Als Helfrich wenig später auf seinem klapprigen Fahrrad ins Städtchen fuhr, blickte er sich noch einmal um. Er hatte gar kein gutes Gefühl dabei, seine Hausgenossen mit dem kleinen Schlampiner allein zu lassen.
Während die Spielzeugbande am Fenster stand und Opa Helfrich nachwinkte, wachte Schluri auf. Schläfrig beäugte er die alte Schreibmaschine, die Helfrich aus dem Bach geangelt hatte. Was war das denn? Auf der Stelle wurde er hellwach. Er erklomm das Tischchen, auf dem das komische Ding stand, und tippte mit dem Zeigefinger auf die Tasten.
Brpp und wieder brpp machte die Schreibmaschine. Das gefiel Schluri so gut, dass er gleich mit allen Fingern darauf herumhämmerte.
Brpp – brpp – brpp– brrrrrrrrrrrrrrpp – Bling!
Brpp – brpp – brpp– brrrrrrrrrrrrrrpp – Bling!
Grete, Brumm und Roberto drehten sich erschrocken um.
»Lass das!«, brummte Brumm. »Du machst meine Schreibmaschine kaputt.«
Brumm Gnatzig betrachtete die Schreibmaschine nämlich als Eigentum, weil er darauf seine Lebensgeschichte schreiben wollte. Den Titel hatte er schon:
Da ihm die Erkenntnisse aber noch fehlten, war es bisher beim Titel geblieben.
Schluri dachte jedoch gar nicht daran, von dem schönen Brpp-und-Bling-Ding zu lassen. Im Gegenteil! Er erkletterte die Maschine und bearbeitete sie jetzt auch noch mit seinen unförmigen Füßen.
Brumm lief rot an, was man unter seinem Plüschfell zwar nicht sehen konnte, aber Grete Petete erkannte, dass er kurz vorm Explodieren war. Mit Ermahnungen kam man Schluri nicht bei, auch das war ihr klar. Man musste ihn ablenken.
»Wollen wir nicht in den Garten gehen?«, fragte sie schnell. »Die Sonne ist gerade herausgekommen.«
»Garten«, brummte Brumm. »Es hat geregnet, gewiss ist alles voller Matsch.«
Als Schluri das Wort Matsch hörte, ließ er sofort von der Maschine ab und hopste erwartungsvoll auf den Boden.
»Ra… raus! – Ra… raus!«, ratterte Roberto erfreut und stakste sogleich zur Katzenklappe, die Helfrich ursprünglich für Snobby in die Tür gebaut hatte. Mittlerweile diente sie längst auch der Spielzeugbande als Ein- und Ausstieg.
Brumm lenkte ein. Vielleicht war Gretes Idee gar nicht so dumm. Mit einem ungnädigen Blick ließ er Schluri den Vortritt. Unbekümmert sprang der kleine Schlampiner in den Garten hinaus.
Das Wetter war tatsächlich besser geworden. Die Sonne hatte die Regenwolken verscheucht. Es duftete frisch und würzig, wie es nur nach einem Sommerregen duftet. Brumms Stimmung hellte sich auf. Er ließ sich mit einem wohligen Seufzer ins Gras plumpsen. Sonnenstrahlen auf dem Pelz – das war genau das, was er jetzt brauchte.
Auch Schluri war bester Laune, denn er hatte eine schmuddelig braune Pfütze entdeckt. Jauchzend hüpfte er hinein. Mit beiden Füßen gleichzeitig. Wieder und wieder. Platsch. Platsch. Platsch.
Roberto, der immer alles aus der Nähe sehen wollte, folgte ihm neugierig. Prompt wurde er von oben bis unten vollgespritzt. »Brrrrrrr!« Unter unwilligem Schnarren legte der Blechmann den Rückwärtsgang ein, zu seinem Leidwesen war er nicht rostfrei.
Grete hatte sich in sicherem Abstand ins Gras gesetzt. Amüsiert beobachtete sie Schluris Treiben. Der kleine Zottelkerl hopste in der Wasserlache herum, als ginge es um den Weltrekord im Pfützenspringen. Und dabei sang er vor lauter Glück: »Kuddel und Muddel, Kladderadatsch. Schnuddel und Schmuddel. Patsch in den Matsch! Schlampiner sind prima und machen viel Quatsch.«
Grete schmunzelte. Schluris Fröhlichkeit war ansteckend. Obwohl er tatsächlich nichts als Quatsch machte, konnte sie ihm nicht recht böse sein. Gut, seine Manieren … Dennoch – seit Opa Helfrich den Schlampiner aus dem Bach gefischt hatte, hatte sie sich noch keinen Augenblick gelangweilt.
