Nathaniel
»Nun schau doch nicht so grimmig. Dieser Blick bereitet selbst mir schlechte Laune.« Ayla sah zu ihm hinab. Die Arme hielt sie vor der Brust verschränkt.
Nate hätte ihre Haltung gern nachgeahmt, doch seine Arme waren hinter dem Rücken gefesselt. Die Seile schnitten in sein Fleisch. Sadik hatte ganze Arbeit geleistet. Der Verbrecher, dem Nate zum ersten Mal gegenübergestanden hatte, hatte zwar dafür gestimmt, den König auf der Stelle zu töten. Doch Nate hatte Aylas Einfluss unterschätzt. Warum jemand wie Sadik, mit einem militärischen Hintergrund und Oberarmen so breit wie Baumstämme, auf jemanden wie Ayla hörte, die wirkte, als würde die nächste Böe sie von den Füßen reißen, war Nate schleierhaft. Und doch genoss die zierliche, dunkelhaarige Frau offenbar den Respekt aller anwesenden Atheos.
Nate sah sich in dem kleinen Raum um. Man hatte ihn unter Deck gebracht, wo er vor sich hin schmollte. Sein Plan war weitestgehend aufgegangen. Er hatte eine ganze Zeitlang Zahira, Mara und die anderen Ordensanhänger gegen die Atheos verteidigt, bevor sie sich ergeben mussten und man sie gefangen genommen hatte. Sein Plan, die Ordensanhänger zu befreien und ihnen zur Flucht zu verhelfen, war gescheitert. Nun waren sie alle Gefangene der Atheos. Zwei Tage waren seitdem vergangen. Zwei Tage, in denen er nichts Neues erfahren hatte, bis man ihn an diesem Morgen auf das Schiff gebracht hatte. Es war ein altes Handelsschiff, das die Atheos vermutlich gekapert hatten. Irgendwo im Schiffsbauch mussten sich auch die anderen Gefangenen befinden.
»Ich werde oben nach dem Rechten sehen. Damit du dich nicht langweilst, habe ich dafür gesorgt, dass du Gesellschaft hast«, verkündete Ayla und ging dann zur Tür. Sie warf ihm ein letztes gehässiges Grinsen zu, bevor sie dem Raum den Rücken kehrte und gleichzeitig jemand anderes ihn betrat.
Nate unterdrückte nur mit Mühe ein Fluchen. Er hatte recht gehabt. Zumindest damals, als er der Meinung gewesen war, dass Selena nichts mit den Atheos zu tun hatte. Doch jetzt stand sie vor ihm, rang unsicher die Hände und in ihren blauen Augen lag ein Schuldeingeständnis.
»Es tut mir leid, dass sie dich gefesselt haben«, wisperte sie. »Ich habe bereits versucht, Ayla davon zu überzeugen, dich loszubinden. Aber sie wollte nicht auf mich hören.«
Nate knurrte. Das war vermutlich auch besser so. Würde Ayla ihn losbinden, würde Nate sie noch im selben Augenblick töten.
»Wieso unterstützt du sie? Ayla ist eine Verräterin.« Er konnte Selenas Handeln nicht verstehen. Ayla hatte ihm gesagt, dass sie ihrer Schwester nichts von ihrer Zusammenarbeit mit den Atheos erzählt hatte. Selena hatte erst kurz vor dem Angriff der Atheos auf die Insel von der Kollaboration erfahren. Und dennoch stand sie nun hier.
Beinahe hilflos zuckte sie mit den Schultern.
»Sie ist meine Schwester. Sie war für mich da, als es sonst niemand war. Ohne sie wäre ich längst nicht mehr am Leben.«
Stirnrunzelnd sah er zu der blassen Frau auf.
»Mag ja sein, dass du dich ihr gegenüber verpflichtet fühlst, und das ehrt dich. Aber Ayla ist nicht auf deiner Seite, Selena.« Wessen Plan es war, die Gotteskinder zu töten, konnte schlecht auf der Seite einer Priesterin stehen. Das musste sie doch einsehen.
Ein zorniger Glanz trat in Selenas Augen und ein harter Zug legte sich um ihren Mund.
»Doch, das ist sie, Nate. Und das ist sie immer gewesen.«
Langsam schüttelte Nate den Kopf. Wenn es ihm gelang, Selena auf seine Seite zu ziehen, standen seine Chancen, sein Land zu retten, deutlich besser.
»Sie hat versucht, Celeste zu töten. Hörst du, was ich sage? Und vermutlich haben zahlreiche Menschen ihretwegen bereits ihr Leben lassen müssen.«
Welche Taten alle auf Aylas Rechnung gingen, wusste Nate nicht. Er konnte nur Vermutungen anstellen. Hatte sie bereits damals in Silvina zu den Atheos gehört und ihre Entführung befohlen? War der Befehl, das Dorf Aurora anzugreifen, ebenfalls von ihr ausgegangen?
Als er über die begangenen Taten der Atheos nachdachte, die er selbst miterlebt hatte, schnürte sich Nate die Kehle zu. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und bittere Galle stieg in ihm hoch. Hatte Ayla gar Miro getötet?
Sollte er jemals herausfinden, dass sie für den Tod des Königs verantwortlich war, würde er sie eigenhändig umbringen.
»Ich vertraue Ayla. Wenn sie jemanden getötet hat, dann hat sie dafür einen guten Grund gehabt. Und auch wenn ich es nicht gutheiße, dass sie Celeste, nun ja, aus dem Weg schaffen wollte, so hätte sie es doch für mich getan.«
Es klang wie eine Rechtfertigung. Nate sah auf. Zorn flackerte in seinen Augen. Den Mordversuch an Celeste hatte Ayla zwar für Selena geplant, aber auch sie war doch nur Mittel zum Zweck. Celeste stand Selena im Weg, wenn es darum ging, wer an der Seite des Königs regieren würde.
