Am nächsten Morgen strahlte der Himmel hellblau, vom Sturm blank geputzt. Nur noch ein frischer Wind erinnerte an das Unwetter. Es schien auch Thedas trübe Gedanken fortgeweht zu haben, denn auf dem Weg zum Strand glaubte sie optimistisch daran, dass an diesem Tag viele Gäste einen Strandkorb mieten wollten. Wen kümmerte so ein kleiner, nichtssagender Bericht in einem Lokalblättchen? Die neuen Touristen lasen den sowieso nicht, und die alten reisten bald ab. Theda konnte sich nun schon darüber amüsieren, dass sie sich so über den Artikel aufgeregt hatte.
Doch der erste Blick auf den Strand ließ sie erschrocken die Luft ausstoßen. Das sah chaotisch aus! Der Sturm hatte jede Menge Strandgut angeschwemmt. Es schwärmten bereits Mitarbeiter der Inselverwaltung aus, mit Müllsäcken bewaffnet, um den Strand von dem Unrat zu befreien. Bunte Plastikkanister, zerfetzte Fischernetze, Holzbretter, Schuhe ...
Unwillkürlich hielt Theda nach einer Palme Ausschau und dann folgerichtig nach Hinnerk, konnte jedoch beides nicht entdecken. An Hinnerks Stelle hätte sie an diesem Morgen auch auf einen Lauf am Strand verzichtet.
Claras Strandbude stand zumindest noch. Daran hatte Theda auch nicht gezweifelt. Allerdings folgte der nächste Schreck, sobald sie sich zu den Reihen der Strandkörbe umdrehte. Da war nämlich tatsächlich einer umgekippt! Nicht ganz, aber er stand verdächtig nach vorn geneigt da wie ein halb entwurzelter Baum.
»O nein!«, entfuhr es ihr.
»Das ist halb so wild!«, rief ihr einer der Rettungsschwimmer zu, der die Strandpromenade entlangkam. »Passiert schon mal. Ich stelle das Ding wieder gerade hin, wenn Sie möchten!«
»O ja, das wäre sehr nett.«
Theda folgte dem Mann zu dem Strandkorb. Es war ausgerechnet einer von denen, die neben der Lücke standen, die der fehlende Korb gerissen hatte. »Ich dachte immer, die Strandkörbe sind unverwüstlich.«
»Das sind sie auch. Wie Sie sehen, steht der ja noch. Nichts passiert. Da ist nur auf einer Seite der Sand abgetragen worden, und darum ist er in Schieflage geraten, nech? Kriegen wir hin.«
Bevor Theda überhaupt Anstalten machen konnte, ihm zu helfen, zog und zerrte er bereits an dem Strandkorb.
»Warten Sie!« Theda bemerkte einen kleinen, in der Sonne blinkenden Gegenstand im Sand unter dem Korb. Etwa schon wieder ein Anhänger? Nein, diesmal handelte es sich bei ihrem Fund um ein profanes Fläschchen Sanddornlikör. Da hatte wohl ein Gast dieses Getränk probiert, doch keinen Gefallen daran gefunden und die halb volle Flasche einfach weggeworfen. Mit spitzen Fingern pulte Theda das Fläschchen aus dem Sand.
»Die Leute schmeißen alles an den Strand«, kommentierte der Rettungsschwimmer. »Dabei gibt es hier genug Mülleimer. Dieser ganze Plastikmüll tötet unsere Ozeane.«
Da konnte Theda ihm nur beipflichten. Beeindruckt sah sie zu, wie der Mann den Strandkorb in eine aufrechte Position brachte und den Sand um ihn herum anhäufte. »So, damit er beim nächsten Sturm nich wieder kippelt, nech«, sagte er mit seinem norddeutschen Akzent und brachte Theda damit zum Lächeln.
»Vielen Dank!«
Um die Strandkörbe herum hatte sich außer der kleinen Likörflasche noch einiges andere an Müll angesammelt. Theda erinnerte sich, in Claras Bude Müllbeutel und einen Greifer gesehen zu haben. Voller Tatendrang ging sie zurück zur Promenade, um sich für eine Aufräumaktion auszurüsten. Den Rest Sanddornlikör stellte sie vorerst auf die oberste Stufe, die zu der Tür von Claras Strandbude führte. Das Fläschchen würde sie später ausleeren und in den Glascontainer werfen.
