Clara schenkte Theda Tee nach. »Aber das ist ja alles völlig unglaublich!«, wiederholte sie nun das dritte Mal. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen leuchteten. »Da lasse ich dich eine Woche allein auf der Insel und schon erlebst du die tollsten Abenteuer!«
»Darauf hätte ich gerne verzichtet«, behauptete Theda, obwohl das nicht so ganz stimmte. Nach einer Nacht mit erstaunlich erholsamem Schlaf, einem guten Frühstück und der freudigen Nachricht, dass Clara mit der Morgenfähre ankommen würde, fühlte sie sich schon wesentlich besser als am Vorabend.
»Also das hätte ich Hein nun wirklich nicht zugetraut«, sagte Clara kopfschüttelnd. »Dachte, er könnte keiner Fliege was zuleide tun. Aber man guckt den Leuten ja immer nur vorn Kopp, nech?«
Ein Kopf tauchte passenderweise über der den Garten umgebenden Hecke auf. Anna winkte ihnen zu. »Moin, Clara, schön, dass du wieder da bist. Moin, Theda!« Sie holte tief Luft. »Danke für die Briefe. Ich ...«
»Aber min Deern!«, rief Clara aus. »Das musst du doch nicht so über die Hecke erzählen. Komm doch rein und trink einen Tee mit. Tür ist offen«
Wenig später saß Anna mit ihnen am Tisch. Sie hob ihre Teetasse, stellte sie wieder ab und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Auf ihren Wangen zeichneten sich rote Flecken ab. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«
Theda war so gespannt, dass es sie kaum noch auf ihrem Stuhl hielt. Nur mit Mühe schwieg sie trotz der tausend Fragen, die ihr auf der Zunge brannten, und ließ Anna erst mal zur Ruhe kommen. Doch das dauerte. Anna setzte mehrmals an, geriet ins Stocken und schnaufte erschöpft. Schließlich sprudelte sie heraus: »Es ist möglich, dass Herr Gutbrodt mein Vater ist!«
Theda verschluckte sich an ihrem Tee. Hustend stellte sie die Tasse weg und starrte Anna an. Also hatte Hein mit seinem Verdacht doch recht gehabt.
»Aber ... Gregor ...«, stotterte Clara. »Wie ...«
»Ja, ich kann es auch noch nicht so recht glauben«, fuhr Anna fort. »Dass mein Vater gar nicht mein Vater ist ... Aber es könnte sogar passen. Meine Eltern waren schon ein paar Jahre verheiratet, und Marta hat mir mal erzählt, wie sehr sie sich von Anfang an ein Kind gewünscht hatten und wie unglücklich sie darüber waren, dass es nicht geklappt hat. Bis ich ja dann auf die Welt gekommen bin.« Sie schluckte schwer und senkte den Blick auf ihre ineinander verschlungenen Finger. »Herr Gutbrodt hat mir geschrieben, dass er meine Mutter immer geliebt hat. Er hat es bitter bereut, sich damals für die Karriere im Familienbetrieb und gegen seine große Liebe entschieden zu haben. Allerdings hat meine Mutter es ihm auch erleichtert, denn sie hatte ja mit ihm Schluss gemacht und sich meinem Vater ... also, Gregor ...« Anna geriet erneut ins Stocken, riss sich sichtlich zusammen und redete weiter. »Jedenfalls hatten sie noch sporadisch Kontakt und meine Mutter hat ... also ...« Anna schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander.
»Sie hat mit ihrer alten Flamme geschlafen, um sich ihren großen Wunsch nach einem Kind zu erfüllen«, vervollständigte Clara auf ihre pragmatische Art. Sie legte die Hand auf Annas Arm. »So wie ich deine Mutter kannte, hat sie das nicht ohne Wissen deines Vaters getan.«
Anna nickte und schniefte, griff nach einer Serviette und wischte sich über das Gesicht. »Ja, das hat er in den Briefen auch behauptet. Dass sie alle damit einverstanden gewesen waren und ich nie etwas davon erfahren sollte. Aber ... dann hat Herr Gutbrodt mir doch geschrieben. Er war sehr krank und fürchtete, nicht mehr lange zu leben. Er wollte mich kennenlernen. Ich wünschte, er hätte das nicht getan, dann wäre das alles nicht passiert.« Tränen rollten ihr über die Wangen.
