Jeder von ihnen hielt Los Angeles, die Stadt, in der ich geboren wurde, für den Nabel der Welt.
Una zufolge hatten die verschwundenen Sprachen der Ureinwohner hier ihre Spuren hinterlassen. Sie glaubte, dass der Geist dieser Sprachen nie verschwunden und an Orten wie der Chumash-Klippe noch immer spürbar war. Einige Laute in diesen Sprachen mussten geklungen haben, als wären sie flüssig. Im Englischen gab es dafür kein Äquivalent. Da sie jedoch nicht der Informationsvermittlung gedient hatten, sondern der Täuschung, dem Bewahren von Geheimnissen, wären sie ohnehin nicht zu entschlüsseln gewesen. Aus diesem Grund war Los Angeles einer der geheimnisvollsten Orte auf dem vierunddreißigsten Breitengrad.
Gwen hielt L. A. für den Nabel der Welt wegen der vielen, sich durch die Stadt schlängelnden Canyons. Sie sagte, die Canyons enthielten noch die Energie des Wassers, das zu vorgeschichtlichen Zeiten durch sie hinabgeschossen war. Deshalb würden die Leute so rasen, wenn sie in ihren Autos die gewundenen Straßen hinabfuhren. Auch die großen Boulevards von Sunset bis Olympic besäßen noch die Energie des fließenden Wassers.
Als Kind hatte ich oft mein Kopfkissen auf das Fensterbrett gelegt und vor mich hin geträumt, während ich unten auf dem Olympic Boulevard die Autos vorbeitreiben sah. Ich konnte den Tagesverlauf am Fließen des Verkehrs ablesen, und spät nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, lullte er mich in Trance. Die Scheinwerfer an der Decke des zweiten Stocks, wo mein Schlafzimmer lag, wurden zum Licht eines Leuchtfeuers, das über mich hinwegwischte. Ich war nie allein. Die Fahrer, jeder von ihnen, kamen von einem Ort und wollten an einen anderen, ich aber sah sie nur im Vorüberfahren, unterwegs von einem Ort zum nächsten, selten hielt jemand an, nicht nur, weil das Parken auf diesen breiten Boulevards verboten war, sondern weil man auf der Hauptverkehrsstraße gar nicht anhalten konnte, wir lebten an einem Abschnitt ohne Ampeln.
Später erzählte mir der Mentor von einem Fluss in Südamerika, der sich durch das Tiefland wand und auf die Bewohner in den Dörfern entlang dieses Flusses denselben Effekt hatte wie der Boulevard wohl damals auf mich. Er hieß Rio Xingu und machte die Menschen krank, und diese Krankheit äußerte sich in der Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen. Menschen mit dieser Krankheit waren zum Umherwandern verdammt.
Für Claudine war nicht die Stadt selbst von Bedeutung, sondern die Bergkette der San Bernardino Mountains, die sich im Osten an die Stadt anschloss. Claudine kam aus den San Bernardino Mountains, und der Mentor hatte ihr erzählt, in diesen Bergen gehe ein Riss durch die Welt, eine Traumpforte. In meinen ersten drei Lebensjahren hatten meine Eltern ein Haus in Riverside besessen, im Herzen dieser Berge. Vielleicht war es das, was mich mit Claudine verband.