Die Tür wurde erneut geöffnet und nun betrat Sadik den Raum. Sein kahl rasierter Schädel ließ ihn noch brutaler wirken, als seine kräftige Statur es ohnehin tat. Und die Spirale, die an der rechten Seite tätowiert war, machte es noch schlimmer. Er sah furchteinflößend aus. Doch so schnell ängstigte sich Nate nicht. Er hatte schon schlimmeren Monstern gegenübergestanden.
»Der kleine König darf an die frische Luft«, ertönte Sadiks dunkle Stimme.
Nate kam nicht umhin, Ähnlichkeiten zwischen Sadik und Lady Marin zu suchen. Der Ministerin, die sich bereits vor Jahren von ihrem fehlgeleiteten Sohn losgesagt hatte. Doch bis auf die Augen – ein kühles Blaugrau – fand er keine. Nicht auf den ersten Blick. Marin besaß die typischen sirenischen Attribute, was das Äußerliche anbelangte: gebräunte Haut, dunkles Haar. Sadiks Hautton war deutlich heller. Und was seine Haare anging, konnte Nate nur Vermutungen anstellen.
Der König kniff die Augen zusammen. »Der Kleine«, wie er diese Bezeichnung hasste. Trotzdem stand er brav auf, als Sadik ihn von den Fesseln befreite und grob an der Schulter packte, um ihn an Deck zu bringen.
»Du kannst froh sein, dass Ayla beschlossen hat, dich am Leben zu lassen. Ich hätte dich auf der Stelle getötet, kleiner König.« Sadik bedachte ihn mit einem undurchdringlichen Blick. Er verriet nichts. Dieser Mann war Nate ein Rätsel. Seine Beweggründe, Teil der Rebellen zu sein, waren ihm schleierhaft, doch früher oder später würde Nate dieses Geheimnis lüften.
An Deck wartete Ayla bereits auf sie. Sie stand neben dem Kapitän, den Nate nicht kannte. Selena folgte ihnen zögernd. Sie schien sich zwischen all den Verbrechern nicht wohl zu fühlen. Ständig schaute sie über ihre Schulter und zuckte bei dem kleinsten Geräusch zusammen. Sie war nicht für das Leben einer Verräterin geschaffen. Dafür war sie zu zart. Langsam steuerte sie die untere Etage des Decks an.
Der Meereswind wehte Nate um die Nase. Er schmeckte Salz auf den Lippen und das Geschrei der Möwen übertonte das Rauschen der Wellen.
»Wohin bringt ihr mich?«, fragte er, sobald man ihn vor Ayla zum Stehen gebracht hatte.
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor ihre Augen gen Horizont wanderten. Zum Festland.
»Nach Hause. Der König wird in der Hauptstadt erwartet.«
Überrascht hob Nate eine Augenbraue.
»Du willst nach Solaris? Bist du verrückt? Da wimmelt es doch von Soldaten.« Vor den Toren seines Palastes in der Hauptstadt des Landes war ein Lager für Soldaten errichtet worden. Und Ayla wollte sich in die Höhle des Löwen begeben? Freiwillig!
»Das ist mir bewusst. Während meine Anhänger nach den Priesterinnen suchen und die Handelsrouten nach ihnen durchforsten, wirst du uns den Weg nach Solaris ebnen.« Sie bedachte ihn mit einem Lächeln, das auf andere freundlich wirken mochte, doch Nate erkannte die Zwietracht dahinter.
»Und was hindert mich daran, euch sofort auszuliefern?« So würde er die Pläne der Atheos zwar nicht erfahren, doch er hätte zwei hochrangige Mitglieder von ihnen, Ayla und Sadik, ausgeschaltet und unter Kontrolle. Zwei weniger. Doch weitere würden folgen.
Aylas Augen wurden schmal. Das Eis darin trat deutlich in den Vordergrund. Sie entfernte sich ein Stück vom Kapitän, damit er nicht jedes ihrer Worte mithören konnte, und sagte dann:
»Du weißt doch: Du bist nicht die einzige Person, die in unserer Gewalt ist. Und ich werde jede von ihnen töten, eine nach der anderen, solltest du dich mir widersetzen oder mich verraten.«
Sein Herz zog sich bei dieser Drohung schmerzhaft zusammen. Auf dem Schiff befanden sich etwa ein Dutzend Anhänger der Götter, Menschen, die er geschworen hatte zu beschützen. Ihr Leben durfte er unter keinen Umständen gefährden.
»Du bist die Ausgeburt des Bösen«, spuckte er Ayla entgegen.
Diese zuckte nur mit den Schultern.
»Ich habe gelernt, dass dir im Leben nichts geschenkt wird. Wenn du etwas haben willst, dann musst du dafür kämpfen.«
Die Art, wie sie diese Worte sagte, jagte Nate Schauer über den Rücken. Als triefe Gift aus jeder Silbe.
»Ich verstehe dich nicht, Ayla. Warum tust du das? So schlecht war dein Leben doch nicht.« Er kannte viele, die es schlechter getroffen hatte. Ayla und ihre Familie waren nicht so arm gewesen wie Nate und seine Mutter. Auch sie hatten schwere Zeiten durchlebt und es war nicht immer einfach gewesen. Doch in seinen Augen war ein Leben, das von Liebe und Familie erfüllt war, besser als manch anderes.
Ayla fuhr zu ihm herum, baute sich nun direkt vor ihm auf. Auch wenn sie ihm dabei nur bis zum Kinn reichte.
»Was weißt du schon von meinem Leben, Nate?«
Seine Augen wurden schmal.
»Deine Mutter hat dich geliebt und dir alles gegeben, was in ihrer Macht stand.« Aylas und Selenas Mutter war eine gütige und liebevolle Frau gewesen, die sich vorbildlich um ihre Töchter gekümmert hatte, trotz aller Entbehrungen. Sie hatte Nate vor all den Jahren angeboten, Samara mit ihnen zu verlassen. Doch er hatte sich dagegen entschieden. Im Nachhinein betrachtet war diese Entscheidung genau richtig gewesen. Wer weiß, ob er nicht ebenfalls zu den Atheos übergelaufen wäre, wenn er an Aylas Seite geblieben wäre.
