Marietta nahm mit einer Hand die Brosche, die andere presste sie auf die Brust. »Das gibt es doch nicht!«, rief sie aus.
»Also erkennen Sie die Brosche wieder?«, fragte Theda. Ihr Herz schlug schneller. Sie war sicher, gleich eine wichtige Information zu erhalten.
»Natürlich!« Marietta strahlte. »Das ist eines meiner allerersten Stücke. Von diesen Broschen habe ich nur drei gemacht. Eine habe ich verschenkt und zwei verkauft. Das war so romantisch, ich erinnere mich noch genau daran. Da ich Geld für meine nächste Reise gebraucht habe, habe ich dem hiesigen Juwelier, den es damals noch auf der Insel gab, eine der Broschen für seinen Laden gegeben. Ich hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sich jemand dafür interessieren könnte, und war überrascht, als der Ladeninhaber mir eine Woche später mitgeteilt hat, einen Kunden für das gute Stück gefunden zu haben, und mehr noch, der Kunde hatte gefragt, ob es noch so eine Brosche gebe. Zufällig hatte ich ja noch eine, und so habe ich den Kunden beim Juwelier getroffen, um sie ihm zu zeigen. Es war ein junger Mann, ich erinnere mich noch an ihn. Ernst und verschlossen hat er auf mich gewirkt, doch als er die zweite Brosche gesehen hat, war er richtig begeistert und sagte, genau danach hätte er gesucht. Er wollte eine seiner Freundin schenken und eine selbst behalten, verstehen Sie, so eine Art Freundschaftsanhänger, der aus zwei Teilen besteht, die zusammengefügt werden können. Nun ja, die Broschen konnte man zwar nicht zusammenfügen, aber es war doch deutlich zu sehen, dass sie zusammengehörten.“
„Eine Brosche für einen Mann? Ist das nicht etwas ungewöhnlich?“
„Heutzutage wohl schon. Bis zum neunzehnten Jahrhundert waren Broschen ein auch bei Männern beliebtes Schmuckstück. Ich könnte mir diese Brosche am Revers eines Anzugs gut vorstellen. Aber wer weiß, vielleicht wollte der Herr sie gar nicht an seiner Kleidung tragen, sondern als einen Talisman in seiner Brieftasche verwahren? Es waren glaube ich die Möwen, die ihm so gefielen. Und seine Freundin liebte Möwen genau so sehr wie ich, also war es ein besonders passendes Geschenk. Offenbar haben die beiden eine Fernbeziehung geführt. Er kam vom Festland, und sie hat hier auf der Insel gelebt. Ich weiß noch, dass er sagte, dass ihre sehnsüchtigen Gedanken sie während ihrer Trennungen von nun an wie auf schnellen Möwenflügeln miteinander verbinden könnten.« Marietta seufzte. »Leider habe ich nie erfahren, was aus den beiden geworden ist. Kurz nach dem Verkauf habe ich mich nämlich auf eine lange Reise begeben. Nun ja, der Verkauf hat seinen Teil dazu beigetragen, da der junge Mann mir richtig viel Geld für die Broschen gegeben hat.« Sie gab Theda die Brosche zurück.
»Behalten Sie sie«, sagte Theda aus einem Impuls heraus. »Sie gehört mir eigentlich nicht, ich habe sie gefunden. Das heißt, eine Elster hat sie mir gebracht.« Aus irgendeinem Grund störten sie diesmal keine Hemmungen, von Elsa zu erzählen.
Marietta schien an der Geschichte nichts seltsam zu finden. »Ah, wenn das so ist, dann sollte diese Brosche zu Ihnen kommen«, sagte sie nur. »Schade, ich hatte schon gehofft, dass Sie womöglich die Tochter des damaligen Liebespaares sein könnten.«
»Dazu bin ich wohl ein wenig zu alt.« Theda rang mit sich, ob sie Marietta von Anna und ihrem Freund erzählen sollte. Vielleicht ... »Wissen Sie zufällig noch, wie der junge Mann hieß, der die Brosche gekauft hat?«
»Ja, das war ein Allerweltsname, so gewöhnlich, dass ich ihn mir schon wieder merken konnte.« Marietta lachte. »Der ist mir im Gedächtnis geblieben. Ab und zu, wenn ich in Indien im Meditationsraum gesessen habe, ist er durch meine Gedanken geflogen und ich musste lächeln und habe mir gesagt, dass ich dies Peter Meier verdanke.«
»Peter Meier?« Theda hatte insgeheim diesmal auf einen Hubert gehofft. Doch dieser Name bestätigte nur Martas Erzählung. Annas Mutter war damals mit einem Peter Meier zusammen gewesen, nicht mit einem Hubert Gutbrodt. Als Marietta ihren Kunden beschrieben hatte, war Hoffnung in Theda aufgekeimt, denn sie konnte sich Gutbrodt sehr gut als ernsten, verschlossenen jungen Mann vorstellen.
