Kapitel 17

Theda lachte noch vor sich hin, als sie bereits Hinnerks Unterkunft erreicht hatten. Im Vorbeigehen hatte sie gesehen, dass Elsa erstaunlich gut gezielt hatte. Auf Starkes Manbun prangte ein weißer Flatschen Vogelkot. Mit seinen verzweifelten Reinigungsversuchen war es Starke lediglich gelungen, das schmierige Zeug auf seinem Haar zu verteilen. Schadenfreude war wirklich nichts, auf das Theda stolz war, doch diesmal gab sie sich ihr aus vollem Herzen hin.

»Tja, karma is a beast«, bemerkte Hinnerk trocken, was sie erneut zum Kichern brachte.

Seinen Vorschlag, ihr seine Autorenhütte, wie er es nannte, zu zeigen, hatte sie gerne angenommen. Zwar hatte sie kurz überlegt, ob sie gleich diesem Sven Hartung einen Besuch abstatten sollte, merkte jedoch, dass sie für ein derartiges Gespräch noch zu aufgebracht war. Sie wollte dem Journalisten möglichst ruhig und souverän gegenübertreten. Jetzt war sie neugierig darauf, wie das Schreibdomizil aussah und ob Hinnerk wirklich eine alte mechanische Schreibmaschine benutzte.

Das schwedenrot gestrichene Holzhäuschen befand sich in einer Ecke des Gartens von Marta Bridgers Pension, umrahmt von blühenden Rosensträuchern. Davor standen ein kleiner runder Tisch und ein Klappstuhl, und Theda malte sich aus, wie Hinnerk dort abends nach seinem erledigten Pensum noch saß und sich einen schottischen Whisky genehmigte. Damit hätte er gut das Klischee des Krimiautors erfüllt, wie Theda fand.

Hinnerk machte ein ziemliches Gewese aus dem Aufschließen der Tür und legte auffällig großen Wert darauf, dass Theda keinen Blick auf den Schlüssel werfen konnte. Das weckte natürlich erst recht ihre Neugier und sie reckte den Hals.

»O wie süß!«, rief sie aus. An dem Schlüssel baumelte ein holzgeschnitzter Anhänger in Form eines Schweinchens. »Lass mich mal sehen!«

Mit griesgrämiger Miene reichte Hinnerk ihr das gute Stück. »Tja, weiß auch nicht, warum Marta das da dran gemacht hat. Jedenfalls hat sie mir ausdrücklich verboten, das Schwein des Grauens zu entfernen.«

An irgendetwas erinnerte das niedliche Schweinchen Theda, doch sie kam nicht darauf, was das sein könnte. Hinnerk ließ ihr den Vortritt, und sie trat in das Gartenhäuschen. Innen war es geräumiger, als es von außen den Anschein hatte. Theda musste sofort an eines der Tiny Houses denken, die in Mode kamen. Hier gab es auf engstem Raum alles, was nötig war: ein Sofa, das vermutlich zu einem Bett ausgezogen werden konnte, ein Sideboard mit Kochplatte und einer Spüle, daneben ein kleiner Kühlschrank. Unter dem Fenster befand sich das wichtigste Ausstattungsmöbel: der Schreibtisch. Darauf stand keine alte Schreibmaschine, sondern ein moderner Laptop neben einem Stapel Notizbücher und von Hand beschriebenen Seiten, mehreren Büchern und Schnellheftern. Die Schreibtischplatte war allerdings der einzige chaotische Ort in der Hütte, alles andere sah penibel aufgeräumt aus, jedes Teil hatte seinen Platz, und der begrenzte Raum war gut genutzt. Eine Tür stand halb offen, und nach einem fragenden Blick auf Hinnerk öffnete Theda sie ganz und entdeckte zu ihrer Überraschung sogar ein winziges Bad mit Toilette, Waschbecken und Dusche. Hinnerk konnte hier völlig zurückgezogen leben und ungestört schreiben.

»Setz dich doch. Tee? Kaffee?«, bot er an.

