Nathaniel
Sein Zeitgefühl war in den vergangenen Tagen verloren gegangen. Nachdem er Yul mit der Nachricht für Karim fortgeschickt und Ayla ihm verkündet hatte, dass er für diese Tat büßen würde, hatte man ihn in seinen Gemächern festgehalten.
Ayla oder Selena waren mehrmals am Tag gekommen, um ihm Essen zu bringen und nach ihm zu sehen. Wo Ayla sichergehen wollte, dass er keine weiteren Dummheiten plante, hatte Selena versucht, ihn aufzuheitern. Sie hatte mit ihm Schach gespielt, auch wenn sie ihm hoffnungslos in diesem Spiel unterlegen war, und versucht, Aylas Taten schönzureden. Doch Nate konnten ihre Worte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ayla eine Verräterin war. Eine Verräterin, die im Begriff war, ein Gotteskind zu töten.
Es war bereits später Abend, als Nate gedankenverloren am Fenster stand und über seine derzeitige Situation nachdachte. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich die Tür öffnete und zwei Atheos seine Räumlichkeiten betraten. Ihre Mienen waren finster und ohne sich zu erklären, packten sie Nate und zogen ihn mit sich.
Dem Weg nach zu urteilen, brachten sie ihn in den Thronsaal. Die Männer teilten Nate nicht mit, was ihn erwartete, und ehe er sich wirklich darüber den Kopf zerbrechen konnte, tauchte schon der Thronsaal mit seinen bereits geöffneten Türen vor ihnen auf. Der Saal wurde von Kerzen und Sonnensteinen erleuchtet.
Lange war er nicht mehr in dieser Halle gewesen, denn Ayla hatte ihm jegliche Regierungsgewalt entzogen. Er habe genug mit den Hochzeitsvorbereitungen zu tun, hatte sie den Ministern erklärt, als diese nach ihm gefragt hatten. Yakim, der während seiner Abwesenheit die Macht innehatte, hatte sich dafür ausgesprochen, dass man den König schützen müsse und er Zeit brauche, um über den Verrat der Priesterinnen hinwegzukommen. Die Minister hatten sich mit diesen Begründungen zufriedengegeben.
Während die Atheos sich um die Dienerschaft keine Gedanken machen musste, weil diese aus Angst ohnehin nichts gegen sie unternehmen würde, waren die Minister ein anderes Kaliber. Doch Nate vermutete, dass Yakim sich hervorragend darauf verstand, sie milde zu stimmen. Er hatte schon einmal, als Miro krank das Bett hatte hüten müssen, die Regierungsgewalt übernommen. So ungewöhnlich war das also nicht.
Unter ihm geschah es auch, dass die Soldaten in der Hauptstadt aufgestockt wurden. Und zwar durch getarnte Mitglieder der Atheos.
Als Nate flankiert von den beiden Wachen durch den Thronsaal geschoben wurde, wurden seine Augen groß. Vor Ayla, die wieder auf dem Thron Platz genommen hatte, stand Sadik. Er war also zurück. Zurück von seinen Plünderungen durch Silvina. Das bedeutete, dass sich Lilian ebenfalls im Palast aufhalten musste. Und darauf wartete, vor seinen Augen ermordet zu werden. Oder war sie bereits tot? Nate wollte nicht darüber nachdenken.
Man schleifte ihn direkt vor die Stufen, die hoch zum Thron führten. Die Wachen ließen ihn dort liegen und verschwanden in die Schatten des Thronsaals. Doch weder Ayla noch Sadik kümmerten sich um seine Ankunft. Die beiden Atheos waren in eine hitzige Diskussion vertieft.
»Ich bin es leid, mich in den Schatten zu verstecken, Ayla. Wir haben den König in unserer Gewalt, wir haben die Hauptstadt in unserer Gewalt. Wer sollte sich uns jetzt noch in den Weg stellen?«, donnerte Sadiks Stimme durch den Raum.
Ayla schien über die Worte des glatzköpfigen Mannes tatsächlich nachzudenken, der im Vergleich zu ihr wirkte wie ein Bulle. Breite Schultern, von stattlicher Größe und beladen mit allerlei Waffen. Die Atheos trug nur wieder eines ihrer beinahe durchsichtigen seidenen Kleider, die kaum ihren Körper darunter verbargen.
Dann nickte sie. »Du hast recht, Sadik. Es ist an der Zeit, dass wir ein Exempel statuieren.« Ihr Blick wanderte dabei zu Nate. Ein Funkeln trat in ihre eisblauen Augen.
Sadik folgte ihrem Blick.
»Was hast du vor?«
Nate schluckte schwer. Er befand sich in der Gewalt von Feinden, die offen vor seinen Augen Pläne schmiedeten. Das tat man nur, wenn man sich sicher war, dass der Gefangene niemals entkommen würde.