Marietta hob die Schultern. »Tja, dieser Name ist nicht gerade selten, was?«
»Nein. Aber ...« Theda entschloss sich, Marietta nicht im Unklaren zu lassen. »Ich glaube, ich weiß, um welches Liebespaar es sich handelt.« Sie erzählte ihr von Annas Mutter und ihrem Freund vom Festland und ließ auch das unschöne Ende der Beziehung nicht aus. »Die Möwen scheinen ihnen kein Glück gebracht zu haben.«
»Wer weiß. Sie haben doch gesagt, dass Helga geheiratet und eine Tochter bekommen hat. Glück hat viele Gesichter. Manchmal nicht das, was man sich anfangs erwartet hat, aber es kommt auch immer darauf an, was man daraus macht«, meinte Marietta. »Es freut mich, dass Anna die andere Brosche in Ehren hält. Diese hier muss dann wohl die von Peter Meier sein. Wenn er sie nicht im Laufe der Jahre verschenkt oder gar verkauft hat. Interessant, dass sie ihren Weg zurück auf die Insel gefunden hat.«
»Ja, ein seltsamer Zufall.«
»Ich glaube nicht an Zufälle.« Marietta lächelte geheimnisvoll.
Theda wartete, ob sie noch etwas mehr dazu sagen wollte, doch ihr Vorrat an Weisheiten schien vorerst erschöpft zu sein.
»Was ist denn aus der dritten Brosche geworden?«, fragte Theda und merkte zu spät, dass diese Frage reichlich indiskret war.
»Die habe ich einer Freundin geschenkt, mit der ich eine Weile gereist bin. Sie lebt jetzt in Hamburg, und wir haben neulich noch über die Brosche gesprochen, als wir in Erinnerungen geschwelgt haben. Von ihr kann diese hier nicht sein, denn ihre liegt wohl verwahrt in ihrem Schmuckkästchen. Danke, dass Sie mir von Helga und Peter erzählt haben.«
»Vielleicht ist die Brosche darum zu mir gekommen?« Theda benutzte mit Absicht Mariettas Worte.
»Das glaube ich nicht. Ich vermute, dahinter steckt mehr.« Wieder lächelte Marietta mysteriös. Sie rollte ihre Yogamatte zusammen und verstaute sie in einer Stofftasche, zog eine Armbanduhr aus einem seitlichen Futteral. »Oje, so spät schon! Ich habe gleich eine Einzelstunde. Schade, ich hätte Ihnen gerne mehr über Yoga erzählt.« Sie fischte eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie Theda. »Hier ist meine Karte, bitte rufen Sie mich an, dann vereinbaren wir einen Termin. Wir können uns gerne auch erst mal unverbindlich auf einen Tee treffen. Wie lange sind Sie denn noch auf der Insel?«
»Ein paar Wochen noch«, sagte Theda und steckte die Karte ein. Sie würde sich ganz sicher bei Marietta melden, und ihr Entschluss wurde noch bestätigt, als sie sah, mit welcher Leichtigkeit sich Marietta durch den Sand bewegte. Sie schien nahezu zu schweben. Neben ihr kam Theda sich richtig unbeholfen und grobschlächtig vor.
Sie kämpfte sich durch den Sand zurück zur Promenade und überlegte gerade, ob sie sich zu Claras Strandbude wagen sollte. Ein E-Mail-Check während des Frühstücks hatte bis auf drei neue Stornierungen nichts eingebracht, und Theda wusste nicht, ob sie auf Laufkundschaft hoffen konnte. Tatsächlich buchten die meisten Gäste ihren Strandkorb vorab für die gesamte Urlaubszeit. Andererseits hatte sie sowieso nichts anderes vor und war es Clara schuldig, sich um das Geschäft zu kümmern, auch wenn es schlecht lief.