Theda setzte sich auf das Sofa. »Tee, bitte. Wie hast du dieses Kleinod gefunden? Das ist wirklich perfekt für einen Schriftsteller.«

»Eigentlich hat die Hütte mich gefunden.« Hinnerk füllte einen Wasserkocher. »Ich habe ein paar Jahre jeden Sommer in einem von Martas Pensionszimmern gewohnt. Als ihr Gartenhelfer ausgefallen ist, habe ich den Rasen gemäht und bin sozusagen über die Hütte gestolpert. Damals war sie noch nicht renoviert, tatsächlich nur ein Schuppen für Gartengeräte, so ähnlich, wie er im Garten deiner Tante Clara steht. Zu Hause in Hamburg musste ich oft an das Häuschen denken, und bei meinem nächsten Urlaub habe ich Marta vorgeschlagen, die Hütte auszubauen. Sie war sofort dafür zu haben, und ich durfte sogar Wünsche anbringen.« Hinnerk grinste. »Zum Glück. Wäre es nach Marta gegangen, würdest du hier Blümchenvorhänge und bestickte Kissen finden.«

Theda musste zugeben, dass Hinnerks Domizil geschmackvoll eingerichtet war, mit weiß gestrichenen Wänden, an denen einige wenige künstlerisch anmutende Fotos mit Meermotiven hingen, und einer harmonischen Farbgebung in hellen Beige- und Brauntönen. Blümchenvorhänge hätten ihr allerdings auch gefallen. Vielleicht konnte sie Clara für eine Renovierung ihres Gartenhäuschens begeistern ... die Vermietung könnte auch noch für ein gutes Nebeneinkommen für Clara sorgen.

»Bist du der Einzige, der diese Hütte mietet?«, fragte sie interessiert.

»Nein, tatsächlich ist die Unterkunft sehr beliebt. Es gibt außer mir noch einige Stammgäste, zum Beispiel ein Ehepaar, das sich auf Wangerooge kennengelernt hat und jedes Jahr Weihnachten und Silvester in dieser Hütte verbringt. Ich habe Fotos gesehen. Dann ist hier alles romantisch geschmückt mit Lichterketten. Seit ich hauptberuflich als Romanautor arbeite, habe ich allerdings die Sommermonate für mich geblockt. Hier kann ich am besten schreiben.«

Theda wunderte sich ein wenig, dass Hinnerk von den Einnahmen aus seinen Romanen leben konnte, da sie sich nicht erinnern konnte, je von seinem Krimi-Pseudonym gehört zu haben. Entweder sie war in ihrem Beruf doch nicht so gut wie gedacht, oder er war zu unbekannt, doch dann würde er nicht genug verdienen ... Ihn direkt zu fragen, wie er das fertigbrachte, erschien ihr unverzeihlich unhöflich, also nippte sie lieber an ihrem Tee und fragte etwas völlig anderes. »Wo ist denn nun eigentlich die berühmte mechanische Schreibmaschine?«

Hinnerk musste sich auf dem Sofa nur ein wenig zur Seite lehnen, um eine Tür des Sideboards zu öffnen. Darin stand tatsächlich eine alte Triumph. »Die benutze ich nicht allzu oft«, gab er zu. »Und die bleibt auch hier in der Hütte. Ein paarmal hat sie mir aus Schreibblockaden herausgeholfen.«

Theda fiel ein gerahmtes Foto auf dem Sideboard auf. Es zeigte einen wenige Jahre jüngeren Hinnerk an der Seite eines jungen Mannes etwa Mitte zwanzig. Sie grinsten in die Kamera, und die Familienähnlichkeit war unverkennbar. Im Hintergrund erhob sich ein Bergmassiv.

»Ist das dein Sohn?«

Hinnerk folgte ihrem Blick. »Ja, das ist Niklas. Da waren wir vor sechs Jahren im Urlaub auf Borneo und haben den Mount Kinabalu bestiegen.« Ein Schatten flog über sein Gesicht. »Eigentlich hatte Monika, meine Ex-Frau und Niklas‘ Mutter, uns begleiten wollen. Aber die Tour war ihr dann zu abenteuerlich.«

Er warf einen Blick auf die Uhr. »Schon gleich sieben. Wie sieht es aus, hast du Lust, noch mal mit mir zu Abend zu essen?«

Theda entging nicht, dass er abrupt das Thema wechselte. Über seine Ex-Frau redete er offenbar nicht gerne. »Ich bin von dem Kuchen noch gesättigt, das lasse ich heute mal ausfallen.«

»Geht mir ähnlich. Da mache ich mir lieber in einer Schreibpause ein Brot.«

Ob das bedeuten sollte, dass er schreiben wollte und es Zeit für Theda war zu gehen? Gerade, als Theda rasch ihren Tee austrinken wollte, um ihn nicht länger von seiner Arbeit abzuhalten, schlug er vor: »Wir könnten noch kurz zu Marta rübergehen und sie nach dem geheimnisvollen Verflossenen von Annas Mutter fragen.«

