Celeste
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Celeste den jungen Mann, der vor ihr saß und nervös auf dem Stuhl herumrutschte. Er war gerade erst in Samara angekommen und die Soldaten am Tor hätten ihn beinahe erschossen. Hätte der Mann nicht beteuert, dass der König ihn schickte.
Nun saß besagter Mann, der sich als Yul vorgestellt hatte und offenbar einer von Lord Karims Studenten war, im Sitzungssaal des samarischen Palastes und wurde von Celeste geprüft.
Die Priesterin nickte. »Er sagt die Wahrheit.«
Lord Karim trat neben sie. Celeste hatte ihn rufen lassen, damit sie sich ein genaueres Bild von dem jungen Mann machen konnte. Als sein Student hatte Yul viel Zeit mit dem Lord verbracht und Celeste wollte wissen, ob sie ihm vertrauen konnten. Doch allein auf das Wort des Lords würde sie sich nicht verlassen. Nicht in Zeiten wie diesen. Unsicherheit spiegelte sich auf dem Gesicht von Lord Karim wider. Er schien zu hoffen, dass sein Vertrauen in seinen Schüler nicht unbegründet war. Und er hatte recht.
»Seid Ihr Euch ganz sicher?«
Eine Augenbraue von Celeste hob sich kaum merklich.
»Zweifelt Ihr etwa an mir und meinen Fähigkeiten, Lord Karim?« Sie sah ihn herausfordernd an, bevor sie sich wieder auf ihren Platz setzte.
Der Lord hob abwehrend die Hände.
»Natürlich nicht, Mylady, ich vertraue Yul, doch wirklich verlassen können wir uns nur auf Euch und Eure Gabe.«
Celeste dachte über diese Worte nach. Nach ihrem Gespräch mit Espen und Nike hatte sie trainiert. Sie wollte stark sein, wollte für ihr Land und die Menschen, die ihr am Herzen lagen, kämpfen. Und für diesen Kampf brauchte sie all ihre Kräfte. So auch ihre göttlichen Fähigkeiten.
»Die Aura eines Menschen zeigt mir immer sein wahres Ich. Seine Absichten und Gefühle. Sie kann mich nicht belügen.«
Bei ihrer Antwort nickte Karim zufrieden, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Er klopfte Yul beruhigend auf die Schulter, der sich daraufhin sichtlich entspannte.
»Verzeiht, ich wollte Euch nicht anzweifeln.«
Celeste winkte ab.
»Zweifel sind legitim, macht Euch keine Gedanken. Euer Schüler steht auf unserer Seite und er spricht die Wahrheit.« Sie schluckte einmal schwer, als sie den Brief in ihren Händen betrachtete. »Dieser Brief ist von Nathaniel.«
Ihre Augen ruhten auf dem Umschlag. Ihre Hände zitterten leicht, als Adrians Stimme erklang.
»Was schreibt der König?«
Ein Stich fuhr ihr mitten durchs Herz. Ohne ein Wort reichte Celeste die Nachricht an Karim weiter. Es war sein Name, der dort stand. Nicht ihrer. Und diese Tatsache störte sie ungemein.
Karim warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er den Umschlag öffnete. Er las die Zeilen, die Nate an ihn geschrieben hatte.
»Nathaniel schreibt, dass die Atheos die Hauptstadt besetzt haben. Die Minister werden ebenso gefangen gehalten wie er selbst.« Karim stockte kurz und fuhr sich mit der freien Hand über den sauber gestutzten Bart. »Und er schreibt, dass der hohe Septon auf der Seite der Atheos steht.«
Ein Raunen ging durch den Saal. Celeste schloss die Augen. Wer stand noch alles auf der Seite ihrer Feinde?
»Yakim soll ein Verräter sein? Das ist unmöglich!«, ertönte Simeas besorgte Stimme. Sie war die Septa von Samara sowie Yakim der Septon von Solaris war. Verantwortlich. Sie und Yakim waren Verbündete, die den Glauben in ihren jeweiligen Provinzen verteidigten. Ihm nicht den Kampf ansagten.
Lord Karim warf Simea einen mitleidigen Blick zu. Seine Stimme war sanft, als er weitersprach.
