Nathaniel
Er kam sich vor wie ein Gefangener in seinem eigenen Palast. Vor seiner Tür standen Atheos, gekleidet wie Mitglieder der königlichen Armee, und ließen ihn nicht aus den Augen. Ungesehen konnte Nate nicht einmal sein Zimmer verlassen. Wie sollte er bloß die Pläne der Feinde ausspionieren und gegen sie agieren?
Vor der Tür wurden Schritte laut und ohne anzuklopfen wurde sie aufgerissen und ein junger Mann hineingestoßen. Einer der angestellten Atheos-Wachen bedachte diesen mit einem vernichtenden Blick.
»Mach keine Dummheiten, Junge!«
Der Mann sah ihn mit großen Augen an und nickte eifrig, bevor die Tür sich wieder schloss. Dann wandte er sich zögerlich zu Nate um und neigte den Kopf.
»Majestät, ich stehe zu Eurer Verfügung.«
Nate hob eine Augenbraue. Was sollte das nun wieder? War das ein Spion der Atheos oder welche Pläne verfolgte Ayla mit diesem Mann?
Mit angezogenen Beinen saß Nate auf dem Sessel vor seinem Schreibtisch. Unauffällig schob er den Brief, an dem er gerade geschrieben hatte, unter einige Dokumente. Dann stützte er seine Ellbogen auf der Platte ab und legte den Kopf in seine Hände. Er musterte den Mann neugierig, der unsicher mitten im Zimmer stand.
»Kenne ich dich?«, fragte Nate dann geradeheraus. Dabei war er sich sicher, den jungen Mann noch nie zuvor gesehen zu haben. Er war einige Jahre jünger als er selbst.
Der Mann zuckte zusammen und hob den Blick. Er wirkte verlegen, eine leichte Röte überzog seine Wangen.
»Nein, Majestät. Aber da Euer Kammerdiener nicht hier ist, hat man mich geschickt, um Euch beim Ankleiden behilflich zu sein.« Seine Stimme versagte am Ende des Satzes, als sein Blick Nate vorsichtig musterte, der bereits angezogen dasaß. Die Mundwinkel des Königs hoben sich kaum merklich.
Es war noch sehr früh am Morgen und unter normalen Umständen wäre Nate noch nicht auf den Beinen gewesen. Doch er befand sich im Kriegszustand. Was kein anderer wusste. Da war an Schlaf nicht zu denken.
»Und wer bist du?« Nate wollte mit dem jungen Mann nichts zu tun haben. Er hatte bereits einen Kammerdiener. Er hatte Yanis. Auch wenn der im Moment außerhalb seiner Reichweite war. Es war Nate schwer genug gefallen, sich auf Yanis einzulassen und ihm zu gestatten, seine Kleidung auszusuchen und ihn an seine täglichen Aufgaben zu erinnern. Er hatte sich sogar daran gewöhnt. Er wollte niemand Fremden in seiner unmittelbaren Nähe.
Der Junge fuhr sich durch die braunen Haare und verbeugte sich dann förmlich.
»Mein Name ist Yul, Majestät. Ich bin Student an der hiesigen Universität im Auftrag von Lord Karim.« Yul wirkte bei diesen Worten zerknirscht. Vermutlich hatte er von dem Gerücht gehört, dass Karim und die anderen königlichen Berater nun auf Seiten der Atheos verkehrten.
Nate bedachte den Jungen mit einem prüfenden Blick. Vielleicht war dieser Yul die Antwort auf Nates Gebete. Seine Möglichkeit, aus dem Schatten heraus zu agieren. Vorausgesetzt, er würde ihn für sich gewinnen.
»Du arbeitest mit Lord Karim zusammen?«
Yul atmete bei Nates Rückfrage erleichtert auf. Vielleicht, weil er dachte, dass sie ein Thema gefunden hatten, über das sie sich annähern konnten. Oder weil er sich nicht dafür rechtfertigen musste, im Dienst eines vermeintlichen Verräters gestanden zu haben.
»Ich arbeite wohl eher für den Lord als mit ihm zusammen.« Yul lachte leise. Doch er verstummte sofort erschrocken wieder. Der Ausdruck auf seinem Gesicht und die Freundlichkeit, die in seiner Stimme lag, als er über Lord Karim sprach, ließ Nate hoffen, dass Yul dem Lord wirklich zugetan war und demnach nicht zu den Atheos gehörte. Nate kniff die Augen zusammen. Gänzlich sicher konnte er sich nicht sein, aber Nate musste darauf vertrauen.
»Nun gut: Yul. Wie gut kennst du dich in Solaris aus?« Er brauchte Augen und Ohren außerhalb dieses Zimmers.
»Ich bin hier geboren und aufgewachsen, sehr gut würde ich also sagen. Wieso fragt Ihr?« Neugierde schwang in der Stimme des Studenten mit. Er schien etwas lockerer zu werden. Wenn er in Karims Dienst stand, wagte Nate nicht zu bezweifeln, dass Yul intelligent und scharfsinnig war.
»Dann kennst du sicherlich auch einige schöne, nicht so befahrene Wege in der Stadt, in denen man unbeobachtet unterwegs sein kann?«
Nate betrachtete bei dieser Frage seine Fingernägel, als würde er Yul nach dem Wetter fragen, um möglichst beiläufig zu klingen.
