Kapitel 18

Hinnerk begleitete Theda noch zu Claras Haus, obwohl sie ihm mehrmals versicherte, das sei nicht nötig. Er bestand jedoch darauf. Zunächst hielt Theda das für das Benehmen eines Gentleman der alten Schule, aber bereits nach ein paar Schritten wurde ihr klar, dass Hinnerk andere Beweggründe hatte.

»Wieso heißt der Kerl Peter?«, platzte er heraus, und Theda musste grinsen.

»Warum nicht Hubert? Tja, hast du etwa auch gehofft, dass Gutbrodt der alte Verehrer von Annas Mutter war?«

»Ja«, brummte Hinnerk und vergrub die Hände in den Taschen seiner Jacke. »Das macht mir meine schöne Theorie kaputt. Dieser Peter hat vermutlich rein gar nichts mit dem Mordfall zu tun.«

»Wer weiß, vielleicht ist er ein guter Freund von Gutbrodt und hat ihn vorgeschickt, um Annas Mutter zu finden? Oder er weiß gar nichts davon, und Gutbrodt wollte ihn damit überraschen, dass er seine alte Flamme auftreibt?«

Sofort hellte sich Hinnerks Miene auf. »Theda, du bist genial! Diese Theorie ist ja noch besser als meine.«

Theda sagte lieber nicht, dass Gutbrodt auf sie den Eindruck eines mürrischen Einzelgängers gemacht hatte. Er war ihr nicht wie jemand vorgekommen, der für einen Freund eine verflossene Geliebte aufspürte. Allerdings kannte sie ihn ja gar nicht. Womöglich täuschte sie sich in ihm, und hinter der grantigen Fassade hatte sich ein Romantiker versteckt ...

»Ich hätte Marta nach den Freunden von Peter fragen sollen«, sagte Hinnerk. »Der war doch anfangs sicher nicht alleine hier, sondern mit einer Gruppe. Zu der auch Gutbrodt gehört haben könnte.«

»Das ist nur eine Theorie«, erinnerte Theda ihn. »Es ist gut möglich, dass Annas Mutter nichts mit dem Fall zu tun hat.«

»Und die Brosche? Das kann doch kein Zufall sein.«

»Da geht dem Herrn Autor wohl die Fantasie durch«, neckte Theda Hinnerk. »Vorausgesetzt, Elsa hat die Brosche wirklich am Strand gefunden, und sie hat tatsächlich etwas mit Gutbrodt zu tun ... das sind doch eine Menge Zufälle, oder? Vielleicht lag sie einfach so da herum und das schon seit Wochen, lange bevor Gutbrodt einen Fuß an den Strand gesetzt hat.«

»Nein, nein«, wehrte Hinnerk ab. »Du zerpflückst mir den schönen Plot. So grausam ist sonst nur mein Lektor.«

Theda musste schmunzeln, doch dann erreichten sie Claras Haus, und ihr wurde das Herz schwer. Nun konnte sie es nicht länger aufschieben. Sie musste Clara anrufen und ihr von dem furchtbaren Artikel und dessen Auswirkungen berichten. Viel lieber hätte sie weiter mit Hinnerk geplaudert. Sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft, und es fiel ihr nicht leicht, sich von ihm zu verabschieden. In Gedanken schon halb bei dem Gespräch mit Clara, blickte sie ihm nach. An der Straßenecke blieb er stehen und drehte sich um, und sie winkte ihm zu. Er winkte zurück und lächelte so strahlend, dass sie es auch aus der Entfernung gut erkennen konnte. Gleich fühlte sie sich besser. Im Garten genoss sie eine Weile die abendliche Ruhe und sammelte Mut für den Anruf.

Clara meldete sich, und zunächst ließ sich Theda gerne berichten, wie es ihrer Freundin und deren Mann ging. Leider fragte Clara dann fröhlich, ob mit der Strandkorbvermietung alles in Ordnung sei, und Theda kamen fast die Tränen.

