Wie sich herausstellte, gab es kein Fotoarchiv. Die alten Zeitungen waren auch nicht digitalisiert worden. Die lagen in Kartons im Keller des Redaktionsgebäudes. Allerdings zeigte sich Hartung hilfsbereit und gestattete Theda und Hinnerk, die Kartons zu durchsuchen, mit der Auflage, nichts durcheinanderzubringen. So verbrachten sie ein paar Stunden im von einer brummenden Neonröhre beleuchteten, staubigen Keller und blätterten sich durch alte Zeitungen.
Zugegeben, Theda gefiel das. Immer wieder stießen sie auf skurrile oder witzige Artikel, die sie sich gegenseitig vorlasen. Schließlich war es Theda, die den entscheidenden Fund machte. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, etwas zu entdecken, doch nun lag ein Artikel über eine Strandreinigungsaktion vor ihr, mit Fotos der helfenden Leute. Unter einem Foto stand: Gäste und Insulaner ziehen an einem Strang: Peter, Helga, Hein und Marta sorgen für einen sauberen Strand!
Ungläubig starrte Theda auf das Foto. »Das gibt es doch gar nicht! Was für ein Glücksfall!«, rief sie aus. »Komm schnell her und sieh dir das an!«
Hinnerk schaute ihr über die Schulter und sog scharf die Luft ein. »Da sind sie ja alle! Das ist wirklich ein Glückstreffer. Tolle Spürnase, Theda!« Er beugte sich weiter vor und legte ihr die Hand auf die Schulter. Der frischwürzige Duft seines Aftershaves stieg ihr erneut in die Nase, und seine Nähe brachte ihr Herz unerwartet zum Stolpern. Rasch konzentrierte sie sich auf das Foto, doch nicht ohne Hinnerk vorher ein Lächeln zu schenken. »Danke schön!«
Die jungen Leute standen dicht nebeneinander. Hein, damals noch ohne Kapitänsmütze, aber mit dem unverwechselbaren verwegenen Grinsen im Gesicht, hatte den Arm besitzergreifend um Helga gelegt, die wie eine blutjunge Version von Anna aussah. Doch Helga hielt die Hand des jungen Mannes, der neben ihr stand, und strahlte nicht in die Kamera, sondern ebendiesen Mann an, bei dem es sich um Peter handeln musste. Peter wiederum sah auf dem Foto überhaupt nicht ernst aus. Er lächelte Helga glücklich an. Neben ihnen stand eine durchtrainierte junge Frau, die triumphierend zwei große Müllsäcke hochhielt. Das musste Marta sein. »Und kein Hubert dabei«, sagte Theda und dämpfte damit die Stimmung.
Eine Weile betrachteten sie schweigend das Foto.
»Wir sind keine guten Ermittler«, stellte Hinnerk sachlich fest. »Wir haben uns eine Theorie zurechtgelegt und nach Beweisen gesucht, um sie zu bestätigen. So geht das aber nicht. Wir dürfen uns von einer ersten Idee nicht einschränken lassen, sondern müssen offen für alles bleiben.«
»Und die erste Idee wäre? Schatten der Vergangenheit?«
»Wenn es nur das wäre. Wir haben uns darauf versteift, dass Gutbrodt eine Person aus Helgas Vergangenheit sein muss.«
Theda verstand, worauf er hinauswollte. »Aber was, wenn Gutbrodt gar nichts mit Helga zu tun hat, sondern ... zum Beispiel mit Helgas Mann? Gregor? Der auf diesem Foto übrigens auch durch Abwesenheit glänzt.«
»Auch das könnte eine falsche Fährte sein. Bisher wissen wir nur mit Sicherheit, dass Gutbrodt Briefe an Anna geschrieben hat.«
»Also könnte der Mord auch überhaupt nichts mit der Vergangenheit zu tun haben.« Aus irgendeinem Grund war Theda über diese Möglichkeit enttäuscht. Vermutlich hatte sie zu viele Liebesromane mit romantischen Verwicklungen gelesen, in denen früher oder später oft jemand aus der Vergangenheit auftauchte. In den Romanen von Rose Heartfield war das ein beliebter Plot-Twist. »Meinst du, dass Gutbrodt tatsächlich mit Anna Kontakt aufnehmen wollte, wegen etwas, das nur mit ihm und Anna zu tun hat und keinen Ursprung in der Vergangenheit hat?«
»Könnte durchaus sein. Gutbrodt könnte wirklich der Liebhaber von Anna sein, ganz so, wie Torsten vermutet hat.«
»Was?« Theda ließ beinahe die Zeitung fallen. »Das ist doch wohl nicht dein Ernst! Die fröhliche Anna und dieser Griesgram?«
»Wo die Liebe hinfällt ...«
»Außerdem ist Gutbrodt mehr als doppelt so alt wie sie. Nein, das glaube ich absolut nicht. Und aus welchem Grund sollte er dann persönlich herkommen? Anna hat das Foto von ihm nicht erkannt, das Frau Wagner ihr gezeigt hat.«
»Vielleicht hat sie sich verstellt?«
»Nein, so gut kann man sich nicht verstellen. Übrigens muss ich dir noch etwas erzählen, was schon wieder für die Schatten-der-Vergangenheit-Theorie spricht.« Sie setzte Hinnerk rasch ins Bild über die Brosche. »Und so dürfte klar sein, dass es sich um Peter Meiers Brosche handelt«, schloss sie ihren Bericht.
