Wenn Claudine nicht irgendwann eingegriffen hätte, hätte der Mentor nie wieder mit mir geredet. Und er hätte mich ganz gewiss nicht gefragt, ob ich ihn auf seine Reise nach Südamerika begleiten wolle. Er war von einem argentinischen Prominenten zu einer Reihe von Vorträgen und zu Abendessen mit Carlos Fuentes und Octavio Paz eingeladen worden.
»Wow!«
»Was wow?«, sagte der Mentor, wobei er mein »Wow!« perfekt nachahmte. »Sie sind schlechte Schriftsteller. Egomanen.«
Weder von Paz noch von Fuentes hatte ich etwas gelesen, aber ich hatte die Filme von Javiers Vater gesehen, der ebenfalls dort sein würde. Der argentinische Regisseur hoffte offenbar immer noch, die Filmrechte für die Bücher des Mentors zu bekommen.
»Fellini wollte die Rechte auch«, sagte der Mentor. »Wir haben ihn in Rom besucht, ich mochte ihn, ich mochte seine Filme, ich hätte ihm die Rechte überlassen, aber das geht nicht, nein, das können wir nicht … einen Fellini-Film daraus machen? Marcello Mastroianni, der meinen Wohltäter spielt? No jodes!«
Die Reise hörte sich großartig an. Ich würde mit Claudine und dem Mentor an unbekannte Orte fahren, Dinge zu sehen bekommen, die ich nie zuvor gesehen hatte, und interessanten Menschen begegnen. Am meisten reizte mich ein bestimmter Ort, den der Mentor mit uns besuchen wollte: Montevideo. Obwohl ich noch nie davon gehört hatte, klang es wie ein Ort, nach dem ich mich gesehnt hatte. Montevideo schien wie die San Bernardino Mountains oder Zuma zu sein. Magisch.
Nach der Vortragsreihe wollte der Mentor mit uns von Buenos Aires nach Uruguay reisen, zum südlichsten Zipfel, wo die Küsten dreier Länder aufeinandertrafen. Zu dritt würden wir an der Mündung dreier Flüsse stehen, die sich dort vereinigten und den breitesten und mächtigsten Strom der Welt bildeten.
»Am besten, du kommst sofort her«, flüsterte er aufgeregt ins Telefon. »Ich werde dir die Haare schneiden.«
Ich konnte nicht glauben, dass er schon wieder davon anfing.
»Wir schneiden es bloß, nur ein bisschen, nichts weiter.«
»Wie viel etwa?«, fragte ich leichthin.
»Mal sehen.«
»Und wann geht es los nach Südamerika?«, fragte ich.
»Wir fahren ganz zeitig. Morgen. Oder übermorgen, damit du noch packen und dich vorbereiten kannst. Oder besser doch morgen.«
»Sollen wir die Haare vielleicht danach schneiden? Wenn mehr Zeit ist?«
»Nein, wir müssen sie schneiden, bevor wir losfahren. Wie viel würdest du mir erlauben abzuschneiden?«, fragte er, als hinge davon das gesamte Schicksal der Reise ab.
»Keine Ahnung, vielleicht die Spitzen?«
Zum ersten Mal betrat ich das Grundstück dort, wo der Mentor wohnte. Bisher war ich immer bei Frida und Gwen auf der anderen Seite gewesen. Die berüchtigte Jodie, auf die ich sehr neugierig war, die aber von allen ferngehalten wurde, wohnte über der Garage, weshalb der Mentor, als er seine Tür öffnete, um mich zu begrüßen, den Zeigefinger an die Lippen legte und flüsterte: »Jodie.«
Wortlos nahm er meine Hand und führte mich durch ein großes leeres Vorzimmer mit einer kleinen, in einen Alkoven eingebauten Küche weiter über einen Flur mit vielen geschlossenen Türen rechts und links in ein Badezimmer. Es sah aus wie bei einem Barbier, da waren Handtücher, Scheren, Bürsten und ein schlichter dreibeiniger Holzschemel. Nachdem ich meine Jacke ausgezogen hatte, bat er mich ans Waschbecken, hieß mich, den Kopf unter den Wasserhahn zu halten, und fing an, meine Haare zu waschen. Er trocknete sie mit einem flauschigen Handtuch ab, als hätte er darin Übung.