»Das ist nicht wahr«, presste Ayla hervor. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
»Hast du gewusst, dass meine Mutter dem Hochadel angehört hat, bevor sie nach Samara ging?«
Verdutzt hielt Nate inne.
»Wovon redest du da?« Diese Geschichte war ihm gänzlich neu.
Ayla blickte zu Selena. Während Nate und Ayla in der Nähe des Kapitäns standen, der das Ruder fest in den Händen hielt, befand sich Selena eine Etage unter ihnen und lehnte an der Reling.
»Meine Mutter war das Enkelkind von König Ravi, Miros Vorgänger.«
Ravi, der Sonnenkönig. Nate hatte von diesem Mann gehört, nur flüchtig, aber er kannte genug Details, um zu sagen, dass er nicht in die Fußstapfen dieses Königs hätte treten wollen. Ravi sollte kurzsichtig gewesen sein und sich verschlossen haben gegenüber jedweder, wenn auch notwendiger, Veränderung. Unter seiner Herrschaft wäre beinahe ein Bürgerkrieg in Sirena ausgebrochen. Und von diesem König sollten Ayla und Selena abstammen?
Ayla achtete gar nicht auf Nate, der sie fragend ansah, sie erzählte einfach weiter.
»Ihr Vater, Ravis Sohn, hat sie verheiratet und um meinem Vater und diesem Leben zu entkommen, ging sie fort. Sie ertrug es nicht, dass sie als normaler Mensch, noch dazu als Frau, nichts zu sagen hatte. Ihr Großvater war der König und sein Wort war Gesetz. Was er wollte, bekam er auch. Selbst wenn der Preis dafür das Glück seiner Enkelin war. Die Gotteskinder nehmen sich, was sie wollen, sie tun, was sie wollen. Immer. Und wer zahlt den Tribut? Das Volk.«
»Woher weißt du das?« Während all der Zeit, in der Nate Aylas Mutter gekannt hatte, war nie ein Wort darüber verloren worden. Nicht einmal den kleinsten Hinweis hatte es gegeben, dass die Familie königliches Blut in sich trug.
»Sie hat es mir gesagt, kurz bevor sie starb. Selena und ich hätten ein unbeschwerliches Leben haben können. Wir hätten uns keinerlei Sorgen um Geld oder Essen machen müssen. Aber meine Mutter hatte entschieden, dass wir lieber in Armut leben sollten.«
Wie Ayla von ihrer Mutter sprach, gefiel Nate ganz und gar nicht. Aber es erinnerte ihn bitter an die Geschichte seines eigenen Lebens. Auch seine Familie väterlicherseits war wohlhabend und wäre er bei Karim aufgewachsen, hätte auch er nie Hunger leiden müssen.
»Sie wird ihre Gründe gehabt haben.« Ebenso wie Cara ihre Gründe gehabt hatte, Karim und Solaris zu verlassen. Nate hatte eingesehen, dass er nicht in der Position war, um seiner Mutter ihre Entscheidung vorhalten zu können. Genauso wenig wie Ayla.
»Mag sein.« Aylas Stimme klang kalt, doch in ihren Augen lag Bedauern. »Aber diese Gründe haben dazu geführt, dass ich Dinge tun musste, die eine junge Frau aus gutem Hause niemals hätte tun müssen.« In ihren Worten schwangen so viel Kälte und Abscheu mit, dass Nate sie entsetzt ansah.
Er erinnerte sich an Selenas Worte, dass Zahira ursprünglich vorgehabt hatte, Ayla zu berufen. Damit wäre Ayla die Priesterin von Sohalia und Tochter des Mondes geworden. Doch es war anders gekommen.
»Was hast du getan?«, fragte Nate unwillkürlich und sehr direkt nach.
Ayla drehte sich plötzlich zu ihm um. Ihre gletscherblauen Augen stachen regelrecht und Nate war es, als könne er bis in ihre Seele blicken. Was er dort fand, war nichts als Schrecken und Dunkelheit.
»Wie, glaubst du, haben Selena und ich nach dem Tod unserer Mutter überlebt? Wie haben wir Geld verdient?« Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Ihre Haare wurden vom Wind erfasst und schlugen ihr ins Gesicht.
»Ich weiß es nicht«, gestand Nate. Er hatte bisher keinen Gedanken daran verschwendet, was mit Ayla und Selena nach dem Tod ihrer Mutter geschehen war. Er hatte eigene Probleme gehabt.
Aus Aylas Kehle drang ein freudloses Lachen.
»Du bist doch sonst nicht so naiv, Nate. Denk mal nach. Selena war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 15 Jahre alt. Sie war so klein, so unschuldig. Ich musste auf sie aufpassen und dafür sorgen, dass ihr nichts passierte.«
Nates Augen wurden schmal. Deutete Ayla gerade das an, was er vermutete? Die besondere Betonung auf dem Wort »unschuldig« machte ihn stutzig. Hatte sie sich etwa verkauft?
Er betrachtete sie eindringlich. Auch wenn sie stark, gefühl- und rücksichtslos wirkte – hinter dieser Fassade schien sich ein gebrochenes Mädchen zu verstecken, das Dinge hatte erleiden müssen, die zu viel für es gewesen waren. Dinge, die Ayla auf den Pfad der Dunkelheit getrieben hatten.
Nate erkannte nun klar, warum Zahira Ayla nicht als Priesterin auserwählt hatte. Sie hatte es schlicht nicht gekonnt. Jede berufene Gottestochter musste unschuldig sein, wie ein Neugeborenes, das sich noch keinerlei Schuld aufgeladen hatte. Selena war eine Jungfrau, unberührt und rein. Ayla war es nicht. Nate begann zu verstehen, wie Ayla zu dem Menschen geworden war, der sie heute war. Und die Gründe jagten ihm mehr Angst ein, als ihm lieb war. Menschen, die nichts zu verlieren hatten, würden vor nichts Halt machen, um das zu bekommen, wonach es sie verlangte.
