Auf den Whisky musste er zwar noch ein paar Stunden warten, doch schließlich erfüllte sich sein Wunsch.
Sie saßen in Martas guter Stube, umgeben von Häkeldeckchen. Thedas Hände zitterten immer noch, und daran änderte auch der Glenlivet nichts, den Hinnerk ihr zur Beruhigung empfohlen hatte. Marta hatte mit Lavendeltee dagegengehalten, und nun trank sie beides. Neben ihr auf dem Sofa drängten sich Torsten und Anna aneinander, und Hinnerk saß mit ausgestreckten Beinen in einem der Sessel. Auf dem anderen thronte Marta und schüttelte ein ums andere Mal den Kopf, während sie Hinnerks Bericht der letzten Ereignisse lauschte.
»... und dann ist Theda in das Gartenhäuschen gestürmt wie der rettende Engel«, erzählte Hinnerk überschwänglich.
»... konnte euch aber leider nicht wirklich retten«, beendete Theda seinen Satz trocken. »Das war Anna.«
»Du warst aber diejenige, die Torsten und Hinnerk im Gartenhäuschen gefunden hat«, stellte Anna klar. »Ich hätte ja niemals damit gerechnet, dass ausgerechnet Hein ...« Ihre Stimme brach.
Torsten zog sie näher an sich und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Dass er Gutbrodt auf dem Gewissen hat, hätte ich auch nie gedacht«, sagte er grimmig. »Ich hab ihn nur verdächtigt, Post unterschlagen zu haben. Kam mir komisch vor, wie erpicht er immer darauf war, uns die Post aus dem Briefkasten mitzubringen. Zuerst hat er es abgestritten, aber als er mich vor dem Sturm an der Surfbude besucht hat, da war er plötzlich ganz anders drauf. Er muss geglaubt haben, dass ich etwas über den Mord weiß.«
»Ich schätze, die ständige Anspannung, unter der er seit dem Mord gestanden hat, hat ihren Teil dazu beigetragen«, sagte Hinnerk. »Und als du ihn dann wieder beschuldigt hast, die Briefe genommen zu haben, ist er durchgedreht.«
»Ja, allerdings.« Torsten rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. »Hab mich nur kurz umgedreht, um ein Surfbrett an die Wand zu hängen, und zack, zieht er mir mit seiner verdammten Schüppe eins über.«
»Interessanterweise ist er von Anna ausgerechnet auch mit einer Schaufel niedergeschlagen worden«, resümierte Hinnerk. »In einem Roman wäre das ein netter Twist.«
Theda warf ihm einen mahnenden Blick zu. Im Gegensatz zu Torsten steckte er seine Gefangenschaft im Gartenhaus gut weg, was daran liegen mochte, dass er nur eine halbe Stunde dort hatte ausharren müssen. Theda hatte ihn in Martas Garten knapp verpasst. Nun sah er aus, als würde er sich prächtig amüsieren, was sie reichlich unangebracht fand. Es nahm Anna sichtlich mit, dass der Mann, den sie ihr ganzes Leben als eine Art Vaterfigur geliebt hatte, sich als Mörder entpuppt hatte. Dennoch hatte sie keine Sekunde gezögert, ihn niederzuschlagen, um Torsten zu retten, was Theda ihr hoch anrechnete, denn immerhin war das auch ihr und Hinnerk zugutegekommen.
»Ich frage mich, was in den Briefen stand«, ließ sich nun Marta vernehmen. »Warum wohl hat er nach all den Jahren Kontakt mit dir aufnehmen wollen, Anna?«
Anna hob die Schultern. Sie war blass um die Nase, und das Glas Whisky, das vor ihr auf dem Wohnzimmertisch stand, auf einem gehäkelten Untersetzer natürlich, hatte sie noch nicht angerührt. »Wenn ich das nur wüsste. Ich hatte ja nicht mal eine Ahnung, dass meine Mutter sich noch mit Herrn Gutbrodt getroffen hat, als sie schon mit Vater verheiratet war.«
»Vielleicht verrät Hein es der Polizei«, sagte Hinnerk optimistisch.
Theda überlegte, ob sie Heins Bemerkung, Herr Gutbrodt sei Annas „Erzeuger“ gewesen, erwähnen sollte, ließ es dann aber lieber. Womöglich handelte es sich nur um eine fixe Idee des eifersüchtigen Heins.
Hein war verhaftet und zunächst aufs Festland ins Krankenhaus gebracht worden. Frau Wagner hatte sie bereits darüber informiert, dass er eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Kein Wunder, nach drei harten Schlägen auf den Kopf, die steckte auch ein alter Haudegen wie Hein nicht einfach so weg.
»Er hat behauptet, dass er Gutbrodt gar nicht töten wollte«, erinnerte Theda. »Womöglich kommt er mit einem guten Anwalt mit Totschlag davon.«
»Die Kanzlei Gutbrodt wird er wohl nicht gerade beauftragen«, sagte Hinnerk.
