Kapitel 19

»Am Strand gefunden«, behauptete Theda. Genau genommen hatte sie die Brosche auf dem Komposthaufen entdeckt, aber vorher hatte sie ja am Strand gelegen ... Komposthaufen klang einfach nicht so gut.

»Das ist ja spannend!«, rief die Frau. »Die sieht nämlich aus, als hätte meine Mutter die gemacht. Sie liebt Möwen, und früher hat sie Silberschmuck hergestellt. Ich habe einen Kettenanhänger von ihr, sehen Sie?« Sie griff in den Ausschnitt ihres Kleides und zog eine der vielen Ketten hervor, die sie um den Hals trug, einige über dem Kleid und einige darunter. An einem Lederband hing ein Anhänger in Form einer fliegenden Möwe, der tatsächlich der Brosche ähnelte.

»Hat Ihre Mutter zufällig früher hier auf der Insel Schmuck verkauft?«, fragte Theda, bemüht, ihre Aufregung zu verbergen. Sie wollte die Frau nicht mit übergroßer Neugier verschrecken und misstrauisch machen. Doch die Tochter der Schmuck-Künstlerin schien ebenso aufgeregt zu sein wie Theda.

»Ja! Vor etwa dreißig Jahren gab es hier ein Schmuckgeschäft, und meine Mutter hatte dort ein paar Stücke in Kommission gegeben. Das hat sie auch auf die Idee zu diesem Laden gebracht. Man kann hier einen Regalplatz mieten und ... aber das haben Sie bestimmt schon bemerkt. Die Schildchen zeigen, wer die Sachen hergestellt hat. Auf dieser Insel leben so viele künstlerisch begabte Menschen ... ach, was rede ich da, Mom sagt immer, in jedem Mensch wohnt eine Künstlerseele.« Sie gab Theda die Brosche zurück. »Wenn Sie möchten, können Sie das meiner Mom zeigen, sie freut sich bestimmt, mal eines ihrer frühen Werke wiederzusehen. Ihr gehört dieser Laden, und sie hat außerdem ein Yogastudio, aber zurzeit dürfte sie am Strand sein. Dort hält sie morgens Yogasessions ab.«

»Danke, ich halte mal nach ihr Ausschau.«

Die Frau grinste. »Mom ist nicht zu übersehen, glauben Sie mir. Ich bin übrigens Kira. Sie können ihr schöne Grüße ausrichten und ihr sagen, dass ich sie verraten habe.«

Theda bedankte sich und machte sich sofort auf zum Strand. Würde sie nun endlich erfahren, wer diese Brosche gekauft hatte? In ihr keimte die Hoffnung auf, dass sie damit der Lösung des Falls einen großen Schritt näher kommen würde. Sie bahnte sich ihren Weg an gemächlich dahinschlendernden Rentnerpaaren vorbei, die alle Zeit der Welt zu haben schienen. Vor den Cafés saßen weitere Gäste der älteren Generation und schlemmten eine verführerisch aussehende Ostfriesentorte.

Um Kiras Mutter nicht zu verpassen, ging Theda diesmal am Ende der Fußgängerzone nach links, zum westlichen Ende der Promenade. Dort gab es keine Strandkörbe, dafür steckten Surfbretter hochkant im Sand. Sie waren bunt bemalt und trugen das Logo der Surfschule: eine Meerjungfrau, die elegant auf einem Surfbrett lag. Um eine Bretterbude herum waren ein paar Sitzsäcke am Strand verteilt, und in einem Schuppen auf der anderen Seite der Promenade gab jemand Surfbretter an eine Gruppe Jugendlicher in Neoprenanzügen aus.

»Legt sie erst mal an den Strand, etwa zwanzig Meter vom Wasser entfernt. Wir beginnen heute mit ein paar Trockenübungen«, wies sie ein junger Mann mit blonden, windzerzausten Haaren an. Im Näherkommen erkannte Theda Torsten. Er sah sie auch, verzog das Gesicht zu einem leicht angestrengten Lächeln und winkte ihr zu. Theda winkte zurück. Sie war unsicher, ob sie zu ihm gehen sollte oder besser nicht. Torsten löste das Problem, indem er seine Surfschüler an den Strand entließ und auf sie zu trabte.

