Blau

Als meine Tochter und ich in die Tierklinik kamen und mir aus dem Karton mit Luftlöchern ein graues, räudiges, dürres Wesen entgegenhopste, war ich bestürzt. Ich sagte so etwas wie: »Sie sieht aus, als ob sie schielt.« Bevor die Katze das Kind erreichen konnte, fragte ich: »Ist sie krank?«

»Das ist nur das Beruhigungsmittel, es lässt jetzt langsam nach«, sagte die Tierärztin. »Ihr fehlt nichts. Aber Sie werden sie in einigen Wochen sterilisieren müssen. Noch ist sie dafür zu schwach.«

»Sie sieht gar nicht aus wie ein Jungtier«, sagte ich.

»Sie ist etwa zwölf Wochen alt. Das lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen, dafür ist sie zu ausgezehrt. Sie könnte auch älter sein.«

Offenbar hatte ich ein weißpfotiges, flaumiges Katzenbaby erwartet. Dabei hätte dieses Kind niemals etwas aufgesammelt, das so süß und so leicht zu lieben war. Als wir zum Auto zurückkamen, sagte ich: »Sie ist Frankenkätzchen«, und wir lachten. Aber zu Hause nahm meine Tochter die Streunerin mit in ihr Zimmer, und ziemlich lange, so schien es mir, bekam ich das Kätzchen nicht mehr zu sehen.

Als sie mir ihren Schützling schließlich vorführte, setzte sie die Katze ohne ein Wort einen halben Meter vor mir auf den Boden. Ich sah, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden war. Die kahlen Stellen waren zugewachsen, das Skelett war nicht mehr sichtbar, und ihr graues Fell war jetzt dicht und samtig und hatte einen blauen Schimmer. Ich konnte nicht widerstehen, mit der Hand durch dieses Fell zu fahren. Das Kätzchen hatte die gleichen grünen Augen wie meine Tochter, was mir in der Klinik nicht aufgefallen war. Sogar die Form ihrer Augen ähnelte sich.

»Die Tierärztin hat gesagt, ihr doppeltes Fell lässt sie manchmal blau aussehen. Sie ist eine ›Russisch Blau‹ und kann Sachen, die keine andere Katze kann, Türen öffnen zum Beispiel«, sagte meine Tochter nach einer Weile.

Ich war beeindruckt. Eine Russisch Blau war offenbar für ihre Intelligenz und ihren Sinn für Humor bekannt und dafür, dass sie tricksen und »direkt vor deinen Augen verschwinden« konnte. Was mich jedoch viel mehr interessierte, war die Trickserei meiner Tochter. Ich wollte wissen, wie sie Frankenkätzchen in dieses anmutige Geschöpf verwandelt hatte. Bisher wusste ich nur vom Hausbesuch der Tierpflegerin, die die Katze rehydriert hatte.

»Ich habe sie dreimal gebadet«, sagte Lola. »Als ich sie zum ersten Mal in die Wanne setzte, krochen ihr ganz viele Käfer ins Gesicht. Sie war über und über mit ihnen bedeckt, außer die Augen. Beim zweiten Bad habe ich den Schorf abgepult, und beim dritten Mal fing sie an zu glänzen.«

Ich stellte mir vor, wie dieses kleine dreieckige Gesicht, überschwemmt von tausenden Insekten, ausgesehen haben musste. Ich hätte eine solche Heldentat nie vollbringen können, aber die Stärke dieses Kindes schien grenzenlos.

»Ist sie nicht schön?«, sagte sie.

Ich schaute den nun wunderbar runden Kopf an und erwiderte: »Wenn du ein Bild von Grace Kelly neben sie halten würdest; ich könnte nicht sagen, wer von beiden wer ist.«

Die Tierärztin in der Klinik hatte meiner Tochter genau erklärt, wie sie das Kätzchen füttern und bürsten sollte, und sie ermahnt, ihm jeden Tag eine Schüssel mit frischem Wasser hinzustellen. Eines aber war am allerwichtigsten: »Ich soll die Katze nicht aus dem Haus lassen, wenn ich möchte, dass sie ein langes und sicheres Leben hat.«

Wir wussten beide, dass das nicht infrage kam.

»Wir machen keine Gefangenen.«