»Mir fällt es auch sehr schwer, das zu glauben. Aber hier steht es schwarz auf weiß.«
Adrian trat an die Seite seiner Frau und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Liebevoll strich er ihr über den Rücken.
»Warum sollte Nathaniel es behaupten, wenn es nicht stimmt?«
Karim nickte vorsichtig. »Hier steht jedoch nicht, warum Yakim sich mit den Atheos verbündet hat. Darüber lässt sich nur spekulieren.«
Admiral Emir lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. Er betrachtete Karim mit starrer Miene.
»Was schreibt der König noch?«
Celeste lauschte den Worten von Lord Karim, der weiterlas, ihr Blick glitt dabei durch den Raum. Es war eine Ratssitzung. Die Priesterinnen, die Berater des Königs und die Septas der Provinzen waren anwesend. Nates Höflinge hatten protestiert, doch die Berater des Königs waren hart geblieben. Celeste konnte diese Entscheidung verstehen. Es war nur eine Ausnahme für Espen, Nike und Marco gemacht worden. Die drei Soldaten waren ebenfalls mit im Raum.
»Ayla ist der Kopf der Schlange, schreibt Nathaniel. Sie hat die Soldaten in Solaris durch Atheos ersetzen lassen. Es wird also nicht leicht für uns, die Stadt einzunehmen. Weitere Atheos halten sich noch versteckt, Nathaniel kennt die Truppenstärke nicht.«
Karim sprach zu Emir, der die Informationen mit zusammengekniffenen Augen zur Kenntnis nahm. Es war nicht das, was sich der Admiral erhofft hatte.
»Es muss ihn einiges gekostet haben, diese Nachricht an uns zu schicken«, sprach Linnéa mit leiser Stimme. Sie hatte sich bisher nicht an der Diskussion beteiligt. Ihr fehlte die Erfahrung in der Kriegsführung. Ebenso Malia. Die Priesterinnen hörten zu und lernten. Das war alles, was sie derzeit tun konnten.
»Wurdest du verfolgt, Junge?«, wollte Chalid von Yul wissen. Der Arzt, der meist als stiller Zuhörer agierte, sprach zum ersten Mal. Er war ein zurückhaltender Mann, doch seine Fähigkeiten in der Heilkunst waren im ganzen Land bekannt.
Als das Wort an ihn gewandt wurde, wurde Yul blass. Er schüttelte schnell den Kopf.
»Nein, Mylord. Zumindest sind mir keine Verfolger aufgefallen.«
Nike verzog das Gesicht und seufzte. Sie lehnte an der Wand zum Fenster. Die Arme vor der Brust verschränkt.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ungesehen aus Solaris entkommen konnte. Ayla scheint sich ihrer Sache sehr sicher zu sein.«
Celeste stimmte der Leibwächterin zu. Ayla war eine Strategin. Sie schien mit allem zu rechnen und für jede Eventualität einen Plan zu haben. Nate war zwar schlau, doch er war nicht so durchtrieben wie Ayla.
»Wir müssen davon ausgehen, dass die Atheos jetzt wissen, wo wir uns aufhalten.«
Espen, der den Platz hinter Celeste eingenommen hatte, nickte entschieden. Er wich ihr nicht von der Seite und Celeste hatte sich inzwischen an seine Anwesenheit gewöhnt.
»Das bedeutet, dass wir ihnen zuvorkommen müssen.«
Es folgte ein einheitliches Nicken aller Anwesenden.
»Was geht derzeit in der Hauptstadt vor sich, Yul?«, fragte Karim seinen Schützling.
Yul dachte über die Worte des Lords nach. Er hatte einige Tage gebraucht, um von Solaris nach Samara zu gelangen. Er war nicht auf dem Laufenden über die neuesten Geschehnisse.
»Soweit ich weiß, war alles ruhig. Keiner der Bewohner weiß, dass die Atheos in der Stadt sind.«
Emir nickte. Ganz der Admiral, der sich bereits einen Plan zurechtlegte, um den Feind zu besiegen.
»Es stellt sich die Frage, wie lange das so bleiben wird.«
Sollten die Menschen in Solaris die Wahrheit herausfinden, drohte eine Massenpanik. Keiner von ihnen konnte vorhersagen, wie Ayla und die Atheos mit einer aufgebrachten, unberechenbaren Masse verfahren würden.