»Will sich da jemand vor der Arbeit drücken?«

»Ein bisschen Prokrastination gehört zum Autorenleben.«

Marta hieß sie herzlich in ihrer guten Stube willkommen. Diese war mit zahlreichen bestickten Kissen und geblümten Vorhängen ausgestattet. Zudem schien Marta ein Faible dafür zu haben, alles zu umhäkeln, was nur irgendwie umhäkelt werden konnte. Sie hatte selbst vor dem altmodischen Röhrenfernseher nicht haltgemacht, den ein fliederfarbenes Pullöverchen zierte. Nur die getigerte Katze, die auf der Fensterbank auf einem Kissen lag und Theda und Hinnerk angähnte, war verschont geblieben. Marta bot ihnen natürlich gleich Tee an, den Hinnerk annahm und Theda ablehnte. Wenn sie abends so viel Tee trank, würde sie die ganze Nacht auf die Toilette rennen müssen. Sie nahm dankend ein Wasser an.

»Es tut mir so leid!«, rief Marta aus, nachdem sie die Getränke serviert hatte, noch bevor Hinnerk oder Theda etwas sagen konnten. »Was für ein furchtbarer Artikel im Inselboten. Dieser Sven Hartung war mir immer schon suspekt. Der hat als kleiner Junge nichts als Unsinn im Kopf gehabt. Lebendige Frösche gefangen und in Briefkästen geworfen und ähnliche Streiche.« Sie schüttelte den Kopf.

»Anzeigen sollten Sie den«, fuhr Marta fort. »Die arme Clara.«

Das erinnerte Theda daran, dass sie Clara unbedingt noch anrufen musste.

»Übrigens soll ich von Brigitte ausrichten, dass es ihr leidtut, euch beinahe erschossen zu haben«, sagte Marta trocken und führte ihre Teetasse mit abgespreiztem kleinem Finger zum Mund.

Hinnerk wechselte einen Blick mit Theda und räusperte sich. »Nun ja. Eine gewisse Mitschuld daran kann ich nicht abstreiten. Es war nicht die feine Art, ihr schönes Rosengitter aus der Verankerung zu reißen. Ich dachte, morgen gehe ich noch mal rüber zu ihr, um sie daran zu erinnern, mir die Rechnung zu schicken.«

»Daran brauchst du sie nicht zu erinnern. Wie ich Brigitte kenne, hat sie bereits eine Kostenaufstellung angefertigt. Aber lass dich auf nichts ein, was diesen unsäglichen Fuchs angeht.« Marta verzog das Gesicht. »Keine Ahnung, was sie an dem ollen Ding findet. Ich habe ihr schon so oft gesagt, sie soll das Viech aus dem Gästezimmer entfernen. Ausgerechnet auch noch in ihrem schönsten Zimmer steht das. Davon bekommen die Gäste doch Albträume!«

Theda musste zugeben, dass sie den Fuchs auch nicht gerne in ihrem Schlafzimmer gehabt hätte. Von diesen Glasaugen angestarrt zu werden ...

»Jedenfalls ist das Ding nichts mehr wert, und ich predige ihr schon seit Jahren, sie soll das räudige Teil endlich wegwerfen. Keine Ahnung, warum sie so sehr daran hängt«, schloss Marta ihre Fuchskritik. »Wie dem auch sei, es war nicht in Ordnung von ihr, euch mit ihrer alten Schrotflinte zu bedrohen, und das weiß sie auch.«

»Ihre Nerven lagen vermutlich blank, nachdem ihr letzter Gast so unerwartet verstorben ist und die Polizei bei ihr war«, sagte Hinnerk versöhnlich.

»O ja«, stimmte Marta zu. »Man darf es zwar nicht laut sagen, aber sie war ein wenig erleichtert darüber, dass Herr Gutbrodt seine Drohung nicht mehr wahrmachen konnte.«

Theda horchte auf. »Drohung? Was hat er ihr denn angedroht?«

»Das Schlimmste, was Brigitte ihrer Meinung nach zustoßen kann«, sagte Marta mit Grabesstimme und erweckte bei Theda den Eindruck, dass sie die Sache nicht so ganz ernst nahm. »Eine schlechte Bewertung bei Tripadvisor.«

»Oh.« Mehr fiel Theda dazu nicht ein. Ratlos wartete sie auf eine Erläuterung, die auch prompt kam.