Ein schwarz-weiß gefleckter Wirbelwind sauste über den Tisch und schnappte sich einen der kleinen Teelöffel.
»Elsa!«, riefen Clara und Theda gleichzeitig aus. Die freche Elster flog nur bis zum Komposthaufen und begann sogleich, ihren neuen Schatz dort zu vergraben.
Theda konnte ihr nicht böse sein, denn sie hatte es geschafft, Annas Tränenfluss zum Versiegen zu bringen. Anna lächelte sogar, wenn auch nur schwach.
Also war Gutbrodts schlechter Gesundheitszustand der Grund gewesen, aus dem er Anna nach all den Jahren geschrieben hatte. Die Sehnsucht eines alten, kranken Mannes, der vor seinem Tod doch noch die Tochter hatte kennenlernen wollen, um die er sich Zeit seines Lebens wegen einer Vereinbarung nicht hatte kümmern dürfen.
Nachdem Clara Theda mehrmals bestätigt hatte, dass sie sowieso ihren Bridgeabend hatte und darum froh war, dass sie beim Abendessen Gesellschaft haben würde, nahm Theda Hinnerks Einladung an und traf sich abends mit ihm vor dem Fischrestaurant, das sie bereits zu Beginn ihrer Bekanntschaft besucht hatten. Merkwürdig, sie kannte Hinnerk noch gar nicht lange, und doch war er von einer Zufallsbekanntschaft zu jemandem geworden, den sie als Freund bezeichnete. Umso wichtiger, dass sie ihm endlich gestand, was sie getan hatte.
Es fühlte sich an, als kämpfte sie sich durch tiefen Sand, je näher sie dem Restaurant kam. Hinnerk wartete schon auf sie, und als er sie sah, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Theda sank das Herz. Würde er nach ihrem Geständnis überhaupt noch mit ihr essen wollen? Geschweige denn reden? Nach einer kurzen Begrüßung nahm sie ihren Mut zusammen und sagte: »Ich muss dir was sagen.«
»Ja, ich weiß schon.« Hinnerk bedeutete ihr mit einer ausladenden Geste, vor ihm ins Restaurant zu gehen. »Marta hat es mir erzählt. Gutbrodt ist vermutlich Annas Vater. Das ist ein Ding, was? Kommt doch höchstens in Romanen vor.«
Theda unterdrückte ein Seufzen und betrat das Restaurant. Hinnerk hatte einen Tisch am Fenster reservieren lassen, und sie nahmen Platz.
»Und ich weiß noch etwas!« Hinnerk grinste so breit, dass Theda unwillkürlich zurücklächeln musste. »Aber das muss unter uns bleiben. Elke hat es mir im Vertrauen erzählt.«
Theda unterdrückte ein belustigtes Schnauben. Frau Wagner wusste garantiert gut genug, das eine im Vertrauen erzählte Neuigkeit spätestens am nächsten Tag Inselgespräch war. »Hast du es Marta schon gesagt? Dann würde ich nämlich vermuten ...«
»Nein!« Hinnerk warf ihr einen entrüsteten Blick zu. »Ich sage es dir auch nur, weil ich weiß, dass du verschwiegen bist. Also, die Polizei hat Kontakt mit Gutbrodts Testamentsvollstrecker aufgenommen und ... er hat seinen gesamten Besitz Anna vererbt.«
Theda sog die Luft ein. »Seinen gesamten ... wie viel mag das sein?«
»Ziemlich viel offenbar. Darüber wollte sich Elke leider nicht auslassen. Aber Gutbrodt stammt aus einer reichen Familie und war lange als Anwalt mit eigener Kanzlei tätig. Auf jeden Fall hat er eine Villa in Blankenese, das habe ich schon recherchiert.«
»Das freut mich so für Anna. Dann kann sie das Haus doch behalten«, sagte Theda erleichtert. »Oder nach Blankenese ziehen.« Sie gönnte es Anna von Herzen, nach allem, was sie gerade durchmachte. Zuerst stellte sich heraus, dass ihr väterlicher Freund ein Mörder war, und dann war ihr Vater vermutlich gar nicht ihr leiblicher Vater ... Sie würde sicher einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen. Doch wenigstens musste sie sich keine Geldsorgen mehr machen.
