Höchste Zeit, mit Hinnerk zu sprechen. Theda versuchte es zunächst per Telefon, doch es meldete sich wieder nur die Mailbox. Ein neuer, beunruhigender Gedanke schlich sich an. Was, wenn Hinnerk ebenfalls verschwunden war? Starke hatte zwar nichts erwähnt, das darauf hindeutete, doch das musste nichts heißen. Möglich, dass sich Hinnerk oft tagelang in seiner Schreibhütte verschanzte und sich niemand etwas dabei dachte. Konnte sein, dass er am Vorabend mitsamt Torsten entführt worden war, oder Schlimmeres, und die gute Marta ihn sicher in ihrem Gartenhäuschen wähnte.
Thedas Magen krampfte sich zusammen. Sie kannte Hinnerk erst seit ein paar Tagen, doch nun merkte sie, dass sie den abenteuerlustigen Schriftsteller bereits ins Herz geschlossen hatte. Auf schnellstem Weg machte sie sich auf zu Martas Pension.
Kurz überlegte sie, ob sie erst an der Tür klingeln sollte, hatte aber nicht den Nerv, sich mit Hinnerks redseliger Pensionswirtin auseinanderzusetzen, und ging lieber gleich durch in den Garten. »Hinnerk!«, rief sie. Wie sehr sie hoffte, dass er unrasiert und mit zerzaustem Haar aus seiner Hütte kommen würde, verwirrt in die Sonne blinzelnd, weil er so in sein Manuskript vertieft gewesen war, dass er die Zeit vergessen hatte ...
Doch die Tür des Gartenhäuschens blieb zu, und es strahlte eine Verlassenheit aus, die Theda fürchten ließ, dass Hinnerk nicht hier war. Trotzdem klopfte sie an die Tür. Die schwang auf. Überrascht trat Theda einen Schritt zurück. War Hinnerk etwa in der Nähe? Er würde doch sein Häuschen nicht unverschlossen lassen, oder? Idyllisches Inselleben hin oder her, immerhin befand sich sein wertvoller Laptop darin.
»Hinnerk?« Theda lauschte und hörte nur das Klappern der offenen Tür, die sacht gegen den Rahmen schlug.
Es gehörte sich nicht, fremde Zimmer ohne Erlaubnis zu betreten. Doch was, wenn hier Gefahr in Verzug war? Konnte ja sein, dass Hinnerk beim Schreiben ohnmächtig geworden war und nun hilflos auf dem Boden lag. Oder aber, und Theda musste zugeben, dass ihr diese Möglichkeit wahrscheinlicher vorkam, es gab in der Hütte einen Hinweis auf Hinnerks Verbleib.
Theda klopfte pro forma noch einmal an die Tür, schob sie damit gleichzeitig ganz auf und trat in den kleinen Raum. Auf dem Boden lag zumindest niemand. Eigentlich hätte Theda nun wieder gehen sollen. Aber ein flüchtiger Blick auf den Schreibtisch konnte doch wohl nicht schaden ... Nur so aus dem Augenwinkel ...
Ach, das war ja albern. Theda hörte auf, Richtung Schreibtisch zu schielen. Es sah sie doch sowieso niemand. Beherzt trat sie an den Tisch. Auf keinen Fall würde sie herumwühlen, nur das anschauen, was ohnehin offen da lag. Hinnerks zugeklappter Laptop, sein unordentlicher Stapel mit Notizzetteln, einige aufgeklappte Bücher ... Pflanzenbücher, wie Theda erkannte. Schon interessant, was ein Autor alles so für Krimis recherchieren musste. Vielleicht wurde auch in Hinnerks aktuellem Schreibprojekt jemand vergiftet. Zum Beispiel mit ... Sie beugte sich über das aufgeschlagene Buch, das die Zeichnung einer Staude mit blauen Blüten zeigte. Eisenhut , verriet die Überschrift.
