KAPITEL 2

LANG LEBE DER KÖNIG

Vignette

Nathaniel

»Verrätst du mir, was wir hier wollen?« Celeste folgte ihm durch die Gänge des Palastes, in dessen Herzen Nathaniels Ziel lag: die Schatzkammer.

»Lass dich überraschen, Kätzchen.« Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Heute war ein großer Tag, der vielleicht wichtigste in seinem bisherigen Leben. Wichtiger als der Tag seiner Berufung. Doch nicht die anstehende Krönung verlieh diesem Tag seine Bedeutung.

»Du weißt aber, dass du unter keinen Umständen zu deiner eigenen Krönung zu spät kommen darfst, oder?« Nathaniel hörte, dass sie ein Lachen unterdrückte.

»Das werden wir schon nicht.«

Vor der königlichen Schatzkammer standen zwei bewaffnete Wachen, die demutsvoll die Köpfe neigten und ihnen die schweren Türen zur Kammer öffneten. Nate sah sich um und entdeckte sowohl Espen als auch Nike in den Schatten des Gemäuers. Die Leibwächter des zukünftigen Königs und der zukünftigen Königin von Sirion. Vermutlich zumindest.

»Die Schatzkammer?«, fragte Celeste verwirrt, als sie Nate ins Innere folgte. Neugierig sah sie sich um. Goldbarren, Goldmünzen und Edelsteine tummelten sich in der großen Halle. Doch nichts von alldem interessierte Nate. Er ging zielstrebig auf einen Sockel zu, auf dem ein rotsamtenes Kissen lag.

»Wunderschön!«, hauchte der Rotschopf, als sie an den Kronjuwelen vorbeiging. Schmuckstücke, die die Herrscher dieses Landes getragen hatten. Ehrfürchtig fuhr Celeste mit den Fingern über einen gläsernen Tisch, auf dem juwelenbesetzte Ohrringe und Colliers lagen.

Nate beobachtete sie dabei, sah zu, wie ihre karamellfarbenen Augen erstrahlten. Wie sich die Farbe von Rubinen, die eines der Colliers zierten, in ihnen spiegelte und sie funkeln ließ. Doch keines dieser Schmuckstücke konnte ihr gerecht werden.

»Eigentlich wollte ich dir dieses Kunstwerk zeigen.« Seine Stimme hallte von den Wänden wider und ließ Celeste aufblicken. Sie kam auf ihn zu und als ihr Blick auf das Schmuckstück neben Nate fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen.

»Sie würde dir viel besser stehen als ein Collier«, gestand er und sein Blick wanderte zu dem Diadem, das auf dem roten Kissen gebettet war. Die Krone der Königin von Sirion.

Pures Gold war zu Blättern und Ranken zusammengefasst worden und wie ein Blumenkranz formte es sich zu einer filigranen Krone. Zwischen den zarten Blättern und filigranen Ranken waren weiße Diamanten eingebettet. Elegant und doch schlicht, wenn Nate sie mit den anderen Kronjuwelen verglich. Wenn er die Krone betrachtete, konnte er sich niemand anderen als Celeste vorstellen, die sie trug. Zu ihren kirschroten Locken, dem Alabaster ihrer Haut und den karamellfarbenen Augen passte sie einfach perfekt. Als wäre die Krone einzig und allein für sie angefertigt worden.

»Ich darf sie dir noch nicht offiziell übergeben. Die Zeit des Reisens ist noch nicht vorbei und ich muss meine Entscheidung erst in einigen Wochen treffen, aber wir beide wissen, für wen ich mich entscheiden werde.«

Er blickte zu ihr hinüber. Celestes Augen wurden groß und ihre sonst so undurchschaubare Fassade begann zu bröckeln. Nate hielt ihr die Hand entgegen. Zögerlich ging Celeste auf ihn zu und legte ihre kleine Hand in seine.

Nate lächelte sie an. Er war kein Mann großer Worte und das Offenbaren von Gefühlen gehörte beileibe nicht zu seinen Stärken. Aber für den Rotschopf würde er eine Ausnahme machen.

Aus seiner Hosentasche zog er eine filigrane, goldene Kette hervor, an der ein ebenso goldener Ring hing, in den ein grüner Stein eingefasst war. Bei dem Anblick drang ein Keuchen aus Celestes Kehle.