Bewaffnet mit quietschgrünen Plastikhandschuhen, dem Müllgreifer und zwei Plastiksäcken machte sie sich an die Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis der erste Sack voll war. Auf ihrer Wanderung zwischen den weißen Strandkörben hindurch gelangte sie in den Bereich von Jens Starkes türkisen Körben. Auch die waren so früh am Morgen noch nicht besetzt, und auch von Starkman keine Spur. Da Theda nun schon mal in Fahrt war, sammelte sie auch den Müll zwischen diesen Körben auf. Sie wollte gerade eine durchweichte Zigarettenschachtel in den Sack werfen, da fiel ihr Blick auf eine zusammengesunkene Gestalt in einem der Strandkörbe. Sie trug das nordseetypische gelbe Ölzeug, Gummistiefel, Mantel und Hose, die Kapuze tief über den Kopf gezogen, der auf die Brust gesunken war. Theda konnte nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. O nein, nicht schon wieder!
Langsam näherte sie sich. »Moin!«, rief sie laut. Keine Reaktion. Ihr sank das Herz. Das durfte doch nicht wahr sein. Sie streckte den Arm mit der Müllgreifzange aus. Es kam ihr vor, als bewegte sie sich durch Gelee. Behutsam tippte sie mit der Zange gegen die Schulter der reglosen Gestalt.
»Wah!« Mit einem gurgelnden Schrei fuhr die vermeintliche neue Leiche hoch, nun gar nicht mehr reglos. Aus den Tiefen der Kapuze funkelten Theda zwei verquollene Augen an. »Was soll das?«
»Entschuldigung. Ich dachte, Sie wären tot.«
Die Person stöhnte, rieb sich die Augen und schlug die Kapuze zurück. »Verdammt, so fühl ich mich auch.«
»Starkman!«, entfuhr es Theda. »Ich meine ... Herr Starke. Wohnen Sie etwa in Ihren Strandkörben?«
»Nein«, grummelte Starke. Unter seinen Augen zeichneten sich violette Schatten ab, in seinem Bart hing Sand, und der ordentliche Manbun hatte sich in etwas verwandelt, das an eine tote Tarantel erinnerte. »War ’ne lange Nacht.«
Theda verkniff sich die spitze Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, denn nach einer Partynacht sah Starke wahrhaftig nicht aus. Es sei denn, der neuste Hipstertrend schrieb für Feiern Gummistiefel und Regenmantel vor. Vermutlich hatte er sich während des Sturms nützlich gemacht.
In einiger Entfernung ging jemand mit einem Tablett herum, auf dem verheißungsvolle Becher standen. Offenbar Kaffee für die Helfenden.
»Warten Sie«, sagte Theda kurz entschlossen. »Ich hole Ihnen Kaffee. Sie sehen ja furchtbar aus.«
»Danke«, murmelte Starke. Der Sturm schien seine großmäulige Art weggeweht zu haben. Theda besorgte zwei Kaffee in dickwandigen Keramikbechern und gab ihm einen. Wie ein Verdurstender nahm er gleich einen großen Schluck, und Theda fürchtete schon, er hätte sich die Zunge verbrannt, doch er stöhnte nur erleichtert auf.
»Danke, Sie sind meine Heldin.«
»Na ja, so wie es aussieht, sind Sie der Held. Hatten Sie die ganze Nacht Sturmeinsatz?«
Starke blinzelte sie aus blutunterlaufenen Augen an. »Kann man so sagen. Wissen Sie es denn noch gar nicht?«
»Was denn?« In Thedas Magen breitete sich ein ungutes Kribbeln aus.
»Torsten ist verschwunden. Die halbe Insel sucht seit gestern Abend nach ihm.«
»Was?«
Theda ließ sich neben ihn in den Strandkorb sinken. Sofort packte sie das schlechte Gewissen. »Ich hätte gestern doch etwas sagen sollen«, entfuhr es ihr.
Starke hob den Kopf und musterte sie müde. »Was war denn gestern?«
»Ich war mit Torsten verabredet. Eigentlich keine richtige Verabredung. Er hat mir nur vorgeschlagen, dass ich ihn an der Surfschule treffen kann. Da war er dann aber nicht, und ich bin einfach nach Hause gegangen. Ich hätte das melden sollen. Bei der Polizei ...« Theda schluckte. Das kam ihr nun doch etwas zu übertrieben vor. »Oder wenigstens hätte ich bei Anna nachfragen können.«
Starke winkte ab. »Das hätte nichts geändert. Mich hat er nämlich von der Surfschule aus angerufen und mich zur Sau gemacht, weil er alles allein aufräumen musste. Bin dann ziemlich sofort hin. Hab Sie noch gesehen, wie Sie die Promenade lang sind. Tja, wie Sie ja auch schon bemerkt hatten, war Torsten nicht da, und weil ihm das so gar nicht ähnlich sah, hab ich gleich alles angeleiert. Dachte erst, der ist noch mal raus zum Surfen.«
»Bei dem Sturm?«
»Na ja, Torsten halt.« Starke hob die Schultern. »Der kommt auf solche Ideen. Die Bretter waren aber alle da. Wir haben Suchtrupps gebildet und waren die ganze Nacht überall auf der Insel unterwegs. Keine verdammte Spur von dem Kerl. Gleich geht’s weiter.« Er fuhr sich über das Gesicht. »Irgendwo muss er ja sein.« Nach einem müden Lachen fügte er hinzu: »Das Beste wäre noch, wenn er von irgendwelchen neuen Surfbekanntschaften auf eine Party eingeladen wurde und sich dort abgeschossen hat.«
Er sah nicht aus, als glaubte er daran. Der Ausdruck in seinen Augen war viel zu besorgt. Und was für Ängste musste Anna ausstehen!