»Wir geben uns zu erkennen«, entschied Ayla dann. Ihre Stimme war fest und klang beinahe verheißungsvoll. »Und wie ließe sich unsere Machtübernahme angemessener feiern als mit der Hinrichtung eines Gotteskindes?« Sie ließ Nate nicht aus den Augen, während sie sprach, und ein kalter Schauer lief dem König bei diesen Worten über den Rücken. Eiswasser floss durch seine Adern. Sie würde Lilian öffentlich hinrichten lassen. Reichte es ihr nicht, sie vor seinen Augen zu töten? Das war mehr als grausam.
In Sadiks Blick trat freudige Erkenntnis, immerhin hatte er Lilian eigenhändig nach Solaris gebracht.
»Lass mich sie töten«, bat er.
Langsam nickte die Atheos. »Wie du wüschst. Die Menschen werden lernen, was es heißt, sich zu fürchten. Wer sich uns widersetzt, folgt Lilians Beispiel.«
Ein zufriedener Ausdruck trat auf Sadiks Gesicht.
»Gut, dass du endlich meinen Vorschlägen folgst. Was bringt es uns schließlich, nicht öffentlich zu agieren?«
Ayla legte den Kopf schief, als wäre sie nicht ganz sicher, ob sie sich Sadiks Kommentar so ohne Weiteres gefallen lassen wollte.
»Der ursprüngliche Plan war gut. Doch ich habe den Dickkopf unseres Königs unterschätzt.« Sie deutete mit dem Kinn auf Nate, der missmutig die Augen zusammenkniff. »Er lehnt sich immer noch gegen uns auf und das muss ein Ende haben. Nicht wahr, Nathaniel?« Ein liebreizendes Lächeln umspielte Aylas Lippen, hinter dem sich nichts als Schlechtigkeit und Rachsucht verbargen.
Nate knurrte. »Fahr zur Hölle!« Am liebsten hätte er ihr vor die Füße gespuckt. Doch was hätte er damit gewonnen? Er würde sie nur weiter provozieren. Und Sadik gleich mit. Ihm waren wortwörtlich die Hände gebunden. Es gab nichts, was er in seiner derzeitigen Lage ausrichten konnte.
Ayla erhob sich und strich mit den Fingern über den seidenen Stoff ihres schwarzen Kleides.
»Pass auf ihn auf, solange ich alles vorbereite«, sagte sie zu Sadik und trat gemächlich die Stufen hinab. »Er ist gerissen, also lass ihn nicht aus den Augen.« Ein eindringlicher Blick traf Nate, als würde sie ihn davor warnen, abermals etwas Törichtes zu unternehmen.
Sie verließ den Saal mit den beiden Wachen, die Nate hergebracht hatten. Nate blieb mit Sadik zurück und einer Handvoll Atheos, die sich unweigerlich in den Schatten verborgen hielt. Nate ließ den Blick eine Weile umherschweifen, aber sehen konnte er sie nicht.
Dann erregte Geschepper seine Aufmerksamkeit. Er blickte zu Sadik. Der ehemalige Offizier öffnete die Riemen seiner Rüstung und legte den Brustpanzer ab. Auch die beiden Schwerter, die an dem Waffengürtel um seine Hüfte hingen, wuchtete er beiseite. Damit war er noch lange nicht unbewaffnet, aber die Tatsache, dass er einen Teil seines Schutzes in Nates Gegenwart aufgab, sagte nur zu deutlich, dass Sadik in ihm keinerlei ernst zu nehmenden Gegner sah.
»Du lässt dich also von Ayla herumkommandieren?«, fragte Nate nun geradeheraus. Nur, weil man ihn wie ein Tier hierhergeschleift hatte, musste er noch lange nicht nach ihrer Nase tanzen.
Sadik warf ihm einen kurzen Blick zu, während er mit dem Verschluss seiner Armmanschetten kämpfte.
»Sei still, Junge!«
Doch Nate dachte gar nicht daran. Er meinte, vielleicht einen Lichtstreifen am Horizont zu erkennen. Tatsächlich verstand er Sadiks Beweggründe nicht, sich Ayla untergeordnet zu haben. Immerhin war er selbst ein Anführer der Atheos. Und gemessen an der Brutalität ein erfolgreicher dazu. Er hatte den leisen Verdacht, dass auch Sadik das wurmen könnte.
»Wieso hörst du auf sie? Hast du wirklich Angst vor einer Frau?«, stichelte der König weiter. Es war alles andere als ungefährlich, einen bewaffneten Verbrecher zu provozieren, doch Nate hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren. Also setzte er alles auf eine Karte. Seine letzte.
Der Soldat drehte sich nun langsam zu Nate und hob den Blick, eine Augenbraue nach oben gezogen.
»Diese ›Frau‹ ist eine ausgebildete Assassine«, stellte er in einem ruhigen Tonfall klar. Dann trat ein diabolisches Grinsen auf sein Gesicht. »Wer, glaubst du, hat deinen geliebten König getötet? Das war sie.« Als wüsste er, was er mit diesem Geständnis bei Nate anrichten würde, bedachte Sadik ihn mit einem triumphierenden Lächeln.