»Ich denke schon«, entgegnete der Junge zögernd. Leichte Verwirrung war auf seinem Gesicht abzulesen.
Nate stand auf und umrundete den Tisch. Er ließ dabei den jungen Studenten nicht aus den Augen, der jetzt vor ihm stand wie ein Kind, das auf die Bestrafung seiner Eltern wartete, nachdem es etwas angestellt hatte. »Das ist gut, Yul. Ich habe nämlich eine Bitte an dich, die du natürlich ausschlagen darfst. Aber du würdest dem König damit einen großen Dienst erweisen.«
Yuls Augen wurden groß und er nickte eifrig.
»Selbstverständlich stimme ich zu, mein König. Was immer Ihr von mir verlangt.«
Beinahe hätte Nate ärgerlich den Kopf geschüttelt. Wie konnte man ein solches Versprechen geben, ehe man wusste, worum es sich bei dem Dienst handelte? Doch Yul war dem Königshaus offenbar so treu ergeben, dass er die Absichten des Königs nie infrage stellen würde.
Darum hob Nate an: »Überbringe eine Nachricht an Lord Karim.«
Der Student wandte den Blick ab. Er biss sich auf die Unterlippe.
»Ich nahm an, er stünde nun auf der Seite der Atheos.« Er mied beharrlich Nates Blick, als hätte er Sorge vor dessen Reaktion auf seine Worte.
Der König schnalzte mit der Zunge.
»Glaubst du denn, dass er auf der Seite unsere Feinde steht? Und denk dran, du kannst mich nicht anlügen.« Dass er die Gabe des Lügenerkennens nicht mehr besaß, wusste zum Glück niemand.
Yul schüttelte langsam den Kopf.
»Ich … Ehrlich gesagt, nein, ich habe dem Lord immer vertraut.« Nate hatte richtig gelegen: Der Student war seinem Meister treu ergeben. Er lächelte.
»Also wirst du meiner Bitte nachkommen?«
»Mit Freuden sogar«, antwortete der Kammerdiener. Dann fuhr er aber etwas zerknirscht fort: »Aber wo finde ich Lord Karim?«
Das war eine gute Frage. Nachdem Karim und Adrian den Priesterinnen und den Höflingen des Königs zur Flucht verholfen hatten, hatte Nate nichts mehr von ihnen gehört. Doch er ging fest davon aus, dass Celeste die Gruppe in ihre Heimat geführt hatte. Die Menschen dort waren ihrer Priesterin treu ergeben. Hinzu kam, dass der samarische Palast nur über Brücken erreicht werden konnte. Er war also beinahe uneinnehmbar.
»Sicher bin ich mir nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass er in Samara ist.«
»Bis nach Samara ist es ein weiter Weg«, gab Yul zu bedenken.
»Ich weiß, und ich muss sichergehen, dass du es schaffst.«
Denn vermutlich liegt das Schicksal von ganz Sirion in deinen Händen, fügte Nate in Gedanken hinzu. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und kramte den Brief unter den Dokumenten auf seinem Schreibtisch hervor. Seine Freunde mussten erfahren, was in Solaris vor sich ging. Dass man ihn als Marionette benutzte und dass Ayla damit drohte, Mara, Zahira und alle anderen zu töten, wenn er ihr nicht gehorchte.
Ein entschlossener Gesichtsausdruck erschien auf Yuls Gesicht und er legte sich die Faust auf die linke Brust. Ein Zeichen seiner Treue.
»Majestät, ich werde Euch nicht enttäuschen.«
Nate nickte und gab ihm den Brief, den Yul sofort in seiner Brusttasche verschwinden ließ.
»Lass dich von niemandem aufhalten, beschütze diesen Brief und vernichte ihn, falls man dich fassen sollte. Übergib die Nachricht nur Lord Karim.«
Nur zu gern hätte er selbst nach Celeste gesucht und ihr die Wahrheit gesagt, aber er konnte nicht entkommen.
Yul nickte entschieden. »Euer Wunsch ist mir Befehl, mein König.«
***
Celeste
»Und du willst meinem Onkel wirklich nichts davon erzählen?«, fragte Marco sie zum gefühlt hundertsten Mal.
Celeste seufzte, während sie durch die Straßen von Samara liefen. Gekleidet in einfache Gewänder und mit tief in die Stirn gezogenen Kapuzen, damit sie niemand erkannte.
»Würde ich wollen, hätte ich es getan.«
Sie warf dem Soldaten einen kurzen Blick zu, doch Marco sah alles andere als überzeugt aus.
»Sie hat recht, Marco. Emir würde ihr niemals gestatten, einen Söldnertrupp aufzusuchen. Egal, was Nathaniel gesagt hat, sie ist und bleibt ein Gotteskind. Sie ist wichtig und der Admiral würde niemals zulassen, dass sie sich in Gefahr begibt«, kam es mürrisch von Nike, deren Blick die kleinen Seitenstraßen beobachtete, als rechnete sie jeden Moment mit einem Hinterhalt.
