Kapitel 22

Diesmal lief die Fotosuche völlig staubfrei in Martas Garten ab, genau gesagt vor Hinnerks Autorenhütte an dem kleinen Gartentisch. Theda und Hinnerk saßen dicht nebeneinander und scrollten sich durch Fotos der Anwaltskanzlei Gutbrodt & Söhne. Lange brauchten sie nicht zu suchen. Das Foto von Gutbrodt, das Theda zum Teil schon gesehen hatte, weil Frau Wagner ihr einen Ausschnitt davon bei Anna gezeigt hatte, stammte von einem Artikel zu einem Jubiläum der Kanzlei und befasste sich unter anderem mit den Anfängen und der Geschichte. Es gab eine Aufnahme von Hubert Gutbrodt aus der Zeit, in der er in die Kanzlei aufgenommen worden war. Im Anzug, mit gescheiteltem Haar und Krawatte.

»Der sieht aus wie den Dreißigerjahren entsprungen«, kommentierte Hinnerk.

Theda war zu gebannt von dem Foto, um über Gutbrodts Stil zu lästern. »Zeig mal das Foto von Peter«, schlug sie vor, ohne den Blick von der ernsten Miene des jungen Mannes zu nehmen. In Wahrheit musste sie die Bilder gar nicht vergleichen, um sicher zu sein, dass es dieselbe Person sein musste. Die markanten Gesichtszüge, die Adlernase, die schmalen Lippen ... Bei Hubert Gutbrodt handelte es sich eindeutig um Peter Meier.

Hinnerk hielt das ausgedruckte Foto aus der Zeitung neben den Monitor. »Hm, für mich sehen die aus wie Zwillinge. Einer ist glücklich und der andere ... sieht aus wie ein echter Miesepeter. Und damit meine ich nicht Peter Meier ...«

Da musste Theda ihm recht geben. Sonderlich gut gelaunt sah Hubert Gutbrodt auf dem Foto wahrhaftig nicht aus. Im Gegensatz zu dem Foto von der Aufräumaktion, auf dem er mit leuchtenden Augen Helga anstrahlte.

»Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er wirklich der fiese Herzensbrecher war, als den Marta ihn beschrieben hat«, sagte sie nachdenklich. »Vielleicht hatte er keine Wahl.«

»Die hat man immer«, behauptete Hinnerk. »Wir leben doch nicht mehr in Zeiten, in denen die Söhne in die Fußstapfen der Väter gezwungen werden. Wenn Hubert alias Peter es wirklich gewollt hätte, dann wäre er ausgebrochen und hätte sein Glück mit Helga gefunden.«

»So einfach ist das aber nicht. Das Leben ist kein Liebesroman mit Happy End.«

Womöglich las Theda gerade darum gerne die Geschichten von Rose Heartfield. Als Held in einem Heartfield-Roman wäre Hubert mit Helga durchgebrannt.

»Jedenfalls hat er Helga nicht vergessen«, sagte Hinnerk. »Sonst hätte er nicht versucht, Kontakt mit ihrer Tochter aufzunehmen. So sehr versucht, dass er nach dem Fehlschlag mit den Briefen persönlich hergereist ist.«

»Und das scheint jemandem nicht gefallen zu haben.« Theda knetete ihre Unterlippe. »Was machen wir jetzt mit dieser Information? Ich schlage vor, wir erzählen es Anna.«

»In Ordnung«, stimmte Hinnerk zu. Er hob erstaunt die Brauen.

»Warum so verwundert?«, fragte Theda ihn verstimmt. »Hast du gedacht, ich will zuerst zur Polizei rennen?«

»In der Tat.«

»Die haben uns doch verboten, weitere Nachforschungen anzustellen. Da müssen sie jetzt leider auch auf unsere Hilfe verzichten.« Theda merkte, dass sie sich ein wenig bockig anhörte. In Wahrheit war sie noch verärgert über das letzte Gespräch mit Oberkommissarin Wagner. Je länger sie darüber nachdachte, desto bevormundender und übergriffiger kam ihr das Verhalten der Frau vor. Und wenn sie ehrlich zu sich war, passte es ihr überhaupt nicht, dass sie Hinnerk schlecht gemacht hatte. Was immer das auch zu bedeuten haben mochte.

Wenige Minuten später standen sie vor dem Haus von Anna, der Rasen noch immer ungemäht und die Blumen vertrocknet. Auf ihr Klingeln reagierte niemand, doch als sie schon gehen wollten, eilte Anna die Straße entlang und winkte ihnen zu. Unwillkürlich verglich Theda ihr Aussehen mit dem ihrer Mutter. Die Ähnlichkeit war wirklich auffallend, besonders als Anna sie nun angrinste und der Helga auf dem Zeitungsfoto glich wie einer Schwester. »Sie haben Glück, heute haben wir eine Stunde ausfallen lassen, damit die Kinder nicht im Sturm nach Hause müssen.«

Ein Blick zum Himmel bestätigte, dass dies wohl eine weise Entscheidung gewesen war. Die dunklen Wolken ballten sich zu einer pechschwarzen Wand zusammen, und Wind zerrte an Thedas Haar. In der Aufregung um Gutbrodts Vergangenheit hatte sie nicht auf das Wetter geachtet. An der See konnte ein solcher Fehler fatale Folgen haben. Und besonders dann, wenn man Strandkörbe zu betreuen hatte. »Oje«, rief Theda. „Ich muss gleich schnell zum Strand und die Körbe sturmfest machen.«

»Ich helfe dir«, bot Hinnerk sogleich an.