Nates Herzschlag setzte für einen Augenblick aus.
»Sie?«, keuchte er auf. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte angenommen, dass Miros Tod auf Sadiks Konto ging. Aber es war Ayla gewesen, die den Mann getötet hatte, der sein Lehrmeister gewesen war, sein Verbündeter, sein Freund.
Sadiks lautes Lachen erklang. Jetzt nahm er schwerfällig auf dem Thron Platz und fuhr sich mit beiden Händen über den kahl rasierten Schädel. Die schwarze Spirale hob sich deutlich von der hellen Kopfhaut ab.
»Armer, ahnungsloser König! Dachtest du etwa, ich wäre das gewesen? Aber nein. Die Armbrust gehört nicht zu meinen bevorzugten Waffen. Ayla hingegen ist eine Meisterin darin – die Armbrust über der Schulter und die Messer in den Händen.«
Sadik sprach beinahe ehrfürchtig von Aylas Umgang mit Waffen. Aber es lag ein widerwilliger Unterton unter dem Ganzen.
Wo hatte Ayla nur gelernt, zu kämpfen? Zu töten? Damals hatte sie nichts von alldem gekonnt.
»Also hast du Angst vor ihr.« Anders konnte Nate den Ausdruck in Sadiks dunklen Augen nicht deuten. Ein Mann von solch großer Statur buckelte vor einer Zofe. Das ergab für Nate keinen Sinn.
Doch der Verbrecher schüttelte den Kopf.
»Nein, habe ich nicht. Aber ohne ihr doppeltes Spiel wären wir nie so weit gekommen.« Er verzog das Gesicht, als würde es ihm schwerfallen, Ayla diese Anerkennung zu zollen.
Sie schien einen besonderen Platz in den Reihen der Atheos einzunehmen, sinnierte Nate. Dabei war sie gerade einmal einige Jahre älter als er selbst.
»Sie zieht also die Fäden?«, fragte er leise nach.
Es schien Nate, als würden Sadiks Augen bei dieser Frage noch dunkler. Seine Kieferpartie verspannte sich sichtbar.
»Hör auf, so viele Fragen zu stellen!«
Der König schüttelte den Kopf. Furchtlos blickte zu Sadik empor.
»Ich verstehe dich nicht, Sadik. Du warst der Neffe der Königin und ein geschätzter Offizier in der königlichen Armee. Deine Mutter ist Ministerin dieses Landes. Warum hast du all das nicht besser genutzt? Warum hast du es eingetauscht und verraten gegen das hier?«
Er war wirklich einer der angesehensten Männer von ganz Sirion gewesen. Doch dann war er korrupt geworden, hatte sich erwischen lassen und eine Priesterin entführt, um sie gegen einen Freispruch einzutauschen. Und irgendwann hatte er sich den Atheos angeschlossen und unter ihrer Fahne weiter Brutalitäten begangen.
Sadiks Augen ruhten auf Nate. Sie waren jetzt pechschwarz.
»Ich bin in Reichtum aufgewachsen, das stimmt. Aber als Soldat dieses Landes siehst du Dinge, die sich niemand vorzustellen wagt.«
Sein Leben musste so leicht gewesen sein, dachte Nate bitter. Man hatte ihm Liebe entgegengebracht, niemals hatte er Hunger leiden müssen und er hatte immer ein Dach über dem Kopf gehabt. Von einem solchen Leben hatte Nate nur träumen können.
Sadik lehnte einen Ellbogen auf der Armlehne des Throns ab und stützte den Kopf auf seiner Hand ab.
»Meine Mutter hat immer gesagt, ich besäße die Freiheit, über mein eigenes Leben zu bestimmen«, begann er zu erzählen. »Sie meinte damit, dass ich mich frei entscheiden sollte, ob ich den Weg der Politik gehe, wie sie es getan hat, oder dem Militär beitrete wie mein Vater. Doch das ist keine wahre Freiheit. Es ist ein Entweder-oder. Ein vorbestimmter Weg, dem man nicht entkommen kann.«
Wie gebannt lauschte Nate den Worten des ehemaligen Offiziers. Es konnte deutlich den Zorn darin heraushören. Ein Leben, gefüllt von Erwartungen und Zwängen, musste schwer gewesen sein. Und doch war es aus Nates Sicht keine ausreichende Begründung für Sadiks furchtbare Taten.
»Du wolltest Freiheit, um dir zu nehmen, was du willst? Um schlecht zu sein? Du hast zwei Kinder entführt.« Nate dachte an Malia und dabei wallte heftige Wut in ihm auf. »Du hast unschuldige Menschen getötet. Und bist jetzt imstande, ein Gotteskind umzubringen.«
Der Atheos lehnte sich nach vorn und stützte sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab, während er Nate eindringlich musterte.
