Fassungslos starrte Theda auf das farbige Foto des Strandes von Wangerooge, auf dem Claras Strandkörbe zu sehen waren. Sie zwang sich weiterzulesen und wurde mit jedem Satz wütender. Der Artikel erweckte den Eindruck, dass Herr Gutbrodt wegen der giftigen Dämpfe oder womöglich einer allergischen Reaktion, entstanden durch ein von Clara verwendetes Imprägnierspray, ums Leben gekommen war.
»Das ist eine gemeine Lüge!«, rief sie aus. »Clara benutzt überhaupt kein Imprägnierspray und auch keine anderen chemischen Mittel! Ich habe ihr schon beim Reinigen der Körbe geholfen. Das ist üble Nachrede! Und außerdem absurd. Der Korb ist vorne offen, da ziehen solche Dämpfe doch sofort ab. Kann man die Zeitung verklagen? Oder diesen Sven Hartung, der den Artikel geschrieben hat?«
Hinnerk verzog das Gesicht. »Ich bin zwar kein Anwalt, aber ich fürchte, das hätte wenig Aussicht auf Erfolg. Wenn du dir den Artikel mal genau durchliest, wirst du feststellen, dass alles sehr vage gehalten ist. Viele Fragezeichen, viele Vermutungen, und zum Schluss kommt sogar der Einwand, dass die Todesursache auch eine ganz andere sein könnte.«
»Na toll! Und wer liest das bis zum Schluss? Die Leute sehen doch nur, dass das angebliche Spray schuld ist, und der Rest interessiert sie nicht mehr.«
»Da kann ich dir nicht widersprechen.«
Mit einem erzürnten Schnauben wollte Theda dieses Schmierblatt zurückgeben, aber Hinnerk schüttelte den Kopf. »Schenke ich dir. Wie gesagt, ich bin kein Anwalt. Wenn du einen Experten um Rat fragen willst ...«
Doch Theda hatte schon so das blöde Gefühl, dass Hinnerk recht behalten würde. Sie müsste den Artikel noch mal genau durchlesen, wenn sie nicht mehr so stinksauer war. Vor allem aber musste sie Clara von dieser neuen, unguten Wendung erzählen.
»Nun ist mir auch klar, warum so viele ihre Strandkorbreservierung storniert haben«, sagte sie mutlos. »Die Zeitung gibt es auch online. Bestimmt haben sich die Leute, die demnächst hier Urlaub machen, dort über die bevorstehenden Veranstaltungen auf der Insel informiert und dabei den Bericht gefunden. Im Prinzip kann ich ihnen nicht verdenken, dass sie daraufhin die gemieteten Strandkörbe storniert haben. Viele der älteren Gäste leiden sowieso schon unter gesundheitlichen Problemen. Oder sie haben kleine Kinder dabei. An deren Stelle würde ich auch kein Risiko eingehen.« Ratlos sah sie Hinnerk an. »Was soll ich denn jetzt bloß machen?«
Hinnerk hob ein papierumwickeltes Tablett in die Höhe. »Kuchen essen«, sagte er trocken.