Theda fuhr zurück, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen. Ausgerechnet Eisenhut, die Pflanze, mit der sich vermutlich der kleine Zorro vergiftet hatte? Was für ein seltsamer Zufall war denn das? Und Zorro war ja nicht der Erste, dem ein Besuch auf Wangerooge nicht sonderlich gut bekommen war. Theda sah Herrn Gutbrodt vor sich, wie er reglos im Strandkorb saß. Ob auch er vergiftet worden war? Ob der Polizei mittlerweile das Ergebnis der Autopsie vorlag? Natürlich hatte er wohl kaum an den Pflanzen in den Vorgärten geknabbert. Nein, er hatte eher ein vergiftetes Lebensmittel zu sich genommen, was der Mörder oder die Mörderin ihm mit einem harmlosen Lächeln angeboten haben mochte. Wie zum Beispiel eine Spezialität der Insel, Sanddornlikör.
Das Fläschchen hatte in der Nähe des Strandkorbs gelegen, in dem Herr Gutbrodt verstorben war. Theda konnte sich gut vorstellen, dass der Täter oder die Täterin es hastig unter den benachbarten Korb verbuddelt hatte. Normalerweise wäre das Fläschchen nicht aufgetaucht, denn niemand konnte damit rechnen, dass der Sturm ausgerechnet diesen Strandkorb umkippen würde. Ein gutes Versteck, wenn auch nicht sturmsicher. Und der arme Zorro hatte den vergifteten Rest aufgeschlabbert ...
Theda musste sofort das Sanddornfläschchen zur Polizei bringen, damit man den Inhalt untersuchen konnte. Doch zunächst wurden ihre Knie so weich, dass sie sich auf den Klappstuhl am Schreibtisch setzen musste. Was, wenn Hinnerk gar nicht für seinen Krimi recherchiert hatte, sondern im Rahmen seiner Mordermittlungen auf den Eisenhut gestoßen war? Und nun war er auf dem Weg zur Polizei, um seine Idee dort mit Frau Wagner zu teilen. Leichter Unmut stieg in Theda auf. Sie hatten doch bisher gemeinsam ermittelt, jedenfalls hatte sie das gedacht. Nun startete Hinnerk Alleingänge? Andererseits hatte er auch angeblich vergessen ihr mitzuteilen, was er über Herrn Gutbrodt herausgefunden hatte. Nun ja, sie würde gleich mit einem konkreten Beweisstück aufwarten können!
Missmutig schob sie ein paar Unterlagen auf dem Schreibtisch herum. Wie mochte Hinnerk ausgerechnet auf den Eisenhut gekommen sein? Hatte er im Rahmen von Autorenrecherchen schon mit dieser Art Vergiftung zu tun gehabt? Oder hatte Frau Wagner ihm sogar mitgeteilt, dass Herr Gutbrodt an einer Aconitinvergiftung gestorben war? Thedas Blick fiel auf einen cremefarbenen Umschlag. Kam ihr irgendwie bekannt vor. O Hinnerk! Hatte er doch noch einen der Umschläge behalten? Ein Blick auf die Adresse belehrte Theda eines Besseren. Da stand nämlich Herr Hinnerk Graf. Automatisch drehte Theda den Umschlag um. Absender: Anwaltskanzlei Gutbrodt & Söhne.
Hastig ließ Theda den Umschlag fallen. Hinnerk hatte sie belogen! Und das gleich mehrmals. Er hatte behauptet, noch nie etwas mit Gutbrodt zu tun gehabt zu haben. Und später hatte er ihr weismachen wollen, über eine Recherche im Internet herausgefunden zu haben, dass Gutbrodt Anwalt war. Nun lag der Beweis vor Theda, dass Hinnerk sehr wohl in Kontakt mit Gutbrodt gestanden hatte. Doch warum? Und wieso hatte er das verschwiegen?
Es gehörte sich noch weniger, als in fremde Räumlichkeiten einzudringen, fremde Post zu lesen. Und doch tat Theda nun genau das. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie nur einen flüchtigen Blick auf die Betreffzeile werfen wollte. Natürlich könnte sie Hinnerk auch einfach fragen, warum er sie belogen hatte ... Aber er war ja nicht da. Während sie noch versuchte, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, zupfte sie zögerlich an dem Bogen Papier, der aus dem Umschlag lugte. Ein Stückchen, noch ein Stückchen ... das Emblem der Anwaltskanzlei, irgendein opulentes Wappen, Hinnerks Anschrift in Hamburg, das Datum und der Betreff: Plagiatsvorwürfe, hier: Ihr inoffizielles Angebot vom ...