Thedas Wangen wurden heiß. Sie schämte sich dafür, dass sie Hinnerk des Mordes an Gutbrodt verdächtigt hatte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie erleichtert sie über seine Unschuld war. Sie mochte ihn mehr, als sie sich bisher eingestanden hatte. Das verstärkte noch ihre Reue darüber, dass sie seine Unterlagen durchwühlt hatte. Wenn sie ihn auf die Sache mit dem Plagiat ansprechen wollte, müsste sie das zugeben, und davor scheute sie noch zurück.
»Jedenfalls sind wir ein gutes Team«, stellte Hinnerk nun auch noch fröhlich fest und steigerte ihre Schuldgefühle ins Unermessliche. »Wir sind fast zeitgleich auf die Sache mit der Aconitinvergiftung gekommen. Ich, weil ich zufällig Eisenhut in Heins Vorgarten gesehen habe und mich von einer Krimirecherche an die potenzielle Vergiftungsgefahr erinnern konnte, und du, weil du die Flasche Sanddornlikör gefunden hast. Und auf jeden Fall waren wir schneller als die Polizei, die immer noch auf das Autopsieergebnis wartet.«
Theda seufzte. »Nicht schnell genug. Zorro hat davon getrunken und ist krank geworden. Zum Glück war es nicht viel.«
Netterweise hatte die Familie ihr eine Nachricht geschickt, dass es dem Hund wieder gut ging. Sogar mit Beweisfilmchen von einem quietschvergnügten Zorro, der versuchte, die auf ihn gerichtete Kamera abzulecken. Das Fläschchen mit dem restlichen Likör hatte Theda Frau Wagner übergeben, die es ins Labor schicken wollte. Theda war sich allerdings sicher, dass in dem Getränk das Gift gefunden werden würde.
»So viel kann Gutbrodt ja auch nicht davon getrunken haben«, meinte Marta. »Vermutlich spricht das auch für Hein, denn es hat den Mann wohl nur so schlimm erwischt, weil er schwer herzkrank war.«
Das hatte die Polizei anhand seiner Medikamente und Rücksprache mit den Ärzten festgestellt, wie Frau Wagner ihnen auch verraten hatte. Ihre mitteilungsfreudige Stimmung hatten sie allerdings nicht lange ausnutzen können, weil sie sich zu einer Fallbesprechung mit den Kollegen vom Festland traf und die Festnahme von Gutbrodt regeln musste.
»Das älteste Motiv der Welt«, sinnierte Marta und streichelte die Katze, die es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht hatte. »Unerwiderte Liebe.«
»Na ja, doch wohl eher fehlgeleitete Besitzansprüche«, murrte Torsten. »Als wenn Anna und ihre Mutter ihm gehört hätten.«
»Er hatte sonst niemanden«, sagte Anna leise. »Und er war immer gut zu uns.«
»Er hat sich viel zu sehr in dein Leben eingemischt. Mich konnte er schon gar nicht leiden. Ich wünschte, ich ... ach, egal jetzt. Komm, Anna, wir gehen nach Hause.«
Anna, die zu weinen begonnen hatte, ließ sich von ihm vom Sofa hochziehen. Die Sorge um ihren verschwundenen Mann und die Entdeckung von Heins Untaten forderten ihren Tribut. Doch Torsten war wieder da, und sie hatte ihm das Leben gerettet. Mitfühlend sah Theda ihnen nach.
»Der Einbrecher bei Brigitte – das war doch auch Hein«, überlegte Hinnerk laut. »Oder was meint ihr? Schade, dass du ihn nicht danach gefragt hast, als er gerade in Redelaune war.«
»Du meinst, als er mich mit Eisenhuttee vergiften wollte?«, fragte Theda mit mehr als nur einer Spur Sarkasmus. »Tut mir leid, dass ich nicht daran gedacht habe.«
Da sie nur an dem Tee genippt hatte, war ihr nichts passiert, und es war auch noch nicht sicher, ob Hein ihren Tee wirklich vergiftet hatte. Eine Probe befand sich ebenfalls auf dem Weg ins Labor.
»Jedenfalls spricht einiges dafür. Zum Beispiel, dass er Anna angeblich mit dem Loch in der Hecke helfen wollte und dabei rein zufällig mit seinen Gummistiefeln sämtliche Spuren seiner Flucht durch die Gärten verwischt hat.«
Hinnerk starrte trübsinnig in sein Whiskyglas. »Ich hätte ihn erwischt, wenn er nicht mit diesem räudigen Fuchs auf mich eingeschlagen hätte. Wieso hatte er den überhaupt in der ...«
Er setzte sich gerade hin. Auch Theda fuhr hoch. Sie sahen sich an.
»Der Fuchs!«, riefen sie gleichzeitig.
Marta meinte, vor acht Uhr könnten sie Brigitte auf jeden Fall noch einen Besuch abstatten. Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen, Hinnerk und Theda zu ihrer Nachbarin zu begleiten. Brigitte öffnete die Haustür und musterte erstaunt die unerwarteten Gäste. Doch als sie erkannte, wer sie da so spät aufsuchte, hellte sich ihre Miene auf.