Hinnerk räusperte sich. Er sah nicht sonderlich überzeugt aus. »Vermutlich ist sie das«, sagte er langsam.
»Was geht dir durch den Kopf?«, fragte Theda, doch er starrte geistesabwesend vor sich hin. Theda faltete die Zeitung zusammen. »Fragen wir Hartung, ob er uns eine Kopie von dem Foto machen kann.«
Wenig später schlenderten sie über die Promenade. Es duftete nach Fischbrötchen und Sonnencreme, und ein paar Möwen stritten sich um weggeworfene Pommes, die sie aus einem Papierkorb gezogen hatten. Am Strand spielten Kinder mit einem bunten Ball. In Theda stiegen Urlaubsgefühle auf, doch die verflüchtigten sich rasch, sobald sie Claras Strandbude erreicht hatten. Wie nicht anders zu erwarten, standen sämtliche Strandkörbe leer, während nebenan das Leben tobte. Zum Glück war von Starkman nichts zu sehen, auf den hatte Theda keine Lust. Die unangenehme Begegnung mit Hartung reichte ihr für den Tag.
»Meinst du wirklich, Starke hatte was gut bei Hartung?«, überlegte sie laut. »Oder war es eher so, dass Starke seinen alten Kumpel wegen irgendetwas in der Hand hat und ihn damit erpresst?«
»Und da wären wir wieder bei unserer SdV-Theorie«, witzelte Hinnerk. »Schatten der Vergangenheit. Doch, das kann ich mir gut vorstellen.«
»Hat aber vermutlich nichts mit dem Tod von Gutbrodt zu tun.«
»Es sei denn, Starke hat bei der Ermordung von Gutbrodt auf Hartungs Hilfe zurückgegriffen und erpresst ihn nun ausgerechnet damit.«
»Dann wäre er aber auch dran.«
»Wie war das noch mit den Streichen, die er früher Hartung in die Schuhe geschoben hat?«
»Ja, gut, Streiche ... aber einen Mord? Und ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass Starke, so unsympathisch er mir auch ist, Gutbrodt nur deshalb ermordet hat, damit er seiner neuen Strandkorbgeschäftsidee zum Erfolg verhelfen kann.«
»Er könnte auch ein völlig anderes Motiv gehabt haben.«
»Wir müssen endlich herausfinden, was Gutbrodt hier auf der Insel wollte«, stellte Theda klar. »Ich glaube, das ist der Schlüssel. Wir hätten ihn längst mal googeln sollen, um zu sehen, was er beruflich macht. Oder gemacht hat, bestimmt war er schon in Rente.«
»Nein, war er nicht.«
Überrascht sah Theda Hinnerk an. »Sag bloß, du hast etwas über ihn herausgefunden und mir nichts gesagt!«
»Tut mir leid. Ich habe selbst erst heute wieder daran gedacht. Also, um es kurz zu machen, Gutbrodt ist der Sohn-Teil der Hamburger Anwaltskanzlei Gutbrodt & Söhne. Und er ist noch für die Kanzlei tätig.«
»Aber ...« Theda wusste gar nicht, wie sie ihren Unmut in Worte fassen sollte. »Das ändert doch alles!«
Hinnerk rieb sich die Braue. »Ja? Was könnte ein Anwalt denn beruflich auf dieser Insel zu tun haben?«
»Alles Mögliche! Zum Beispiel ... ähm. Was ist denn sein Spezialgebiet?«
»Das stand nicht auf der Website. Ich hatte den Eindruck, dass er sowieso nur noch als Aushängeschild dient und das alltägliche Geschäft an die Partner abgegeben hat. Ist ja auch verständlich in seinem Alter.«
Theda musste zugeben, dass die neue Information ihnen auch nicht wesentlich weiterhalf. »Machst du das in deinen Krimis auch so?«, fragte sie bissiger, als sie es vorgehabt hatte. »Den Leserinnen wichtige Details vorenthalten und erst auf den letzten Seiten damit um die Ecke kommen?«
»Ich hoffe nicht! Und falls doch, würde spätestens mein gestrenger Lektor mir auf die Schreibfinger klopfen.« Hinnerk grinste gutmütig. »Sei nicht sauer auf mich, Theda. Ich hätte dir das heute noch erzählt.«
»Na schön.« Besänftigt ließ Theda ihren Blick über die deprimierend leeren Strandkörbe schweifen, bis zum Meer, über dem sich dunkle Wolken zusammenballten. »Übrigens habe ich deinen Krimi angefangen.« Es machte ihr Spaß, Hinnerk ein wenig zappeln zu lassen. Er sah sie so erwartungsvoll an, dass sie es schließlich nicht übers Herz brachte, ihn noch länger auf die Folter zu spannen. »Er gefällt mir richtig gut!«
»Puh!« Hinnerk stieß die Luft aus und wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn.