»Hey! Lust auf surfen?«

»Heute nicht. Könnte ich das denn noch lernen?«

»Na klar! Warum denn nicht? Sie sehen topfit aus«, erklärte Torsten in so einem Brustton der Überzeugung, dass Theda ihm beinahe Glauben schenkte. »Und wenn Sie Wasser mögen, ist das der Sport für Sie! Es gibt nichts Besseres, als eine coole Welle zu reiten. Ich gebe Ihnen meine Telefonnummer, dann können Sie mich anrufen, wenn Sie Lust haben. Wir können auch gerne eine Privatstunde zur Probe vereinbaren.«

Sehr geschäftstüchtig! Obwohl Theda nicht glaubte, dass sie sich jemals auf ein Surfbrett wagen würde, wollte sie nicht unhöflich sein und tauschte Telefonnummern mit Torsten Färber. Ein Blick aufs Meer zeigte ihr, dass es an diesem Tag tatsächlich recht hohe Wellen gab. »Sind das da coole Wellen?«, fragte sie zweifelnd. Die Temperaturen um diese Jahreszeit würde sie allerdings als äußerst cool bezeichnen.

»Na ja, eher nicht für Anfänger«, gab Torsten zu. »Daher stehen mit meiner Gruppe heute Trockenübungen auf dem Programm. Eventuell gehen wir kurz rein, aber nichts Wildes heute. Ab nachmittags ist Sturm angesagt.« Mit profimäßig zusammengekniffenen Augen spähte er aufs Meer hinaus.

»Sie wissen nicht zufällig, wo hier der Yogakurs stattfindet?«, fragte Theda.

»Doch, klar. Marietta geht gerne ein bisschen raus nach Westen, da, sehen Sie? Aber Sie haben Pech, der Kurs scheint schon vorbei zu sein.«

Theda schaute in die Richtung, in die Torsten zeigte, und sah ein paar Frauen mit zusammengerollten Matten den Strand entlang auf sie zukommen.

»Nicht schlimm«, sagte sie. Das war ihr sogar ganz recht, nun konnte sie sofort mit Marietta reden. »Wer von ihnen ist denn die Yogalehrerin?«

»Nicht dabei. Vermutlich macht sie noch ein paar Übungen für sich. Gehen Sie einfach den Strand runter, dann finden Sie sie schon, ist nicht zu übersehen.«

Das hatte Kira auch gesagt. So langsam wurde Theda neugierig auf die Frau, die eine so auffallende Erscheinung sein sollte.

»Tut mir übrigens echt leid«, sagte Torsten mit zerknirschter Miene. »Mein Kumpel ist eigentlich ganz in Ordnung, aber dieses Jahr läuft es nicht optimal mit der Surfschule. Das Wetter war bisher zu mies und die Wellen ungeeignet für Anfänger. Die sind aber unser Hauptgeschäft. Erst seit letzter Woche wird es langsam besser. Trotzdem nicht nett von Starkma... von Jens, dass er seinen Strandkorbverleih direkt neben Clara aufmachen musste. Ich hab ihm vorgeschlagen, hier in der Ecke ein paar Körbe aufzustellen, aber das fand er zu mickrig. Wollte es groß aufziehen, obwohl er eigentlich gar keine Kohle dafür hat.«

»Glauben Sie, er hat etwas mit dem Artikel zu tun?«, fragte Theda geradeheraus. »Schließlich hat er sich ja damit gebrüstet, best Buddie mit dem Verfasser zu sein.«

Sie erwartete, dass Torsten das verärgert abstreiten würde, doch er tippte sich seitlich an die Nase und sog die Lippen ein. »Hm. Zutrauen würde ich es ihm sogar. Klingt nach einer von seinen blöden Ideen. Er meint es gar nicht böse, denkt sich nur nichts dabei. Für ihn ist das ein Spiel, das er gewinnen will, auch mit unfairen Mitteln. Leider scheint er ja Erfolg zu haben.«