»Du kannst nicht …« Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als Nate den Ring in seine Finger nahm und ihn ihr hinhielt. Er ging nicht auf die Knie, das passte nicht zu ihm. Vielleicht hätte er, wenn die Dinge anders gelaufen wären, Celestes Vater um Erlaubnis gefragt. Aber Manuel war ein Atheos gewesen und von seinen eigenen Leuten getötet worden. Sowieso gehörte Nate nicht zu der Sorte Mann, die jemanden um Erlaubnis bat. Er bat lieber im Nachhinein um Verzeihung.

»Doch, ich kann. Ich bin der König, schon vergessen?« Noch trug er nicht die Krone, die befand sich bereits in der großen Septe von Isaahn. Doch in Kürze schon würde sie sich auf seinem Haupt befinden.

»Noch bist du nicht König«, stellte Celeste klar und sah ihn stirnrunzelnd an. »Du kannst mich nicht fragen, ob ich dich heirate.« Bedauern schien in ihren karamellfarbenen Augen zu liegen. Damit sah sie so verletzlich und umso zauberhafter aus. Genau wie er selbst trug sie bereits die Kleider für die Krönungszeremonie. Dunkelgraue Seide umhüllte ihren Körper, die mit weißen Stickereien und Glitzersteinen verziert war. Er trug Schwarz und Gold. Die Farben eines Königs.

Nates Mundwinkel zuckte. »Dann trifft es sich ja gut, dass ich dich gar nicht fragen wollte.« Er bemerkte den verwirrten Gesichtsausdruck der Priesterin und lachte leise.

Dann öffnete er den Verschluss der Kette und legte sie um ihren Hals. In der Öffentlichkeit durfte sie seinen Ring noch nicht tragen, zumindest nicht am Finger. Aber die Kette erlaubte es ihm, sie bereits als die Seine zu betrachten.

Celeste griff nach dem goldenen Ring und hielt ihn hoch.

»Der Stein hat die Farbe deiner Augen«, sagte sie leise und wog ihn im Licht. Nate nickte. Er wusste, dass sie seine Augen mochte, auch wenn er lieber einen Stein in der Farbe ihrer Augen gewählt hätte.

»Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich standesgemäß um deine Hand anhalten, aber für den Moment muss dir mein Versprechen reichen, dass du die Eine für mich bist. Ich will, dass du die Königin an meiner Seite wirst und Sirion mit mir zusammen regierst.«

Allein würde er das niemals schaffen. Nur mit dem Rotschopf an seiner Seite würde er diese Herausforderung meistern.

Celeste betrachtete den Ring in ihrer Hand noch immer. Nate hielt den Atem an und streckte die Hände nach ihr aus. Behutsam streichelte er ihre Wangen, bis sie den Blick hob. Ihre Augen glitzerten feucht, doch sie weinte nicht.

»Ich hätte niemals erwartet, solche Worte aus deinem Mund zu hören.« Sie lächelte ihn an und ließ den Ring im Ausschnitt ihres Kleides verschwinden. »Warum gibst du mir dieses Versprechen hier?«

Nates Blick wanderte zu dem goldenen Diadem. »Weil das eines Tages deine Krone sein wird. Und da ich sie dir jetzt noch nicht schenken kann, fand ich es passend.« Unsicher blickte er von der Krone zu Celeste. Dann biss er sich auf die Zunge. »Du hast mir noch nicht geantwortet.«

Sie hob eine Augenbraue. »Du hast mich nicht offiziell gefragt, was sollte ich dir also antworten?« Ihre Augen blitzten auf, als sie ihn herausfordernd ansah.

Lachend schüttelte Nate den Kopf. Er griff nach ihrem Kinn und zog sie blitzschnell an sich. Seine Lippen fanden ihre und er besiegelte sein Versprechen mit einem leidenschaftlichen Kuss. Celeste schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn noch näher zu sich heran. Ihre große Zuneigung, die er deutlich fühlen konnte, verstand er als positive Antwort auf seine nicht gestellte Frage.

***

Celeste

Ihr Herz schlug ungewöhnlich schnell, während sie sich auf ihren Platz in der ersten Reihe setzte. Die Septe von Isaahn war prunkvoll geschmückt. Gold gefärbte Lilien waren an den Bänken angebracht und überall standen Blumenarrangements und verbreiteten einen lieblichen Duft. Doch Celeste wagte zu bezweifeln, dass Nathaniel auch nur irgendetwas von der aufwendigen Dekoration wahrnehmen würde.

Die Priesterin legte eine Hand auf ihr klopfendes Herz. Dabei spürte sie die feingliederige Kette, an der Nathaniels Ring hing. Wenn sie einen Moment benennen müsste, in dem sie absolute Glückseligkeit empfunden hatte, dann wäre es der: Als Nate ihr das Versprechen gegeben und ihr den Ring um den Hals gelegt hatte. Da hatte sie nicht anderes gefühlt als pures und unbändiges Glück.