Für einen Augenblick war es still im Raum, dann erklang Marcos verwirrte Stimme. Er stand neben Nike am Fenster, den Blick nach draußen gerichtet.
»Was geschieht da draußen in der Natur?«
Sämtliche Köpfe drehten sich in seine Richtung. Durch die bodenhohen Fenster hatte man einen guten Blick auf die Tannen, die bis hinauf zu den Bergen wuchsen, sowie auf die Sträucher, die den Innenhof säumten. Sie alle verwelkten binnen Sekunden.
»Der Jasmin geht auch ein«, stellte Simea fest, die auf eine Vase in der Raumecke zeigte. Der Jasmin war noch frisch. Heute Morgen erst hatte man den Strauch dort platziert.
»Die Pflanzen sterben«, stellte Lord Chalid mit Entsetzen in der Stimme fest.
Ein erstickter Schrei ertönte. Linnéa, die zum Fenster geeilt war, um das Szenario mit eigenen Augen zu sehen, brach zusammen. Ihr Kopf schlug dabei an der Tischkante auf. Panische Rufe ertönten. Linnéa umfasste ihren Kopf, als hätte sie unsagbare Kopfschmerzen.
»Die Bäume, sie schreien«, presste sie hervor.
»Mylady!« Espen eilte an Linnéas Seite. Mit einem Taschentuch, das er aus seiner Brusttasche gezogen hatte, stoppte er die Blutung an Linnéas Stirn und half ihr auf einen Stuhl.
Die Priesterin zitterte am ganzen Körper. Tränen rannen über
ihre Wangen. Celeste kniete sich neben sie und fuhr ihr beruhigend über den Arm. Sie versuchte ihrer Freundin Trost zu spenden.
»Linnéa, was ist geschehen?«, fragte Celeste mit ruhiger Stimme. Doch Linnéa schüttelte nur immer wieder den Kopf und presste sich die Hände an die Schläfen.
»Silvia leidet«, flüsterte sie.
»Die Göttin?« Simea klang entsetzt und tauschte einen Blick mit Keziah. Die beiden Septas waren blass geworden. Als wollten sie nicht wahrhaben, was gerade geschah.
Celeste atmete tief durch. Sie sah Linnéa an und griff nach ihren Händen.
»Linnéa, versuche bitte ruhig zu atmen. Malia, kannst du ihr helfen?«, wandte sie sich dann an die dritte anwesende Priesterin.
Die Tochter des Meeres trat an ihre Seite. Mit den Händen berührte sie Linnéas Schultern und verzog dann verzweifelt das Gesicht. Bevor sie etwas erwidern konnte, ergriff Linnéa das Wort.
»Ich fühle den Schmerz meiner Göttin, als wäre es mein eigener.« Sie keuchte auf und Tränen rannen über ihr schönes Gesicht.
»Ich kann ihr die Schmerzen nicht nehmen, weil es nicht ihre sind. Es tut mir leid«, wisperte Malia und fuhr stattdessen nur beruhigend über Linnéas Rücken.
In dem Raum herrschte bis auf Linnéas Schluchzen eine gespenstische Stille.
»Was mag geschehen sein?«, stellte Karim die Frage, die ihnen allen auf der Zunge lag.
Marco blickte nach draußen. »Alles, was wächst, vertrocknet und geht ein. Selbst die Erde wird braun«, stellte er fest.
Linnéa sackte in Celestes Armen zusammen. Die Himmelstochter spürte die tränennassen Wangen auf der Haut ihrer Arme.
»Silvia hat Sirion ihre Liebe entzogen. Das ist schon einmal vorgekommen«, gestand Linnéa. Angst erfüllte ihre Stimme.
Verwirrte Blicke lagen auf der Waldtochter. Auch Celeste wusste nicht, wovon Linnéa sprach. Doch die Priesterin von Silvina hatte sich intensiv mit den alten Legenden und Aufzeichnungen vertraut gemacht, die die Geschichte Sirions beschrieben. Auch auf Sohalia hatte sie danach gesucht. Und sie schien fündig geworden zu sein.
Ihr Blick begegnete dem von Celeste. Die olivfarbenen Augen waren von Tränen durchflutet. Noch ein herzzerreißender Schluchzer erklang aus Linnéas Kehle.