Nach einer halben Kanne Tee und zwei Stück Obstkuchen mit Sahne fühlte sich Theda schon besser. Ihr Kampfgeist kehrte zurück. »Zuerst mal finde ich heraus, wer dieser Sven Hartung ist, der den Artikel geschrieben hat. Das kann doch nur jemand sein, der Clara aus irgendeinem Grund eins auswischen will.«
»Hat deine Tante Feinde auf der Insel?«
»Nicht, dass ich wüsste. Andererseits hatten wir in letzter Zeit keinen allzu engen Kontakt, also ist es durchaus möglich, dass sie mir von solchen Problemen nichts erzählt hätte. Sie macht sowieso lieber alles mit sich aus, beißt sich allein durch. Mir graut schon davor, ihr von dem Artikel berichten zu müssen. Aber wenn ich es nicht tue, wird sie es von jemand anderem erfahren, und das wäre noch schlimmer. Hoffentlich regt sie sich nicht so darüber auf, dass sie sofort zurückkommt. Ich glaube, im Moment ist sie bei ihrer Freundin besser aufgehoben. Wenn ich nur wüsste, wie ich sie von diesem Verdacht reinwaschen könnte ... he!« Sie setzte sich gerade hin. »Wenn die Polizei den Artikel liest, und das tun Frau Wagner oder ihr Kollege bestimmt, wird dann gegen den Schreiber ermittelt? Von Amts wegen?«
»Vielleicht. Aber aus den vorhin schon genannten Gründen würde die Polizei wohl nicht viel unternehmen. Das sind alles nur sehr vage Aussagen in dem Artikel, und wenn Elke wegen jedes Verbreitens von Inselgerüchten polizeiliche Ermittlungen einleiten würde ...«
Theda fiel etwas viel Schlimmeres ein als Desinteresse der Polizei, und sie sackte in sich zusammen. »O nein. Was, wenn die Polizei das glaubt, was in dem Artikel steht?«
»Das hat mit Glauben zum Glück nicht viel zu tun. Die Spurensicherung hat den Strandkorb mitgenommen, und ich gehe stark davon aus, dass sie den auch auf mögliche Giftstoffe untersuchen. Außerdem wird doch bei der Autopsie die Todesursache festgestellt werden.«
»Du hast doch selbst gesagt, dass es lange dauert, bis da Ergebnisse vorliegen. Und ...« Theda biss sich auf die Unterlippe. »Was, wenn der Artikel recht hat?«, fragte sie kleinlaut. „Was, wenn es wirklich ein allergischer Schock war?“
»Du hast doch gesagt, dass Clara keine chemischen Mittel zum Reinigen verwendet. Und die Körbe stehen die ganze Zeit draußen an der frischen Luft. Da wären doch nur noch unwesentliche Spuren von allergenen Stoffen vorhanden.«
»Vor zehn Jahren war das so. Keine Ahnung, was sie jetzt so macht.«
»Wo bewahrt sie denn ihre Putzmittel auf?«
»In der Strandbude.«
»Dann schlage ich vor, wir gehen dahin und werfen einen Blick auf die Sachen. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es überhaupt noch giftige Mittel auf dem Markt gibt. Das wird heutzutage doch alles so gut kontrolliert.«
Hinnerks Worte stimmten Theda zuversichtlicher.
»Außerdem ist das doch sowieso Quatsch«, sagte sie mit mehr Energie. »Wenn die Körbe wirklich so ein schlimmes Gift verströmen würden, wären doch viel mehr Menschen daran gestorben oder hätten zumindest allergische Reaktionen gezeigt.«
»Ganz genau. Jedenfalls würde mir das jeder Lektor aufs Butterbrot schmieren, wenn ich so einen müden und weit hergeholten Plot entwickelt hätte. Wie war es denn bei der Polizei?«
»Bei der ... ach so.« Theda hatte ihre Stippvisite auf dem Revier schon beinahe vergessen, so viel war seitdem passiert. »Ganz okay. Allerdings habe ich später Elke Wagner getroffen. Und sie scheint ziemlich sauer auf dich zu sein.«
Hinnerk setzte ein zerknirschtes Lächeln auf. »Ja, mir hat sie wie gesagt auch schon die Leviten gelesen.«
»Außerdem hat sie mir mehr oder weniger durch die Blume mitgeteilt, dass du ein schlechter Umgang für mich bist.«
Hinnerk starrte sie verdutzt an. Nach einer Schrecksekunde lachte er laut los, und Theda stimmte mit ein. Das tat gut.