»O Clara, ich muss dir etwas Schlimmes erzählen«, würgte sie hervor. Stockend berichtete sie Clara von dem Artikel, den Stornierungen, und auch von der türkisen Nachbarschaft. »Es tut mir so leid«, schloss sie ihre Beichte. »Was meinst du, soll ich Anzeige gegen diesen Zeitungsmenschen erstatten?«

»Auf keinen Fall«, hörte sie Clara energisch sagen. »Solche Leute ignoriert man am besten.«

»Was? Willst du ihm durchgehen lassen, dass er dich verleumdet?«

»Lies mir doch bitte mal den Artikel vor.«

Theda holte die Zeitung aus der Küche. Während sie las, kochte erneut Wut in ihr hoch. Dieser Sven hatte es gemeinerweise geschafft, sich so vage zu halten, dass man ihm keine Lügen oder Verleumdungen vorwerfen konnte. Als Anhaltspunkt für seine Anschuldigungen gab er lediglich eine ‚zuverlässige Quelle‘ an.

»So ein Fiesling«, machte sie ihrem Ärger Luft. »Aber eines sage ich dir, auch wenn wir ihn nicht anzeigen können, ich werde zu ihm gehen und ihm meine Meinung zu diesem Drecksartikel sagen!«

Aus dem Telefon erklang ein Glucksen, und einen furchtbaren Moment fürchtete Theda, Clara würde weinen, doch sie kicherte nur. »Theda, min Deern, lass das sein. So aggressiv kenne ich dich ja gar nicht. Sei vorsichtig, am Ende zeigt dieser Mann dich noch an. Und mach dir keine Sorgen, bald ist Gras über die Sache gewachsen. An der Anschuldigung ist nichts dran, das versichere ich dir.«

»Aber ... die Stornierungen!«

»Das ist natürlich nicht schön, aber wir können es nicht ändern, also sollten wir uns nicht ärgern, sondern uns mit der Situation arrangieren.«

Theda konnte nicht glauben, dass Clara kein bisschen sauer oder verzweifelt war. »Dir entgehen aber eine Menge Einnahmen!«

»Ich habe ein bisschen was gespart. Eigentlich wollte ich im Winter mal eine Kreuzfahrt machen, aber weißt du was, diese großen Pötte sind sowieso Dreckschleudern. Die verschmutzen nur die Meere, und ich hätte kein gutes Gefühl dabei gehabt, also ist das nun vielleicht sogar ein Wink des Schicksals.«

Clara plauderte noch ein wenig mit Theda, die merkte, dass ihre Tante sie auf andere Gedanken bringen wollte. Hätte nicht eher sie diesen Part übernehmen sollen? Nun, da sie wusste, dass Clara auf eine Reise verzichten musste, auf die sie sich bestimmt lange gefreut hatte, fühlte sie sich noch schlechter. Sie würde Clara von jedem Verdacht reinwaschen, das schwor sie sich. Dazu musste sie nur herausfinden, woran Herr Gutbrodt wirklich gestorben war.

Nur ...

»Clara, mal was ganz anderes«, sagte sie mit neuem Elan. »Weißt du, ob es früher auf der Insel jemanden gegeben hat, der Schmuck hergestellt hat? Kann sein, nur als Hobby.«

»Hm, lass mich überlegen. Warum willst du das denn wissen? Wenn du auf der Suche nach hübschen Sachen bist, geh doch mal in die Schatzkiste. Das ist ein kleiner Laden in der Fußgängerzone. Dort gibt es, glaube ich, auch Schmuck.«

»Seit wann gibt es diesen Laden?«

»Ein paar Jahre.«

Theda versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Danke, dann schaue ich da mal rein.« Von der Schatzkiste hatte Anna ihr ja bereits erzählt.