»Du strahlst so«, flüsterte Linnéa neben ihr und schenkte ihr ein Lächeln.

Celeste sah erstaunt auf. »Ach, wirklich?« sie fuhr mit den Fingern über die Kette, die binnen Sekunden zu ihrem wertvollsten Besitz geworden war.

Die Tochter des Waldes nickte. »Deine Augen funkeln regelrecht und eine leichte Röte liegt auf deinen Wangen.«

Ihre Mundwinkel zuckten, als Celeste sich das Bild vorstellte, das Linnéa beschrieb. Die Maske, die sie ihr Leben lang getragen hatte, war mit jedem Tag, an dem Nathaniel an ihrer Seite war, mehr und mehr von ihr abgefallen. Celeste war es nicht gewohnt, ihre Gefühle offen zu zeigen, doch in diesem Moment konnte sie offenbar nicht anders. Sie konnte ihre Freude, ihr Glück nicht verbergen.

Als eine Fanfare ertönte, erhoben sich alle Anwesenden und Celeste kehrte in die Wirklichkeit zurück. Sie fuhr über den zarten Stoff des Kleides, das sich um ihre Hüften bauschte. Makena hatte ihr das graue Kleid geschneidert, das die Schultern frei ließ und dessen Ärmel bis zu den Handgelenken eng anlagen. Zwischen ihren Brüsten hing die goldene Kette und verschwand in der engen Korsage, die ihre Taille betonte.

Direkt vor dem Altar stand Yakim, der hohe Septon, und erwartete mit einem Lächeln Nathaniels Ankunft. Vor ihm auf einem samtenen Kissen lag die goldene Krone, die noch wenige Wochen zuvor auf dem Haupt von Miro gesessen hatte. Bald würde Nathaniel sie tragen.

Celeste saß mit den drei anderen Priesterinnen in der ersten Reihe, neben ihnen auf der anderen Seite des Mittelgangs hatten die Mitglieder von Nathaniels Hofstaat Platz genommen. Elio, Lord Adrians Sohn und Celestes ältester Freund, saß direkt am Gang. Daneben Kiah, dessen blendendes Aussehen vermutlich in genau diesem Moment wieder etliche Frauenherzen höherschlagen ließ. Zuletzt kam Noah, Lord Karims Sohn und damit der Halbbruder von Nate. Die beiden hatten ihre Schwierigkeiten miteinander gehabt, als das Geheimnis um Nates Vater gelüftet worden war, doch mittlerweile hatten sie sich mit der Vergangenheit einigermaßen ausgesöhnt und einander angenähert. Sie alle waren herausgeputzt für das wohl wichtigste Ereignis des Jahrzehnts. Eine weitere Fanfare erklang und die schweren, mit Gold verzierten Türen öffneten sich. Die Tochter des Himmels drehte sich um. Ein Raunen ging durch den Saal, als Nathaniel die Septe betrat.

Seine schlanken, aber muskulösen Beine steckten in schwarzen Lederhosen und wurden von kniehohen Stiefeln abgerundet. Um seine Schultern lag ein golden bestickter Mantel, der bis zum Boden reichte und dessen Kragen weißer Pelz zierte. Die weiten Ärmel des schwarzen Seidenhemdes darunter kamen bei jedem Schritt zum Vorschein. Celeste wusste, dass Nate zwischen Hemd und Mantel noch eine prunkvolle goldene Weste trug.

Ein Grinsen umspielte seine vollen Lippen und Celestes Hände wurden feucht, als sie daran dachte, wie innig sie diesen Mund noch vor kurzer Zeit geküsst hatte.

Während die anwesenden Gäste den Prinzen und zukünftigen König bewunderten, bekam Celeste bei seinem Anblick weiche Knie.

Nathaniel schritt durch den Mittelgang nach vorne, begleitet von den sanften Tönen eines Streichorchesters und dem runden Gesang eines Chores. Er wirkte erhaben, als wäre er nur für diesen Moment geboren worden. Sein Auftreten strahlte Macht aus. Keine Spur mehr von dem jungen Mann, der ihr in einer Gasse in Samara aufgelauert hatte. Mit staubiger Kleidung, ungehobeltem Benehmen und einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen. Das Einzige, was gleich geblieben war, war besagtes Grinsen.