Celeste nickte langsam. Sie hatte ihren Plan nur ihren Freunden und Nike mitgeteilt. Sie wusste, dass weder die Berater des Königs noch Simea und Espen ihn befürworten würden. Doch das hinderte Celeste nicht daran, auf eigene Faust zu agieren. Auch wenn ihr bei Nikes Worten flau im Magen wurde. Sie begab sich in Gefahr. In große Gefahr sogar, denn die Priesterin konnte nicht einschätzen, worauf sie sich da einließ. Sie war Mic und seinen Gefolgsleuten nur ein einziges Mal begegnet. Am Tag der Sonne, als Ilias Nathaniel berufen hatte und sie gemeinsam vor Mics Schergen durch die Straßen der Stadt geflohen waren. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Beinahe ein ganzes Leben.
»Möchte ich eigentlich wissen, woher Ihr den Aufenthaltsort dieser Leute kennt? Oder warum Ihr ihn nicht längst der Stadtwache mitgeteilt habt?«, wandte sich die Leibwächterin dann jedoch an Celeste.
Auf diese Fragen wollte die aber lieber nicht antworten. Sie kannte den Ort von Nathaniel, der sie hierher mitgenommen hatte, um seine Schulden bei Mic zu begleichen. Warum sie das Versteck danach nicht verraten hatte, konnte Celeste gar nicht mit Gewissheit sagen. Vielleicht, weil sie Angst gehabt hatte, dass auf diese Weise Nathaniels Beziehung zu diesen Leuten ans Licht kommen würde.
Nike schien ihr Schweigen richtig zu deuten, denn sie schnaubte.
»Wenn ich den König wiedersehe, wird er sich von mir einiges anhören müssen. Wer kommt auf die Idee, eine kampfunerfahrene Priesterin in solche Sphären zu geleiten?« Sie sagte es mehr zu sich, doch Celeste verstand jedes Wort. Ihr Mundwinkel zuckte unwillkürlich. Auch wenn sie damals wie heute Angst vor der Begegnung mit den Söldnern hatte, erinnerte sie sich doch mit Wehmut im Herzen daran zurück. Es war eine Erinnerung, die nur ihr und Nate gehörte. Es war ihr Geheimnis gewesen. Damit war es jetzt vorbei.
Sie hatten den späten Abend gewählt, um den Palast zu verlassen und sich dem Versteck der Söldner zu nähern. Marco und Nike waren bis über beide Ohren bewaffnet. Schwerter hingen an ihren Gürteln. Messer waren in ihren Stiefeln versteckt und welche anderen Waffen sie noch bei sich trugen, wusste Celeste nicht zu sagen. Aber sie war sicher, dass es noch die ein oder andere Überraschung geben musste. Sie selbst hatte nur eine einzige Waffe bei sich: ihre göttliche Fähigkeit. Wenn die Söldner etwas gegen sie planten, würde die Priesterin sofort davon erfahren.
Die Straßen von Samara waren beinahe menschenleer. Vereinzelt begegneten sie Menschen, die auf dem Heimweg von ihrer Arbeit waren. Doch sie erkannten ihre Schirmherrin nicht, dank der Kapuze, die Celestes Gesicht und Haare verbarg.
Je näher sie dem Versteck der Söldner kamen, umso ärmlicher wurde die Gegend. Die Sandsteingebäude, die die Straßen rechts und links säumten, waren alt und bei einigen war der Stein bereits rissig geworden. Es war das Armenviertel der Stadt und Celeste wusste, dass die Pläne für den Umbau dieser Gegend auf ihrem Schreibtisch im Palast lagen. Adrian und sie hatten schon vor Monaten angefangen, Gelder für Umbauarbeiten zu sammeln, um die Häuser hier zu renovieren.
»Wie genau habt Ihr Euch das vorgestellt, wenn ich fragen darf? Wollt Ihr einfach an die Tür klopfen und um Einlass bitten?«, wisperte Nike ihr zu, als sie sich den Weg zu ihrem Ziel bahnten.
Das letzte Mal hatte Nate sie vor den Türen zurückgelassen, versteckt vor den Augen der Söldner. Doch dieses Mal würde sie in die Höhle des Löwen gehen müssen. Es war ihre Aufgabe, diesen Krieg zu gewinnen. Und Celeste durfte nicht scheitern. Dies war ein wichtiger Schritt zum Sieg.
»Ja«, antwortete sie unverfroren. Denn wenn sie eines gelernt hatte, dann war es, dass diese Männer für Geld alles taten. Wenn sie ihnen einen Sack voll Geld anbot, mit dem Versprechen, dass sie noch mehr davon erhalten würden, dann würden sie sie auch anhören. Es war wie mit der Motte und dem Licht. Söldner waren eiskalte Mistkerle und sie folgten dem Geruch des Geldes. Und als Priesterin besaß Celeste glücklicherweise mehr als genug davon.
»Ich bin immer noch der Meinung, dass das keine gute Idee ist. Was, wenn sie dich gefangen nehmen und gegen Lösegeld an die Atheos verkaufen?«, drang Marcos Stimme an Celestes Ohr. Sie zuckte kaum merklich zusammen. Natürlich war ihr diese Gefahr bekannt, aber ihr Verstand hatte ihr verboten, weiter darüber nachzudenken. Und tat es bis jetzt. Marco und Nike waren genau aus diesem Grund mitgekommen.
Als könnte sie ihre Gedanken lesen, schnaubte Nike neben ihnen in diesem Augenblick. »Für solche Überlegungen ist es jetzt zu spät. Sollte sich Euch jemand nähern, werde ich ihn persönlich töten.« Die Stimme der Leibwächterin klang dunkel, doch Celeste meinte, freudige Erwartung heraushören zu können. Als könne Nike es kaum erwarten, diesen Söldnern in den Hintern zu treten.