Auf dem Weg fiel ihr Blick auf ein Türschild in einem schmalen Haus zwischen einem Café und einem Teeladen: Der Inselbote. Hier befand sich also die Zentrale des Bösen. Theda presste die Lippen zusammen und starrte das Schild feindselig an. Kurzentschlossen hob sie die Hand, um zu klingeln, da wurde die Tür von innen aufgerissen und sie sah sich einem Mann um die dreißig gegenüber, der sie durch dicke Brillengläser erstaunt beäugte. Mit seinem zerzausten dunklen Haar, das ihm in wilden Büscheln vom Kopf abstand, der langen Nase und den gespitzten Lippen erinnerte er Theda an eine verschreckte Eule. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.
»Weiß ich nicht«, erwiderte Theda schroff. »Arbeiten Sie für den Inselboten? «
Der Mann schob seine Brille hoch. »Ja«, sagte er vorsichtig. »Mein Name ist Sven Hartung. Mit wem habe ich das Vergnügen?«
»Ein Vergnügen wird das wohl kaum werden«, sagte Theda eisig.
»Ähm.« Hartung schob erneut seine Brille hoch. »Möchten Sie hereinkommen?«
»Nicht nötig.« Theda verschränkte die Arme. »Sie haben doch den Artikel über Claras Strandkörbe geschrieben, oder?«
Hartung sank unter ihrem Blick in sich zusammen. »Ja.« Er sah Theda nicht an, sondern fixierte seine Schuhe. Sandalen, in denen er Socken trug. Das passte irgendwie zu dem kleinkarierten Hemd und den beigen Bermudashorts, die bleiche, dünne Waden freigaben.
»Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Das ist Verleumdung!« Theda merkte, dass ihre Stimme immer lauter wurde, und sie versuchte sich zu beherrschen. Auf keinen Fall würde sie diesen Menschen auf offener Straße anschreien. Eventuell sollte sie doch lieber mit ihm in sein Büro gehen ...
»Sind Sie eine Freundin von Clara?«, fragte Hartung. Er sah so zerknirscht aus, dass Thedas Groll sich zumindest zum Teil verflüchtigte. Einen fiesen Reporter hatte sie sich anders vorgestellt. Forsch, selbstsicher. Dieser Mann stand vor ihr wie ein Häufchen Elend und sah aus, als würde er am liebsten weglaufen.
»Ich bin Theda Köster, Claras Nichte«, informierte Theda ihn kühl. »Wissen Sie eigentlich, was Sie mit dem Artikel angerichtet haben?«
»N... nein?« Hartung blinzelte.
»Alle Reservierungen sind storniert worden! Die Körbe stehen leer.«
»D... das tut mir leid.« Erneut ruckelte Hartung an seiner Brille. Nun bemerkte Theda, dass der Steg mit Heftpflaster umwickelt war. Offenbar tat seiner Sehhilfe diese ruppige Behandlung nicht gut. Hartung duckte sich und wich zurück Richtung Tür. Das überraschte Theda nun doch ein wenig. Eine derart einschüchternde Wirkung hatte sie sonst nicht.
»Das ist also der miese kleine Schreiberling, der deine Tante verunglimpft?«, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und sah in Hinnerks wütend blitzende Augen. Aha, also versetzte doch nicht sie Hartung in Angst und Schrecken, sondern die imposante Gestalt des sportlichen Autors, der sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte und mit grimmiger Miene auf Hartung herabschaute.
Thedas Herz schlug schneller. Der Duft von Hinnerks Aftershave, der ihr nun schon vertraut war, löste ein angenehmes, warmes Kribbeln in ihrem Bauch aus. Obwohl sie noch immer wütend auf Hartung war, hoben sich ihre Mundwinkel ganz von selbst. „Hinnerk! Was machst du denn hier? Solltest du nicht an deiner Schreibmaschine sitzen?“
Hinnerk schenkte ihr ein Lächeln, das die Wärme in ihrem Magen noch verstärkte. „Heute habe ich Wichtigeres zu tun.“
Irgendwie hatte Theda nicht das Gefühl, dass er damit nur auf ihren Fall anspielte ...