»Genau so habe ich auch reagiert. Außer Hörweite von Frau Wagner natürlich. Es gibt auch Neues von den Umschlägen. Zufällig war ich dabei, als Frau Wagner Anna damit konfrontiert hat.«
»Ah!« Sofort war Hinnerk wieder ernst und sah sie aufmerksam an. In seinen Augen stand das abenteuerlustige Funkeln, das Theda ziemlich gern mochte. »Erzähl! Wie hat sie reagiert?«
»Überrascht. Ich glaube nicht, dass es gespielt war. Sie hat behauptet, die Umschläge noch nie gesehen zu haben, und auch Herrn Gutbrodt kennt sie nicht. Weder seinen Namen, noch hat sie ihn auf einem Foto erkannt.«
»Wer könnte die Briefe dann zurückgeschickt haben?«
»Vor Frau Wagner hat Anna zwar behauptet, ihr Mann Torsten könnte nichts damit zu tun haben, doch es hat sich ergeben, dass ich kurz darauf ein Gespräch von ihr und Torsten mitgehört habe.«
Hinnerk hob die Brauen. »Natürlich auch wieder rein zufällig.«
Theda bemühte sich um ein Pokerface. »Selbstverständlich. Die beiden haben aber auch ziemlich laut geredet.« Genau genommen traf das nur auf Anna zu, doch das brauchte sie ja nicht zu erwähnen. »Anna hat Torsten verdächtigt, ihre Post zu durchsuchen. Aus Eifersucht. Tatsächlich scheint er zu glauben, sie hätte eine Affäre mit einem Mann vom Festland. Weißt du zufällig etwas darüber?«
»Ich? Ich bin nur ein harmloser Autor, der hier Ferien macht.«
»Warum nur kann ich dir das nicht glauben?«
»Weil du eine kluge Frau bist? Ja, es kursieren tatsächlich Gerüchte, dass Anna jemanden auf dem Festland hat. Ich kann mir eher vorstellen, dass sie manchmal eine Auszeit von Torsten braucht. Die beiden sind so verschieden.«
»Sie die spießige Lehrerin und er der coole Surfer«
»So in der Art. So gut kenne ich sie nicht, nur eben das, was Marta von ihnen erzählt hat. Anna liegt ihr sehr am Herzen. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie eine schwere Zeit.«
»Darum ging es auch während des Streits«, erinnerte sich Theda laut. »Anna hat Hein verteidigt, der Torsten wohl auf die Nerven geht, weil er so oft bei Anna ist. Scheint so was wie ein väterlicher Freund von Anna zu sein.«
»Kann ich mir gut vorstellen. Anna und Hein sind beide Einheimische, er kennt sie seit Kindertagen. Und wahrscheinlich hat er sich nach dem Tod ihrer Eltern auch ein wenig verpflichtet gefühlt, ihr beizustehen. Marta hat mal erwähnt, dass er der beste Freund von Annas Mutter war. Schon seit dem Kindergarten. Alle glaubten, die beiden würden mal heiraten. Aber wie es mit Sandkastenfreundschaften so ist ...«
»... hat Annas Mutter ihr Herz erst an einen Touristen verschenkt und dann an Annas Vater. Weiß deine allwissende Marta über den auch etwas?«
»Garantiert. Ich könnte sie mal vorsichtig aushorchen.«
Theda zeigte Hinnerk die Brosche und wies ihn auf Annas Entdeckung hin. Zu ihrer Genugtuung zog auch er eine Lesebrille hervor, bevor er das silberne Stück in Augenschein nahm. »Für einen Roman habe ich mal Schmuckherstellung recherchiert, und diese Brosche sieht aus, als wäre sie von einer talentierten Person von Hand angefertigt worden.
»Gibt es eigentlich etwas, über das du noch nicht recherchiert hast?«
»Nicht viel.«
An Selbstvertrauen mangelte es Hinnerk jedenfalls nicht.
Sie räumten gemeinsam das Geschirr zusammen und verscheuchten dabei unabsichtlich ein paar vorwitzige Rotkehlchen, die Kuchenkrümel stibitzten.
»Heute habe ich Elsa noch gar nicht gesehen«, sagte Theda. »Hoffentlich ist ihr nichts passiert.«
Zu spät fiel ihr ein, dass Hinnerk es möglicherweise albern finden könnte, dass sie sich um einen Wildvogel Sorgen machte. Andererseits – was interessierte es sie, was Hinnerk von ihr dachte?
Doch Hinnerk meinte nur: »Abwarten, vielleicht treibt sie sich gerade am Strand herum und wir treffen sie gleich dort.«
»Zumindest Elsa wird sich von dem Artikel nicht beirren lassen«, bemerkte Theda mit einem Anflug von Galgenhumor. Sie holte noch rasch ihre Jacke, weil es draußen bereits kühl wurde, und sie machten sich auf den Weg zur Promenade.
Theda brauchte nur einen kurzen Blick auf die Strandkörbe zu werfen und ihr sank das Herz. Die waren bis auf zwei leer. Entweder die beiden Gäste hatten den Inselboten noch nicht gelesen, oder es war ihnen egal, was darin für Lügen verbreitet wurden. Wenn es sich denn hoffentlich um Lügen handelte ... aber nein, das musste einfach so sein. Energisch schloss Theda die Tür der Strandbude auf.