Als er an Celeste vorbeischritt, zwinkerte er ihr zu und sie musste schmunzeln. Selbst in einer solchen Situation konnte er nicht ernst bleiben. Und das liebte sie an ihm.

Als Nate vorne angekommen war, verstummte die Musik und Yakim ergriff das Wort.

»Nach jedem Sturm, erkämpft sich die Sonne wieder ihren Platz am Firmament. Sirion hat eine dunkle Zeit hinter sich, doch die Trauer endet heute. Wir küren einen neuen König und vertrauen auf seine Weisheit und seine Stärke.«

Die Stimme des Septons hallte durch den Saal und auf Celestes Körper breitet sich eine Gänsehaut aus. Als Yakim, der hinter dem Altar nach Norden gewandt stand, nickte, erhoben sich die Septas des Landes und stellten sich entsprechend ihren Provinzen auf. Keziah, die Septa von Silvina, stand in östlicher Richtung. Im Süden standen Mara und Zahira nebeneinander, die Sirena und die Insel Sohalia repräsentierten. Im Westen stand Simea, stellvertretend für ganz Samara.

Die Zeremonie begann im Osten, dem Lauf der Sonne folgend. Auch wenn Celeste noch nie bei einer Krönung zugegen gewesen war, wusste sie genau, wie sie ablaufen würde. Stundenlang hatten sie und die anderen Priesterinnen unter Yakims Aufsicht die Abfolge der Krönung geübt. Nun sah sie dabei zu, wie Nathaniel sich zu Keziah umdrehte. Diese lächelte ihn an, obwohl ihr anzusehen war, dass sie versuchte, ernst zu bleiben.

»Septas von Sirion, ich zeige Euch hiermit Nathaniel, Euren unumstrittenen König«, ertönte Yakims Stimme. »Wir sind hier zusammengekommen, um unsere Huldigung und unseren Dienst zu tun. Seid Ihr willens, dies zu tun?«

Nun blickte auch Yakim Keziah an, die ihrerseits in eine tiefe Referenz versank.

»Die Götter schützen unseren König Nathaniel«, sprach sie mit klaren Worten. Nach ihrem Eid ertönte eine Fanfare.

Celeste lächelte bei diesen Worten. Es war endlich so weit.

Sie musste an ihr Kennenlernen mit Nathaniel zurückdenken und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er war nicht mehr derselbe Mann wie damals. Er war gewachsen. Nicht körperlich, aber seelisch.

Mit zittrigen Händen verfolgte Celeste, wie Zahira, Mara und Simea Nathaniel ihre Treue schworen. Der erste Teil der Krönungszeremonie war überstanden. Jede Provinz des Landes hatte einen Treueschwur auf den König abgelegt, repräsentiert durch ihre Septas.

Nun folgte der Eid des Königs. Dafür musste Nathaniel auf die Annalen der Götter schwören, die Yakim bereits in den Händen hielt. Mit Yanis Hilfe, der den schweren Mantel hielt, kniete Nate nieder.

Celeste hörte das Blut in ihren Ohren rauschen, als Nate seine rechte Hand auf den Kodex legte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Nate in diesem Augenblick empfand. Sie selbst war so aufgeregt und nervös, als wäre sie es, die man gerade zum Oberhaupt krönte.

Yakim lächelte zu Nathaniel hinab. »Wollt Ihr geloben und schwören, das Volk von Sirion nach den Gesetzen und Gebräuchen der Götter zu regieren?«

Celeste schluckte schwer. Es kam ihr seltsam vor, diese Krönung mit anzusehen, wenn sie daran dachte, dass auch sie bald dort oben stehen würde. Zumindest, wenn Nate sein Versprechen hielt. Aber das bezweifelte Celeste nicht.

»Ich gelobe, dies zu tun«, verkündete Nathaniel. Seine Stimme war fest und ließ keinen Zweifel zu. Celeste war so stolz auf ihn. Binnen weniger Monate war aus einem ungläubigen Dieb ein verantwortungsbewusster Prinz geworden, der sich für sein Land und dessen Volk einsetzte. Und nun wurde er zum König gekrönt.

Der Septon nickte und fuhr mit der Verlesung des Eides fort.

»Werdet Ihr Eure Macht für Gerechtigkeit und Schutz einsetzen?«

»Das werde ich tun.«

Celeste sah zu Linnéa, die mit einem breiten Lächeln neben ihr stand. Als diese den Blick der Himmelstochter bemerkte, lächelte Linnéa sie an und griff nach Celestes Hand. Die Berührung von Linnéas Fingern beruhigte ihr viel zu schnell schlagendes Herz.

