Zweites Kapitel, in dem der alte Helfrich einen höchst seltsamen Fang macht

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Opa Helfrich saß also an diesem nasskalten Nachmittag an seinem Bach in seinem Garten in seinem schäbigen Klappstuhl und angelte. Das Wasser gluckerte und gluckste. Es roch nach Erde und duftete nach Gras. Der Wind trieb die Wolken wie eine Elefantenherde durchs Himmelgrau. Aber all das bekam Helfrich gar nicht mit, denn er war eingenickt.

Ein Ruck an der Angel ließ ihn aufschrecken. Hoffnungsvoll rollte er die Schnur ein – und wurde blass. Am anderen Ende zappelte etwas. Das war doch hoffentlich kein Fisch! Helfrich kniff die Augen zusammen. Sapperlot, was hatte er denn da gefangen? Was war das für ein merkwürdiges Zottelding?

Mit einem Kescher fischte er das Wesen, das verzweifelt versuchte, sich vom Haken zu befreien, aus dem Wasser. Verflixt, wo hatte er nur wieder seine Brille? Aber was immer es auch war, so viel konnte er erkennen: Es zitterte und klapperte mit den Zähnen vor Kälte. Ohne Frage, dem Zottelding ging es gar nicht gut!

Helfrich ließ alles stehen und liegen und rannte mitsamt Kescher und Angelrute, an der sein Fang immer noch festhing, ins Haus. Ohne die schmuddeligen Gummistiefel auszuziehen, stürzte er in die Küche.

»Opa Helfrich!« Grete Petete stemmte vorwurfsvoll die Hände in die Hüften.

Aber Helfrich kümmerte sich nicht um sie. »Wo ist meine Brille?«

»Hier!« Brumm Gnatzig brachte sie ihm mit einem verwunderten Blick auf das Keschernetz, aus dem es, plitsch, platsch, plitsch, auf die Dielen tropfte. Ansonsten rührte sich jetzt nichts mehr darin. Behutsam befreite Helfrich das ermattete Zottelwesen von Kescher und Angelhaken und legte es auf den Küchentisch.

»Was hast du da?«, erkundigte sich Brumm, der mit Grete auf dem Boden stand und gespannt nach oben spähte.

Aber das konnte ihm Opa Helfrich so mir nichts, dir nichts auch nicht sagen. Erwartungsvoll rückte er die Brille zurecht, um seinen Fang, der nur wenig größer war als Brumm, in Augenschein zu nehmen. Nachdem er einige Büschel verfilzter Fellhaare beiseitegeschoben hatte, kam ein runder Kopf zum Vorschein. Ein Kopf mit zwei gewaltigen Ohren, die an Eselsohren erinnerten. Über einem breiten Mund, der zwei Reihen weißer Perlzähnchen hervorblitzen ließ, saß eine kleine Stupsnase. Körper, Arme und Beine bedeckte ein zerzauster Pelz. Die Hände waren nackt, die Füße dagegen behaart und ungleich größer.

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»Was ist es denn?«, erkundigte sich Grete Petete, die fühlte, dass etwas sehr Ungewöhnliches vor sich ging und dass es jetzt nicht angebracht war, über den schmutzigen Boden zu jammern.

Der alte Helfrich zog die Pudelmütze vom Kopf und strich sich nachdenklich über die Glatze. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Ein Tier?«, wollte Brumm Gnatzig wissen. »Wenn es ein Tier ist, muss man es freilassen.«

Helfrich nahm ein Handtuch von dem Regenschirmskelett und rubbelte das Wesen ab. Es zitterte noch immer und atmete schwer.

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»Ich glaube nicht, dass es ein Tier ist, jedenfalls keines, das ich kenne.«

Das Geschöpf bäumte sich auf, hustete und ließ sich stöhnend zurückfallen. Snobby stolzierte in die Küche. Mit einem gekonnten Sprung landete er auf der Tischplatte.

»Typisch!«, zischte Grete Brumm zu. »Und wir müssen dumm hier unten stehen!«

Snobby beschnupperte das Zottelding. Für eine Maus war es eindeutig zu groß, außerdem – wenn man ihn fragte – roch es äußerst unappetitlich. Er sprang zurück auf den Boden und schritt mit einem hochmütigen Blick an Grete und Brumm vorbei zu seinem Futternapf.

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Stirnrunzelnd begutachtete Helfrich das Handtuch. Es starrte vor Dreck. Grete wuchtete den Puppentisch, der unter dem großen Tisch stand, ein wenig vor, kletterte hoch und verrenkte sich fast den Kopf. Trotzdem konnte sie nichts sehen. »Jetzt sag doch, Opa Helfrich! Ist es eine Puppe?« Ihr Stimmchen klang gereizt.

»Ich glaube nicht, dass es ein Spielzeug ist«, brummte Brumm. »Unsereins ist von anderer Art.«

»Was immer es auch ist, es ist sehr erkältet und braucht unsere Hilfe.« Damit wickelte Helfrich das Wesen in das Handtuch und stapfte mit ihm die Treppen hoch, ohne sich weiter um Grete und Brumm, die vor Neugier schier platzten, zu kümmern.

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Einige Zeit später kehrte er mit einem Schuhkarton zurück, den er, unter den skeptischen Blicken seiner Mitbewohner, behutsam auf den Küchenboden stellte. »Psst!« Warnend legte er den Zeigefinger an den Mund.

Brumm und Grete spähten in die Pappkiste. Bis zur Nasenspitze in weiche Tücher eingemummelt, schlief das Zottelwesen jetzt.

Grete Petete rümpfte das empfindliche Näschen. »Es riecht!«

»Es ist …«, brummte Brumm Gnatzig und rang nach Worten, »… anders!«

Grete nickte. Ja, anders war es auf jeden Fall!

Roberto Blech äugte neidisch zu ihnen hinüber. Er musste dringend aufgezogen werden. Aber der Schlüssel steckte mal wieder in der Kuckucksuhr. Er sah den alten Helfrich flehend an. Doch der tat so, als bemerkte er ihn nicht. So leid es Helfrich auch tat, aber das schnarrende Getriebe des Blechmanns musste heute Abend schweigen. Roberto würde bis zum nächsten Morgen warten müssen.

Besorgt blickte der alte Puppendoktor in den Schuhkarton. Irgendetwas an dem hilflosen schmuddeligen Zottelding hatte sein Herz berührt. Jetzt hieß es für alle im Haus erst einmal Rücksicht nehmen.

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