»Ja, viele Gäste haben storniert, nachdem sie den Artikel gelesen haben«, sagte Theda grimmig. »Und dieser Sven Hartung? Kennen Sie den auch näher?«

»Klar, kommt ja von der Insel. Hab aber nie viel mit dem zu tun gehabt. Ist eher so ein Nerd, und ich bin Sportler.« Torsten sagte das nicht angeberisch, sondern einfach als Tatsachenfeststellung. »Hing früher aber viel mit Jens ab. Jens hat ihm eine Menge von den Streichen in die Schuhe geschoben, die eigentlich auf seine Kappe gingen.«

Womöglich auch den mit den Fröschen ...

»Und der Streit mit Gutbrodt?«, fragte sie weiter.

Torsten winkte ab. »War offenbar so, wie Jens gesagt hat. Dieser Typ war ja wohl so was von uncool. Hat sich mit jedem angelegt. Der hat, glaub ich, einen Rekord gebrochen. Oder er hatte eine Wette laufen. Mit wie vielen Insulanern kann ich es mir an einem halben Tag verscherzen?« Torsten grinste schief. »Sogar mit Hein hat er sich gezofft.«

»Tatsächlich?«

»Ja, kurz nach dem Streit mit Jens hab ich ihn mit Hein gesehen und ... na ja, ein Streit war das wahrscheinlich noch nicht, aber er hat auf Hein eingeredet und sah stinksauer aus. Obwohl ... das schien ja sein normales Gesicht zu sein. Gibt es eigentlich auch Kerle mit Resting Bitch Face?«

Theda hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Etwas anderes interessierte sie mehr. »Über was könnte er denn mit Hein geredet haben?«

»Ich schätze mal, er hat ihn nach einer Wattwanderung gefragt, und dann haben ihm Heins Preise nicht gepasst. Der fand doch alles zu teuer.«

Das stimmte, die Strandkorbpreise hatte er ja auch kritisiert.

»So, ich werde dann mal die angehenden Surferkings und Surferqueens ans Brett gewöhnen«, rief Torsten fröhlich. »Viel Spaß beim Yoga! Wirkt sich übrigens auch positiv aufs Surfen aus. Gleichgewicht und Körperspannung und so.«

Theda sah ihm nach, wie er lässig durch den Sand trabte. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass er mal auf einem der großen Fischtrawler gearbeitet hatte. Hier am Strand schien er in seinem Element zu sein. Nur schade, dass sein Traumjob ihm nur so wenig Geld einbrachte.

Theda schlenderte ohne Eile weiter am Strand entlang. Sie würde Marietta nicht übersehen können, denn eine andere Strecke gab es nicht zurück zur Promenade. In einiger Entfernung sah sie eine schlanke Gestalt, die fließende Bewegungen ausführte. Das musste Marietta sein. Je näher Theda ihr kam, desto mehr ahnte sie, warum niemand sie übersehen konnte: Die Frau war groß. Sicher an die eins neunzig. Sie trug eine an den Oberschenkeln weite Hose, die an den Waden enger anlag. Dazu ein Top, das ihre muskulösen Schultern freiließ. Und sie bewegte sich mit einer Anmut, wie sie Theda nur einer wesentlich jüngeren Frau zugetraut hätte. Marietta musste doch mindestens so alt wie Theda sein, wenn sie schon vor dreißig Jahren Schmuck verkauft hatte.

Wieder war Theda unsicher, ob sie sich einfach so nähern sollte. Sie wollte Marietta nicht bei ihren Übungen stören, aber auch nicht herumstehen und sie wie eine Stalkerin beobachten. Das Glück kam ihr zu Hilfe, denn als sie noch etwa zwanzig Meter von Marietta entfernt war, schloss diese ihre letzte Bewegungsabfolge damit ab, dass sie die Hände vor der Brust aneinanderlegte, den Kopf neigte und die Daumen an die Stirn legte. Sie drehte sich zu Theda um und lächelte einladend. »Hallo!«, rief sie ihr zu. »Interessieren Sie sich für Yoga?«

Das tat Theda allerdings, zumindest seit sie gesehen hatte, wie elegant und geschmeidig sich Marietta bewegen konnte. Sie ging zu ihr und musste ihre Schätzung sogar revidieren. Die zahlreichen Fältchen um Mariettas Augen und an ihrem schlanken Hals ließen eher auf ein Alter zwischen sechzig und siebzig schließen. Theda beschloss, umgehend mit Yoga zu beginnen, und warum nicht hier auf Wangerooge?