***
Celeste
Das Gemurmel der Stimmen war in ihrem Kopf zu einem undurchdringlichen Surren geworden. Ihre Gedanken ließen nicht zu, dass ganze Sätze bis zu ihrem Verstand vorrückten. Nur endlose, aneinandergehängte Wörter, die für sie keinen Sinn ergaben, drangen an ihr Ohr und schlossen sich dem monotonen Surren an.
So ging es Celeste bereits seit Tagen. Genau genommen seit dem Moment, in dem sie Nathaniel auf der Insel Sohalia zurückgelassen hatte. Ein endloses Loch klaffte seitdem in ihrer Brust und Celeste wusste nicht, wie sie die Leere in ihrem Inneren jemals wieder schließen sollte. Als hätte sie einen Teil von sich selbst auf dieser Insel zurückgelassen und würde ihn niemals wiederbekommen.
Ihr Körper fühlte sich taub an. Sie aß und trank, was Simea oder Makena ihr vorsetzten, doch sie schmeckte rein gar nichts. Genauso gut hätte sie auf Pappe herumkauen können.
Celeste starrte hinab auf ihre Finger. Dreck zeichnete sich unter ihren Nägeln ab und sie erinnerte sich nicht genau daran, wann sie sich das letzte Mal gründlich gewaschen hatte. Seit einer Woche waren sie nun schon auf See. Und das rettende Ufer schien immer noch meilenweit entfernt zu sein. Sie hatten Sirena passiert und befanden sich in den Gewässern Richtung Westen. Das war das Einzige, was Celeste herausgehört hatte aus den unzähligen Gesprächen, die an Deck geführt wurden.
Ansonsten war sie nur mit dem Gespräch in ihrem Inneren beschäftigt: Die Kontrahenten waren ihr Herz und ihr Verstand. Ihr Herz glich einem abgestorbenen Klumpen, der sich nur mit größter Mühe am Leben hielt und sie mit einem Schmerz erfüllte, der Celeste immer wieder den Atem raubte. Ihr Verstand versuchte dagegen anzukämpfen. Versuchte sie daran zu erinnern, dass sie sich im Krieg befanden und keine Zeit für Herzschmerz war. Doch ihr Körper schien das nicht zu begreifen. Aber alles, was Celeste beschäftigte, war nun mal Schmerz. Sehr viel davon.
Nathaniel hatte sie angelogen. Und das monatelang. Am Anfang ihrer Beziehung hätte Celeste diese Lüge noch verstanden und ihm nachsehen können. Zu Beginn hatten sie sich ja nicht einmal gemocht. Doch nach dem Angriff auf den silvinischen Palast, nachdem er ihr mehrfach das Leben gerettet hatte, und nach ihrem ersten Kuss, spätestens da hätte er ihr die Wahrheit sagen müssen. Doch er hatte es nicht getan.
Ayla hatte mit allem, was sie über Nate gesagt hatte, recht gehabt. Er war ein Dieb, ein Schläger, ein Verräter und ein Mörder.
Vielleicht hatte Celeste am Anfang den richtigen Riecher gehabt. Damals hatte sie nicht verstehen können, warum Ilias, der Gott der Sonne, Nathaniel berufen hatte. Sie hatte nicht sehen können, was der Gott in dem jungen Mann sah, was einem König würdig sein sollte. Und jetzt fragte sie sich unweigerlich wieder: Was mochte das sein?
Nachdem sie nun die Wahrheit kannte, betrachtete Celeste jedes ihrer Gespräche, jede ihrer Berührungen in einem anderen Licht. Sie hatte in den Armen eines Mörders gelegen, hatte sich von der Hand berühren lassen, die vielleicht einen Mann getötet hatte. Hatte sich von den Lippen liebkosen lassen, die den Auftrag erteilt hatten, jemanden zu foltern und zu quälen.
Celeste kniff die Augen zusammen. Sie saß zusammengekauert, die Knie von ihren Armen umschlungen, auf dem Boden in ihrer Kabine unter Deck. Fest presste sie ihr Gesicht gegen die Knie. Tränen brannten in ihren Augen und sie versuchte ihr Möglichstes, um sie daran zu hindern, über ihre Wangen zu fließen. Sie durfte nicht weinen, egal, wie sehr sie litt. Es gab Menschen da draußen, die viel Schlimmeres durchgestanden hatten als sie. Celeste hatte kein Recht, wegen eines verletzten Herzens Tränen zu vergießen.
Die Tür zur Kabine öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Doch Celeste blickte nicht auf. Vermutlich war es Makena, die ihr etwas zu essen brachte, oder Simea, die nachsehen wollte, wie es ihr ging.
»Ihr seht armselig aus«, erklang da die Stimme von Nike. Doch es lag kein Bedauern in ihren Worten, viel mehr ein Vorwurf. Celeste reagierte nicht darauf.
Sie hörte, wie die Leibwächterin auf sie zukam und direkt vor ihr stehen blieb.
»Falls es Euch interessiert, wir werden demnächst in Samara anlegen und uns bis zu Eurem Palast durchkämpfen. Die wichtigsten Handelsrouten werden von den Atheos kontrolliert und Marco hat herausgefunden, dass sie bereits nach den Priesterinnen suchen lassen.«
Celeste hörte zwar Nikes Worte, doch sie waren ihr gleichgültig. Sie würden nach Hause gehen. An den Ort, wo alles angefangen hatte. Wo sie Nathaniel zum ersten Mal begegnet war und seine Lügen ihren Anfang gefunden hatten.
»Mylady? Hört Ihr meine Worte?« Nike knurrte beinahe.