»Lass den Kopf nicht hängen, min Deern«, hörte sie Clara gutmütig sagen. »Mit meinen Strandkörben habe ich schon so viele Aufs und Abs erlebt. Wirst sehen, bald kommen neue Reservierungen rein. Nicht zu vergessen die Laufkundschaft. Und bis dahin genieß deinen Urlaub. Bille geht es schon besser, sie hat den ersten Schock überwunden, und ich gehe mal davon aus, dass ich nächste Woche nach Hause kommen kann. Dann machen wir uns ein paar schöne Tage.« Sie lachte. »Ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass nicht so viel los ist, umso mehr Zeit habe ich für dich.«

Theda schluckte. Clara ließ sich nicht unterkriegen. Von ihrem Optimismus konnte sie sich eine Scheibe abschneiden. »Ist gut, Clara. Ich halte hier die Stellung.«

»Mach das. Und lass den armen Sven in Ruhe. Der ist ein lieber Junge. Keine Ahnung, was ihn zu diesem Artikel getrieben hat. Nicht, dass du ihn noch verprügelst ...«

Nun musste Theda auch lachen. »So weit würde ich nicht gehen. Aber mit ihm reden kann ich doch mal.«

»Ist ’n netter Kerl, wirst sehen. Was ist denn eigentlich mit Hinnerk?«

Thedas Gesicht wurde heiß, und sie war froh, dass sie keinen Videoanruf mit Clara führte. Die nächsten Minuten verbrachte sie damit, möglichst unverfänglich von ihren Treffen mit Hinnerk zu erzählen. Nicht so einfach, da sie Clara nicht verraten wollte, dass sie sich zu einem geheimen Ermittlungsteam zusammengeschlossen hatten. Jedenfalls schien Clara zufrieden zu sein und freute sich besonders über Thedas Besuch in Hinnerks Autorendomizil.

»Darauf kannst du dir was einbilden, Deern. Soweit ich weiß, hat er noch niemanden in seine Schreiberlingshütte eingeladen.«

Theda war nicht sicher, ob Hinnerk mit diesem Begriff einverstanden gewesen wäre. Sie beendete das Gespräch mit einem wesentlich besseren Gefühl. Clara hatte die Sache mit dem Artikel gelassen aufgenommen, und es war ihr sogar gelungen, Theda zu beruhigen. Vor dem Schlafengehen las sie noch ein paar Seiten in dem Krimi von H. Nerksson. Zumindest war das der Plan, doch der Roman war so spannend, dass sie ihn zur Hälfte gelesen hatte, bevor ihr die Augen zufielen.

Beim Frühstück bekam Theda Besuch von Elsa. Sie erinnerte sich daran, dass sie ihr im Austausch für die Brosche etwas anderes geben wollte, und formte einen Ring aus Alufolie, den sie einladend am Rand der Terrasse platzierte. Doch Elsa strafte dieses zugegeben nicht sonderlich gelungene Bastelwerk mit Nichtachtung. Sie interessierte sich eher für den übrig gebliebenen Kuchen, den Theda zum Frühstück aß. Kuchen war sicher kein geeignetes Futter für Elstern. Andererseits ... Theda konnte nur vermuten, was sich Elsa alles bei ihren Ausflügen zum Strand einverleibte. Und sie konnte der Elster einfach nicht widerstehen, als sie mit schief gelegtem Kopf vor ihr herumhüpfte und sie aus blanken, klugen Augen ansah.

»Na schön, aber das ist eine Ausnahme, und ich werde mal recherchieren, was ich dir an gesundem Futter geben kann«, teilte Theda Elsa mit und hielt ihr ein Stückchen Bienenstich hin. Elsa hüpfte auf sie zu, zögerte, reckte den Hals und klaubte ihr das Stück vorsichtig aus den Fingern. Mit einem Happs war es verschwunden.