»Aber dieses Pseudonym! Wie bist du darauf nur gekommen? Also, ich kann es mir natürlich denken, es hat mit deinem Vornamen zu tun, aber ...« Theda stockte. Aufgeregt drehte sie sich zu Hinnerk um. »Das könnte es doch sein! Ein Pseudonym!«
Hinnerks Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Wie meinen?«
»Na, der Name! Der Allerweltsname! Peter Meier. Wer heißt denn bitte schön so? Dann könnte man sich auch gleich Klaus Mustermann nennen.«
»Ah!« Die Denkfalten auf Hinnerks Stirn glätteten sich. »Verstehe! Peter Meier hieß gar nicht wirklich so, sondern ...«
»Hubert Gutbrodt!«
»Aber aus welchem Grund legt sich ein junger Mann ein Pseudonym zu?«
»Ich würde es eher als Decknamen bezeichnen.« Theda verzog das Gesicht. »Wenn er wirklich der Hallodri war, für den Marta ihn gehalten hat, könnte er sich den Namen zugelegt haben, damit seine zahlreichen Liebschaften ihn nicht verfolgen konnten. Wenn er aus einer reichen, einflussreichen Familie stammte, hätte es ihm sicher nicht in den Kram gepasst, wenn seine Eltern von seinen Eskapaden erfahren hätten. Womöglich war er in Hamburg auch schon verlobt oder gar verheiratet und wollte als Peter Meier eine unbeschwerte Urlaubszeit verbringen.«
»Und ein naives junges Mädchen von der Insel zu seinem Vergnügen ausnutzen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen«, spann Hinnerk den Faden weiter.
»Mir ist dieser Peter Meier soeben ziemlich unsympathisch geworden«, gab Theda zu. »Bändelt unter fremdem Namen mit Helga an und lässt sie dann sitzen. Und sie hat keine Möglichkeit, ihn zu finden, denn Peter Meier gibt es gar nicht.«
»Klingt wirklich fies. Du hast übrigens Kundschaft!«
Erstaunt drehte sich Theda zu Claras Strandbude um. Dort standen ein Mann und eine Frau mit einem etwa sechsjährigen Jungen und einem kleinen Hund, der aussah wie eine Mischung aus einem Beagle und einem Corgie. Alle vier musterten mit enttäuschten Mienen die geschlossene Bude. Selbst der Hund ließ Ohren und Schwanz hängen.
»Hoffentlich ist Clara nicht krank«, sagte die Frau.
»Seltsam, sonst war sie doch immer hier.« Der Mann schaute sich suchend um, als würde Clara sich jeden Moment irgendwo materialisieren.
»Moin!«, machte sich Theda bemerkbar und setzte ihr kundenfreundlichstes Lächeln auf. »Ich habe zufällig Ihr Gespräch mitgehört und kann Sie beruhigen: Meiner Tante Clara geht es gut, ich habe ihre Vertretung übernommen.«
Sofort hellten sich die Gesichter auf. »Ah! Wie schön, und wir dachten schon, wir müssten dieses Jahr ohne Strandkorb auskommen. Leider waren wir während der letzten Wochen so im Stress, dass wir völlig vergessen haben vorzubuchen«, erklärte der Mann.
