Kapitel 14

Theda war völlig klar, dass sie sich danebenbenahm. Doch die Neugier siegte. Mit nur leichten Gewissensbissen duckte sie sich neben der Schneise in der Hecke und bekam noch ein paar Worte von Anna mit: »... nie gedacht, dass du meine Post kontrollierst!«

»Das ist völliger Quatsch. Deine Post interessiert mich nicht. Überhaupt, die Post ... das sind doch eh nur Rechnungen, die wir nicht bezahlen können«, murrte Torsten so leise, dass Theda ihn kaum verstehen konnte.

Anna dagegen sprach laut und deutlich und erinnerte Theda damit an ihre ehemalige Deutschlehrerin: »Für diese Art Post solltest du dich aber interessieren! Woran liegt es denn, dass wir Geldsorgen haben? Du bist doch derjenige, der keinen Job hat.«

»Ich habe einen Job.«

»Das ist keine richtige Arbeit, in einem Surfershop herumzuhängen. Und das Wenige, was du da verdienst, gibst du gleich wieder für neuen Surferkram aus. Werd endlich erwachsen!«

»Und du bleib mal locker. Seit wann bist du eigentlich so spießig?«

»Seit wir unser Haus verkaufen müssen, wenn das so weitergeht! Geht das nicht in deinen Kopf?«

Dazu gab Torsten einige knurrige Kommentare ab, die Theda nicht verstand. Sie beugte sich weiter vor, ohne sich darum zu kümmern, dass die Zweige in ihre Haut stachen.

»Gibst du jetzt zu, dass du die Briefe zurückgeschickt hast?«, hörte sie Anna sagen.

Aha, also war es mit ihrer Überzeugung, dass Torsten nichts damit zu tun hatte, doch nicht so weit her.

»Ich weiß nichts von irgendwelchen Briefen.«

»Die Briefe von Herrn Gutbrodt.«

»Ist das dein Lover vom Festland?«

Nun wurde es spannend! Theda hielt den Atem an.

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das nur eine fixe Idee von dir ist«, sagte Anna schneidend. »Es gibt keinen Lover. Und du hast keinen Grund, meine Post zu durchsuchen, um nach Beweisen für einen zu suchen.«

Torsten lachte. »War der echt so blöd, dir hierher zu schreiben? Was hast du dir denn da für einen Loser ausgesucht?«

Theda runzelte die Stirn. Da hing der Haussegen aber gewaltig schief. In ihren Ohren hörte sich der Streit an, als würde er nicht das erste Mal geführt. Anna und Torsten klangen wie zwei Schauspieler, die ihrer Rollen längst müde geworden waren und sie nur noch aus Gewohnheit weiterspielten.

»He, Moment mal«, sagte Torsten, wieder ernst. »Ist das der tote Typ aus dem Strandkorb? Warum hat der dir geschrieben?«

»Das weiß ich nicht.«

Eine Weile kehrte Stille ein. Ein Versöhnungskuss? Theda bog vorsichtig ein paar Zweige zur Seite. Leider wurde ihr Romantikerherz enttäuscht. Anna saß mit hängendem Kopf auf einem der Gartenstühle, und Torsten stand ein paar Schritte von ihr entfernt, die Arme verschränkt und die Brauen zusammengezogen.

»Was wollte eigentlich Hein schon wieder hier?«, fragte er.

Verdächtiger Themawechsel?

»Mich besuchen«, erwiderte Anna schnippisch. »Und sich um die Hecke kümmern. Dazu hast du ja keine Zeit, das liegt ja unter deiner Meistersurferwürde.«

»Der Kerl nervt. Ständig hängt der hier herum und spielt sich auf, als wäre er dein Vater. Seit er pensioniert ist, ist das noch schlimmer geworden als vorher.«

»Hein hat doch sonst niemanden«, sagte Anna. »Und er war immer für mich da. Nach Vaters Tod hat er sich um Mutter und mich gekümmert ... und ich weiß gar nicht, was ich nach Mutters Tod ohne ihn getan hätte ...« Ihre Stimme brach.