»Damals, als ein Gotteskind qualvoll zu Tode kam.«
Die Stille im Raum wurde unerträglich. Ein Gotteskind war also auch heute qualvoll zu Tode gekommen? Celeste hielt für einen Augenblick den Atem an. Es war doch nicht Nathaniel?!
Sie tauschte einen kurzen Blick mit Malia, die ebenfalls voller Sorge auf ihre Freundin blickte.
Celeste schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.
»Ein Gotteskind? Aber wer …?« Doch dann dämmerte es der Himmelstochter, um welche ihrer göttlichen Schwestern es sich handeln musste. Wenn Silvia dem Land ihre Liebe entzog, dann musste es sich um ihre eigene Tochter handeln, um die sie trauerte. Und da Linnéa sicher in Celestes Armen lag, konnte es nur eine sein.
»Lilian«, stieß Celeste keuchend hervor.
Gemurmel ertönte. Doch Celeste hörte kaum noch etwas. Das Blut rauschte in ihrem Kopf. Die sanfte und gutmütige Lilian sollte Opfer eines qualvollen Todes geworden sein? Wie konnte das nur geschehen sein?
»Was mag in Solaris bloß vor sich gehen?«, fragte Malia mit zitternder Stimme. Marco war neben sie getreten und seine Arme lagen behütend um ihren Körper.
»Das werden wir herausfinden«, sagte Celeste jetzt mit fester Stimme. Sie sah zu Admiral Emir. »Schickt Späher in Richtung Hauptstadt, wir brauchen mehr Informationen.«
Wenn sie in den Krieg ziehen wollten, mussten sie wissen, was sie erwartete.
»Ja, Priesterin.« Emir verneigte sich und verließ den Raum.
Celeste nickte den Anwesenden zu.
»Wir unterbrechen an dieser Stelle die Sitzung. Linnéa braucht Ruhe, um sich zu erholen.« Liebevoll strich sie Linnéa über die Hände.
Als der Raum leer war, sah Celeste ihre Freundin an. Nur Malia war noch geblieben. Drei Priesterinnen von Sirion, die bereit waren, für ihr Land zu kämpfen.
»Geht es wieder?«, fragte Malia besorgt.
Linnéa schloss die Augen, nickte aber.
»Es fühlte sich an, als würde mein Kopf explodieren. Dieser Schmerz war unerträglich.«
Celeste empfand Mitleid mit ihrer Freundin, doch ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe.
»Glaubt ihr wirklich, dass man Lilian getötet hat?«
Malia blickte starr geradeaus. »Ich will es mir gar nicht vorstellen.« Sie schlang die Arme um ihren Körper, als würde sie frieren.
Zu dritt saßen sie niedergeschlagen auf dem Boden vor den Fenstern. Das Grün, das sich bis vor Kurzem noch vom Weiß des Schnees abgehoben hatte, war verdorrtem Braun gewichen.
»Wir müssen es Yanis sagen«, flüsterte Linnéa. In ihrer Stimme war deutlich zu hören, was dies von ihr abverlangen würde. Yanis war Lilians Enkel. Er musste erfahren, was seiner Großmutter geschehen war.
»Ich werde mit Kiah sprechen«, erklärte Celeste. »Es ist wohl das Beste, wenn er es ihm sagt.«
»Wieso ausgerechnet Kiah, der Schürzenjäger?« Malia sah sie verwirrt an. Linnéa hingegen wirkte wenig überrascht. Sie besaß die Gabe der Empathie. Vielleicht wusste sie schon lange, wie es um die Herzen von Kiah und Yanis bestellt war.
Celeste warf Malia einen vielsagenden Blick zu und die Tochter des Meeres riss die Augen auf.
»Oh, damit habe ich beileibe nicht gerechnet.«
Ein zaghaftes Lächeln schlich sich auf Celestes Lippen.
»Du solltest ihn auch besser nicht darauf ansprechen.« Kiah war, was seine Gefühle anging, kompliziert und sehr verschlossen. Er hatte sich auch Celeste nicht anvertraut, sie hatte es in seiner Aura gesehen. Der Rest war reine Menschenkenntnis und gute Beobachtungsgabe gewesen, wann immer sich Kiah und Nates Kammerdiener in einem Raum befunden hatten: zarte Blicke, unauffällige Berührungen …
Dann schüttelte Celeste den Kopf, wie, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren, die alles andere als von Liebe erfüllt war.