Der Schmerz in Celestes Inneren übertönte alles. Sie saß in einem dunklen, tiefen Loch und drohte, davon verschlungen zu werden. Aber genau das war es auch, was Celeste wollte. Die Dunkelheit willkommen heißen. Dort gab es keinen Schmerz mehr, nur gähnende Leere, die ihr seltsamerweise Schutz zu bieten schien.
Ein Schnauben ertönte, dann wurde Celeste grob an den Schultern gepackt. Sie hob überrascht den Kopf. Auch wenn ihre eigenen Augen glasig waren, sah die Priesterin doch den Zorn in den blauen Augen von Nike. Dann schnellte Celestes Kopf zur Seite und gleichzeitig hallte in der Kabine das Echo einer schallenden Ohrfeige wider.
Der körperliche Schmerz trat nur wenige Millisekunden später ein, doch Celeste spürte ihn kaum. Ihre Wange musste feuerrot sein.
»Was ist aus der starken Priesterin geworden, die dieses Land als Königin regieren wollte?«, donnerte nun Nikes Stimme durch den kleinen Raum.
Celeste sah sie nur an. Sie hatte niemals Königin werden wollen. Sie hatte an Nates Seite stehen wollen. Mehr nicht. Das Amt der Königin war ihr egal. Nate hingegen war es nicht. Gewesen.
Nike ließ sich auf die Knie fallen und streckte die Hand nach Celeste aus. Die Priesterin zuckte zurück, erwartete die nächste Ohrfeige. Doch stattdessen griff Nike nach der Kette, die um Celestes Hals hing. Sie zog das feingliedrige, goldene Schmuckstück hervor und hielt es der Priesterin vor die Nase.
»Was ist das?« Nike wies auf den Ring, der im Lichtschein der Kerzen glänzte. Der grüne Stein war matt. Das Leben war daraus verschwunden, ein Spiegelbild von Celestes Seele.
»Er ist ein Versprechen, das Nate Euch gegeben hat. Eine Erinnerung daran, wem sein Herz gehört. Versteht Ihr das nicht?«
Doch, Celeste verstand jedes von Nikes Worten. Und sie wusste auch, was es mit dem Ring auf sich hatte. Doch das änderte nichts daran, dass sie dieses Versprechen von einem Mann bekommen hatte, den sie im Grunde nicht kannte. Der sie belogen und hintergangen hatte.
»Dieser Ring ist nicht nur ein Symbol dafür, dass Nate Euch liebt. Mit dem Ring habt Ihr auch diesem Land ein Versprechen geben. Es zu beschützen und im Notfall zu verteidigen. Dieser Notfall ist eingetroffen, verdammt noch mal!«
Celeste zuckte bei der Lautstärke von Nikes Worten zusammen. Lange betrachtete sie den schmalen Ring. Sie hatte dieses Geschenk angenommen, weil sie Nate liebte. Weil sie an seiner Seite sein wollte, komme, was wolle. Wirklich? Was auch immer?
So viel hatte sich verändert. Sie war sich nicht sicher, ob sie es tragen konnte. Langsam schüttelte sie den Kopf. Eine Träne rann ihr über die Wange.
»Ich kann nicht«, gestand sie leise. Celeste hasste es, Schwäche zu zeigen, doch von ihrer sonstigen Kraft war nichts übrig geblieben.
Nike sah sie eindringlich an.
»Doch, Ihr könnt. Und Ihr werdet.« Ihre Worte ließen keine Widerrede zu.
Celeste blickte auf den Ring, den Nike noch immer in ihrer Hand hielt, und nahm ihn ihr ab. Sie versteckte das Schmuckstück wieder unter ihrem Kleid.
»Ich fühle nur Schmerz. Ich hatte angenommen, ich wüsste, wie grausam Menschen sein können, aber ich lag falsch.«
Grausamkeit hatte viele Facetten. Gewalt, Verlust und Verrat. Nate hatte ihr jede einzelne dieser Seiten vor Augen geführt. Und nicht nur er. Auch Ayla und die Atheos. Die heile Welt, wie Celeste sie kennengelernt hatte, gab es nicht mehr. Hatte es vielleicht nie gegeben.
»Es gibt zwei Arten von Schmerz. Jener, der Euch wehtut, und jener, der Euch für immer verändert. Nate hat viel Schmerz erfahren und das hat ihn verändert«, sprach Nike leise. Dann trat ein Feuer in ihre Augen.
»Doch egal, was dieses Miststück Euch erzählt hat, er liebt Euch und er liebt dieses Land. Ebenso wie Ihr.«
Celeste sah auf. Begegnete dem Blick der Leibwache. Sie liebte Sirion, sie liebte die Menschen, die darin lebten und zu deren Schutz sie von den Göttern berufen worden war. Doch wenn sie in ihr Innerstes schaute, suchte sie heute vergebens nach ihrem Mut, nach ihrer Stärke und ihrem Kampfeswillen.
»Was soll ich bloß tun?«, fragte sie wie ein kleines Kind, das noch nicht mit dem nötigen Rüstzeug fürs Leben ausgestattet war und die Hilfe einer erfahrenen Person brauchte.
Nike griff nach ihren Händen. Im Vergleich zu ihren eigenen waren Nikes warm. Fest drückte die Leibwächterin ihre Finger.
»Kämpfen. Es ist das Einzige, was Euch bleibt.«
Das sagte sich so leicht. Celeste hatte für ihre gemeinsame Zukunft mit Nathaniel kämpfen wollen. Doch nun wusste sie nicht, ob das noch ihre Motivation sein konnte.
»Und wofür?«, fragte sie darum geradeheraus.