»Die Menschen von Sirion haben lange genug eingeengt unter den Gotteskindern gelebt. Es ist Zeit für ein Ära der echten Freiheit und Selbstbestimmung. Diese Freiheit, in der sich alles und jeder selbst neu ordnen muss, kann nur durch das Chaos entstehen. Chaos, das wir schaffen werden.«
Er klang wie ein Rebell, wie ein Held, der dem Volk etwas Gutes brachte. Die langersehnte Freiheit, den erwarteten Frieden. Doch das war eine Lüge.
»Du willst, dass das Land in Chaos versinkt, um es danach neu aufzubauen. Mit dir als Anführer?«
Ein Grinsen stahl sich auf Sadiks Gesicht.
»Du verstehst mich falsch, Junge. Ich will kein Anführer sein. Das wollte ich nie.«
Nates Augen wurden schmal, er biss die Zähne zusammen.
»Was willst du dann?« Er ballte die Hände, die hinter seinem Rücken zusammengebunden waren, zu Fäusten.
»Unsere Gesellschaftsordnung ist töricht. Wir haben bereits Tyrannen und Narren als Könige erlebt. Unsere Priesterinnen waren schon immer schwach und besitzen keine Stimme. Glaubst du nicht, dass die Welt bereit ist, ohne das alles zu leben?«
Glaubte er wirklich, dass Sirion ein besserer Ort wäre, wenn die Gotteskinder nicht mehr existierten? Es schien so. Sadik machte den Eindruck, als erklärte er einem Kind das Prinzip der Welt.
Nate erschauderte. Es waren die überzeugten Worte eines Mannes, der für seine Prinzipien und Vorstellungen Blut fließen ließ.
»Wenn du willst, dass alle Gotteskinder verschwinden, warum tötest du mich nicht hier und jetzt?«
Sadiks Augen wurden schmal.
»Fordere mich lieber nicht heraus. Ayla ist nicht hier, um mich davon abzuhalten, dir die Kehle aufzuschlitzen.« Als Beweis für seine Drohung zog er einen Dolch aus seinem Stiefel und wog ihn langsam in der Hand.
Nate lachte kehlig auf. »Sie hat dich in der Hand. Wie das?« Anders konnte er sich Sadiks Zurückhaltung einfach nicht erklären. Wenn er Chaos streuen wollte, um daraus Freiheit zu schaffen, standen ihm Aylas Vorstellungen im Weg. Sie wollte Nate als Marionette benutzen, um selbst an die Macht zu gelangen. Eine Ära der Gleichheit einleiten. Nicht so Sadik. Aylas Pläne von Gleichheit und Sadiks Ansichten von Freiheit hatten keine Gemeinsamkeiten. Sie hassten beide das derzeitige System, aber konnte Hass allein zwei so unterschiedliche Vorstellungen auf Dauer verbinden?
»Du hat keine Ahnung!«, knurrte der Atheos.
Was mochte Ayla gegen diesen Mann in der Hand haben? Einen Mann, der als gefährlichster Verbrecher des Landes gebrandmarkt worden war.
»Bedroht sie Lady Marin?«, unternahm Nate einen Versuch. Sadiks Augen weiteten sich, dann lachte er verbittert auf.
»Meine Mutter wird früher oder später das bekommen, was sie verdient hat. Sie hat sich damals gegen mich gestellt und mich an Lord Emir verraten. Von mir aus kann sie den Göttern sofort gegenübertreten.« Seine Worte waren kalt wie Eis und Nate zweifelte keine Sekunde daran, dass er alles genauso meinte, wie er es sagte. Marin hatte sich damals für ihren König entschieden, für ihr Land, und damit ihren eigenen Sohn verraten. Um das Richtige zu tun.
»Aber wer …?«, setzte Nate erneut an, doch Sadik fuhr ihm über den Mund, als sich die Türen des Saals öffneten.
Sadik grinste breit.
»Die Zeit der Fragen ist vorbei, Junge. Jetzt darfst du dabei zusehen, wie das erste Gotteskind fällt.«
***
Eine Menschenmasse hatte sich vor den Toren des Palastes versammelt. Nate schien es, als hätte sich jeder Bürger von Solaris hier eingefunden. Und sie alle warteten gespannt auf die Verkündung der Krone. Nur, dass nichts dergleichen kommen würde.
Der König von Sirion stand mit gefesselten Händen auf dem Balkon des Palastes, von dem aus zum Volk gesprochen wurde. Er wurde von sechs Masten umsäumt, deren Fahnen abwechselnd eine goldene Sonne auf weißem Grund und eine weiße Triskele auf goldenem Grund zeigten. Der perfekte Platz für Aylas geplantes Schauspiel. Jeder der Anwesenden würde sie sehen und hören können. Und auch alles, was folgen würde.
Nate wurde von Sadik, der ein zufriedenes Lächeln zur Schau stellte, und einer anderen Atheos-Wache flankiert. Die schwarze Spirale zierte nicht nur Sadiks kahlen Kopf, sondern auch die Rüstung, die er trug.