»Werdet Ihr die Gesetze der Götter bewahren und Eure schützende Hand über die Ordensanhänger dieses Landes und die Tempel, die ihrer Verantwortung übergeben wurden, halten?«, stellte Yakim die letzte Frage des Treueschwurs.

»All das gelobe ich zu tun«, war Nathaniels Antwort. Bei diesen Worten drückte Celeste fest Linnéas Hand.

Die Zeremonie war noch nicht vorbei. Der wohl wichtigste Teil kam erst: Der Schwur auf die Annalen der Götter sowie die Salbung des Königs.

Yakim hielt Nathaniel das aufgeschlagene Buch hin. »Hier sind die Weisheiten unserer Götter. Dies ist das königliche Gesetz, das lebendige Wort der Götter.«

Celeste hielt den Atem an, während Nathaniel die aufgeschlagenen Buchseiten küsste. Er hatte den Eid geleistet. Es fehlte nicht mehr viel und er war der neue regierende König von Sirion.

Der Septon tunkte seine Finger in eine goldene Schüssel, in der warmes Öl war, und fuhr damit Nathaniel über die Stirn. Anschließend über seine rechte Handinnenseite. Die Stelle, an der die Götter ihn mit der Triskele gezeichnet hatten.

Nach der Salbung stand Celeste auf. Es war an der Zeit für die Darreichung der königlichen Insignien, die immer durch die Priesterinnen des Landes überreicht wurden. Gefolgt von den anderen Gotteskindern ging Celeste auf den Altar zu, auf dem die Insignien gerade von Yakim gesegnet wurden.

Das Gefühl, Teil dieser Krönung zu sein, war nicht zu beschreiben. Celeste würde es niemals vergessen, da war sie sich sicher.

Linnéa machte den Anfang. Yakim überreichte ihr den Reichsapfel. Eine goldene, reich verzierte Kugel, auf der eine Triskele thronte. Sie symbolisierte den Bund zwischen König und Land.

»Ich, Linnéa, Priesterin von Silvina und Tochter des Waldes, schwöre Euch meine Treue mit Leib und Seele. So wahr mir die Götter helfen.« Sie händigte Nate den Reichapfel aus und küsste ihn auf die linke Wange, so wie es die Tradition verlangte.

Celeste glaubte, die Worte im Schlaf zu beherrschen, so oft hatten sie sie vor Yakim wiederholen müssen.

Malia ging nach vorne und griff ehrfurchtsvoll nach dem mit Juwelen verzierten Schwert, das für den Schutz des Glaubens stand. Auch sie sprach die Worte und schwor damit Nathaniel ihre Treue.

Als Nächstes folgte Celeste. Sie trat auf den Altar zu und nahm den goldenen Siegelring von Yakim entgegen. Eine Sonne war in das Schmuckstück eingraviert und diente als Siegel des Königs. Sie steckte Nate den Ring an den rechten Ringfinger. Als sie seine Haut berührte, überkam sie ein wohliger Schauer. Sie hob den Blick und begegnete Nathaniels grünen Augen. Ein Lachen lag in ihnen und Celeste musste sich zusammenreißen, nicht dämlich zu grinsen.

»Ich, Celeste, Priesterin von Samara und Tochter des Himmels, schwöre Euch meine Treue mit Leib und Seele. So wahr mir die Götter helfen.«

Obwohl sie von Nervosität geplagt wurde, klang ihre Stimme entschlossen. Sie beugte sich vor. Nathaniels Duft drang ihr entgegen und Celeste schloss die Augen. Ihre Lippen berührten zaghaft seine Wange und als sie sich von ihm löste, sah sie Nathaniels Lächeln.

Sie trat zurück in die Reihe der Priesterinnen und sah dabei zu, wie Selena Nathaniel das Zepter übergab. Ein Symbol, dass das Gesetz der Götter widerspiegelte. Als die Tochter des Mondes ihren Eid sprach und sich nach vorn beugte, um Nate auf die Wange zu küssen, verharrten ihre Lippen einen Moment zu lange an dieser Stelle, als es dem Ritus entsprach. Celeste kniff nervös die Augen zusammen und wurde erst wieder ruhiger, als Selena sich von Nathaniel löste. Doch nicht, ohne ihn dabei für alle Augen sichtbar anzustrahlen.

Erneut ertönte eine Fanfare, während der Nathaniel sich erhob. Geschmückt mit den Reichssymbolen des Landes. Der neue König von Sirion. Nur noch eines fehlte: Der Septon griff nach der goldenen Krone und setzte sie auf Nathaniels Kopf.