»Aber ... wo könnte er denn sein?«, fragte sie ratlos, mehr an sich selbst gerichtet.
»Keinen blassen Schimmer«, murmelte Starke. »Der Torsten, der ist die Zuverlässigkeit in Person, auch wenn gewisse Leute was anderes behaupten. Wenn er gekonnt hätte, der hätte sich abgemeldet oder mir zumindest Bescheid gesagt, dass er doch nicht mehr am Strand ist. Dem muss was passiert sein.«
»Aber was denn?«
Starke verengte die Augen, die ohnehin schon zugeschwollen waren. »Könnte mir nur vorstellen: Der wusste zu viel. He!« Er warf Theda einen scharfen Blick zu. Der Kaffee schien seine Lebensgeister allmählich aufzuwecken. »Wieso wollte er sich denn eigentlich mit Ihnen treffen? Nix für ungut, aber Torsten steht eher auf Jüngere.«
Theda beschloss, das kommentarlos hinzunehmen. »Ich glaube kaum, dass es etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat. Er wollte mir ein Geheimnis über Hinnerk Graf verraten. Etwas Witziges, hat er gesagt.«
»Der Schnulzenschreiber?«
»Hinnerk Graf, der Krimiautor.«
»Whatever. Ja, mit dem war er ab und zu einen trinken. Hat dann einen auf Whiskykenner gemacht.« Starke verzog das Gesicht und trank den Rest Kaffee. »Nee, das hat wohl nix damit zu tun, dass er wie vom Erdboden verschluckt ist.«
Theda fiel etwas ein. »Ich habe am Telefon mitgehört, wie er mit jemandem gesprochen hat. Ich dachte erst, das wären Sie.«
»Nee, als ich an unserer Surfbude ankam, war er schon weg. Was hat er denn gesagt?«
»Dass der andere aufhören sollte, ihm auf die Nerven zu gehen und es endlich zugeben sollte.«
»War das sicher ein Kerl? Könnte sich auch um eine Verehrerin gehandelt haben. Die gehen dem alten Toto nämlich oft auf den Sack.« Ein gequältes Lächeln huschte über Starkes Gesicht. »Hatte da neulich wieder so eine Art Stalkerin am Start.«
»Doch hoffentlich nicht so extrem, dass sie auf die Idee gekommen ist, ihn zu entführen und gefangen zu halten, bis er sich in sie verliebt?« Das war Theda rausgerutscht, bevor sie näher darüber nachgedacht hatte, und Starke starrte sie so anerkennend an, dass sie beinahe lachen musste.
»Wow, Lady!«, sagte er gedehnt. »Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Respekt! Die Braut ist allerdings schon abgereist. Könnte aber sein, dass da eine andere nachgekommen ist ... hm ... hm ...« Er rieb sich den Bart. »Leider hat er mir in letzter Zeit nicht viel erzählt. Hatten etwas Stress.«
Als ob Theda das nicht schon mitbekommen hätte ... Neben ihrer reichlich absurden Liebesroman-Theorie spielte sie nämlich auch mit dem Gedanken, dass Starke seinen Kumpel während eines Streits unabsichtlich getötet haben könnte. Eine Rauferei, ein wenig Geschubse, Torsten stolperte, knallte mit dem Kopf gegen die Holztür des Surfschuppens ... Und um den Verdacht von sich abzulenken, schloss sich der Täter mit Unschuldsmiene den Suchtrupps an.
»Dann zieh ich mal wieder los«, riss Starke, der von ihrem Verdacht bestimmt nichts ahnte, sie aus ihren Gedanken. »Danke für den Kaffee. Dafür gebe ich Ihnen ’ne Surfstunde gratis.«
»Ähm. Danke.« Theda erwiderte sein schiefes Grinsen. Nein, sie konnte sich nicht vorstellen, dass Starke so kaltblütig war. Es musste einen anderen Grund für Torstens Verschwinden geben.