Bevor sie weiter über mögliche Konsequenzen nachdenken konnte, blieb Celeste stehen.
»Wir sind da«, verkündete sie mit leiser Stimme. Sie standen vor einem heruntergekommenen Haus. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Es erweckte ganz den Anschein, als wäre es unbewohnt. Doch Celeste wusste: Der Schein trog.
Sie atmete tief durch. Ihre Handflächen waren schwitzig, ihr Kopf wie leer gefegt. In diesem Moment wünschte sie sich nichts mehr, als Nate an ihrer Seite zu haben. Egal, was geschehen war, was er getan hatte, er wüsste genau, was zu tun wäre. Dies war sein Territorium. Hier war er der Meister. Sie die blutige Anfängerin.
Mit zitternden Händen klopfte sie gegen das schwere Holz. Stille antwortete ihr, nur das Echo ihres Klopfens ertönte von der anderen Seite der Tür.
Die Priesterin hielt den Atem an, als sie Schritte hörte. Doch sie kamen nicht aus dem Hausinneren, sondern von hinten. Schneller, als Celeste reagieren konnte, hatte Nike bereits ihr Schwert gezogen und gegen die Kehle des Mannes gedrückt, der sich ihnen genähert hatte.
Langsam drehte die Priesterin sich um. Nike hielt einen Mann in Schach, doch vier weitere standen vor ihnen in der dunklen Gasse. Marco hatte ebenfalls sein Schwert gezogen und sich beschützend vor Celeste aufgebaut.
»Immer langsam, Lady«, ertönte die Stimme des Mannes, an dessen Kehle Nikes Schwert lag. Er klang amüsiert. Trotz der einbrechenden Dunkelheit konnte Celeste den jungen Mann recht gut erkennen. Er war in Nates Alter. Braune Haare fielen ihm in die Stirn und blaue Augen schauten belustigt zu Nike.
Dann wanderte der Blick des Mannes zu Celeste.
»Was macht eine junge Lady in diesem Teil der Stadt?«
Celeste starrte den Mann an. Er hatte etwas an sich, dass sie fast beruhigte. Vermutlich war das naiv von ihr, denn er gehörte definitiv zu den Söldnern und die waren keinesfalls zimperlich.
Celeste zog sich die Kapuze vom Kopf und blickte mit gerecktem Kinn in die Runde.
»Ich bin hier, um einen Handel abzuschließen. Interesse?« Als sie das sagte, zog sie aus ihrer Manteltasche einen Beutel voller Goldmünzen und warf sie dem Mann vor die Füße.
Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete der erst Celeste, dann den Goldbeutel. Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
»Wir sollten diese Unterhaltung drinnen weiterführen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass dieses Schwert nicht meine Kehle durchschneidet.« Er warf Nike einen bedeutenden Blick zu. Das Grinsen verließ dabei nicht seine Lippen.
Nike schnaubte nur. Ihr Schwert wanderte noch näher an ihn heran.
»Du brauchst nur falsch zu atmen und dein Kopf wird sich neben deinen Füßen auf dem Boden wiederfinden«, drohte sie ihm, bevor sie ihr Schwert von seinem Hals nahm.
Aus der Kehle des Mannes drang ein schallendes Lachen und er hob die Hand, als einige der Söldner bedrohliche Schritte auf Nike zumachten.
»Deine Schlagfertigkeit gefällt mir. Und das klingt mehr als fair in meinen Ohren.«
Er trat an Nike vorbei, musterte sie von oben bis unten, was die Soldatin mit zusammengekniffenen Augen quittierte, und blieb dann vor Celeste stehen.
»Nach Euch, Priesterin.« Damit öffnete er die Tür des Hauses.
Celeste folgte ihm ins Innere, wo tatsächlich noch andere Männer saßen, die neugierig die Köpfe hoben, als sie an ihnen vorbeigingen. Der Mann führte Celeste, Marco und Nike in einen kleinen Raum, in dem sich noch drei weitere Männer befanden. Sie hielten sich an den Seiten im Schatten verborgen. Marco und Nike hielten die Hände an ihren Waffen.
»Bitte, setzt Euch.« Er deutete auf einen schlichten Holzstuhl, der schon bessere Tage gesehen hatte. Celeste schüttelte den Kopf. Sie würde sich nicht setzen. Sollte es unangenehm werden, würde ihr eine stehende Position einen Vorteil verschaffen.
Der Söldner zuckte nur mit den Schultern und nahm seinerseits auf einem Tisch Platz, die Beine nach vorn von sich gestreckt.
»Ich gebe zu: Ich bin neugierig. Was will Nates kleine Gespielin von dessen alten Freunden?«
Celestes Augen wurden bei der Wortwahl des Mannes schmal. So höflich er sich zuvor auch ausgedrückt hatte, so sehr missfiel Celeste, was sie jetzt hörte.
»Ihr seid keine Freunde von ihm«, erwiderte sie darum mit verschränkten Armen vor der Brust. Sie würde vor diesen Leuten nicht klein beigeben.
Der Mann lachte leise.
»Ich vermute, ebenso wenig, wie Ihr seine Gespielin seid. Wie mir zu Ohren kam, hat Nate eine neue Freundin. Sehr schade, wenn man mich fragt.« Sein Blick wanderte Celestes Körper hinab. Aber nicht auf anzügliche Art, sondern voller Neugierde.