Eine Sekunde später geschah etwas, das wirklich alles andere als langweilig war. Unvermutet flog etwas durch die Luft, klein und rund und rot wie eine Tomate. Aber es war keine Tomate und ein Apfel war es auch nicht.
Schluri sprang hoch und fing es auf. »Prall und drall, ein runder Ball«, trällerte er entzückt. »Jippida und jippidu. Erst fang ich und dann fängst du.« Damit warf er das Bällchen Grete zu und Grete fing es verdutzt auf.
Aber da! Da sprang einer über den Zaun!
Mit wehenden Ohren und fliegender Rute.
Mit spitzen Zähnen und triefenden Lefzen.
»De… der – schwa… schwarze – Hu… Hund! – De… der – schwa… schwarze – Hu… Hund! – Oh, oh – weh, weh«, jammerte Roberto und warf die Blecharme in die Luft.
Doch da hatte der schwarze Hund das Püppchen mitsamt dem Ball schon in den Fängen.
Brumm hockte in der Wiese, zitterte wie Wackelpudding und brummte sich die Seele aus dem Bärenleib. »Hilfe! Hilfe! Die arme Grete!«
Nun bringt Jammern und Zittern in solchen Fällen leider gar nichts. Der Hund beutelte Grete, die den Ball starr vor Entsetzen an sich presste, knurrend hin und her.
Schluri stand das Zottelfell zu Berge, er kämpfte verzweifelt gegen die Schreckstarre an, als ihm einfiel, was die Schlampowski-Oma jetzt sagen würde: »Mut ist, wenn man‘s trotzdem tut.«
Augenblicklich setzte Schluri sein wildestes Schlampinerkampfgesicht auf. Er verdrehte die Glupschaugen, legte die Ohren an und verzog grimmig den Mund. Dann schob er den Bauch vor und düste mit dem Schlampinerkampfruf los: »Rabatz, Rabotz, Rabautz, jetzt gibt‘s was in die Schnauz!« Damit warf er sich von hinten auf den Hund und zerrte ihn am Schwanz.
Von Schmerz gepeinigt, raste der Vierbeiner los. In der Schnauze Grete mit dem Ball und im Schlepptau einen kleinen Schlampiner, der sich an seiner Rute festklammerte. Doch so schnell er auch rannte, er konnte den Quälgeist nicht abschütteln. Durch die Pfützen und über die Wiese schleifte ihn der schwarze Hund. Aber Schluri ließ nicht locker. Mit einem drohenden Knurren blieb der Hund plötzlich stehen und warf den Kopf nach hinten. Genau darauf hatte Schluri gewartet, jetzt sollte der Hund wirklich was in die Schnauze bekommen! Wie gut, dass Schluri so viel Katzenfutter verputzt hatte! Er wirbelte herum, drückte und presste. Und dann pupste er wie aus einem Kanonenrohr.
Der Hund jaulte auf, ließ dabei Grete samt Ball fallen und rannte um sein Leben.
Auf weichen Knien schlich Brumm über die Wiese. Im Stechschritt ratterte Roberto hinter ihm her. Grete lag ohnmächtig im Gras, ob von dem Gestank oder vor Aufregung, war schwer zu sagen. Als Schluri sie sachte in den Bauch pikte, schlug sie ihre hübschen Puppenaugen auf.
»Mein Retter!«, sagte sie mit einem tiefen Seufzen.
Roberto fehlten die Worte. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle auszudrücken. Stumm schlug er Schluri mit der Blechpatsche auf die Schulter, während Brumm Gnatzig etwas vor sich hin brummelte, das fast ein wenig freundlich klang.
Grete Petete war mit dem Schrecken davongekommen, sie war unverletzt. Dennoch war ihr etwas schwummrig, und sie hatte Mühe, sich auf ihren ungleichen Beinen zu halten. So trug Roberto, der Stärkste von allen, das Püppchen ins Haus. Brumm tappte kleinlaut hinterdrein. Als Letzter folgte Schluri, den kleinen roten Ball wie eine Trophäe vor sich hertragend.