»Brigitte ist nichts so wichtig wie ihre fünf Sterne bei Tripadvisor. Sie hat sogar schon Urkunden dafür erhalten, die hängen alle gerahmt bei ihr im Flur, und sie weist jeden Gast darauf hin. Sie sind ihr ganzer Stolz. Wenn Gutbrodt ihr tatsächlich eine Ein-Sterne-Bewertung gegeben hätte, wäre es mit den fünf Sternen vorbei gewesen, die hätten den Durchschnitt auf vier gedrückt.«

»Sind die Sterne wirklich so wichtig?«, fragte Theda skeptisch. Na gut, sie kannte die Bewertungsplattform, aber ihr war bisher nicht klar gewesen, dass die dort erhaltenen Sterne dermaßen ernst genommen wurden.

»Ja, schon«, meinte Marta. »Früher war das nicht so, aber heutzutage informieren sich Gäste vor ihren Reisen im Internet über infrage kommende Unterkünfte. Wenn sie bei einer Pension negative Bewertungen finden, buchen sie lieber woanders. Eine schlechte fällt da schon ins Gewicht, besonders bei uns kleinen Pensionen, da wir nicht so viele haben. Bei großen Hotels mit Hunderten von Bewertungen ist es nicht so schlimm.«

»Also hat Brigitte befürchtet, dass die Gäste ausbleiben könnten, wenn sie keine fünf Sterne mehr hätte und eine kritische Bewertung für ihre Pension bekommt?« Hinnerk hob die Brauen. »Das erscheint mir doch etwas übertrieben. Schließlich wäre Gutbrodt der Einzige gewesen, der ihr einen Verriss verpasst hätte.«

»Ach ja, so ist sie nun mal«, sagte Marta. »Diese Sterne sind so eine fixe Idee von ihr. Ich glaube nicht, dass eine einzige schlechte Bewertung die Leute abgehalten hätte, bei ihr zu buchen, zumal sie eine Menge Stammgäste hat. So viel sollte man den Menschen schon zutrauen, dass sie eine Ausreißerbewertung einordnen können.«

»Na ja, einige Autorenkollegen von mir ticken ähnlich«, sagte Hinnerk nachdenklich. »Nur ist es da natürlich nicht Tripadvisor. Es gibt genug Bewertungsportale für Bücher, und einige Autoren machen sich echt einen Kopf, wenn da mal eine Rezension nicht so positiv ausfällt. Ich glaube aber nicht, dass sich das auf die Buchverkäufe auswirkt.«

»Zum Glück gibt es immer noch Menschen, die sich in Buchhandlungen beraten lassen«, erklärte Theda. »Die achten kaum auf solche Bewertungen auf Online-Portalen.«

»Kommt wohl auf die Zielgruppe an. Aber wir kommen vom Thema ab.« Hinnerk stellte seine Teetasse ab. »Meinst du, Brigitte hat sich bis morgen ausreichend beruhigt? Kann ich gefahrlos zu ihr gehen oder holt sie wieder ihr Gewehr hervor?«

»Keine Sorge, das hat die Polizei konfisziert.« Marta sprach das letzte Wort genüsslich aus. »Und die Schäden sind so gut wie behoben. Hein war heute bei Brigitte und hat das Rosenspalier wieder befestigt.«

Theda witterte die Chance auf eine Überleitung. »Hein ist sehr hilfsbereit.«

»Ja, und handwerklich geschickt. Er hat nicht nur einen grünen Daumen, er fertigt auch wunderschöne Holzarbeiten an.«

»Wie zum Beispiel die Vogelfutterhäuschen?«

»Ja, genau! Clara hat auch so eines, nicht wahr?«

Theda nickte. »Und bei Anna Färber habe ich ebenfalls eines gesehen. Anna hat erzählt, dass Hein ihr nach dem Tod ihrer Mutter eine große Stütze war.« Gelogen war das ja nicht. Anna hatte es erzählt, wenn auch nicht Theda.

Martas Blick wurde glasig. »So eine traurige Sache. Nachdem bei Helga Krebs festgestellt worden war, ist sie innerhalb von ein paar Monaten von einer lebenslustigen Frau zu einer dahinsiechenden Kranken geworden und gestorben. Es ging so schnell. Und Anna hatte zehn Jahre zuvor schon ihren Vater verloren.«

»Der war wohl Helgas große Liebe gewesen?«

Marta runzelte die Stirn. »Nein.« Mit einem verlegenen Blick auf Hinnerk und Theda drehte sie ihre Teetasse auf dem Unterteller hin und her. »Das sollte ich eigentlich nicht sagen.«

»Warum nicht? Wir erzählen es nicht weiter, an wen denn auch?«, fragte Hinnerk mit einem so unschuldigen Augenaufschlag, dass Theda an Martas Stelle höchst misstrauisch gewesen wäre. Doch Marta stieß lediglich die Luft aus, als hätte sie nur darauf gewartet, ihre Meinung zu Helgas Mann kundzutun.