Stimmengewirr erhob sich von unten. Die Menschen warteten. Sie alle warteten auf die Worte ihres Königs. Doch der würde nicht sprechen. Stattdessen trat nun Ayla an die Brüstung und blickte auf die Menschen, die erwartungsvoll und verwundert zu ihr hinaufsahen, herab. Ihr Körper war in ein weißes Gewand gehüllt, das der Wind um ihre Gestalt wehte. Vermutlich nahmen viele der Zuschauer an, dass es sich um Selena handelte. Aus der Entfernung sahen sich die Schwestern einfach zu ähnlich.
»Sirion ist seit Anbeginn der Zeit von den Göttern und Gotteskindern unterdrückt worden«, begann Ayla mit klarer Stimme zu sprechen. Das Gemurmel unter ihnen verstummte augenblicklich.
»Jedem von uns wurde ein Schicksal auferlegt, dem wir nicht entkommen konnten. Kinder mussten in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, ohne frei über ihr Leben bestimmen zu dürfen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.«
Ayla sprach feierlich zu den Menschen vor den Mauern des Palastes. Als stünde sie einzig und allein auf ihrer Seite. Doch Nate wagte zu bezweifeln, dass gerade die Bürger der Hauptstadt diese Ansicht teilten. Solaris war die reichste und wohlhabendste Stadt des Landes. Die Menschen hier liebten den Prunk und die Dekadenz. Wenn Ayla ihnen das wegnahm, wären sie vermutlich die Ersten, die auf die Barrikaden gingen.
»Doch das nimmt heute ein Ende. Wir werden Sirion aus den Klauen der Götter befreien. Wir werden das Land zu neuer Größe führen. Wir werden es zu einem Land machen, in dem Freiheit und Gleichheit herrschen. In dem niemand mehr besser ist als der andere.«
Ayla trat an einen der Fahnenmaste heran, an dem die Triskele flatterte. Mit einer schnellen Bewegung hatte sie den Stoff des Banners ergriffen und ihn heruntergerissen. Die Menschen schrien erschreckt auf.
Nate konnte nur einen Teil der Masse sehen. Er stand ganz hinten auf dem Balkon und die Sicht direkt nach unten war ihm weitestgehend versperrt. Doch hinter den Menschen konnte er nun deutlich erkennen, wie sich Soldaten näherten. Sie trugen nicht die goldene Sonne auf ihrer Brust, sondern die schwarze Spirale. Weitere Schreie erklangen, als die Bevölkerung sich der Gefahr bewusst wurde, und die Menschen begannen, zu fliehen. Die Soldaten hielten sie in Schach.
»Das Zeitalter der Gotteskinder ist vorbei. Wir leiten ein neues Zeitalter ein: Und die Ära der Atheos beginnt genau heute«, schrie Ayla nun der Masse entgegen.
Sadik und der Atheos, der mit ihnen auf dem Balkon stand, traten wie auf Kommando an die Fahnen heran und rissen sie hinunter. Sie hissten neue Banner: Die schwarze Spirale prangte auf einem blutroten Hintergrund. Das Zeichen der Atheos.
Das Entsetzen der Leute nahm zu. Es erklangen verzweifelte Ausrufe. Vereinzelte Beschimpfungen wurden gebrüllt: »Verräter«, »Verbrecher«, »Mörder«. Die Menge hieß die neue Ära der Atheos ganz offensichtlich nicht willkommen. Das hatte Nate auch nicht erwartet. Ayla etwa?
Doch als die Soldaten ihre Waffen zogen, verstummte die aufgebrachte Meute. Es waren Bürger. Kaufleute, Handwerksmeister, Adlige. Keiner von ihnen konnte sich gegen bewaffnete Atheos zur Wehr setzen.
Nate wäre am liebsten in die Knie gegangen. Die Atheos hatten nun offiziell den Palast übernommen. Und damit das Kommando über die Hauptstadt.
»Wir haben den König sowie die Minister in unserer Gewalt«, zog Ayla nun andere Saiten auf. Stolz blickte sie zu den roten Bannern empor, die im Wind wehten.
»Wir wollen Sirion eine neue Zukunft bieten. Werdet Teil davon, Teil einer gemeinsamen Zukunft. Das Königshaus hat uns als Verbrecher dargestellt, doch in Wahrheit wir sind nur einfache Menschen, die es leid sind, dass man auf uns herabblickt. Wir sind nicht schlechter und weniger wert als die Gotteskinder. Niemand von uns ist das. Niemand von euch. Dieses Land muss lernen, dass es allein denken und handeln kann. Es bedarf keiner Vorherrschaft durch die Gotteskinder mehr.«
Ayla drehte sich um. Ihr Blick traf den von Nate. Die eisblauen Augen glühten förmlich. Ein paradoxer Widerspruch, der umso schauriger anzusehen war. Ayla war wie im Rausch. Sie nickte dem Atheos neben Nate zu, der daraufhin verschwand, bevor sie sich wieder der unruhigen Menge zuwandte.