»Für die Zukunft, die Ihr Euch erhofft. Ihr seid doch eine Priesterin. Eure Aufgabe ist der Schutz aller Menschen, die hier leben. Kämpft für sie.«
Celeste schüttelte langsam den Kopf. Ihr wurde klar, dass es um eine andere Art des Kämpfens gehen würde, als sie gemeint hatte. Um das Kämpfen im tatsächlichen Sinne. Und so gern sie Nikes Worte als Motor verstehen wollte, es gelang ihr nicht.
»Ich kann doch gar nicht kämpfen.« Dazu war sie nicht erzogen worden.
Ein Lächeln breitete sich auf Nikes Gesicht aus. Die Härte verschwand aus ihren Zügen.
»Vielleicht nicht mit einem Schwert, aber Ihr könnt es mit Eurem Verstand. Ihr habt Mut in Eurem Herzen und Feuer in Euren Adern. Nutzt das, um dieses Land zu beschützen. Wie Ihr es auch für Nathaniel und Euch vorgehabt habt. Die Menschen hier brauchen Euch. Nicht eine Priesterin, die mit einem gebrochenen Herzen im Dunkeln kauert. Sondern eine zukünftige Königin, die wie eine Löwin für ihr Land und ihre Liebe in den Krieg zieht.«
Celeste biss sich auf ihre Unterlippe. Ein Brennen trat in ihre Augen und ihre Kehle schnürte sich bei Nikes Worten zu. Es stimmte: Sie war eine Priesterin. Berufen von den Göttern. Wenn sie nicht für die Menschen eintrat, wer tat es dann?
Entschlossen nickte sie und blickte Nike an. Diese zog sie auf die Beine, die Celestes Gewicht kaum mehr tragen konnten, so lange, wie sie auf dem Boden gesessen hatte.
Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und hob das Kinn.
»Dann wird es wohl Zeit, dass ich meine Zähne zeige.«
Ein Grinsen umspielte Nikes Lippen.
»Das wollte ich hören.«
Gemeinsam verließen sie die Kabine. Und genauso ließ Celeste in diesem Moment auch ihren Schmerz hinter sich. Es gab Bedeutenderes zu tun, als zu wehklagen.
Sie zogen in den Krieg. Und jede Armee brauchte schließlich einen Anführer. Der König war nicht bei ihnen, um diesen Platz einzunehmen, aber Celeste war es und sie würde dafür sorgen, dass sie sich nicht kampflos den Atheos ergaben.
***
Nathaniel
Fünf Tage waren seit ihrer Abreise von Sohalia vergangen. Fünf Tage, in denen Nate wie ein Sack Kartoffeln durch die Gegend geschoben wurde. Gerade saß er in einem Pferdegespann. Wo sie sich genau befanden, wusste Nate nicht. Die Planen des Wagens waren geschlossen und abgesehen vom Poltern, wenn sie über einen Stein fuhren, bekam er nichts von seiner Umgebung mit. Sie hielten an kleinen Flüssen und Bachläufen an und immer, wenn er den Wagen verließ, verband man ihm die Augen. Er vermutete, dass sie verschiedene Verstecke der Atheos aufsuchten, von denen er natürlich nichts erfahren sollte. Das Einzige, was er mit Sicherheit sagen konnte, war, dass sie seit ihrer Ankunft in Sirena mehr geworden waren. Bei jedem Halt schlossen sich ihnen mehr Menschen und Wagen an. Wie viele es inzwischen waren, konnte er jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen.
Da wurde die Plane zum Kutscher geöffnet und Ayla kletterte zu ihm in den Laderaum des Karrens. Nate drehte sich zur Seite. Ayla war die Letzte, die er sehen wollte. Doch aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie die Atheos lächelte.
»Wir sind beinahe am Ziel.«
Nate erwiderte nichts darauf. Er hatte versucht, etwas über die Pläne der Atheos zu erfahren, doch aus Ayla hatte er nichts herausbekommen. Nur das Ziel war ihm bekannt: Solaris. Es war äußerst riskant hierherzukommen und Nate bewunderte Ayla widerwillig für ihren Mut, den man leicht mit Torheit verwechseln konnte.
Sie setzte sich ihm gegenüber auf den Boden und starrte auf seine gefesselten Hände. Ein Grinsen umspielte ihre Lippen.
»Kommen wir nun zu deinem Teil der Geschichte«, fing sie an und strich sich durch die langen, schwarzen Haare. »In Solaris angekommen wirst du dem Volk verkünden, dass ein Komplott gegen dich im Gange ist, das zum Ziel hat, dich umzubringen. Ein Anschlag habe bereits stattgefunden, zum Glück konnte er vereitelt werden. Du wirst deinen Untertanen sagen, dass du weißt, wer dahintersteckt: die Priesterinnen. Und dass es ihnen auch gelungen sei, dass sich sowohl deine Berater als auch deine Höflinge von dir abgewendet haben.«
Das war ihr Plan? Nate hob eine Augenbraue.
»Das ist doch lächerlich. Warum sollten die Priesterinnen ein Komplott gegen mich schmieden?«
Auch die Bevölkerung von Solaris und ganz Sirion – denn eine solche Nachricht würde sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreiten – würde das infrage stellen. Sie kannte seine Priesterinnen und verehrte sie. Niemand würde ihm diese Geschichte glauben. Glücklicherweise.
Ayla zuckte mit den Schultern. »Die Gründe sind für die Geschichte irrelevant.« Sie betrachtete beinahe gelangweilt ihre Fingernägel. Äußerlich wirkte sie noch immer wie die vorbildliche Ordensschwester. Die Zofe der Tochter des Mondes, die pflichtbewusst an der Seite ihrer Herrin stand. Doch in ihrem Inneren hatte sie sich längst gewandelt, das wusste Nate jetzt. Die Dunkelheit hatte ganz von ihr Besitz ergriffen, fürchtete er. Und wenn Nate nichts unternahm, würde sie diese Dunkelheit nach außen kehren und mit ihren Lügen und ihren schrecklichen, rachsüchtigen Taten im ganzen Land verbreiten. Das würde Nate nicht zulassen.