»Was ist denn das da? Hat Clara Konkurrenz bekommen?«, fragte Hinnerk, bevor sie die Stufen zur Bude hochsteigen konnte. Er deutete auf die türkisen Körbe. Theda kniff die Augen zusammen. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Die Strandkörbe waren sämtlich belegt. Groll stieg in ihr auf. Natürlich, diese treulosen Gäste waren einfach von Claras Körben zu dem Konkurrenten abgewandert.
»Nennt man das nicht Mitbewerber?«, fragte sie mürrisch. »Ja, die habe ich auch schon gesehen, aber da waren sie nicht mal zur Hälfte vermietet. Da hat wohl jemand Profit aus dem Artikel geschlagen.«
Der Anblick von Claras verwaisten Strandkörben im Vergleich zu dem lebendig-fröhlichen Trubel nebenan schnürte Theda die Kehle zu. Sie wandte sich ab und kletterte in die Strandbude. In einem schmalen deckenhohen Schrank bewahrte Clara ihre Putzsachen auf, so penibel aufgeräumt, dass Theda nur staunen konnte. Wenn sie bedachte, wie ihre Abstellkammer zu Hause aussah ... Die wenigen Putzmittel kamen alle von einem Öko-Anbieter und mit natürlichen Inhaltsstoffen. Keine Spur von einem tödlichen Imprägnierspray.
»Wie ist der Schreiber des Artikels nur darauf gekommen?«, überlegte Theda laut.
»Da war wohl Fantasie am Werk. Da es nichts Konkretes zu dem Toten im Strandkorb zu berichten gab, musste er sich halt was aus den Fingern saugen.«
»Hast du mal die Arbeit eines Journalisten für einen Krimi recherchiert?«
»Nein, schlimmer.« Hinnerk grinste schief. »Ich war mal einer.«
Noch bevor Theda sich dazu äußern konnte, klopfte es an die Strandbude.
»Klopf, klopf!«, rief jemand mit einer unangenehm durchdringenden Stimme. »Ist die werte Frau Nachbarin zu Hause?«
Nachbarin? O nein. Theda ahnte, wer sie da besuchte. Und allein der Klang der Stimme ließ ihre Haare zu Berge stehen. Wie war das noch mit den Menschen, die man auf Anhieb unsympathisch fand? Hinnerk verdrehte die Augen. Offenbar teilte er ihren ersten Eindruck von dem unangemeldeten Besucher. Erst jetzt bemerkte Theda, wie nahe sie in der engen Strandbude beisammenstanden. Hinnerk roch nach Aftershave, und seine Nähe war ihr alles andere als unangenehm. Mit leisem Bedauern schob sie sich an ihm vorbei und streckte den Kopf aus der Tür.
Vor der Bude stand ein Mann Mitte dreißig, das braune Haar zu einem Man-Bun geschlungen. Er trug einen gepflegten Vollbart. Bekleidet war er mit einem schreiend bunten Hawaiihemd, das mit pinken Flamingos bedruckt war, und Bermudashorts. Er sah aus, als hätte eine böse Fee versucht, Privatdetektiv Magnum in einen Hipster zu verwandeln. Lässig hob er die beringte Hand zu einem Winken. »Na hallo, das ist ja schön, dass wir uns mal treffen. Hab mich schon gewundert, warum sich hier niemand um die Gäste kümmert.«
Theda knirschte mit den Zähnen. Dieser Kerl sah sehr wohl, dass bis auf die zwei alten Leute in den beiden Strandkörben in der dritten Reihe keine Gäste anwesend waren. Nun verbeugte sich dieser Fatzke auch noch mit gekünstelter Höflichkeit. »Mein Name ist übrigens Jens Starke, und ich bin neu ins Strandkorbvermietungsgeschäft eingestiegen. Wie mir scheint, geht mein Konzept auf.«
Im Gegensatz zu Thedas. Das fügte er zwar nicht hinzu, doch sein vielsagender Blick auf die leeren Strandkörbe sagte alles.
»So kann es gehen, wenn man die falschen Putzmittel benutzt«, fügte er dann allerdings hinzu, und Theda sah rot.