»Ich reiche euch heute die Hand. Seid auf unserer Seite und geht mit uns in eine bessere Zukunft.« Dabei streckte sie ihren Arm aus und strahlte. Diese Position hielt sie einige Sekunden, die Nate endlos vorkamen. Dann zog sie ihre Hand zurück, behielt aber ihr Lächeln und fuhr fort: »Wenn ihr aber an den alten Traditionen festhalten wollt, dann sterbt auch mit ihnen.«
Jetzt breitete sich offensichtlich Angst unter den Bewohnern von Solaris aus. Nate hörte das Weinen von Kindern, das Schreien ihrer Mütter und das ungläubige Brüllen der Männer.
Da bemerkte er etwas hinter sich. Als er den Kopf umwandte, entdeckte er drei Atheos, die in ihrer Mitte eine zierliche Frau führten.
»Lilian!«, schrie Nate. Er bäumte sich auf, riss an seinen Fesseln. Der Atheos bekam seinen Ellbogen ins Gesicht und Nate stürmte einige Schritte nach vorn, bevor Sadik ihn an der Schulter packte und aufhielt. Dieser Mann war ein Bulle. Gegen ihn kam Nate kräftemäßig einfach nicht an.
»Lasst ihn«, erklang auf einmal Aylas sanfte Stimme. »Er darf sich von ihr verabschieden. Wir sind keine Unmenschen.« Sie bedachte Nate mit einem eindringlichen Blick. Dem König war das egal. Sobald sich die Hände um ihn gelöst hatten, schoss er nach vorne und rannte auf Lilian zu.
Die ehemalige Priesterin war kreidebleich. Ihre Lippe war aufgesprungen und getrocknetes Blut klebte daran. Man hatte ihr ins Gesicht geschlagen.
»Nathaniel«, wisperte sie, als Nate sie erreicht hatte. Die Atheos sahen sie mit kalten Blicken an und traten auf Aylas Geheiß ein paar Schritte zurück. Lilian ignorierte ihre Peiniger.
Sie mochte geschlagen worden sein, doch sie stand aufrecht vor ihm wie eine Königin.
»Wo kommen all diese Monster her und wo sind die anderen?«, fragte sie mit leiser Stimme.
Nate biss sich bei dieser Frage auf die Innenseite seiner Wange. Betreten schaute er zu Boden, bevor er langsam den Blick hob.
»Die Atheos haben uns auf Sohalia in eine Falle gelockt. Die anderen Gotteskinder konnten fliehen.« Er betete zu den Göttern, dass es seinen Freunden gut ging.
Lilian nickte langsam. Der Blick ihrer hellen Augen traf ihre Bewacher. Purer Hass war darin zu erkennen. Erst als sie wieder zu Nate sah, wurde ihr Blick wieder sanfter. Sie hob die Hand und fuhr ihm federleicht über die Wange. Ihre Hände waren nicht gefesselt. Ayla schien von einer alten Dame keinen Widerstand zu erwarten.
»Was ist mit dir?«, wollte Lilian wissen.
Er blickte kurz zu Ayla. Wut rauschte durch seinen Körper.
»Ich bin ihre Marionette und sie lässt mich tanzen, wie es ihr gefällt«, gab er geschlagen zu. Er hatte versagt. Die Rufe der Menge übertönten nicht die Stimme des Vorwurfs, die in seinem Kopf widerhallte.
»Die Götter werden das nicht dulden«, erklang nun Lilians feste Stimme. »Hab Vertrauen.« In ihren Augen konnte Nate nicht die Spur von Angst entdecken. Dabei musste sie ahnen, dass es kein gutes Ende für sie nehmen würde.
Bei dem Gedanken daran zog sich alles in Nate zusammen. Ein Schluchzen löste sich aus seiner Kehle und er schloss die Augen.
»Es tut mir so leid, Lilian!«, stieß er hervor.
Es war für einen kurzen Moment still, dann hörte er Lilians Worte.
»Sie werden mich töten, nicht wahr?« Sie klang sanft und verständnisvoll. Weder Furcht noch Hass lag in ihrer Stimme.
Nate blickte die alte Frau vor sich voller Ehrfurcht an. Dann nickte er stockend.
»Ich habe eine Nachricht an Lord Karim senden lassen und sie bestrafen mich, indem sie dich herbrachten.« Er war der Grund, warum sie heute sterben würde. Er allein. Und er musste bis zu seinem Lebensende damit leben.
Lilian nickte. »Verstehe«, antwortete sie knapp.
Nate griff trotz der gefesselten Hände nach Lilians schlanken Fingern. Er umschloss sie. Ihre Hände waren warm im Vergleich zu seinen eigenen.
»Es ist meine Schuld. Du bezahlst für meine Fehler.« Er schüttelte den Kopf. Immer und immer wieder.
»Nathaniel, hör mir zu. Es ist nicht deine Schuld. Du kannst nichts für die Taten dieser Menschen, hast du verstanden?« Eindringlich sprach die ehemalige Priesterin auf ihn ein. »Du hast versucht, diesem Land zu helfen.«
Die ersten Tränen sammelten sich in seinen Augen, doch Nate zwang sich, sie zurückzuhalten.