Schnell schob Theda das Blatt zurück in den Umschlag. Mehr brauchte sie nicht zu lesen. Also lagen gegen den Autor Hinnerk Graf Plagiatsvorwürfe vor, und selbst sie wusste, was der Euphemismus ‚inoffizielles Angebot‘ bedeutete. Er hatte versucht, den Anwalt der Gegenseite zu bestechen, und machte dadurch alles noch schlimmer. Hinnerk hatte also in einer sehr ernsten Angelegenheit in Kontakt mit Gutbrodt gestanden. Und, leider, wie Theda sich eingestehen musste, gab ihm das ein plausibles Mordmotiv. Den Anwalt der Gegenseite nachhaltig zum Schweigen zu bringen, mochte zwar keine Dauerlösung sein, aber zumindest einen Aufschub bieten. Vermutlich hatte Hinnerk auch gehofft, dass nur Gutbrodt von seinem Bestechungsversuch wusste. Vielleicht hatte Hinnerk ihn auch gar nicht töten, sondern ihn nur eine Weile ausschalten wollen.
Theda merkte, dass ihr etwas in die Handfläche schnitt. Sie hielt noch immer das hölzerne Schwein fest. Wie passte das zu dem neuen Szenario? Torsten war Hinnerk auf die Schliche gekommen. ‚Oder gibst du jetzt doch zu, dass du es warst?‘ Das hatte Torsten zu der unbekannten Person gesagt. Und vorher hatte er mit Theda über Hinnerk geredet. Sie hatte sowieso zuerst angenommen, dass er mit Hinnerk gesprochen hatte.
Mit Torstens Anschuldigung konfrontiert, war Hinnerk nichts anderes übrig geblieben, als ihn ebenfalls auszuschalten. Während des Kampfs hatte er den Schlüsselanhänger verloren.
Theda schüttelte fassungslos den Kopf. Es passte alles so gut zusammen! Auch Hinnerks zunächst nur abenteuerlustiges Bestreben, an die Briefe in Gutbrodts Zimmer zu gelangen ... Dahinter steckte in Wahrheit die Verzweiflung eines Autors, der sich in einem Rechtsstreit befand und einen üblen Bestechungsversuch vertuschen wollte. Das Motiv war sogar noch stärker als das von Brigitte Koch, die lediglich eine einzige schlechte Bewertung bei Tripadvisor hatte vermeiden wollen. Bei Hinnerk ging es um seine Existenz, da er vom Schreiben lebte.
Thedas Magen hob sich. Sie fürchtete, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
Da! Hatte da nicht das Gartentörchen gequietscht? Was, wenn Hinnerk zurückkam und sie hier ertappte, wie sie sich die grausame Wahrheit zusammenreimte?
Mit hämmerndem Herzschlag sprang sie auf und spähte in den Garten. Niemand zu sehen. Nun aber schnell weg! Und zur Polizei!
Theda schaffte es beinahe zur Straße, da kam ihr Marta Bridgers in die Quere, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie trug eine große Einkaufstasche und versperrte Theda den Weg.
»Moin«, rief sie. »Herr Graf ist im Gartenhäuschen, gehen Sie ruhig durch.«
Offenbar hatte sie nicht bemerkt, aus welcher Richtung Theda kam.
»Da ist er nicht«, erwiderte Theda mit tauben Lippen.
»Nicht? Vielleicht schläft er? Der gute Mann hat die ganze Nacht mit den anderen nach Torsten gesucht.«
Theda merkte, wie ihr die Gesichtszüge entgleisten. »Wie bitte?«
Wenn ihr Verdacht stimmte, war das ja wohl mehr als dreist! Und schlau ... denn er konnte die Suchtrupps auf falsche Fährten locken. Was um Himmels willen mochte er mit Torsten gemacht haben?