Und nun zu Thedas Sorgen. Sie atmete tief durch. »Ich muss dir aber etwas anderes sagen.«
Hinnerk schaute sie erwartungsvoll an.
»Ich war in deinem Gartenhäuschen«, fing sie an. »Wir haben uns wohl knapp verpasst und du warst schon zu Hein gegangen.«
»Ja, das war reichlich unüberlegt von mir«, gab Hinnerk zu. »Ich hätte sofort zur Polizei gehen sollen. Aber ich wollte ... keine Ahnung. Mir Gewissheit verschaffen? Ich habe nicht damit gerechnet, dass Hein mich angreifen würde und ...« Er unterbrach sich. »Entschuldige. Ich wollte dich nicht unterbrechen. Fahr doch bitte fort.«
Theda schluckte. »In Torstens Surfbude hatte ich ein Holzschwein gefunden. So eins, wie es an deinem Schlüssel hängt.«
Hinnerk zog seinen Schlüssel hervor. Das Schwein hing daran.
Theda verzog das Gesicht. »Ich dachte ... dass du es in der Surfbude verloren hättest. Jetzt ist mir klar, dass es Hein aus der Tasche gefallen sein muss, als er Torsten mitgenommen hat. Na ja, jedenfalls habe ich mir Sorgen gemacht, dass du zusammen mit Torsten entführt worden sein könntest und wollte nach dir sehen. Auf dem Schreibtisch habe ich dann das Pflanzenbuch entdeckt. Und ... noch etwas.«
Hinnerk sah sie so arglos an, dass sie sich gleich noch mieser fühlte.
»Einen Brief von der Kanzlei Gutbrodt und Söhne.«
So, nun war es raus.
Hinnerk seufzte und schloss kurz die Augen. »Na schön«, sagte er. »Du hast mich ertappt. Ich hatte mit der Kanzlei zu tun. Daher hat mir der Name Gutbrodt auch was gesagt.«
»Ich hätte nicht in deiner Post herumwühlen sollen. Das geht mich gar nichts an. Du brauchst es mir nicht zu erzählen«, behauptete Theda, obwohl sie schon gerne gewusst hätte, was an der Plagiatssache dran war.
Zu ihrem Erstaunen grinste Hinnerk. »Nein, das hättest du wirklich nicht tun sollen. Du bist doch sonst immer so auf das Postgeheimnis bedacht.«
»Das musste ja jetzt kommen.«
»Hast du den Brief gelesen?«
»Nur, dass es um Plagiatsvorwürfe ging ... und ... Bestechung?«, sagte Theda unglücklich.
»Hast du etwa daraus geschlossen, dass ich Gutbrodt ermordet habe?«
»Ähm.« Thedas Ohren glühten. »Nur für einen Moment. Und nicht wirklich. Allerdings fand ich es schon etwas verdächtig, dass du so darauf aus warst, in sein Pensionszimmer einzusteigen.«
Hinnerk hob die Brauen. »Ah ja. Und da hätte ich dich dann als Zeugin mitgenommen, weil ...?«
»Das habe ich nicht durchdacht«, gab Theda zu. „Das war alles etwas viel auf einmal. Der kranke Hund, das Buch mit den Giftpflanzen und die Briefe auf deinem Schreibtisch ...«
»Zu den Briefen: keine Bestechung. Und die Plagiatsvorwürfe wurden fallen gelassen. Eine Kommission, die sich um Plagiatsverdachtsfälle kümmert, hat nämlich etwas bemerkt.« Röte stieg Hinnerk in die Wangen. »Auf einer alten Website von mir, also einer von H. Nerksson, gab es eine Kurzgeschichte von mir zu lesen. Ich habe längst eine andere Website, die meine Agentur für mich verwaltet, aber vergessen, die alte zu löschen. An die Kurzgeschichte hatte ich auch nicht mehr gedacht. Darin gab es eine längere Passage aus einem Roman von einer ... Romanzenautorin.«
Enttäuschung breitete sich in Theda aus. »Also hast du tatsächlich plagiiert?«
»Nicht wirklich.« Hinnerk rutschte auf seinem Stuhl hin und her und rieb sich die Braue. »Sagt dir der Name Rose Heartfield was?«