»Ich habe deinen Schatz ein wenig dezimiert, aber vermutlich handelt es sich bei der Brosche um ein Beweisstück in einem Mordfall«, erklärte Theda dem Vogel, der sie interessiert beäugte. Eher nicht, weil Elsa Thedas Ausführungen so spannend fand, sondern weil sie auf mehr Kuchen spekulierte. »Zumindest aber brauche ich die Brosche für meine Ermittlungen. Als Nächstes werde ich die Schatzkiste aufsuchen. Wäre das nicht was für dich?«

Elsa legte den Kopf erneut schief, schüttelte ihr Gefieder und flog davon. Na gut, das war eine eindeutige Antwort. Also machte sich Theda allein auf den Weg in die Fußgängerzone. Sie ging nicht gerne shoppen, daher hatte sie sich bisher nicht für die Läden dort interessiert. Die einzigen Geschäfte, die sie reizten, waren Buchhandlungen. Darin konnte sie stundenlang stöbern. Umso seltsamer, da sie ja schon ihre Arbeitszeit in einer verbrachte ... Zufällig befand sich die Schatzkiste direkt neben dem kleinen Buchlädchen, und Theda beschloss, nach der Broschenrecherche auch noch einen Blick auf das Bücherangebot zu werfen.

Die Schaufensterdeko der Schatzkiste gefiel ihr. Darin war eine Insel zu sehen, mit Palmen und einer Schatztruhe aus Holz, mit Eisenbeschlägen, eben so, wie man sich eine Schatzkiste vorstellte. In dem aufgeschütteten Sand lagen allerlei kunsthandwerkliche Stücke, von Kaffeebechern über Teekannen bis hin zu Mützen, Schals und Holzarbeiten. Sogar ein Vogelfutterhäuschen stand in der Auslage. Bestimmt von Hein, denn es ähnelte den Häuschen in Annas und Claras Garten.

Beim Betreten des Ladens läutete eine Kuhglocke, die über der Tür hing. Statt eines wohlsortierten Geschäfts fand sich Theda in einer chaotischen Fülle an ebenso schönen wie überflüssigen Dingen. Der Laden wirkte eben wie eine Schatzkammer, nein, eher wie die Schatzhöhle eines Piraten. Dazu trug noch das gedämpfte Licht bei. Von der Decke hingen farbige Lampions und warfen ihren bunten Schein auf die vollgestopften Regale. Neugierig betrachtete Theda die handgemalten Schildchen, die an den Borden klebten. Aquarelle von Lina , las sie, und Alles handgefilzt von Björn. Sie erinnerte sich, dass Anna ihr von dem System des Ladens erzählt hatte. Wer wollte, konnte einen Regalplatz für Selbstgemachtes mieten. Sozusagen ein Etsyshop zum Anfassen. Einige der angebotenen Dinge machten einen professionellen Eindruck, andere wirkten charmant unperfekt. Theda bewunderte ein Mobile aus Muscheln, einen ausgesägten Austernfischer, den man sich als Deko in den Garten stellen konnte, handgetöpferte, fantasievoll glasierte Becher, selbst genähte Taschen, bunte Haarbänder ...

»Hallo, herzlich willkommen in der Schatzkiste, kann ich Ihnen helfen?«, erklang eine fröhliche Stimme. Eine junge Frau mit leuchtend rotem Haar tauchte aus dem Hinterzimmer des Lädchens auf. Sie trug ein gebatiktes Kleid, das selbst genäht aussah.

»Ja, danke, haben Sie auch Schmuck?« Theda zog die Brosche hervor, die sie ausnahmsweise diesmal nicht vergessen hatte. »So etwas in dieser Art?«

»Silberschmuck habe ich leider nicht da«, sagte die Frau bedauernd. »Armbänder aus Glasperlen, schöne Anhänger für Ketten ... darf ich mal sehen?«

Sie streckte die Hand aus, und Theda gab ihr die Brosche. Während die Frau das Schmuckstück hin und her drehte und ausgiebig betrachtete, wurden ihre Augen immer größer. Schließlich schaute sie auf. »Woher haben Sie das?«