»Und was bringt es dir, wenn ich von dieser erlogenen Geschichte berichte?« Er kam einfach nicht dahinter, was ihre Beweggründe und Pläne wirklich waren.
Das war es doch: Sie wollte an die Macht gelangen. Um jeden Preis. Warum tötete sie ihn dann nicht einfach? Ohne König wäre Sirion führungslos. Es würde eine ganze Weile Chaos herrschen. Bis zur Ernennung eines neuen Sohns der Sonne durch Ilias würde das Land fünfzig lange Jahre ohne König dastehen und die Atheos hätten Zeit, die Macht vollends an sich zu reißen. Der Legende nach konnte nur die Heirat zwischen dem König und einer Priesterin Sirion Frieden und Wohlergehen bringen. Nur wenn diese Ehe geschlossen wurde, würden die Götter Gnade zeigen und dem Land Harmonie bringen.
»Das Volk und vor allem deine Minister müssen glauben, dass du alles unter Kontrolle hast. So werden sie nicht misstrauisch, wenn in Solaris mehr bewaffnete Soldaten als üblich durch die Straßen patrouillieren. Und wenn sie nach den Priesterinnen suchen, die du selbst als Hochverräterinnen gebrandmarkt hast, haben sie keine Kapazitäten mehr, direkt vor ihrer Nase nach uns zu suchen.«
In Nates Körper breitete sich Wut aus, die er nur zu gut kannte. Und obwohl er einen klaren Kopf bewahren musste, hieß er sie willkommen. Nur die Wut auf Ayla und die Atheos hinderte ihn daran, sich Sorgen zu machen. Sorgen um das Volk, Sorgen um die Gefangenen und Sorgen um seine Freunde, von denen er nicht wusste, wo sie sich in diesem Moment befanden.
»Und dann? Wie geht dein genialer Plan weiter?«, blaffte Nate Ayla an. Sie sollte endlich mit der Sprache herausrücken! Nate war ihre Spielchen so leid.
»Deine Zeit als ungebundener König ist beinahe abgelaufen, du wirst bald eine Entscheidung treffen müssen. Wenn du willst, dass deine Freunde überleben, wirst du Selena heiraten.«
Nate erstickte beinahe an seiner eigenen Spucke. Was hatte sie da gerade gesagt? Aber natürlich! Er hätte selbst draufkommen können, schalt er sich jetzt. Aber er war darauf nicht vorbereitet gewesen und reagierte darum nicht besonders überzeugend.
»Bist du verrückt? Da mache ich nicht mit!« Niemals würde er Selena heiraten. Sie waren Freunde gewesen. In ihrer gemeinsamen Kindheit auch mehr als Freunde. Er hatte sie geliebt, das würde Nate nicht leugnen. Doch es war eine Liebe zwischen Kindern gewesen. Eine unschuldige Liebe, die niemals Früchte tragen würde. Nicht, seit er Celeste begegnet war und erfahren hatte, wie sich wahre, erwachsene Liebe anfühlte.
Aylas Augen wurden bei seinen Worten schmal. Das Eis darin kam zum Vorschein.
»Erinnere dich an meine Warnung: Weigere dich und ich beginne einen nach dem anderen abzuschlachten. Deine Freunde mögen in Sicherheit sein. Aber was ist mit Zahira, Mara … Soll ich wirklich weitermachen? Wir haben einige Menschen in unserer Hand, direkt in den Wagen, die hinter uns fahren. Menschen, denen du verdammt noch mal schuldig bist, sie zu beschützen.«
Ein Knurren verließ Nates Kehle. Es stimmte: Die Atheos waren in der Lage, ihm zu drohen. Er hasste sie dafür. Er hasste sein Leben in diesem Moment dafür, dass es ihn dazu verdammte, so eine große Verantwortung zu tragen. Es gab darin nun Menschen, deren Leben Nate nicht gefährden durfte. Sie vertrauten ihrem König und Nate durfte dieses Vertrauen, durfte ihr Leben nicht zerstören. Denn es gab eine Möglichkeit, es zu verhindern.
»Aber das nehmen sie mir niemals ab. Im Ernst: Es weiß doch bereits jeder, dass ich mich längst für Celeste entschieden haben.« Egal, wie sehr Celeste ihre Beziehung auch hatte geheim halten wollen, egal, ob es sich schickte oder nicht, Nate hatte seine Gefühle für Celeste nicht versteckt. Sich jetzt für Selena zu entscheiden, wäre ganz offensichtlich fingiert.
Doch Ayla schien das anders zu sehen. Ihre Mundwinkel zuckten.
»Mach dir darüber keine Gedanken. Du bist der König, dein Wort ist Gesetz. Wenn du deine Meinung änderst, werden manche deiner Untertanen vielleicht empört sein, aber damit wirst du ohnehin leben müssen. Du wirst es nie allen recht machen können.«
Nate hielt inne. Es fühlte sich so an, als würde Blei durch seine Adern fließen. Ein Gewicht legte sich auf seine Brust, das er nicht abschütteln konnte. Mit einer plötzlichen Heftigkeit fühlte er so eine große Müdigkeit in sich, die es ihm verbot, sich weiter entgegenzustellen. Er hatte versagt. Er würde nicht nur sein Volk verraten, er würde die Frau, die er liebte, verraten und sich selbst mit allem, was er aus wahrem Herzen gern besser gemacht hätte in seinem neuen Leben. Und das war noch nicht alles: Illias hatte ihn verlassen. Die ihm von dem Gott verliehene Gabe, Lügen seiner Mitmenschen zu erkennen, besaß er nicht mehr. Sein »Vater« hatte ihn in dem Moment verlassen, als er Marco in seinem Herzen bereits als Verräter abgestempelt hatte, noch bevor er ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte. Damals hatte Nate gelogen. Er hatte nicht sehen können, ob Marco die Wahrheit sagte oder nicht. Aber er hatte den leichten Weg gewählt und Marco für eine Tat büßen lassen wollen, die der nicht begangen hatte. Das wusste er jetzt mit Gewissheit.