Anna schloss die Tür auf. »Kommen Sie doch herein, ich brauche jetzt dringend einen Tee.« Mit gerunzelter Stirn warf sie einen Blick auf ihr Smartphone. »Ich hoffe nur, dass Torsten nicht noch zum Surfen raus ist.«

»Glaube ich nicht«, beruhigte Theda sie. »Ich habe ihn vorhin mit ein paar Schülern am Strand getroffen, und er hat gesagt, sie würden an Land bleiben.«

»Na ja, mit seinen Schülern. Aber wie ich ihn kenne, reizt es ihn gerade, in einem Sturm rauszupaddeln.« Anna seufzte. »Sollen wir uns trotzdem draußen hinsetzen? Die Terrasse ist windgeschützt.«

Wenig später saßen sie bei Tee und Friesentorte im Garten.

Theda kam gleich zum Thema. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts von den Briefen erzählt habe, die bei Herrn Gutbrodt gefunden wurden.«

Anna winkte ab. »Sonst hätten Sie auch gewaltigen Ärger mit Frau Wagner bekommen. Aber darum sind Sie doch nicht hier, oder? Sie sehen aus, als hätten sie etwas herausgefunden. Über die Briefe?«

»Mehr sogar noch. Sie haben doch ein Foto erwähnt, auf dem Ihre Mutter und ihr damaliger Freund zu sehen sind. Der, von dem sie die Brosche hatte.«

»Ja, und?« Anna sah sie erwartungsvoll an. »Soll ich es holen?« Sie sprang schon auf und lief ins Haus.

»Diese Sache mit dem Ärger ...«, raunte Hinnerk Theda zu. »Ärger mit Elke können wir uns jetzt auch gerade einhandeln. Früher oder später wird sie herausfinden, dass Gutbrodt Annas Mutter kannte, und wenn Anna es dann schon von uns weiß ...«

»Das Risiko nehme ich auf mich.« Theda konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken. Immerhin war sie Frau Wagner mehr als eine Nasenlänge voraus. Nicht schlecht für eine unbedarfte Frau, die auf einen halb kriminellen Autor hereinfiel ...

Anna kam mit dem Foto zurück und gab es Theda, die es so hielt, dass auch Hinnerk einen Blick darauf werfen konnte. Es zeigte Helga und Peter, beziehungsweise Hubert, in den Dünen. Sie saßen auf einer karierten Picknickdecke und lächelten verliebt. Obwohl Gutbrodt auch hier mit Shorts und T-Shirt und windzerzaustem Haar nicht wie ein geschniegelter Anwalt wirkte, war die Ähnlichkeit zu dem Jubiläumsfoto unverkennbar.

»Wir haben herausgefunden, wer das ist«, platzte Theda heraus.

»Ach! Über die Brosche?«

»Ja, in gewisser Weise.«

Theda wartete gespannt, bis Hinnerk auf seinem Smartphone das Foto von dem jungen Hubert Gutbrodt im Internet aufrief. Er reichte Anna das Smartphone. »Was denken Sie? Ist das der ehemalige Freund Ihrer Mutter?«

Annas Blick huschte von dem Handyfoto zu dem alten Papierfoto auf dem Tisch und zurück. »Hier sieht er zwar viel seriöser und ernster aus, aber ... ja, das ist der Freund meiner Mutter. Wer ...« Sie brach abrupt ab und starrte auf das Display. Die Farbe wich ihr aus dem Gesicht. »Ist das etwa ... hier steht, das ist ein Foto aus dem Jubiläumsartikel zur Kanzlei Gutbrodt ...« Sie schnappte nach Luft und presste sich die Hand auf die Brust. »Er war das! Herr Gutbrodt war der Freund meiner Mutter! Darum hat er mir die Briefe geschrieben. Darum ist er auf die Insel gekommen!«

... und darum wurde er vermutlich ermordet, hätte Theda beinahe hinzugefügt, verkniff es sich aber im letzten Moment.

»O nein. Und nun habe ich ihn gar nicht kennengelernt.« Annas Augen schimmerten verdächtig. »Er hätte mir sicher viel von meiner Mutter erzählen können. Wie schade, dass er ausgerechnet jetzt sterben musste ...« Ihre Gesichtsfarbe wechselte von bleich zu rot. »Damit meine ich natürlich nicht, dass es mir nur darum leidtut und er ... ähm. Sie wissen schon, was ich meine.«

Im Geiste strich Theda Anna von ihrer Liste der Verdächtigen. Anna sah ernsthaft enttäuscht aus. »Wie seltsam, dass Herr Gutbrodt nach all den Jahren Kontakt mit mir aufnehmen wollte«, sagte sie und sprach damit aus, was auch Theda sich fragte. »Meine Mutter hat ihn kaum je erwähnt, aber er muss ihr wichtig gewesen sein, sonst hätte sie die Brosche nicht so in Ehren gehalten. Ob er wohl in der Vergangenheit auch mal an sie geschrieben hat?«

»Das werden wir wohl nie erfahren«, sagte Theda bedauernd.

»Es sei denn, die Briefe tauchen noch auf«, widersprach Hinnerk. »Ich vermute, der Einbrecher hat sie mitgenommen.«

»Das ist alles wirklich seltsam. Ich kann mir das gar nicht erklären.«

Theda fiel etwas ein. »Könnte es sein, dass es noch alte Briefe von Gutbrodt in den Unterlagen Ihrer Mutter gibt?«

»Nein, die hätte ich längst gefunden.«

Anna sah so ratlos aus, wie Theda sich fühlte.