»Gregor war nicht Helgas große Liebe. Die beiden mochten sich. Kannten sich von klein auf.«

»Also noch ein Sandkastenfreund, wie Hein?« Das konnte sich Theda nicht verkneifen. Helga schien ja eine Menge Verehrer aus Kindertagen gehabt zu haben, doch das blieb auf so einer kleinen Insel wohl nicht aus. Hinnerk warf ihr einen warnenden Blick zu, und sie nahm sich vor, Marta von nun an in Ruhe berichten zu lassen.

»Na ja, das war schon etwas anderes«, meinte sie nun. »Bei Hein und Helga fiel das alles recht einseitig aus. Helga hat Hein nur als guten Freund gesehen, während er bis über beide Ohren in sie verliebt war. Die ganze Insel wusste das, auch Helga, doch sie tat immer so, als hätte sie keine Ahnung. Jedenfalls hat sie sich letztendlich für Gregor entschieden.«

Diesmal wartete Theda eine Weile, doch Marta schien nichts mehr sagen zu wollen, also fragte sie nach: »Statt für ihren geheimnisvollen Verehrer vom Festland?«

Marta verzog das Gesicht. »Das war schon mehr als ein Verehrer. Eine handfeste Liebelei war das.«

Bei dem altmodischen Begriff musste Theda lächeln. »Mehr als ein Urlaubsflirt?«

»Ja, den Eindruck hatte nicht nur ich. Hein war eifersüchtig, er hat sich damals sogar mit dem Mann geprügelt. Ach was, Mann, das waren ja kaum mehr als Jungs. Alle erst so um die zwanzig Jahre alt. Wir hatten unser Leben noch vor uns, und einige nahmen die Liebe und die Flirts ernster als andere.«

»War Gregor auch eifersüchtig?«

»Gregor?« Marta blickte nachdenklich in die Ferne. »Ich glaube, der war damals gar nicht auf der Insel. Hat seinen Wehrdienst auf dem Festland abgeleistet und ist nur an wenigen Wochenenden zu Besuch gekommen. Der hat nicht viel davon mitgekriegt, wie Helga sich diesem Hallodri an den Hals geworfen hat.«

»Hallodri klingt nicht gut ... hat er Helga das Herz gebrochen?«

»Ich weiß nicht genau, wer da mit wem Schluss gemacht hat«, gab Marta zu. »Das war die eine Sache, die Helga mir niemals anvertraut hat. Ich weiß nur, dass Peter in dem Sommer oft auf die Insel gekommen ist. Zuerst in den Ferien, in denen er mit Helga zusammenkam, und danach hat er sie oft besucht, doch irgendwann ist er nicht mehr gekommen, und Helga hat ein paar Wochen sehr verweint ausgesehen. Doch so oft ich sie auch gefragt und ihr versichert habe, dass sie mit mir reden kann, sie war plötzlich verschlossen wie eine Auster, das war sie.« Marta seufzte. »Erst als sie mit Gregor zusammengekommen ist, wurde sie wieder froh. Nein, ihre große Liebe war er sicher nicht, aber wohl der Mann, den sie brauchte, der Mann zum Heiraten.«

»Peter war kein Mann zum Heiraten?«

»Nein«, sagte Marta unerwartet heftig. »Den hab ich nie gemocht. Hatte die ganze Zeit den Eindruck, dass er nur mit Helga spielt, dass er seinen Spaß will und sie früher oder später fallen lässt. Ich hatte sogar den Verdacht, dass er auf dem Festland noch eine Freundin hatte.«

»Warum das?«

»Nur so ein Gefühl. Dieser Peter hat sich immer aufgeführt, als wäre er etwas Besseres. Genug Geld hatte er auf jeden Fall. Zwar Student, aber seine Eltern waren reich. Na ja, Helga hatte aus irgendeinem Grund ihr Herz an ihn verloren. Wo die Liebe hinfällt!«

»... wächst kein Gras mehr«, beendete Hinnerk trocken.