Während der alte Helfrich und die Spielzeugbande in der Stube aufräumten, lag Schluri noch eine Weile ohnmächtig in seinem Pappbett. Es ist nämlich eine Eigenart der Schlampiner, die an und für sich sehr mutige Kerlchen sind, bei Gefahr in Schreckstarre zu fallen.
Schluri hatte tatsächlich, genau wie Helfrich vermutet hatte, im Leben noch keinen Staubsauger gesehen. Er hatte das unbekannte brüllende Ding für ein scheußliches Ungeheuer mit einem gefährlichen Saugrüssel gehalten. Dazu fraß es auch noch all seinen schönen Knuddelschmuddel weg. Somit war der Staubsauger so ziemlich das Grässlichste, was er je zu Gesicht bekommen hatte.
Trotzdem dauerte die Schreckstarre nicht allzu lange. Schluri erwachte von einem finsteren Knurren. Er sah sich bang um, aber das Saugungeheuer war nirgends zu sehen. Erleichtert stellte er fest, dass es nur sein Magen war. Kein Wunder, er hatte ja außer dem Zwiebeltee schon eine halbe Ewigkeit nichts in den Bauch bekommen. Also stand er auf und machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem.
Anders als für die Spielzeugbande war es für Schluri kein Problem, auf den Tisch zu gelangen. Klettern konnte er wie ein Affe. Auf dem Puppentisch fand er in Gretes Tellerchen noch etwas Müsli. Er schnüffelte daran – und schob es angewidert weg. Brumm hatte nichts übrig gelassen. Aber in Helfrichs Tasse stand noch eine Pfütze Kaffee. Schluri steckte die Nase hinein und schüttelte sich. Dann schob er den Finger ins Marmeladenglas und schleckte ihn misstrauisch ab. Bäh! Das Brot ließ er gleich links liegen.
Enttäuscht rutschte der kleine Schlampiner am Tischbein zurück auf den Fußboden, wo ihm plötzlich ein verlockender Duft in die Stupsnase wehte. Schnuppernd machte er sich auf die Suche und wurde schnell fündig. Neben dem Kühlschrank stand ein Schüsselchen mit braunem Brei.
Schluri lief das Wasser im Mund zusammen. »Tralitrala, was ist denn da? Matschepampe für die Wampe!«, sang er und schaufelte sich sogleich mit beiden Händen den Bauch voll, wobei er wie eine Horde Ferkel grunzte und schlürfte.
Kurz darauf hallte wildes Fauchen durch das Häuschen, wilder als das des Staubsaugerungeheuers. – Sehr viel wilder! Es folgte markerschütterndes Gebrüll.
Aufgeschreckt spähten Helfrich und die Spielzeugbande aus der Wohnzimmertür. Ein kleiner zotteliger Geselle raste laut kreischend durch den Flur. Ihm knapp auf den Fersen folgte ein schwarz-weißes Geschoss mit langem Schwanz. Unter mörderischem Gefauche und Gezeter ging die wilde Jagd einige Male den Flur hinauf und wieder hinunter.
Während Grete wie versteinert dastand, Brumm sicherheitshalber ein paar Schritte rückwärtstappte und Roberto neugierig den Blechkopf in den Flur streckte, trat der alte Helfrich aus dem Wohnzimmer.
»Snobby!«
Der Kater bremste abrupt und drehte sich für einen winzigen Moment um. Den nutzte Schluri. Wie ein Eichhörnchen kletterte er an der Garderobe hoch. Als Snobby die Verfolgungsjagd fortsetzte, hatte sich Schluri schon unter Helfrichs Ausgehhut versteckt. Wutschnaubend versuchte der Kater, auf die Hutablage zu springen, landete aber auf Helfrichs Mantel.
»Snobby, lass Schluri in Ruhe!«, rief Helfrich, pflückte den widerstrebenden Kater von seinem Mantel und setzte ihn kurzerhand vor die Haustür. Kopfschüttelnd betrachtete er die Fäden, die Snobbys Krallen aus dem Gewebe gezogen hatten. Sapperlot aber auch, seit dieser Schlampiner im Haus war, ging alles drunter und drüber!
Da es nun ruhig geworden war, wagte sich die Spielzeugbande aus der Stube. Zum ersten Mal fühlte Brumm so etwas wie Sympathie für den Kater.
»Hat Snobby ihn gefressen?«, brummte er.
»Oh, oh – weh, weh!«, jammerte Roberto.
Grete wurde leichenblass.
Erst jetzt lugte Schluri unter dem Hut hervor. »Heck, meck, ist er weg?«
»Er lebt!« Grete klatschte erleichtert in die Hände.
»E… er – le… lebt!«, wiederholte Roberto und schlug scheppernd die Blechpatschen zusammen.
»Na gut, er lebt«, brummte Brumm Gnatzig. »Aber beim nächsten Mal …!«
»Ein nächstes Mal wird es nicht geben!«, sagte Helfrich streng und streckte sich nach oben, um Schluri von der Hutablage zu holen. »Wir werden uns hier alle vertragen. Verstanden?« Dann schnupperte er an dem Schlampiner und kniff die Augen zusammen. Schluri war bis zu den Ohren mit brauner Pampe beschmiert! »Das erklärt alles«, sagte er. »Du hast also Snobbys Futter gestohlen.«
»Iih!« Grete verdrehte die Augen. »Katzenfutter!«
»Schleckschmeck, schleckweg!«, grunzte Schluri und schleckte sich die Lippen bis zur Nasenspitze.
»Man kann ihn keine Sekunde allein lassen«, sagte Helfrich gereizt und brachte Schluri in die Küche zurück.
Schluri interessierte sich kein bisschen für die Pfannkuchen, die Helfrich heute zum Mittagessen backte. Sein Bäuchlein war prallvoll mit Katzenfutter und das Wettrennen mit Snobby hatte ihn müde gemacht. Deshalb legte er die Ohren über die Augen und hielt erst einmal ein kleines Nickerchen.
»Ein schlafender Schlampiner ist ein guter Schlampiner«, brummte Brumm, und damit sprach er aus, was auch die anderen dachten.
»Hört mal«, wandte sich der alte Helfrich nach dem Mittagessen an die Spielzeugbande. »Ich muss einkaufen gehen. Zwiebeln sind alle.«
»Bring Blütenhonig mit. Aber den extrafeinen!«, brummte Brumm. »Ein großes Glas!«
»Und Kekse für die Mecker-Dose«, sagte Grete.
»Un… und – ei… ein – Kän… Kännchen – Ö… Öl!«, meldete sich Roberto, dessen größte Freude es war, frisch geschmiert zu werden, war dies doch sein einziges Leibesvergnügen.
Der alte Helfrich nahm die Bestellungen gutmütig lächelnd entgegen. »Und ihr lasst mir dafür Schluri nicht aus den Augen!«