»Sie werden dich öffentlich hinrichten und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann.« Seine Stimme brach am Ende des Satzes. Es gab nichts auf der Welt, was er mehr verabscheute als dieses Gefühl der Verzweiflung und des Ausgeliefertseins.
Ein zaghaftes Lächeln erschien auf Lilians Gesicht. »Dann ist es so.«
Verwirrt blickte er zu ihr auf.
»Was meinst du damit?«
»Ich mag vielleicht keine Priesterin mehr sein, aber meinen Glauben an die Götter habe ich nicht verloren. Ich wurde berufen, um diesem Land zu dienen. Um den Menschen, die darin leben, zu dienen. Und wenn ich dieser Berufung nachkomme, indem ich heute sterbe, dann ist es so.«
Lilians Zuversicht stieß beim König auf absolute Verständnislosigkeit. Er würde toben und schreien, wenn er an Lilians Stelle wäre.
»Wie kannst du so ruhig sein?«
Der Blick der alten Dame wanderte gen Himmel, bevor sie leise lachte.
»Ich hatte ein langes und glückliches Leben. Ich bin die Letzte meiner Generation, die noch übrig ist. Vielleicht wird es Zeit, dass ich Iolana, Nanami und Miro folge.«
Es klang endgültig. Als hätte sie sich damit abgefunden, diese Mauern nicht lebend zu verlassen. Lilian hatte es akzeptiert. Doch Nate konnte das nicht.
»Sag so etwas nicht, bitte«, flehte er sie an. Er ertrug es nicht, dass er sie in diesem Augenblick das letzte Mal sehen sollte.
»Nathaniel, meine Zeit hier neigt sich dem Ende, doch das Ende für dich und die anderen Gotteskinder ist noch nicht gekommen. Egal, was geschieht, ihr müsst kämpfen.« Ein entschlossener Ausdruck lag in ihren hellen Augen. Sie wirkte wieder so jung, so kampfbereit. Auch wenn es ein Kampf sein würde, den sie selbst nicht miterleben würde. Lilian schlug ihre eigene Schlacht. Eine Schlacht gegen die Angst in ihrem Inneren.
»Aber wie sollen wir bloß gegen sie kämpfen? Sie haben eine Armee, sie haben die Macht übernommen.« Die Atheos würden Sirion übernehmen.
Doch Lilian schüttelte entschieden den Kopf.
»Du irrst dich. Wenn es keine Hoffnung mehr gäbe, dann hättest du keine Nachricht an Lord Karim geschickt, oder?«
»Aber ich …«, setzte Nate an, doch Lilian unterbrach ihn.
»Mag sein, dass du derzeit nichts weiter ausrichten kannst, als nicht aufzugeben. Doch andere haben die Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Wenn die Priesterinnen noch nicht in ihrer Gewalt sind, dann werden sie kommen, um Sirion von den Atheos zu befreien. Daran glaube ich von ganzem Herzen.«
Nate sah die Zuversicht in Lilians Augen. Und dieser Anblick trieb ihm wirklich die Tränen in die Augen. Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen und seine Hände begannen zu zittern. Viel länger würde er Lilians Schicksal nicht hinauszögern können.
»Lilian …«, begann er, doch sein ersticktes Schluchzen ließ weitere Worte verstummen.
Sanfte Hände strichen über seine inzwischen tränennassen Wangen.
»Mach nicht so ein Gesicht, mein Lieber. Ich habe Vertrauen in meine Göttin. Sie wird mich zu sich holen, wenn die Zeit gekommen ist. Hast du Vertrauen in Ilias?«
Bei dieser Frage wurde Nates Herz noch schwerer. Schließlich hatte sich der Gott der Sonne, sein Gott, von ihm abgewandt.
»Das spielt leider keine Rolle mehr. Er hat sein Vertrauen in mich längst verloren.« Seine fehlenden Kräfte waren der Beweis dafür.
Lilian sah ihn beinahe tadelnd an.
»Vertrauen ist keine Sackgasse, Nathaniel. Du kannst in Ilias vertrauen, auch wenn er gerade an dir zweifelt. Dasselbe gilt für die Götter. Wenn wir zweifeln, sind sie es, die Vertrauen in uns haben.«
Wie diese Frau kurz vor ihrem leidvollen Tod so voller Liebe und Verständnis vor ihm stehen konnte, war ihm ein Rätsel. Nate blickte Lilian an, versuchte sich jedes Detail ihres Gesichts einzuprägen. Die Falten um ihre Augen, das helle Blau ihrer Iriden. Ihr liebevolles Lächeln.
»Es tut mir alles so leid«, stieß er hervor. Seine Stimme verlor sich in einem weiteren Schluchzen.
Lilian lächelte. »Das muss es nicht. Du kannst nichts für diesen Krieg.« Ihr Blick wanderte zu den Atheos und er schien sagen zu wollen: Das sind die wahren Feinde. Die Verantwortlichen für all die Grausamkeiten.