»Ja, ist erst vor einer Stunde völlig durchnässt und erschöpft hier angekommen. Und er wollte sich auch später wieder auf die Suche machen.« Marta schüttelte den Kopf. »Hoffentlich finden sie Torsten bald. Anna ist vor Angst außer sich, ich konnte sie nicht davon abhalten, sich ebenfalls den Suchtrupps anzuschließen.«
»Na ja, vielleicht tut es ihr gut, etwas zu unternehmen, statt nur herumzusitzen«, sagte Theda, die sowieso nicht verstand, warum Anna nicht nach Torsten suchen sollte. Schließlich kannte sie ihn doch am besten, und falls er wirklich nur irgendwo versumpft war, was ein winziger Teil von Theda noch immer hoffte, hatte sie die größten Chancen, ihn aufzuspüren.
»Schon möglich«, sagte Marta nachdenklich. »Torsten ist aber auch ein Hallodri. Könnte mir sogar denken, dass die beiden Streit hatten und er sich einfach aufs Festland abgesetzt hat.«
»Aber bei dem Sturm ist doch keine Fähre mehr gefahren, oder?«
»Das nicht, aber Torsten kennt so viele Leute, der konnte sich irgendwo ein Boot leihen.«
Daran zweifelte Theda sehr stark, doch sie hatte weder Zeit noch Lust, mit Marta zu diskutieren. »Wann haben Sie Hinnerk denn zuletzt gesehen?«
»Och, das war wie gesagt vor einer Stunde, als er hier angekommen ist. Wollte sich einen Moment in seiner Hütte ausruhen, hat er erwähnt.«
Ob Hinnerk sich vielleicht aufs Festland absetzen wollte?
»Vielen Dank«, sagte Theda und schlängelte sich an Marta vorbei zur Straße, ohne sich um den verwirrten Blick der Frau zu kümmern. Torsten war es scheinbar nicht gut bekommen, Hinnerk zur Rede zu stellen, also sollte Theda das besser der Polizei überlassen. Doch mit jedem Schritt schwand ein Stück mehr von ihrer Überzeugung, dass Hinnerk ein kaltblütiger Mörder sein konnte. Sie konnte jetzt nicht einfach zur Polizei rennen und ihn beschuldigen, ohne richtige Beweise. Na schön, er hatte über Eisenhut recherchiert und kannte Gutbrodt beruflich, aber das hieß noch lange nicht, dass er ihn ermordet hatte. Sie sollte wirklich erst mit ihm reden und ihn gleich bei der Polizei gar nicht erwähnen, wenn sie die Sanddornlikörprobe abgab und ...
»Moin, min Deern!«, rief jemand.
Theda blieb stehen und merkte, dass sie sich vor Heins Haus befand. Der ehemalige Kapitän stand an der Tür und zog sich gerade die gelben Gummistiefel aus.
»Moin«, erwiderte Theda. »Kommen Sie von der Suchaktion?«
»Ja, so ist das. Aber die alten Knochen wollen nicht mehr so recht. Muss eine Pause einlegen.«
»Kein Wunder, wenn Sie die ganze Nacht nach Torsten gesucht haben.«
»Das haben wir wohl.« Hein verzog das Gesicht. »Leider ohne Erfolg. Leisten Sie mir Gesellschaft? Nicht, dass ich beim Teekochen noch einschlafe.«
Hein sah wirklich müde aus. Sein gegerbtes Gesicht schimmerte grau unter der Bräune und war schweißnass. Die violetten Schatten unter seinen Augen ähnelten denen, die Theda schon bei Starke aufgefallen waren. Sie zögerte. Vielleicht konnte sie im Gespräch mit Hein herausfinden, was Hinnerk bei der Suchaktion getan hatte. Ob er sich irgendwie verdächtig benommen hatte. Und, zugegeben, sie wusste nicht, ob sie direkt zur Polizei gehen oder erst Hinnerk suchen sollte. Ein Aufschub kam ihr da gerade recht. »Ja, gerne«, sagte sie und folgte Hein in sein Häuschen.