Bei der Erwähnung der Neuigkeit, die sich offenbar bereits im ganzen Land verbreitete hatte, ballte Celeste die Hände zu Fäusten.
»Ihr müsst nicht so wütend dreinschauen. Wir wissen doch beide, dass es sich um eine Lüge handelt. Genauso, wie es eine Lüge ist, dass Ihr gemeinsame Sache mit den Atheos macht.«
Celestes Kopf fuhr ruckartig nach oben und sie starrte den jungen Mann vor sich schockiert an. Seine Worte waren beinahe sanft gewesen, als würde er sie beruhigen wollen. Das passte alles nicht zusammen!
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fügte er hinzu: »Ich bin schon einigen Atheos begegnet und kann mit Gewissheit sagen, dass Ihr keine von ihnen seid. Das sind Barbaren und Ihr seid das genaue Gegenteil.«
»Also verkehrt ihr mit diesen Verrätern?«, erklang Nikes wütende Stimme. Der Mann neigte den Kopf. »Wir haben einige Aufträge von ihnen entgegengenommen, aber zurzeit besteht kein Vertrag zwischen uns.«
Warum er ihnen so offen von seinen derzeitigen Geschäften erzählte, wusste Celeste nicht. Als sie kurz die Augen schloss und wieder öffnete, erblickte sie seine Aura. Und sie wusste, dass er ehrliche Absichten hegte. Das überraschte Celeste beinahe noch mehr als alles andere.
»Wenn das so ist, seid ihr vielleicht gewillt, jetzt zur Abwechslung mal einen Vertrag mit mir zu schließen.« Celeste blickte ihn eindringlich an.
Der Mann grinste. »Ihr wollt einen Vertrag mit mir schließen, ohne auch nur meinen Namen zu kennen?« Es erklang wieder sein leises Lachen.
Celeste zuckte mit den Schultern. »Mir ist gleichgültig, wie man dich nennt.« Das war die Wahrheit. Namen waren nur Namen. Das Wesen eines Menschen beherbergte seine wahre Identität. Und Celeste besaß die Fähigkeit, jenes Wesen zu sehen.
Gespielt verletzt legte er eine Hand auf seine Brust.
»Ich verrate ihn Euch trotzdem, Priesterin. Nate wäre sicherlich nicht erfreut, wenn ich mich nicht angemessen vorstellte. Mein Name ist Zephyr und ich war Nates bester Freund, als er noch Teil unserer Gruppe war.«
Ein kalter Schauer lief bei dieser Offenbarung über Celestes Rücken. Niemals hatte Nate ihr gegenüber diesen Namen erwähnt. Sprach der Mann ihr gegenüber wirklich die Wahrheit? Wusste sie so wenig über Nathaniels Vergangenheit? Doch tief in sich wusste sie, dass Zephyr nicht log. Das, was sie an ihm beruhigte, war die Ähnlichkeit zu Nate. Er erinnerte sie an ihn. Darum hatte sie auch keine Angst vor ihm.
»Ich bin nicht hier, um über Nate zu sprechen oder seine ehemalige Verbindung zu euch«, wechselte die Priesterin jedoch bestimmt das Thema.
»Das ist schade. Ich würde gern ein wenig über Nate plaudern. Wir haben bestimmt einige Geschichten auszutauschen. Als seine eigentliche Auserwählte wisst Ihr bestimmt eine ganze Menge über ihn.« Erneut glitt sein Blick über ihre Gestalt.
Ihre Wangen färbten sich rot und Celeste griff unbewusst nach dem Ring, der unter ihrer Kleidung verborgen lag. Nates Versprechen an sie für eine gemeinsame Zukunft. Ihre Augen wurden bei dem Gedanken daran trüb und sie ließ die Hand sinken.
Zephyr hatte sie genau beobachtete und sein Blick verengte sich.
»Ihr habt Euer Vertrauen in ihn verloren«, kam es erstaunt von ihm. Er hatte den Kopf schief gelegt und sah sie abwartend an. Erkenntnis trat in seine Augen.
Celeste stieß ein Schnauben aus.
»Rede nicht mit mir, als würdest du mich kennen.« Sie war aus einem bestimmten Grund hier. Und der lautete nicht, Freundschaft mit Verbrechern zu schließen oder ihnen ihr Herz auszuschütten.
Nike und Marco, die links und rechts neben ihr standen, wirkten angespannt. Celeste versuchte sich selbst zu beruhigen.
»Das stimmt, ich kenne Euch nicht. Aber ich kenne Nate. Oder zumindest kannte ich ihn. Er hat sich verändert. Und ich gehe davon aus, dass Ihr zu dieser Veränderung beigetragen habt.« Er hob eine Augenbraue und musterte sie kritisch.
Das Blut in ihr kochte. Sie durfte in seiner Gegenwart keine Schwäche zeigen oder sich hinreißen lassen. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Ihr Plan durfte unter keinen Umständen scheitern!
»Ist das eine Anschuldigung?«, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Nikes Griff um den Schwertgriff fester wurde. Die drei Männer hatten sich mittlerweile hinter ihnen im Raum verteilt und versperrten die Tür und damit ihren Fluchtweg.
Zephyr legte den Kopf in den Nacken und stieß ein kehliges Lachen aus.