»Ja, sonst wäre ja nur ich da gewesen.« Aus Torstens Bemerkung hörte Theda mehr als nur eine Spur Bitterkeit heraus. »Mir gefällt das nicht, dass der ständig hier ein und aus geht.«

»Er gehört zur Familie.«

»Aber nicht so sehr, dass der abends in unser Schlafzimmer platzen dürfte.«

»Er hat sich dafür entschuldigt.«

»Ja, toll, und ich bin jetzt traumatisiert! Da hat man nach wochenlanger Flaute endlich mal wieder Sex, und plötzlich steht dieser alte Kerl im Ostfriesennerz am Bett!«

Theda musste sich die Hand vor den Mund pressen, um nicht loszuprusten. Sie konnte sich die peinliche Situation bildlich vorstellen.

»So war es ja nun nicht«, sagte Anna beschwichtigend.

»Ach nee, klar, er stand nicht direkt am Bett, sondern nur in der Tür«, konterte Torsten. »Das macht es natürlich nur halb so schlimm.«

»Und du bist auch nicht traumatisiert. Mir ist da jedenfalls noch nichts aufgefallen.«

Nun schwang eindeutig Belustigung in Annas Stimme mit. Schön, dass die beiden trotz ihrer Differenzen den Humor nicht verloren. Auch Torsten grinste nun, das konnte Theda sogar erkennen, ohne ihn zu sehen, als er sagte: »Lässt du es auf einen Test ankommen?«

Mehr wollte Theda dann auch nicht mitbekommen. Sie kroch ein Stück von der Hecke weg, stand auf und begab sich zurück auf die Straße. Rasch klopfte sie sich Gras und Erde von den Jeans und machte sich auf den Weg zu Claras Haus.

Was hatte ihre Spionageaktion gebracht? Nun, sie hatte erfahren, dass Torsten und Anna von Geldsorgen geplagt wurden, sogar in dem Ausmaß, dass sie Gefahr liefen, ihr Haus zu verlieren. Dass Anna Torstens aktueller Lebensstil nicht passte, war ihr vorher klar gewesen, daraus machte Anna ja keinen Hehl. Die Sache mit Hein ... Theda musste wieder lachen. Gemein. Heins Verhalten war schon recht übergriffig. Und Torsten vermutete, dass Anna eine Affäre mit einem Mann vom Festland verheimlichte, nahm die Sache aber offenbar locker. Alles andere wäre vermutlich zu spießig gewesen? Doch schien dieser Verdacht ein häufiges Streitthema zwischen ihm und Anna zu sein, wenn sie es schon als fixe Idee bezeichnete.

Und die Briefe? Hatte er die Wahrheit gesagt, als er behauptet hatte, nichts von ihnen zu wissen?

In Thedas Ohren hatte er sich glaubwürdig angehört, doch sie kannte ihn zu wenig, um das wirklich einschätzen zu können.

»Frau Köster!«

In Gedanken versunken zuckte Theda zusammen. Die Stimme kannte sie. Tatsächlich kam Oberkommissarin Wagner aus dem Garten von Frau Koch. Hinter ihr sah Theda den Kollegen auf Händen und Knien auf der Wiese herumkrabbeln, einen Plastikbeutel in der Hand.

Ergeben sah Theda Frau Wagner entgegen und bereitete sich auf eine weitere Standpauke zum Thema Unterschlagung von Beweismitteln vor. Das freundliche Lächeln auf Frau Wagners Gesicht beruhigte sie kaum. Die Frau lächelte immer so nett und ließ dann nicht locker. Vermutlich war das ihre Art, die Zähne zu zeigen.