Die Frau hob die Brauen. »Vergessen? Sag mal lieber, dass wir beide gedacht haben, wir hätten das schon vor Monaten erledigt. Jedenfalls bin ich erleichtert, dass es Clara gut geht. Wir kommen seit Jahren jeden Sommer hierher, und irgendwie ist Clara eher so was wie eine Freundin für uns geworden.« Sie musterte mit gerunzelter Stirn die leeren Strandkörbe. »Ich hatte befürchtet, dass alles ausgebucht sein könnte, aber das sieht nicht danach aus ...«
Nun musste Theda wohl Farbe bekennen. Sie erzählte kurz von dem Artikel im Inselboten und machte sich darauf gefasst, dass die Familie lieber doch auf einen Strandkorb verzichten wollte.
»Das ist ja unglaublich«, rief der Mann aus. »Verklagen sollte man dieses Schmierblatt!«
»Die arme Clara.« Die Frau schüttelte den Kopf. »Das glaubt doch niemand, der sie auch nur halbwegs kennt.«
»Na ja, Glück für uns, so kommen wir doch noch an unseren Strandkorb«, bemerkte ihr Mann und erntete einen finsteren Blick der Frau.
»Karl! Wie kannst du nur. Denk doch an Clara! Der Verdienst, der ihr entgeht. Also, wir nehmen auf jeden Fall einen Korb, für zwei Wochen, bitte. Dann können die anderen hier auch sehen, dass diese Story mit dem Gift erstunken und erlogen ist. Pip, Zorro, kommt mal her, wir können uns einen Strandkorb aussuchen!«
Während Theda noch überlegte, ob der Junge oder der Hund Zorro hieß, fuhr die Frau fort: »Können wir doch, oder? Welche sind denn noch frei?«
»Ich fürchte, alle bis auf die beiden, in denen die Taschen und Handtücher liegen«, gab Theda Auskunft.
Pip und Zorro, beide sandverschmiert und grinsend, kamen herbeigelaufen.
»Das ist doch in Ordnung mit Zorro?«, erkundigte sich Karl. »Wir haben sonst immer einen Strandkorb am Rand genommen, Richtung Hundestrand.«
»Ja, sicher, kein Problem.« Theda verließ sich darauf, dass die offenkundigen Stammgäste schon wussten, was sie durften und was nicht. Außerdem war ihr bekannt, dass in der Nebensaison Hunde überall toleriert wurden.
Sie bestanden darauf, sofort für die ganzen zwei Wochen zu bezahlen, und baten Theda, Clara schöne Grüße auszurichten.
Nachdem der passende Strandkorb gewählt war, kehrte Theda zu Hinnerk zurück, der geduldig auf der Promenade gewartet hatte.
»Das wird Clara freuen«, sagte Theda. »Es ist hoffentlich wirklich so – wenn die anderen Gäste sehen, dass wieder mehr Leute bedenkenlos einen Strandkorb mieten, werden sie sich auch wieder trauen.«
»Das glaube ich auch«, sagte Hinnerk optimistisch. »Wirst du also hier an der Bude bleiben?«
Theda hatte eine bessere Idee. Sie schrieb ihre Handynummer auf einen Zettel und hängte ihn innen ins Fenster der Bude. »Mir ist nämlich etwas eingefallen«, erklärte sie. »Das möchte ich unbedingt noch herausfinden, bevor ich mich wieder meinem neuen Job widme. Wir haben uns die Arbeit im Archiv umsonst gemacht. Anna hatte mir beim Tee erzählt, dass sie ein altes Foto von ihrer Mutter und ihrem Verflossenen hat. Da hätten wir also schon ein Bild von Peter Meier haben können.«
»Nun ja, als umsonst würde ich die Suche nicht bezeichnen.« Nachdenklich rieb sich Hinnerk das Kinn, auf dem ein Dreitagebart spross. Stand ihm gut. »Immerhin ist auch interessant, wer nicht auf dem Foto ist. Und auch sonst ... hm. Eigentlich müssen wir jetzt nur noch ...«
»... ein Jugendfoto von Gutbrodt auftreiben«, fiel ihm Theda unhöflich ins Wort und entschuldigte sich gleich darauf. »Ach, ich bin aufgeregt. Ich habe das Gefühl, dass wir einem Geheimnis auf der Spur sind.«
»Vermutlich einem düsteren«, orakelte Hinnerk. »Und was das Foto angeht, habe ich eine Idee.«