Aber es war noch ein Fünkchen Hoffnung in ihm, dass ihn glauben machen wollte, er könne noch auf den richtigen Weg zurückfinden. Noch einmal bäumte sich etwas in ihm auf. So leicht würde er es Ayla nicht machen. Er war doch keine Marionette, bei der sie nach Wunsch die Fäden ziehen konnte. Er war – verdammt noch mal – der König.
»Und wenn meine Untertanen und vor allem meine Freunde es mir nicht glauben?«, fragte Nate ihr also trotzig direkt ins Gesicht.
»Du solltest besser das Schauspiel deines Lebens darbieten, wenn dir das Leben deiner Freunde lieb ist. Und ebenso Selena gegenüber. Überzeuge sie, dass du sie liebst, und du überzeugst das ganze Land. Nate, ich weiß doch, dass du ein guter Lügner bist.«
Verdutzt schluckte Nate den Fluch, der bereits auf seiner Zunge lag, hinunter.
»Warum muss ich Selena überzeugen, dass ich sie liebe?« War sie denn nicht eingeweiht in Aylas Pläne?
»Weil ich meine kleine Schwester glücklich sehen möchte. Und dazu fehlst du ihr.« Während sie diese Worte aussprach, klang ihre Stimme tatsächlich freundlich und es machte ganz den Anschein, als würde sie für Selena wirklich nur das Beste wollen. Doch unvermittelt kam die Kälte wieder zurück und der nächste Satz war schneidend wie die Klinge eines Messers: »Also überzeuge sie gefälligst davon, dass du sie heiraten willst. Dann muss ich nicht anfangen, Menschen zu töten.«
Nate schüttelte den Kopf. In welche Lage hatte er sich da nur gebracht? Er hatte helfen wollen, indem er Aylas Pläne durchkreuzte, doch nun war es genau das, was Menschen, die ihm nahestanden, leiden lassen würde. Er sah das Mädchen an, das nun eine erwachsene Frau geworden war. Eine Frau, die er in keiner Weise wiedererkannte.
»Würdest du wirklich so weit gehen, Ayla?«, fragte er mit schwacher Stimme. Er hatte viele Menschen grausame Dinge tun sehen. Doch Ayla erreichte in seinen Augen eine neue Form der Grausamkeit.
Ayla sah ihn eine Zeitlang an, dann nickte sie.
»Ob du es glaubst oder nicht, das würde ich.« Ihr Tonfall sorgte dafür, dass Nate jedes ihrer Worte glaubte. Er war absolut nüchtern und gefühlskalt.
Ayla erhob sich und betrachtete ihn von oben herab. Dann sagte sie fast feierlich: »Das Zeitalter der Götter ist vorbei, Nate. Eine neue Ära der Gleichheit wird beginnen. Eine Ära, in der wir nicht von den Gotteskindern regiert und von den Göttern unterdrückt werden. Wo jedes Leben gleich viel wert ist. Wo keiner unter dem Wankelmut eines törichten Königs leiden muss. Wo jeder frei über sein Schicksal entscheiden kann.«
Gleichheit, ein so kostbares Gut. Doch bei Ayla klang es wie ein Fluch.
»Mir scheint eher, dass dir ein Leben rein gar nichts wert ist.« Nicht wenn sie jederzeit damit drohte, das Leben von Menschen zu nehmen, die ihm wichtig waren. Ayla war eine Mörderin und eine skrupellose noch dazu.
»Da irrst du dich«, sagte sie tonlos.
Nate schnaubte verächtlich. »Du willst dem Volk alles nehmen, woran es glaubt – und das sind nun mal die Götter und die Gotteskinder. Sie geben ihnen Halt und überhaupt einen Sinn im Leben.« Ohne die Götter würde es Sirion gar nicht geben. Sie hatten dieses Land erschaffen. Die Bevölkerung hatte immer mit ihnen und dem damit verbundenen Glauben gelebt. Sie kannte nichts anderes.
»Du irrst dich erneut«, beharrte Ayla. »Das Volk braucht die Götter nicht. Und auch keine Gotteskinder.« Sie warf ihm einen herablassenden Blick zu. »Die Bevölkerung von Sirion ist in der Lage, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Die Menschen wissen es nur noch nicht. Jemand muss ihnen zeigen, dass sie eine eigene Meinung haben und einen eigenen Weg gehen dürfen.«
Wenn er Ayla so zuhörte, könnte man vermuten, dass die Götter das Schlimmste wären, was diesem Land je passiert war. Doch sie war diejenige, die sich irrte. Die Götter liebten dieses Land und die Menschen, die es bevölkerten. Das wusste Nate mittlerweile. Auch wenn er bis zu seiner Berufung nicht an die Götter geglaubt hatte, vertraute er inzwischen auf ihre Führung. Sie hatten einen jungen Mann berufen, der ihnen keinerlei Respekt entgegengebracht hatte, und ihn zum König gemacht. Das hatten sie aus einem bestimmten Grund getan und Nate wagte zu glauben, dass dieser Grund die Liebe zu ihrem Land und seinen Bewohnern war. Sie hatten ihn retten wollen.
Ayla hatte diese Liebe nur traurigerweise nie erfahren. Sie war von Hass über das Korsett, in dem sie leben musste, zerfressen.
»Und dieser jemand bist sicherlich du?«, wollte Nate schnaubend wissen.
»Unter anderem.«
Ayla ging leicht schwankend auf die Plane zu, die den Laderaum vom Kutscher trennte. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie sie zur Seite schob. Grelles Sonnenlicht schien ins Wageninnere und blendete Nate. Er kniff die Augen zusammen.
Die Atheos blickte zu Nate. Ein Funkeln lag in ihren eisblauen Augen.
»Willkommen in Solaris, mein König.«