»Gut, dass ich Sie noch treffe«, sagte sie trügerisch harmlos. »Eigentlich ist es ja eine Selbstverständlichkeit, aber ich bin trotzdem froh, dass Sie Frau Färber nichts von den Briefen erzählt haben. Es war mir wichtig, ihre erste unverfälschte Reaktion zu sehen.«

»Ähm. Ja. Gerne.« Theda wusste nicht recht, was Frau Wagner von ihr wollte.

»Außerdem weiß ich, dass nicht Sie den Umschlag vom Tatort entwendet haben. Ich kenne Hinnerk, also Herrn Graf, ja nun schon eine Weile und weiß, dass er es mit Recht und Gesetz nicht allzu genau nimmt.«

Theda gefiel ganz und gar nicht, welche Richtung dieses Gespräch nahm. Abwartend sah sie Frau Wagner an.

»Ich bin sicher, dass ich es sogar Ihnen zu verdanken habe, dass er den Umschlag heute zum Revier gebracht hat. Sie sind eine Frau mit Lebenserfahrung.«

Nun ging es aber zu weit! Wollte Frau Wagner Theda unter die Nase reiben, dass sie eine alte Schachtel war? Mit zunehmendem Unmut hörte sie weiter zu.

»... daher wissen Sie Hinnerk Graf sicher richtig einzuschätzen.«

Was sollte das denn heißen? »Allerdings. Herr Graf ist ein sympathischer Mensch, der sich mir gegenüber stets untadelig verhalten hat«, sagte Theda schärfer als gewollt und verdrehte sogleich über sich selbst die Augen. Untadelig? Seit wann sprach sie, als wäre sie direkt einer historischen Romanze entsprungen?

Frau Wagner schmunzelte. »Und er ist ja auch ein attraktiver Mann mit Charme und Humor. Ich möchte nur nicht, dass er Sie in Dinge hineinzieht, die Ihnen schaden könnten.«

»Was meinen Sie konkret damit?«

»Zum Beispiel unerlaubtes Eindringen.«

Theda starrte Frau Wagner so verblüfft an, dass diese rasch hinzufügte: »In Pensionszimmer.«

»Ah. Ja. Natürlich. Darauf werde ich achten«, brachte Theda hervor. Nun fühlte sie sich in eine Slapstick-Komödie versetzt. Ein Lachanfall bahnte sich an, und sie wollte dieses mehr als unangenehme Gespräch nur noch so schnell wie möglich beenden. »Vielen Dank für die Warnung. Auf Wiedersehen.«

Sie rannte fast die Straße hinunter, erreichte Claras Haus in Rekordzeit, und endlich, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, gab sie dem unwiderstehlichen Drang, laut zu lachen, nach.

Leider verließ sie die Erheiterung schon bald. Es gelang ihr zwar ohne Probleme, sich in das E-Mail-Postfach von Clara einzuloggen, doch was sie dort lesen musste, machte sie misstrauisch. Bereits bei den ersten zehn Mails handelte es sich um Stornierungen. Und so ging es weiter. Mehrere Gäste baten darum, vom Strandkorbmietvertrag zurücktreten zu dürfen, »in Anbetracht der Umstände«, und forderten eine Erstattung.

Umstände? Konnte damit der Tote im Strandkorb gemeint sein? Davon hatte sich bisher doch niemand abschrecken lassen. Theda runzelte die Stirn und las weiter. Es gab lediglich eine Handvoll Anfragen für eine Vermietung für die kommende Woche. Sonst nur Absagen. Da stimmte doch etwas nicht. Zu schade, dass in den Mails keine Gründe genannt wurden, bis auf fadenscheinige Ausreden wie plötzliche Erkrankung oder angeblich geänderte Urlaubspläne. Wenn das ein oder zwei Mal vorgekommen wäre, hätte sich Theda nichts dabei gedacht, doch in dieser gehäuften Form kam ihr das höchst verdächtig vor.

