Donnerstag, 3. Januar
Evert war begeistert, wollte aber nicht garantieren, dass er länger leben wird als ich. Allerdings hatte er auch einige weitere Bedenken. Erstens, dass er sich nach dem Vortrag aus meinem Tagebuch wahrscheinlich einen anderen Wohnheimplatz suchen müsse. Und zweitens sorgte er sich um den Sitz seiner Zahnprothese. Letzteres hat mit einem schlampigen Billardstoß von Vermeteren zu tun. Seit der am rechten Auge Star hat, muss man ihm beim Zielen helfen. Evert, der schon immer sehr hilfsbereit war, stellte sich hinter ihn, um Anweisungen zu geben, mit der Nase auf Höhe des Queues. »Ein bisschen nach links, und dann den Ball schön weit unten treffen und …«, und bevor er seinen Satz beendet hatte, hatte ihm Vermeteren seinen Queue mitten durch die Dritten gerammt. Karambolage!
Evert sieht aus wie ein Schulkind, das gerade seine Milchzähne verliert. Man versteht ihn kaum, weil er so lispelt. Bevor er an meiner Bahre vorlesen kann, muss das Gebiss also gerichtet werden. Aber da kommt gleich das nächste Problem ins Spiel: Der Zahntechniker hat nämlich ein Burn-out. Zweihunderttausend im Jahr, ein Prachtstück von Assistentin, dreimal im Jahr nach Hawaii, und trotzdem unterm Stress zusammenbrechen – wie ist so was möglich? Vielleicht sind ihm all die Prothesen aufs Gemüt geschlagen, bei denen die Essensreste manchmal so lange in den Ritzen hängen, dass man schon Maden drin findet. Sozusagen.
Die Silvesterkrapfen, die sie unten im Gesellschaftsraum immer auf den Tisch stellen, haben sie dieses Jahr von der Bürgerhilfe geholt. Aus reiner Höflichkeit habe ich mir gestern Morgen einen Krapfen genommen, und mit dem hatte ich dann erst mal zwanzig Minuten zu kämpfen. Zum Schluss musste ich einen aufgegangenen Schnürsenkel vortäuschen, damit ich mich bücken, unter den Tisch abtauchen und das letzte Stück in meiner Socke verschwinden lassen konnte.
Nur deswegen stehen auch noch lauter volle Gebäckteller rum. Normalerweise ist hier nämlich alles, was man umsonst kriegt, innerhalb kürzester Zeit weg.
Im Gesellschaftsraum soll um 10:30 Uhr Kaffee serviert werden. Wenn der Kaffee um zwei Minuten nach halb elf noch nicht da ist, fangen die ersten Bewohner an, völlig übertrieben auf ihre Armbanduhren zu schauen. Als ob sie noch etwas zu tun hätten. Dasselbe Spielchen beim Tee, der um 15:15 Uhr serviert wird.
Einer der spannendsten Momente des Tages: Was für Kekse gibt es heute? Vorgestern und gestern gab es zum Kaffee und zum Tee angealterte Silvesterkrapfen. Weil »wir« selbstverständlich kein Essen wegwerfen. Lieber ersticken wir dran.