»Eher ein Kompliment.« Bei diesen Worten weiteten sich Celestes Augen kaum merklich. Damit hatte sie nicht gerechnet. Doch der Söldner sprach einfach weiter und beachtete ihre Reaktion gar nicht.
»Nate war erfüllt von Zorn, seit ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Als ich ihn in Samara wiedersah, war er anders. Keine Spur mehr von Wut. Vielmehr war Angst in seinen Augen zu sehen.«
»Angst?«, fragte Celeste tonlos. »Was hast du ihm angetan?« Sie hatte nicht gewusst, dass sich Zephyr und Nate in Samara wiederbegegnet waren. Wie auch, wenn sie nicht mal gewusst hatte, dass ein bester Freund wie Zephyr in Nates Leben überhaupt existiert hatte.
»Ich habe ihm nur gesagt, dass wir nicht vergessen. Und er mehr Feinde hat als bloß die Atheos.« Dabei bedachte er Marco mit einem seltsamen Blick. Celestes Augen wurden schmal und in ihrem Gehirn ratterte es, dass es fast wehtat. Sie versuchte die Andeutung des Söldners zu verstehen, wobei sich ihre Gedanken überschlugen. Was hatte Zephyr mit Marco zu schaffen? Konnte es etwas mit dem Anschlag auf sie zu tun haben? Damit, dass man das Gift, das Celeste hatte töten sollen, in Marcos Zimmer gefunden hatte? Zephyr hatte erwähnt, dass er einige Male im Auftrag der Atheos gehandelt hätte.
Wie ein dunkles Omen schwebten Zephyrs Worte im Raum und Celeste rann erneut ein Schauer über den Rücken. Dass Zephyr sich eindeutig als Nates Feind aussprach, ließ Celeste an ihrem Vorhaben zweifeln.
»Dann wirst du mir nicht helfen?«
Ein diabolisches Grinsen erschien auf Zephyrs Gesicht.
»Wir sind Söldner, Priesterin. Wenn die Bezahlung stimmt, agieren wir sogar für den Feind.«
Den Feind, wiederholte Celeste in ihrem Kopf. So hatte sie noch niemand genannt. Da sie auf Nates Seite stand, galt sie aber offenbar als einer in den Augen ihres Gegenübers. Aber sie war doch niemandes Feind. Sie gehörte zu den Guten. Zu denen, die Sirion vor der Herrschaft durch die Atheos und damit dem Untergang bewahren wollten.
»Ich nehme an, die Tatsache, dass ihr Sirion vor einem Krieg bewahren würdet, reicht als Bezahlung nicht aus«, erklang nun Marcos Stimme, der bisher geschwiegen hatte.
Erneut lachte Zephyr. »Richtig angenommen. Mir wäre am liebsten, der König würde uns für unsere Taten bezahlen. Ich verhandle einfach lieber mit Nate.« Er betrachtete seine Fingernägel, die dringend gesäubert werden mussten.
Celeste verzog das Gesicht. »Bin ich dir etwa nicht gut genug?« Sie war eine Meisterin im Verhandeln. Niemand würde sie daran hindern, das zu bekommen, was sie haben wollte. Und in diesem Moment brauchte sie einen Söldnertrupp, der ihrem Befehl unterstand.
»Ganz im Gegenteil.« Zephyr hob abwehrend die Hände, seine Augen blitzten belustigt auf. »Du hast mehr Biss als Nate. Darum wird es bei ihm leichter sein, ihn über den Tisch zu ziehen.«
Celeste ignorierte das versteckte Kompliment und kniff die Augen zusammen, als Zephyr einen Schritt auf sie zukam. Nike und Marco machten sich neben ihr kampfbereit, doch Celeste hob die Hand, um sie zu stoppen. Sie und Zephyr trennte nur noch eine Handbreit und Celeste hielt den Atem an.
Der Söldner beugte sich vor, sein Atem streifte ihr Gesicht und er grinst sie an.
»Also, Priesterin, sagt mir, wen wir für Euch töten sollen.«
***
Nathaniel
Am selben Abend wurde Nate von zwei Wachen aus seinem Zimmer geholt. Ohne ein Wort hatten sie ihn flankiert und abgeholt. Wie ein Gefangener wurde Nate durch seinen eigenen Palast geführt. Niemand begegnete ihnen. Keine Soldaten, keine Diener. Mit schweren Schritten näherten sie sich dem Thronsaal, wie Nate irritiert bemerkte. Er hatte angenommen, dass man ihn zu Aylas Gemächern bringen würde.
Als sich die Türen öffneten und der Blick auf den imposanten Saal frei wurde, entdeckte er die schwarzhaarige Zofe auf einem Platz, der ihr keinesfalls zustand. Sie saß auf dem Thron von Sirion. Die Beine übereinandergeschlagen und die Unterarme auf den Lehnen abgestützt. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, das Nate eisige Schauer über den Rücken jagte.
Einer der Männer zu seinen Seiten gab ihm einen unsanften Stoß in den Rücken und Nate taumelte nach vorne. Er fluchte leise und kreiste mit den Schultern. Ein böser Blick aus seinen grünen Augen traf den Mann, doch der Atheos ignorierte ihn eiskalt.
»Was tust du im Thronsaal?«, blaffte Nate die Frau an, die wie eine Königin auf ihn herabsah.