»Es wird Zeit, dass wir dem ein für alle Mal ein Ende setzen«, sagte sie bestimmt. Und ihre beiden Freundinnen wussten genau, wovon sie sprach. Sie war es leid, dass die Atheos das Land in ihrer Gewalt hatten. Dass ihre jungen Leben immer und immer wieder fremdbestimmt und von Gewalt durchkreuzt wurden.
»Hast du einen Plan?«, wollte Malia wissen. Sie schien die Entschlossenheit in der Stimme von Celeste gehört zu haben und die Tochter des Meeres zog erwartungsvoll eine Augenbraue nach oben. Das dunkle Haar fiel ihr wirr in die Stirn.
Die Himmelstochter nickte entschieden.
»Den habe ich in der Tat. Und dafür brauchen wir die Unterstützung von Zephyr und seinen Söldnern.«
Noch immer behagte es ihr nicht, dass sie Hilfe von einem Trupp von Söldnern in Anspruch nehmen würde.
Malia sah sie irritiert an: »Habe ich mich gerade verhört? Zephyr, Nates alter Freund? Was hat er mit Söldnern zu schaffen?«
Es stimmte: Celeste hatte Zephyr als Soldaten vorgestellt und als alten Freund von Nate. Mehr hatte sie den Beratern des Königs und dem Rat nicht erzählt. Und das würde sie auch nicht. Niemand sollte wissen, wer Zephyr wirklich war. Doch ihre Verschleierung fand vor ihren Freundinnen hier und jetzt ein Ende. Sie musste sie ins Vertrauen ziehen, wenn der Plan gelingen sollte. Celeste seufzte tief, dann sprach sie:
»Nate und Zephyr haben unter einem Söldner namens Mic zusammengearbeitet. Sie waren beide Verbrecher und tief dunkle Gestalten in den Straßen von Samara, bevor Nate berufen worden ist. Zephyr ist ein gnadenloser Mörder. Aber eben auch ein Söldner. Und jetzt arbeitet er für mich.«
Linnéa und Malia sahen sie mit offenen Mündern an. Linnéa war es, die tatsächlich als Erste ihre Sprache wiederfand. Sie sah Celeste stirnrunzelnd an und wirkte wenig überzeugt.
»Vertraust du diesen Menschen wirklich?«
Ein kratziges Lachen löste sich aus Celestes Kehle.
»Vertrauen? Kein bisschen. Aber wir brauchen sie.« Ansonsten würde ihr Plan nicht gelingen.
»Ich fühle mich nicht wohl dabei«, kam es zögerlich von Linnéa, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
»Ich hingegen kann es kaum erwarten, diesen Mistkerlen den Kampf anzusagen. Und wenn das nur mithilfe dieser Söldner möglich ist, dann sei es drum«, verkündete Malia euphorisch.
Linnéa blieb verhalten. »Aber ich habe Angst, dass wir einen Fehler begehen. Nicht, dass wir uns wieder in den Rücken fallen lassen. Mir reicht der Hinterhalt von Ayla und Selena. Vielleicht ist unsere Menschenkenntnis nicht die beste.«
Ein Schnauben erklang und Malia warf Linnéa einen empörten Blick zu. »Ich habe dieser hellhäutigen Schlange nie vertraut.«
Das stimmte. Und doch war es nicht Selena, die auf der falschen Seite gestanden und sie verraten hatte.
»Aber sie war es nicht, die uns töten wollte«, stellte Celeste darum klar. »Das war Ayla. Selena ist keine Atheos.«
Malia sah sie skeptisch an.
»War, meinst du wohl. Wer weiß, ob sie nicht inzwischen die Seiten gewechselt hat. Wieso sonst sollte Nate vor dem ganzen Land verkünden, dass er ausgerechnet sie heiratet? Sie scheint zum Plan der Atheos dazuzugehören. Und da ihre Schwester die Strippenzieherin ist, wird sie sicherlich nicht dazu gezwungen.«
Bei der Erwähnung dieser Tatsache zog sich alles in Celeste zusammen. Sie wusste, dass es sich bei der verkündeten Wahl des Königs um eine Lüge handelte. Niemals würde Nate Selena heiraten. Aber es tat trotzdem verdammt weh.