Statt ihn weiter anzustrahlen, rief sie sich zur Ordnung und wandte sich wieder Hartung zu, den sie fast vergessen hätte.
»Das ist Herr Sven Hartung«, sagte sie. »Und ja, er hat den Artikel geschrieben.«
»Es tut mir wirklich unendlich leid«, stotterte Hartung. »Wenn Sie wünschen, werde ich eine Gegendarstellung veröffentlichen. Ich habe sowieso nicht ... ähm ...«
»Ja?«
Hartung ließ die Brille diesmal in Ruhe und zerrte stattdessen an seinem Hemdkragen. Rote Flecken zeichneten sich auf seinen Wangen ab.
»Herr Hartung, was halten Sie davon, wenn wir das bei einem Tee besprechen?«, schlug Hinnerk vor. Seine Stimme klang eher so, als drohte er ihm eine besonders perfide Art der Folter an.
»Äh ... eigentlich wollte ich ... ja. Gut.«
Von Theda und Hinnerk flankiert ließ er sich in das Café nebenan führen.
»Wie immer, Sven?«, rief ihm die Kellnerin gleich zu.
»Ja, danke.«
Offenbar war Hartung hier Stammgast. Bot sich an, da das Café direkt neben der Zeitungsredaktion lag. Die gewohnte Umgebung schien ihn zu beruhigen, sein Gesicht nahm wieder seinen normalen Farbton an. Theda und Hinnerk bestellten keinen Tee, sondern Kaffee.
»Ich versichere Ihnen, dass ich Ihrer verehrten Frau Tante nicht schaden wollte«, sagte Hartung, noch bevor Hinnerk oder Theda etwas sagen konnten. »Den Artikel habe ich auf Drängen eines Bekannten veröffentlicht. Er hat behauptet, das Spray bei Clara gesehen zu haben.«
»Der Bekannte ist nicht rein zufällig Jens, der Surfmeister?«, fragte Hinnerk säuerlich.
Hartung starrte ihn an. »Doch.«
»Dachte ich mir. Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, was er mit dieser Lüge beabsichtigt hat?«
»Doch«, wiederholte Hartung. »Das hängt wohl mit seiner eigenen Strandkorbvermietung zusammen. Ich vermute, dass die Leute nun lieber zu ihm gehen.«
»Da vermuten Sie richtig«, sagte Theda schneidend. »Also, wie war das nun mit der Gegendarstellung?«
Der Kaffee wurde serviert. Dass Hartung ihn schwarz und ohne Zucker trank, nahm Theda für ihn ein, zumal er im weiteren Verlauf des Gesprächs echte Reue zeigte. Sie glaubte ihm, dass sein alter Kumpel Jens ihn unter Druck gesetzt hatte. Gemeinsam entwarfen sie einen neuen Artikel, in dem deutlich gemacht wurde, dass Claras Strandkörbe einwandfrei waren. Hartung schlug sogar vor, einen doppelseitigen Bericht mit Farbfotos zu veröffentlichen, indem er auf die jahrzehntelange Traditionsgeschichte von Claras Strandkorbverleih eingehen wollte.
»Ich hatte sowieso ein ganz schlechtes Gefühl bei dem Artikel«, gestand er. »Jens hatte noch was gut bei mir, darum hab ich mich breitschlagen lassen. Wissen Sie, der Inselbote ist kein Skandalblättchen. So gut wie niemand interessiert sich für die Zeitung. Die besteht hauptsächlich aus Werbung und Veranstaltungshinweisen.«
»Offenbar lesen aber doch noch genug diese Zeitung«, bemerkte Theda spitz. »Der Inhalt besagten Artikels hat sich jedenfalls schnell herumgesprochen. Und ist ja auch im Internet zu finden.«
»Ich entschuldige mich in aller Form dafür.«
»Hm, ich wüsste da etwas, wie Sie Ihre unbedachten Worte zumindest zum Teil ausbügeln könnten«, sagte Hinnerk. Das abenteuerlustige Funkeln in seinen Augen kannte Theda nun schon. Erwartungsvoll beugte sie sich vor.
»Seit wann gibt es den Inselboten? «
»Über fünfzig Jahre.«
»Dürften wir wohl mal einen Blick in das Fotoarchiv werfen?«