»Habt ihr es schon gehört? Hein wurde verhaftet. Und Torsten ist wieder da! Kommt doch herein, ihr wisst doch bestimmt mehr.«
Da lag sie wohl richtig, doch Theda hatte etwas anderes im Sinn. »Dürften wir wohl mal Ihren ausgestopften Fuchs sehen?«, fragte sie höflich.
Verwirrt sah Brigitte sie an. »Den Fuchs? Das alte Ding? Marta liegt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich den endlich wegwerfen soll. Und seit dem Einbruch ist er auch noch kaputt.«
Theda wechselte einen Blick mit Hinnerk. Sie folgten der vor sich hinmurmelnden Brigitte ins Haus und die Treppe hinauf in das Gästezimmer. Der Fuchs stand auf einem Regal über der Kommode und sah tatsächlich reichlich mitgenommen aus. Füllmaterial hing ihm aus dem Bauch.
»Ich weiß nicht, ob es sich noch lohnt, ihn reparieren zu lassen«, sagte Brigitte bedauernd. »Aber irgendwie hab ich mich an ihn gewöhnt.«
Theda und Hinnerk stürzten gleichzeitig auf den Fuchs zu. Theda machte das Rennen, oder Hinnerk ließ ihr höflich den Vortritt, das wusste sie nicht genau, und es war ihr auch gleichgültig, denn sie interessierte sich zu sehr für das Innenleben des ausgestopften Tieres. Beherzt schob sie die Hand in den aufgerissenen Fuchsbauch und ertastete sogleich knisterndes Papier. Sie zog einige zusammengefaltete Schreiben aus dem Füllmaterial.
»Na da hol mich doch ...«, stieß Brigitte hervor. »Was ist denn das?«
Theda warf nur einen kurzen Blick auf die Briefe. Die Anrede lautete Liebe Anna. Das reichte ihr. »Es sind die Briefe, die Herr Gutbrodt an Anna geschrieben hat«, erklärte sie. »Jedenfalls einige davon. Die, die Gutbrodt hierher mitgenommen hatte. Ich denke, er wollte sie Anna zum Lesen geben. Der Einbrecher wollte verhindern, dass jemand den Inhalt dieser Briefe zu Gesicht bekommt und hatte vor, sie zu stehlen. Als er von Hinnerk gestört wurde, hat er die Briefe kurzerhand in den Fuchs gestopft und ihn sich unter den Arm geklemmt. Doch dummerweise hat er seine ungewöhnliche Tasche im Handgemenge mit Hinnerk verloren und damit auch die Briefe.«
»Ja, das glaube ich auch, aber nun zeig doch mal.« Hinnerk streckte auffordernd die Hand aus, doch Theda schüttelte den Kopf. »O nein. Die waren für Anna bestimmt, und sie soll sie auch bekommen.«
»Nur einen kurzen Blick ...«
Hinnerks Welpenblick zog bei Theda nicht. Vor allem darum nicht, weil sie an diesem Tag schon einmal gegen das Briefgeheimnis verstoßen hatte und es bitter bereute. Sie blieb hart. »Wir bringen die Briefe jetzt sofort zu Anna, und sie kann damit tun, was sie möchte.«
Auf dem Weg zu Annas Haus gab sich Hinnerk noch wortreich der Hoffnung hin, dass Anna die Briefe in ihrem Beisein lesen würde, aber es war Torsten, der ihnen die Tür öffnete und ihnen mitteilte, Anna schlafe bereits. Er versprach, ihr die Briefe gleich am nächsten Morgen zu geben.
Hinnerk schaffte es nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. Er begleitete Theda zu Claras Haus und schmollte die ganze Zeit. Theda machte das nichts, denn sie überlegte, ob und wie sie ihn auf die Plagiatssache ansprechen konnte. Schließlich verschob sie das auf einen Zeitpunkt, zu dem sie nicht mehr so aufgewühlt und erschöpft war. Für diesen Tag reichte es ihr mit Aufregung. Also verabschiedete sie sich an der Gartenpforte von Hinnerk. Sie war schon fast an der Haustür, da rief Hinnerk: »Theda, warte mal.«
Sie drehte sich um. Hinnerk stand am Gartentörchen, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf sein Gesicht und erhellte sein schiefes Grinsen. Er sah ein bisschen wie ein verlegener Schuljunge aus. »Ich wollte dir noch sagen ... danke.«
»Ich habe nichts gemacht.«
»Doch, das hast du. In dieser Gartenhütte ... du hättest fliehen können, aber du hast es nicht getan. Du bist bei mir geblieben.« Hinnerk räusperte sich. »Bei uns. Das war sehr mutig von dir. Ich ... bin sehr froh, dass ich dich kennengelernt habe. Das wollte ich dir nur sagen. Gute Nacht, Theda.«
Theda war so verblüfft, dass ihr keine passende Erwiderung einfiel. Stumm sah sie zu, wie Hinnerk noch einmal grüßend die Hand hob, sich dann abwandte und ging. Ihr Herz schlug schnell, und es fühlte sich gut an. Sie atmete tief durch. Am nächsten Tag würde sie reinen Tisch machen und Hinnerk gestehen, was sie getan hatte. Vielleicht würde er dann nicht mehr so froh sein, sie zu kennen, aber da musste sie durch ...