Da sie nicht recht wusste, wie sie mit den Mails umgehen sollte, ging sie zunächst ins Badezimmer und holte das Kleid aus dem Wäschekorb. Vorsichtig entfernte sie die Brosche. Mit der Lesebrille auf der Nase betrachtete sie das Schmuckstück. Da sie nun extra darauf achtete, fielen auch ihr ein paar unsaubere Stellen auf. Die sah man aber wirklich nur, wenn man ganz genau hinschaute. Ohne Brille hätte Theda sie nicht bemerkt. Sie musste keine Fachfrau für Schmuck sein, um zu dem Fazit zu gelangen, dass es sich um ein handgefertigtes Stück handeln musste. Nach Fabrikware sah die Brosche wirklich nicht aus.

Blieb die Frage, wo der ehemalige Verehrer die Brosche erworben hatte. Wenn es nur wenige davon gab, konnte die Person, die diese Broschen hergestellt hatte, sich vielleicht an weitere Käufer oder Käuferinnen erinnern. Allerdings war nach der langen Zeit nicht gesagt, dass diese Menschen die Teile nicht weitergegeben hatten. Das sah eher nach einer Sackgasse aus, doch viel mehr Spuren gab es ja nicht, und so schnell wollte Theda nicht aufgeben.

Sie schob die Brille zurück in ihr Futteral und dachte an Frau Wagners Worte. „Frau mit Lebenserfahrung“ – das war doch eine Umschreibung für ein altes Wrack, oder war Theda da zu empfindlich? Mit ihren fünfzig Jahren fühlte sie sich noch nicht alt, von ihrer leichten Sehschwäche einmal abgesehen. Sah Frau Wagner in ihr etwa eine alte Jungfer, die auf den Charme eines gut aussehenden Autors hereinfiel? Na gut, Thedas letzte Beziehung war über fünf Jahre her und seitdem herrschte Flaute in ihrem Liebesleben, um mal eine Metapher von Torsten zu verwenden, doch das bedeutete noch lange nicht, dass sie sich bedürftig von dem nächstbesten Kerl einwickeln ließ!

Und ja, sie besaß tatsächlich eine gute Menschenkenntnis. Die vielen Jahre im Buchhandel hatten ihren Teil dazu beigetragen, dass sie andere gut einschätzen konnte. Zumindest mit ihren Buchtipps lag sie meistens richtig. Hinnerk hielt sie keineswegs für einen gefährlichen Kriminellen, sondern für einen Mann, der sich seinen Sinn für Abenteuer bewahrt hatte und ... nun ja ... womöglich ab und zu über das Ziel hinausschoss, aber ganz sicher nicht mit böser Absicht. Oder sah sie da nur, was sie sehen wollte?

Sie setzte sich wieder an den Computer und stellte entmutigt fest, dass noch zwei weitere Mails mit Stornierungen eingegangen waren. Ratlos scrollte sie durch die Mails und vergaß darüber fast, dass sich Hinnerk zum Tee angemeldet hatte. Erst um fünf fiel es ihr wieder ein. Sie setzte Teewasser auf, und da klingelte es auch schon.

Hinnerk stand vor der Tür, und Theda merkte ihm gleich an, dass ihm etwas auf der Seele lag. Seine Miene war grimmig, die Mundwinkel zeigten nach unten.

»Theda, ich habe schlechte Nachrichten«, sagte er.

»O nein, wird Frau Wagner dich verhaften?«, witzelte Theda, doch er ging nicht auf den flachen Scherz ein, sondern hielt ihr eine dünne Zeitung hin. Theda erkannte den Schriftzug auf dem Titelblatt, das war der Inselbote , die lokale Zeitung von Wangerooge, die wöchentlich erschien und in dem man alle Neuigkeiten der Insel nachlesen konnte.

»Hast du das schon gelesen?«, fragte Hinnerk.

»Nein, wieso ...« Ein ungutes Gefühl brachte Thedas Magen zum Grummeln. Sie überflog die erste Seite und zuckte beim Anblick einer Schlagzeile zusammen: Toter in Strandkorb gefunden – zu gut imprägniert?