Ayla strich mit den Fingern über den glänzenden Stahl der Armlehnen.
»Ich fühle mich hier sehr wohl.« Demonstrativ lehnte sie sich zurück und machte es sich auf dem Thron gemütlich. Nate selbst hatte kaum dort gesessen. Ein Thron allein machte noch keinen König aus. Ebenso wenig wie eine Krone.
»Ist das nicht etwas auffällig?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue. Wenn jetzt ein Diener oder eine Wache hereinkommen und Ayla dort oben vorfinden würde, würde sie großen Ärger bekommen. Wenn nicht gleich der Alarm ausgelöst werden würde.
Doch die Atheos stieß nur ein leises Lachen aus und schüttelte den Kopf.
»Wer sollte denn misstrauisch werden? Ich habe alle Soldaten des Palastes durch Atheos ersetzt, dank Yakims Hilfe. Die Minister haben zu ihrem eigenen Schutz Leibwächter bekommen, damit sie nichts tun können, ohne dass ich davon erfahre, und die Diener dieses Palastes sind keine Bedrohung für mich.«
Die Augen des Königs wurden schmal. Ayla war sich ihrer Sache so sicher. Als könne nichts sie aus der Ruhe bringen. Nichts schiefgehen und ihren Plan durchkreuzen.
»Dein Wort ist hier wohl Gesetz geworden.« Eine Tatsache, die die Wut durch seine Adern trieb. Er hasste es, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Damals bei Mic war er jung gewesen und hatte es nicht besser gewusst, doch heute war das anders. Nate wollte nicht mehr den Befehlen anderer folgen.
Aylas blaue Augen waren von Eis durchflutet. Auch wenn ihre Stimme sanft klang, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, so verrieten ihre Augen ihre Boshaftigkeit.
»Schön, dass du das sagst. Bei dir scheint diese Tatsache jedoch noch nicht angekommen zu sein. Ich habe wirklich geglaubt, dass das Wort des Königs etwas bedeutet. Aber ich habe mich wohl getäuscht.«
Nates Hände wurden schwitzig und er ballte sie zur Faust. Er hielt den Blickkontakt, auch wenn ihre Eisaugen es ihm schwermachten.
»Ich weiß nicht, wovon du redest.«
Ein Kopfschütteln war die Antwort, als wäre sie von ihm enttäuscht.
»Von dem Jungen, den du losgeschickt hast. Glaubst du wirklich, so etwas bleibt mir verborgen?«
Das Lächeln verschwand urplötzlich von ihrem Gesicht, es ließ nur Kälte zurück. Nate erschauderte. Sie hatte Yul enttarnt! Das hätte unter gar keinen Umständen passieren dürfen.
»Was hast du mit ihm gemacht?« Er traute Ayla alles zu. Auch, einen Jungen anzugreifen, der sich nichts zuschulden hatte kommen lassen, außer seinem König einen Gefallen zu erweisen.
Sie zuckte mit den Schultern.
»Gar nichts. Ich habe ihn ziehen lassen.« Die Schärfe war aus ihrer Stimme verschwunden.
Bei diesen Worten wurden Nates Augen schmal. »Warum?«
Aylas Mundwinkel zuckte. »Weil er mich so direkt zu den Priesterinnen führen wird.«
Nate fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Er würde dafür verantwortlich sein, dass Ayla die Zuflucht seiner Freunde erfahren würde.
Aber es bedeutete auch, dass Ayla bisher keine Kenntnis davon hatte, wo sich Celeste und die anderen aufhielten.
»Du lässt ihn verfolgen?«
Ayla nickte grinsend.
»Hast du keine Angst, dass er wichtige Informationen weitergibt?« Er verstand die Frau vor sich einfach nicht. Immer wenn er glaubte, sie durchschaut zu haben, tat sie etwas, was ihn wieder zweifeln ließ. Sie war eine Meisterin der Manipulation und Täuschung und befand sich auf einem Level, das an Durchtriebenheit zu weit von Nathaniels eigenem entfernt lag.
»Was zum Beispiel? Dass sich die Atheos in Solaris aufhalten? Dass wir Geiseln in unserer Gewalt haben? Ich bin mir sicher, deine kleine rothaarige Freundin weiß längst darüber Bescheid.« Bei der Erwähnung von Celeste flackerte Wut in Aylas Augen auf.
»Was willst du also von mir?«, stellte Nate nun die Frage, die ihm von Anfang an auf der Zunge gelegen hatte.
Die Atheos stand auf und kam auf ihn zu. Das schwarze Seidenkleid floss hinter ihrer Gestalt her wie ein Schatten. Langsam stieg sie die wenigen Stufen von dem Podest hinunter, auf dem der Thron stand. Ihre Augen taxierten Nate.
»Du hast gegen unser Abkommen verstoßen. Und ich wollte dir nur mitteilen, dass das Konsequenzen haben wird. Ich lass mir nicht gern auf der Nase herumtanzen, Nate.«
Ihre Worte waren unter dem gespielt freundlichen Klang nichts als eine Drohung. Nate starrte ihr mit finsterem Blick entgegen.
»Und jetzt? Willst du mich foltern?« Das ängstigte ihn nicht. Er hatte in seinem Leben schon viele Qualen erleiden müssen. Und Ayla jagte ihm nicht halb so viel Angst ein, wie Mic es getan hatte.
