Theda war aufgefallen, dass Hinnerk im Verlauf des Abends immer wieder darauf zu sprechen gekommen war, wie interessant es doch wäre, Gutbrodts Zimmer durchsuchen zu können, und er hatte spekuliert, was die Polizei am nächsten Tag wohl finden könnte.

»Durchwühlen würde ich das nicht nennen ...«

»Das ist doch ein Witz, oder? Ich werde sicher nicht in ein fremdes Haus einbrechen!« Das ging Theda zu weit, daran änderte auch der Whisky nichts. So viel kriminelle Energie hätte sie auch Hinnerk nicht zugetraut. Dass er Krimis schrieb, musste ja nicht heißen, dass er so weit ging, die Handlung nachzustellen. Es sei denn ... er hatte ein persönliches Interesse daran, vor der Polizei an Gutbrodts Gepäck zu gelangen.

Was wusste Theda denn schon über ihn? Womöglich hatte er Gutbrodt gekannt ...

»War ja nur ein Vorschlag«, sagte Hinnerk hörbar enttäuscht. »Das ist übrigens das Haus. Siehst du den Erker?«

Er hatte Theda durch einige Fußwege geführt, und nun befanden sie sich auf einem schmalen Pfad auf der Rückseite der Häuser. Theda konnte den Garten einsehen, eine Terrasse mit Liegestühlen, von pilzförmigen Solarlämpchen schwach beleuchtet, und auch den kleinen Erker im ersten Stock. Hinter dem Fenster glaubte sie etwas aufblitzen zu sehen.

»He!«, sagte Hinnerk. »Scheint so, als wäre uns jemand zuvorgekommen.«

Also hatte er den Lichtreflex auch gesehen. Sie starrten auf das Fenster, und es dauerte nicht lange, da huschte ein schwacher Lichtstrahl durch den dahinterliegenden Raum.

»Da ist jemand drin!« Theda flüsterte unwillkürlich. »Ob das ein Einbrecher ist?«

»Wer sonst? Brigitte, die das Zimmer putzen will? Nachts? Ich glaube kaum, dass sie es wagt, ein Siegel der Polizei zu brechen«, flüsterte Hinnerk zurück. »Eigentlich könnte ich mir nur eine Person vorstellen, die Grund hat, das Zimmer zu durchsuchen ...«

Der Mörder.