Celeste hielt den Atem an, als Yakim laut die entscheidenden Worte ausrief: »Lang lebe der König.«

Ihre Augen wurden bei diesen Worten feucht und ihr Herz zersprang beinahe vor Stolz und Glück. Nathaniel war König. Von jetzt bis zur Ernennung eines neuen Sohnes der Sonne.

»Geführt von Mut und Stärke«, sagten alle Anwesenden im Chor. Celestes eigene Stimme ging darin unter. Es war der Abschluss der Zeremonie. Sirion hatte endlich einen neuen König.

***

Nathaniel

Mit klopfendem Herzen stand Nate vor den Türen zu seinen neuen Gemächern. Den Gemächern des Königs. Es war seltsam, dass man von ihm erwartete, die Räumlichkeiten zu wechseln, nur weil er jetzt offiziell König von Sirion war. Und es behagte ihm ganz und gar nicht, wenn er daran dachte, wem sie zuvor gehört hatten. Seine Finger zitterten, als er die Türklinke nach unten drücke und den Raum betrat. Es war ein Salon mit einer Sitzecke und einem Schreibtisch. Nate atmete tief ein und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Es roch nach Miro. Nach dem Salz des Meeres, nach frisch gefallenem Regen und Geborgenheit.

Langsam lief er durch den Raum auf die angrenzende Tür zu, die zum Schlafzimmer führte. Ein beklemmendes Gefühl erfasste Nate, es war, als würde er in Miros Privatsphäre eindringen. Doch von heute an waren es seine Räumlichkeiten. Daran musste er sich noch gewöhnen.

Das Bett war frisch bezogen und der Duft nach gewaschener Wäsche hing in der Luft. Nate ging auf das Bett zu, auf dem eine kleine, hölzerne Kiste stand. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er sie. In ihren Deckel war eine Triskele geschnitzt.

»Was ist das?«, fragte er sich leise selbst. Seine Finger tanzten über die geschwungene Linie der einzelnen Koten der Triskele. Dann öffnete er den Deckel vorsichtig. Zum Vorschein kamen Briefe, die das königliche Siegel trugen. Eine Sonne, die jedoch in der Mitte gebrochen war, da jeder einzelne Brief bereits geöffnet worden war.

Nate griff nach den Papieren. Einige waren vergilbt und durchscheinend. Sie sahen alt aus. Neugierig nahm Nate die obersten drei Briefe heraus. Auf dem ersten stand in einer etwas krakeligen Handschrift:

Juri, König von Sirion von 700 – 750 nach Isaahn, geboren in Silvina. Verheiratet mit Naida, Priesterin von Sirena.

Es waren Angaben, wie sie in jedem Geburtenregister gemacht wurden. Die Zeitspanne der Regentschaft, ausgehend vom Gründungsjahr von Sirion, dem Jahr der Bestimmung des ersten Sohnes der Sonne: Isaahn. Nate hatte von König Juri noch nie gehört, aber ihn interessierte die Geschichte von Sirion auch nicht sonderlich. Daher griff er direkt nach dem nächsten Brief. Die Handschrift dieses Königs erinnerte ihn an seine eigene. Nicht unleserlich, aber als schön konnte man sie auch nicht beschreiben.

Lucian, König von Sirion von 750 – 800 nach Isaahn, geboren auf Sohalia. Verheiratet mit Sora, Priesterin von Samara.

Bei diesen Zeilen wurde Nate kurz stutzig. Ein König, der von der verfluchten Insel stammte. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass vor dem Verschwinden von Göttin Selinda jedermann Zutritt zur Insel Sohalia gehabt hatte. Selbst Ilias hatte offenbar einen Sohn der Mondsichelinsel erwählt.

Dann übersprang Nate einige Briefe. Bis er die Dokumente von vor einhundert Jahren erreichte.

Ravi, König von Sirion von 900 – 950 nach Isaahn, geboren in Solaris. Verheiratet mit Soley, Priesterin von Silvina.

Ravis Name war der einzige, von dem Nate bereits gelesen hatte. Er war der vorletzte König von Sirion gewesen. Das bedeutete … Sein Herzschlag beschleunigte sich. Mit flinken Fingern zählte Nate die Briefe. Es waren exakt zwanzig Stück. Zwanzig Briefe, niedergeschrieben von den Königen dieses Landes. Jemand anderes hätte vielleicht nach dem Brief von Isaahn gesucht, dem ersten König von Sirion, der von den Göttern persönlich in sein Amt berufen worden war. Doch Nate interessierte er nicht. Er griff nach einem Brief, dessen Umschlagpapier beinahe so weiß war wie das Bettlaken.