»Jetzt ja«, sagte sie also ehrlich. »Das sah beeindruckend aus. Allerdings bin ich totale Anfängerin.«

Marietta lächelte und ähnelte deutlich ihrer Tochter. Bei beiden zeigte sich ein Grübchen in der Wange. Im Gegensatz zu Kiras Haar war Mariettas nicht rot, sondern weiß, und sie trug es lang und glatt zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden.

»Auch Anfängerinnen sind mir willkommen. Möchten Sie an einer Gruppenstunde teilnehmen oder lieber zunächst Einzelunterricht nehmen? Oh, entschuldigen Sie!« Marietta lachte und schüttelte den Kopf. »Ich presche mal wieder vor. Vielleicht möchten Sie sich erst allgemein über Yoga informieren?«

»Das wäre wunderbar. Allerdings ... eigentlich bin ich wegen etwas ganz anderem hier«, gestand Theda. »Die Idee, dass ich Yoga ausprobieren könnte, ist mir eben erst gekommen, als ich Sie gesehen habe. Wie lange machen Sie das schon?«

»Seit ich zwanzig bin«, gab Marietta bereitwillig Auskunft. »Ich habe eine Zeit lang in Indien gelebt und dort verschiedene Yogaschulen besucht. Mein Yogastudio hier habe ich allerdings erst seit fünf Jahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet mal auf Wangerooge sesshaft werde! Eine Frage der Liebe.«

In ihre Augen trat ein Leuchten, sodass bei Theda keinerlei Zweifel an ihrer Aussage aufkamen. Allmählich bekam Theda den Dreh mit den Überleitungen heraus und sagte: »Und die Schatzkiste gehört Ihnen ja auch noch. Ich habe dort Ihre Tochter Kira getroffen.«

Marietta lachte. »Eigentlich gehört der Laden mehr Kira als mir. Während der Semesterferien übernimmt sie die Arbeit dort komplett. Ich sage ihr immer, dass sie doch lieber die Zeit nutzen sollte, um zu reisen, die Welt kennenzulernen, aber in dem Lädchen ist sie am glücklichsten, jedenfalls behauptet sie das.« Flüchtig bildete sich eine Falte zwischen Mariettas Brauen, glättete sich aber sogleich wieder. »Aber Sie sagten, Sie wollten mich nicht wegen Yoga sprechen, sondern wegen etwas anderem. Geht es etwa um den Laden?«

»Nicht direkt. Ich habe gehört, dass Sie früher Schmuck hergestellt haben.«

»Schmuck?« Marietta senkte die Brauen, dann hob sie sie wieder.

Theda hatte selten ein so ausdrucksstarkes Gesicht gesehen. Sie musste sich zwingen, Marietta nicht die ganze Zeit fasziniert anzustarren.

»Ja! Das ist lange her. Im Gegensatz zu meiner sesshaften Tochter bin ich in meiner Jugend viel gereist. Ich habe alles Mögliche ausprobiert, bin bei verschiedenen Handwerkern in die Lehre gegangen. Unter anderem habe ich mich an Silberschmuck versucht. Hat Spaß gemacht, aber es war nichts, was ich auf Dauer hätte tun wollen. Erst durch das Yoga bin ich irgendwann zur Ruhe gekommen. Wie haben Sie das denn herausgefunden? Sagen Sie bloß, Sie haben eins meiner alten Schmuckstücke entdeckt!«

»Das habe ich tatsächlich.«

Theda zog die Brosche hervor und überreichte sie Marietta.