»Nein, das werde ich nicht tun.«
Nate verstand nicht, warum man ihn hierhergebracht hatte. Was erhoffte sich Ayla davon?
»Was soll das alles hier also?«
Sie trat auf ihn zu, umkreiste ihn. Wie eine Raubkatze ihre Beute. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider wie ein dunkles Echo.
»Sadik war mehr als erfreut, als ich ihn nach Silvina geschickt habe.«
»Silvina?«, platzte es erschrocken aus Nate heraus.
Ayla schnalzte mit der Zunge. »Die Menschen dort werden nun die Brutalität der Atheos am eigenen Leib erfahren.«
Unbändige Wut und Abscheu krochen in Nate empor und er musste an sich halten, nicht auf Ayla loszugehen. Auch wenn er außer den zwei Wachen keine anderen Atheos sah, war er sicher, dass sie da waren. Versteckt in den Schatten. Bereit, ihre Anführerin zu verteidigen.
»Die Menschen sind unschuldig, sie haben nichts damit zu tun, was ich getan habe. Lass sie gefälligst in Frieden. Sei fair!«, knurrte er.
Die Atheos legte den Kopf schief. Die Arme hatte sie hinter dem Rücken verschränkt.
»Sie sind nur ein Kollateralschaden. Sadik bringt einen Gast hierher.«
Die Art, wie sie das sagte, voller Überheblichkeit, versprach nichts Gutes.
»Welchen Gast?«, fragte Nate argwöhnisch.
»Du bist das einzige Gotteskind, das sich in meiner Gewalt befindet, doch dich darf ich nicht anrühren. Noch nicht. Also hole ich mir ein anderes, das für deinen Ungehorsam bestraft wird.«
Jetzt mischte sich Angst zu der Wut in seinem Körper. Doch noch hatte er die Hoffnung, dass Ayla Sadik in die falsche Richtung geschickt hatte. Er war fest davon überzeugt, dass sich sein Gefolge nicht in Silvina, sondern in Samara befand.
»Linnéa ist nicht in Silvina«, versuchte er mehr aus ihr herauszubekommen.
Ayla schmunzelte. »Das stimmt wohl, doch ist sie nicht das einzige Gotteskind, das dort lebt.«
Nate wollte gerade etwas erwidern, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Er stieß ein entsetztes Keuchen aus. »Du … Nein!«, schrie er.
Von Aylas Gesicht konnte er ablesen, dass er die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Sie nickte.
»Doch. Die gute Lilian ist zwar nicht mehr die Priesterin dieser Region, doch sie ist noch immer ein Gotteskind. Und wie mir zu Ohren kam, ist sie dir sehr wichtig. Schade, dass du ihr Todesurteil unterschrieben hast, als du diesen Jungen losschicktest.« Es klang wirklich, als würde sie es bedauern.
Nate trat einen Schritt auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt. Doch Ayla wich nicht einmal zurück. Sie sah ihn nur skeptisch an.
»Ayla, das kannst du nicht tun!«
Die Eisaugen der Atheos funkelten.
»Kann ich nicht? Dann sieh gut zu, denn ich mache keine leeren Drohungen. Wenn Sadik hier ankommt, wird Lilian sterben. Und du wirst ihr dabei zusehen.«
Lilian. Allein dieser Name rief tausend Emotionen in Nate hervor. Die liebevolle und so kluge Frau, die ihm mehr als einmal mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Die immer die richtigen Worte fand und ihm den Kopf wusch, wenn es sein musste. Yanis Großmutter, die trotz ihres Alters ihre Lebhaftigkeit nicht verloren hatte.
»Warum tust du das?«, fragte er. Er klang erschöpft.
Ayla sah ihn an, dann wandte sie sich ab und ging zurück zum Thron. »Das sagte ich doch bereits: Du hast dich mir widersetzt. Und da ich dich nicht körperlich dafür bestrafen kann, werde ich Menschen leiden lassen, die dir wichtig sind. Angefangen bei Lilian, weil ich Zugriff auf sie habe.«
Niemand hatte es verdient, für das zu leiden, was Nate getan hatte. Er hatte seine Freunde warnen wollen, hatte nach einer Möglichkeit gesucht, die Atheos aufzuhalten. Und nun würde Lilian den Preis dafür bezahlen.
Nate schüttelte den Kopf. Wenn es sein musste, würde er Ayla auf Knien anflehen.
»Tu das nicht, bitte. Quäle mich, wenn es das ist, was du willst, aber lass Lilian in Frieden.« Diese Frau durfte nicht seinetwegen sterben. Das würde Nate sich niemals verzeihen.
Ayla blieb von seinen Worten unberührt. Sie nahm auf dem Thron Platz und lehnte sich zurück.
»Aber ich quäle dich doch damit, Nate. Du trägst die Krone, der Frieden des Landes liegt in deiner Verantwortung. Und du sollst wissen, dass alles, was mit Lilian passieren wird, deine Schuld ist.« Sie bedachte ihn mit einem undurchdringlichen Blick. Ayla umgab eine Aura der Macht, die Nate beinahe mit Händen greifen konnte. Er kam nicht gegen sie an. Er musste es sich eingestehen: Ayla war ihm überlegen.
Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als könne sie seine Gedanken lesen.
»Du solltest eines niemals vergessen, kleiner König: Schwer wiegt die Krone von Sirion.«