»Miro …«, flüsterte er leise und strich behutsam über den Umschlag. Wehmütig las er die Worte, die darauf standen.

Miro, König von Sirion von 950 – 1000 nach Isaahn, geboren in Sirena. Verheiratet mit Nanami, Priesterin von Sirena.

Nates Kehle wurde trocken und seine Finger begannen zu zittern. Miro hatte gerade eben noch das tausendjährige Bestehen Sirions miterlebt. Und war in derselben Nacht getötet worden.

Als er den Brief umdrehte, prangte auch dort das königliche Siegel. Nur war es nicht gebrochen. Nate zögerte. Er wusste nicht, was ihn erwartete, wenn er Miros Worte las. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nichts von dieser Kiste, in der wohl der kostbarste Schatz des ganzen Landes aufbewahrt wurde, gewusst. Die Annalen der Götter mochten wertvoll sein, waren darin doch die Worte der Gottheiten Sirions versammelt. Doch hier lagen die Worte wahrer Männer vor ihm, die ihr ganzes Leben einem Land und dessen Bewohnern verpflichtet hatten.

Der neu ernannte König atmete tief durch, bevor er das Siegel in der Mitte brach und den Brief aus dem Umschlag befreite. Miros feinsäuberliche Schrift erkannte er sofort.

Auf Nates Brust drückte ein Gewicht, das ihn drohte niederzudrücken. Miro hätte heute bei ihm sein sollen. Er hätte es sein müssen, der die Krone Sirions auf Nates Haupt setzte. Doch er hatte es nicht tun können. Er hatte ihn allein gelassen.

Mit den Fingern fuhr Nate über die Zeilen des Briefes, die vor seinen Augen ineinander verschwammen.

Dieser Mann … hinterlässt mir ein solches Vermächtnis. Wie soll ich jemals so werden wie er?, grübelte Nate. Kurzentschlossen las er die erste Zeile.

An den Sohn der Sonne.

Seine Brust schnürte sich zu und Nate bekam kaum noch Luft. Es waren die letzten Worte, die Nate jemals von Miro lesen würde, auch wenn sie laut dem Datum oben in der Ecke bereits vor einigen Jahrzehnten niedergeschrieben worden waren.

Nur zu gern würde ich dich mit Namen ansprechen, aber du bist noch nicht einmal geboren worden. Als König von Sirion ist es binnen meiner Lebenszeit meine Aufgabe, dieses Land zu regieren, es zu schützen, mitsamt jedem Lebewesen darin. Im Vergleich dazu, dir diesen Brief zu schreiben, erscheint mir das gerade noch vergleichsweise einfach. Die Ratschläge meiner Vorgänger haben mich durch manch missliche Lage geleitet und ich hoffe, dass auch meine Worte dir eines Tages weiterhelfen werden.

Ohne es zu wollen, hoben sich Nates Mundwinkel. Auch wenn ihm der Miro, der diese Zeilen niedergeschrieben hatte, weitestgehend unbekannt war, hatte er doch bereits als junger Mann diesen unverkennbaren Humor besessen.

Es ist nicht einfach, als gewöhnlicher Junge das Herz einer ungewöhnlichen Frau zu erobern, die ihr Leben lang schon etwas Besonderes ist. Ich weiß nicht, woher du stammst oder wie dein Leben bis hierhin verlaufen ist, aber ich kann dir versichern, dass jeder deiner Schritte, jede deiner Entscheidungen genau richtig war. Denn hättest du nur ein einziges Mal einen anderen Weg eingeschlagen, würdest du heute nicht diese Zeilen lesen.

Ein bitteres Lachen verließ Nates Kehle. Er hatte Miro nie von seiner Vergangenheit erzählt oder den unaussprechlichen Taten, die er begangen hatte. Doch Miro war ein schlauer Mann gewesen, der viel zwischen den Zeilen gelesen und große Empathie besessen hatte. Vielleicht hatte er sich denken können, dass Nate nicht zu den Guten gehört hatte. Und möglicherweise auch niemals ganz gehören würde.

Ich habe viele Fehler in meinem Leben als Prinz und als König gemacht, die schwer auf meiner Seele lasten. Ich habe falsche Entscheidungen getroffen. Als König musst du dich immer zwischen deinem Land und deinem Herzen entscheiden. Ich habe mich für mein Land entschieden. Seit meiner Regentschaft ist Frieden in Sirion eingekehrt und darauf bin ich stolz. Doch der Preis für diesen Frieden war hoch. Es war mein eigenes Glück.