Als er die Knoten auskämmte und dabei hin und wieder etwas zu fest zog, seufzte er und sagte: »Cholalola, das muss ab.« Er nahm eine Schere und schnitt meine Haare ab.
Die Prozedur ging schnell.
Er pfiff vor sich hin wie ein altmodischer Barbier und sang »Ojos verdes«, wobei er einige Zeilen für mich ins Englische übersetzte. Als ich gerade dachte, er wäre fertig, nahm er einen elektrischen Rasierapparat, wie die Armee ihn benutzte, und gab der Frisur einen letzten Schliff, nicht ohne mich immer wieder prüfend anzuschauen. Schließlich stieß er einen anerkennenden Pfiff aus.
»Mi diosa, que linda! Jetzt sehen wir endlich deine grünen Augen.«
Er wandte sich meinem Hinterkopf zu, setzte noch einmal den Rasierapparat an und sagte: »Ai, ai, ai, mierda! Das werden wir aber verstecken müssen, chola.«
»Was?«, fragte ich und versuchte, mein Entsetzen zu überspielen.
»Mierda! Hinten gibt es eine kleine kahle Stelle, aber sie wird zuwachsen. Bis dahin kannst du sie mit einem Filzstift übermalen, dann wird es niemand sehen.«
Ich war schweißgebadet, als er endlich fertig war. Der Boden des Badezimmers war über und über mit dunklem gelocktem Haar bedeckt. Ich wollte wissen, wie ich aussah, aber ich saß mit dem Rücken zum Spiegel. Als ich mich umdrehte, stellte ich fest, dass der Spiegel mit einem Handtuch verhängt war. Wie eine Blinde betastete ich meinen Schädel, um mir eine Vorstellung vom Ausmaß des Schadens zu machen, und war erleichtert, dass mein Kopf nicht ganz kahlrasiert war.
Der Mentor stand vor mir, seine Augen leuchteten. Vergnügt sagte er: »Jetzt bist du kampfbereit. Niemand kann dich mehr bei den Haaren packen und wegschleifen. Lange Haare sind im Gefecht ebenso hinderlich wie High Heels. No jodes, wir sind nicht hier, um Männer anzulocken.«
Nachdem er gefegt und aufgeräumt hatte, lächelte er liebevoll, gab mir einen Kuss auf die Hand, geleitete mich zur Haustür und machte sie leise hinter mir zu.
Er hatte vergessen mir zu sagen, wann unser Flug ging.
Die Hubschrauber, die schon die ganze Nacht über dem Viertel gekreist waren, knatterten jetzt direkt über meinem Kopf. Manchmal flogen sie so tief, dass die Fenster in ihren klapprigen Holzrahmen laut vom Geschrappe der Propeller schepperten, die stumpf durch den Himmel rührten. Der Suchscheinwerfer eines Helikopters strahlte in mein Fenster, ließ den unbenutzten Kamin stroboskopartig aufblitzen und verfehlte nur knapp mein Bett. Ich wagte nicht aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen. Vielleicht war ein Vergewaltiger auf der Flucht oder die Krawalle hatten sich wieder entzündet, vielleicht war O. J. Simpson aus dem Knast ausgebrochen, saß wieder in seinem weißen Ford Bronco und raste über den Wilshire Boulevard, oder es wurde einfach nur Zeit, die Augen zu schließen. Aber wie sehr ich auch versuchte einzuschlafen; ich blieb hellwach.
Irgendwann stand ich auf und zog den Koffer unter dem Bett hervor. Ich verfiel in einen Rausch aus Packen und Umpacken, bis ich schließlich um vier Uhr morgens erschöpft und aufgeputscht zurück ins Bett fiel. Der Gedanke, dass mein Koffer gepackt und im Falle von Überschwemmungen, Tsunamis oder anderen unvorhersehbaren Katastrophen griffbereit war, beruhigte mich und ließ mich irgendwann einschlafen.