»Wenn es nur etwas gäbe, was ich tun könnte«, wisperte Nate. Doch er würde Lilians Tod nicht verhindern können.
Die ehemalige Priesterin sah ihn lange an.
»Das kannst du: Lass sie nicht gewinnen.« Ihre Hand fuhr erneut über seine Wange. Wie eine Großmutter, die die Tränen ihres Enkels trocknete.
Nate schluckte. Seine Kehle war trocken und sein ganzer Körper schmerzte.
»Das werden sie nicht, egal, was es kostet«, versprach er der Frau vor sich.
»Das wollte ich hören.« Lilian sah zufrieden aus.
Ein Räuspern erklang hinter ihnen. Ayla stand dort. Sie wartete. Nate wollte auf sie losgehen, doch sein Hass auf Ayla musste warten. Jetzt war keine Zeit dafür. Er sah Lilian noch einmal in die Augen.
»Ich danke dir für alles«, flüsterte er. Sie hatte ihn stets mit einem Lächeln empfangen und einem von Herzen kommenden Rat ziehen lassen und Nate würde ihr diese Güte niemals vergessen.
In den Augen des Gotteskindes schimmerten unvergossene Tränen.
»Weine nicht um mich, mein König. Wir werden uns eines Tages wiedersehen. In den Armen der Götter.«
Nate nickte. »Ich warte darauf.«
Zwei Atheos traten an Lilian heran und sie nickte ihnen zu. Als hätte sie alles gesagt, was sie zu sagen hatte, und wäre nun bereit für ihr Ende. Doch Nate war es nicht. Er würde niemals bereit sein, Menschen, die ihm wichtig waren, beim Sterben zuzusehen.
Als Lilian an ihm vorbeigegangen war, hielt sie noch einmal inne. Sie drehte sich ein letztes Mal zu ihm um.
»Nathaniel? Pass auf Yanis auf und sag meinem Enkel, dass ich ihn von ganzem Herzen liebe. Er ist ein so lieber Junge.«
Bei der Erwähnung von Yanis, Lilians Enkel und Nates Kammerdiener, fühlte sich sein Herz an, als würde es zerreißen. Taubheit ergriff seinen Körper und Nate musste an sich halten, nicht zusammenzubrechen. Hierfür war er einfach nicht stark genug.
»Das werde ich«, flüsterte er.
Dann wurde Lilian auf den Balkon geführt.
Ein Schrei löste sich aus Nates Kehle. Er ging auf den Atheos, der ihm am nächsten stand, los. Setzte sich gegen ihn zur Wehr. Er würde nicht zulassen, dass Lilian starb. Nicht, wenn er es noch irgendwie verhindern konnte. Da griffen von hinten Hände nach ihm. Sadiks Hände. Eine Faust traf ihn im Magen, doch Nate spürte den Schmerz kaum. Gerade litt sein Herz Qualen, die sein Körper niemals verspüren konnte.
Er schrie und tobte. Blind vor Wut griff er an, doch seine Gegenwehr fand ein jähes Ende, als ein Schlag ihn mitten ins Gesicht traf. Sadik. Die dunklen Augen des Mannes blickten ausdruckslos auf ihn herab.
»Bringt ihn weg«, sagte er nur zu seinen Männern.
»Nein«, hauchte Nate. Er wehrte sich gegen die Hände, die nach ihm griffen. Auf keinen Fall wollte er Lilian allein lassen. Auch wenn er dann zusehen musste, wie man ihrem Leben ein Ende setzte, er wollte nicht, dass sie diesen Weg gehen musste ohne einen Freund an ihrer Seite. Doch die Atheos zogen ihn unerbittlich mit sich. Bis zu den Treppen, die hinunter in den Innenhof des Palastes führten.
Es ist vorbei, drang es allmählich in sein Bewusstsein. Nate sackte in sich zusammen. Seine Beine konnten sein Gewicht nicht mehr tragen. Zu schwer war die Last auf seiner Brust. Er schloss die Augen und spürte den kalten Stein der Treppen unter sich.
Lilians Gesicht erschien vor seinen geschlossenen Lidern. Eine Frau, die immer ein Lächeln auf dem Gesicht und Liebe im Herzen getragen hatte. Eine stolze Priesterin, die ihrem Schicksal mit erhobenem Haupt entgegengetreten war. Tränen rannen über sein Gesicht. Tränen der Wut, weil es nichts gab, was er tun konnte, um ihren Tod zu verhindern. Und Tränen der Trauer, weil er erneut jemanden verlor, der ihm wichtig war.
Das Blut in seinen Ohren rauschte. Alles fühlte sich taub an. Nate bekam nichts mehr um sich herum mit. Das Einzige, was er wie durch einen Schleier, wie von weither vernahm, war das fassungslose Brüllen der Menschen Sirions, als man vor ihren Augen das Leben eines Gotteskindes beendete.