Nates Lippen zitterten und er überlegte, den Brief wegzulegen. Miro sprach über Iolana, die Priesterin von Samara und Celestes Vorgängerin. Er hatte sie geliebt. Doch das Land und die Pflicht hatten ihnen im Weg gestanden. Es waren Miros tiefste Gefühle, die er hier niedergeschrieben hatte, und Nate wusste nicht, ob er sie lesen wollte. Doch am Ende siegte seine Neugierde.

Ich habe die Liebe gegen die Pflicht getauscht, weil man es so von mir verlangt hat. Was ich tat, war ein notwendiges Opfer. Ich hoffe, dass du dich niemals in der Lage wiederfinden wirst, dass du zwischen Liebe und Pflicht wählen musst. Als König muss ich dir den Rat geben, Sirion immer an die erste Stelle zu setzen, doch als Mann kann ich dir das nicht empfehlen. Du magst nun König sein, doch du bist noch immer ein Mensch. Folge deinem Herzen, ich war immer der Meinung, dass es den richtigen Weg kennt.

Nate lachte leise. Es war Miro durch und durch. In jeder einzelnen Zeile lebte der Geist des verstorbenen Königs.

»Ich brauche Euch hier. Allein werde ich das nicht schaffen. Diese Krone ist zu schwer für mich, die Last zu groß.« Nates Stimme brach am Ende des Satzes, den er in den leeren Raum hineinsprach.

Wenn du diese Zeilen liest, sind viele Jahre seit meiner Thronbesteigung vergangen und meine Zeit als König ist vorbei, während deine beginnt. Ich hoffe, dass ich dir zur Seite stehen und dir bei deinem Kampf gegen deine eigenen Zweifel, Ängste und Dämonen helfen kann.

Bittere Galle breitete sich in seiner Kehle aus und Nate ballte die Hand, die den Brief hielt, zur Faust. Das Papier zerknitterte. Miros Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen. Er war nicht mehr hier, um Nate zur Seite zu stehen. Nate war auf sich allein gestellt. Ohne den Rat seines erfahrenen Freundes.

Egal, welche Art von König du sein wirst, wisse, dir gebührt mein Dank, mein Respekt und meine Liebe.

Für immer, Miro

Die letzten Worte las Nate verschwommen durch einen Tränenschleier. »Wie konntet Ihr mich nur allein lassen? Ich brauche Euren Rat.« Wie ein kleines Kind wischte er sich wütend und grob die Tränen vom Gesicht. Miro war stolz auf ihn gewesen. Das waren die letzten Worte des Königs gewesen, bevor er in seinen Armen verstorben war. Sie nun hier zu lesen, niedergeschrieben lange, bevor sie sich überhaupt begegnet waren, erinnerten Nate nur umso schmerzlicher daran, dass Miro tot war.

Sein Blick fiel auf die restlichen Briefe. Keiner von ihnen würde ihm weiterhelfen können. Er brauchte Miro. Die anderen Könige waren ihm gleichgültig. Er hatte sie nicht gekannt und die Briefe würden daran nichts ändern können.

Miro hatte ihm geraten, auf sein Herz zu hören. Bei diesem Gedanken schüttelte Nate den Kopf. Mic und Miro, die beiden Männer, die wohl den größten Einfluss auf Nate gehabt hatten, rieten ihm entgegengesetzte Dinge. Der eine wollte, dass er das Herz begrub, damit man ihm niemals würde Schaden zufügen können. Und der andere wollte, dass er seinem Herzen folgte.

Zu gern hätte er allein Miros Ratschlag angenommen. Wenn Nate seinem Herzen folgte, führte es ihn zu Celeste. Denn ihr allein gehörte es. Er konnte nur hoffen, dass ihre Verbindung aus Liebe dem Land die Sicherheit bieten konnte, die es so dringend brauchte.

Wenn er sein Herz aber begraben, seine Gefühle in den Hintergrund drängen würde, wie er es einst gelernt hatte, dann spürte er schon jetzt einen Widerstand in sich gegen seinen jetzigen Weg. Eine Ahnung, die ihm sagte, dass Liebe allein nicht ausreichen würde, um Sirion vor den Atheos zu beschützen.

Vielleicht, durchfuhr es ihn bitter in diesem Moment, würde es irgendwann von Vorteil sein, dass er im Grunde seines Wesens kein verliebter Narr, sondern ein manipulativer Mistkerl war.