Ich erwachte mit Herzrasen.
In den wenigen Stunden bis zum Morgengrauen wachte ich immer mal wieder auf, ohne wirklich zu erwachen, vielmehr kam es mir so vor, als ob ich in den Traum von jemand anderem geraten sei. Ich hatte auch früher schon lebhafte und seltsame Träume gehabt, Träume, die tagelang nachhallten und mich orientierungslos und mit einem ebenso deutlichen wie unbestimmten Verlangen zurückließen. Aber diese Träume hatten zweifellos zu mir gehört, so obskur sie auch sein mochten, sie waren nie fremd oder nicht zu deuten gewesen, und als ich an diesem Morgen im Bett lag und darüber nachdachte, ob es möglich war, den Traum eines Fremden zu träumen, war ich nicht ganz sicher, ob ich wirklich wach war. Diese Unsicherheit hielt den ganzen Morgen an, während ich mich eilig fertig machte. Dabei wusste ich noch immer nicht, wann genau der Flug ging.
Niemand hatte mir irgendetwas gesagt.
Als ich um 9:30 Uhr immer noch nichts gehört hatte, ahnte ich, dass etwas schiefgegangen sein musste.
Möglicherweise hatte ich etwas Falsches gesagt oder getan. Aber soweit ich wusste, hatte ich genau das getan, was von mir erwartet wurde.
Vielleicht nicht sofort, aber letztendlich doch.
Während ich am Fenster auf ein Lebenszeichen von Claudine wartete, fiel mir ein, dass ich meine Zahnbürste noch nicht eingesteckt hatte, und ich rannte ins Bad, um sie zu holen. Beim Schließen des Medizinschranks leuchtete mir mein Abbild aus dem Spiegel über dem Waschbecken und dem Spiegel hinter mir an der Wand entgegen. Es vervielfachte sich endlos in weite Ferne, kahle Stelle inklusive. Obwohl ich meine Haare nach dem Schneiden zweimal gewaschen, ein oder zwei Stunden mit nassen Haaren geschlafen und am Morgen den Kopf unter fließendes Wasser gehalten hatte, war es nicht genug gewässert worden, um schneller nachzuwachsen oder auch nur einen Deut besser auszusehen. Das Problem bestand nicht darin, dass der Haarschnitt mich bis zur Unkenntlichkeit verändert hätte; im Gegenteil. Die Haare waren dieselben. Aber die Person, die mich aus dem Spiegel anschaute, war kein Kind mit zu kurzem Haar, sondern meine Mutter mit ihrem Pixie-Cut.
»Ich hatte also doch recht«, hatte ich am Abend zuvor Claudine gesagt. »Es ist keine Veränderung. Stattdessen sehe ich jetzt aus wie meine Mutter.«
Schließlich klopfte ich an Claudines Tür, aber sie machte nicht auf. Nichts deutete darauf hin, dass sie da war. Nichts rührte sich, nicht einmal die Luft, die für Oktober ungewöhnlich warm war. Ich ging zu meinem Bungalow zurück, setzte mich auf die Bettkante und blieb eine Weile dort sitzen, ehe ich um 10:13 Uhr schließlich den Mentor anrief. Er nahm nicht ab. Auch Frida und Una gingen nicht ans Telefon, und Gwens Nummer hatte ich nicht.
Ich setzte mich auf die Stufen vor der Küchentür, eilte aber gleich darauf wieder zurück zu meinem Ausguck neben der Wohnungstür, wobei ich beinahe über den Koffer stürzte, als ich den Kopf aus dem Fenster streckte. Ich stieß den Koffer mit dem Fuß beiseite. Und während ich zusah, wie er auf seinem Hartschalenrücken von mir wegglitt und unterm Bett verschwand, wusste ich, dass ich nie an dieser Küste stehen würde, an der drei Flüsse ineinanderflossen, und nie die Energie ihrer dreifachen Kraft zu spüren bekommen würde, so wie ich nie die goldene Flöte, die wie ein durch die Luft geschwenkter Tambourstab glitzerte, in den Händen gehalten hatte.