»Aber ja. Ich liebe ihre Bücher«, gab Theda offen zu. »Hab sogar eins dabei. Das neue mit der Highlanderstory. Und ausgerechnet von ihr hast du geklaut?«
»Nein.« Hinnerk grinste verschämt. »Die Sache ist die ... Ich schreibe Krimis, das ist wohl wahr. Aber den größten Teil meiner Einnahmen erziele ich mit etwas anderem.« Er räusperte sich. »Rose Heartfield ... das bin ich.«
Theda starrte ihn an. »Was?«, piepste sie. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Enthüllung. »Aber ... ach so. Darum hast du mir nicht erzählt, woher du Gutbrodt wirklich kennst. Weil du mir dann dein anderes Pseudonym hättest verraten müssen.«
»Ja, so war das.« Hinnerk war immer noch rot im Gesicht. »Eigentlich sollte mir das nicht peinlich sein. Aber ... na ja. Du als Buchhändlerin ... Ich hatte befürchtet, dass du für einen Schnulzenromanautor nicht viel übrig haben könntest.«
»Für so oberflächlich hältst du mich?«
»Nein! Nur hatte ich irgendwie den Zeitpunkt verpasst, um mich zu outen.«
Nun konnte sich Theda auch denken, was Torsten ihr so Witziges hatte erzählen wollen. Darum hatte er das Buch mit in den Surfshop genommen. Wahrscheinlich hatte Hinnerk es ihm sogar signiert. »Kann es zufällig sein, dass Torsten dein Geheimnis kennt?«
»Ja«, gab Hinnerk zu. »Wir haben mal einen etwas längeren Whiskyabend miteinander verbracht, und irgendwann ist mir das wohl rausgerutscht. Seitdem zieht er mich ständig damit auf, und ich fürchte, dass er es sogar Hein und Anna erzählt hat.«
Darum also hatte Hein vom Schnulzenautor gesprochen. »Hinnerk, ich fürchte, die ganze Insel weiß es«, sagte Theda bemüht ernst. Aber dann musste sie doch lachen, und Hinnerk stimmte mit ein. »Also bist du mir nicht böse?«, vergewisserte sich Theda.
»Aber nein. Ich weiß, wie schlimm es ist, wenn man neugierig ist«, beruhigte Hinnerk sie. »An deiner Stelle hätte ich den Brief sogar komplett gelesen. Und was denkst du jetzt über mich, da du weißt, dass ich Liebesromane schreibe?«
»Jetzt?« Theda grinste. »Jetzt will ich unbedingt ein Autogramm von dir in meinem Buch von Rose Heartfield.«
»Das sollst du haben. Und ich werde dir alle zukünftigen Werke dieser Autorin signiert und noch vor der offiziellen Veröffentlichung zukommen lassen«, versprach Hinnerk. »Was hast du denn jetzt eigentlich vor? Musst du schon zurück zu deinem Buchladen, da ja Clara nun wieder da ist?«
»Nein. Ich habe noch Urlaub und möchte ihn hier auf der Insel genießen.«
»Könntest du dir eventuell vorstellen, ihn an ein paar Tagen mit mir gemeinsam zu genießen? Auch ohne Mordfall?«
Theda tat so, als müsste sie überlegen, konnte das aber nicht lange durchhalten und erwiderte Hinnerks erwartungsvolles Lächeln. »Das könnte ich mir sogar sehr gut vorstellen. Wenn ich dich nicht vom Schreiben abhalte ... schließlich möchte ich ja bald einen neuen Highlanderroman lesen.«
Sie hoben ihre Weingläser und stießen miteinander an. Vom Krimi zur Romanze ... oder gab es das nur in Büchern? Jedenfalls war sich Theda sicher, dass sie in Hinnerk einen Freund gefunden hatte, der ihr auch nach dem Urlaub noch bleiben würde. Und irgendwie ahnte sie, dass sie nicht das letzte Mal gemeinsam ermittelt hatten.