Sie hatte sich ihr Leben als Priesterin anders vorgestellt. In dieser Vorstellung gab es keine Atheos, keinen Krieg. Und es gab mittlerweile einen Mann an ihrer Seite. Einen, der sie zur Königin machen wollte.
Doch das Schicksal hatte anders entschieden. Sie waren offenbar dazu bestimmt, die Schatten auszumerzen und Sirion den Frieden zurückzubringen. Koste es, was es wolle.
Und den ersten Sold hatte sie bereits gezahlt: An Zephyr und seine Kampfkollegen. Es würde sich zeigen, wie weit sie kommen würden. Und wann sie Ayla von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden. Bei dem Gedanken erschauderte Celeste. Denn sie fragte sich, in welche Abgründe Ayla geblickt haben musste, um zu der Frau zu werden, die sie heute war. Etwas in Celeste sagte ihr, dass sie das besser nicht herausfinden wollte.
***
Nathaniel
Sein Zimmer war dunkel. Die schweren Vorhänge waren zugezogen. Nate lag quer über seinem Bett. Alle Glieder von sich gestreckt. Lange Zeit lag er einfach so da. Seit der Hinrichtung von Lilian hatte er sein Zimmer nicht verlassen. Wachen der Atheos kamen hin und wieder und brachten ihm Essen, doch Nate hatte nichts davon angerührt. Auch Selena war gekommen, hatte ihn angefleht, etwas zu sich zu nehmen, doch Nate hatte sie nicht beachtet.
Die Trauer, die von seinem Körper Besitz ergriffen hatte, war einfach zu groß. Zu groß war die Schuld, die er an Lilians Tod trug. Sie erdrückte ihn. Nate fühlte, abgesehen von Trauer und Schuld, nichts. Keinen Hunger, nicht das Bedürfnis, aufzustehen, keine Kraft mehr zum Kämpfen. Gar nichts.
Die Tränen waren längst versiegt. Am Anfang hatte er gebrüllt, um sich geschlagen und getobt. Doch die Kraft hatte seinen Körper verlassen. Und zurückgeblieben war nichts als gähnende Leere. Eine Leere, die ihn zu verschlingen drohte. Und Nate ließ es zu. Er brauchte die Leere, das Nichts, die Dunkelheit. Nur so ertrug er den Schmerz in seinem Herzen.
Er hatte versagt. Als Mensch, als Gotteskind und als König. Diese Aufgabe war zu viel für ihn gewesen. Seine größte Befürchtung, dass Ilias einen gewaltigen Fehler begangen hatte, als er Nate zum Gotteskind berufen hatte, hatte sich bewahrheitet. Entgegen der Meinung seines ehemaligen Mentors Miro. Sogar der alte König hatte sich geirrt. Er war kläglich gescheitert.
Der Gott der Sonne hatte ihn verlassen und Nate konnte seine Entscheidung sogar verstehen. Er war ein Taugenichts. Ein Kind der Gosse. Seine derzeitige Situation bewies das mehr als alles.
Sirion war in der Gewalt seiner Feinde. Zwei Gotteskinder waren tot. Und wenn er Aylas Worten Glauben schenkte, würden weitere folgen. Eines nach dem anderen. Bis keiner von ihnen mehr übrig wäre. Was das für das Land bedeutete, konnte niemand sagen. Vielleicht hatten die Atheos recht und die Götter hatten sie längst verlassen. Vielleicht war es ihnen egal, was hier geschah.
Die Türen wurden ohne Anklopfen geöffnet. Zwei Atheos betraten den Raum. Ihre Gesichter waren ausdruckslos. Doch Nate kümmerte sich nicht um sie. Es war wie immer. Sie kamen, sie brachten Essen und sie gingen wieder. Niemanden außer Selena scherte es, ob er die Mahlzeiten aß oder nicht.
Doch dieses Mal war etwas anders. Sie kamen auf sein Bett zu. Nate hörte ihre Schritte auf dem Parkett näher kommen. Doch er blickte nicht auf. Selbst dafür fehlte ihm der Wille.
Hände griffen nach ihm und zerrten ihn aus dem Bett. Nate brummte. Sie sollten ihn in Frieden lassen. Er wehrte sich nur mäßig gegen die beiden Atheos, die ihn unsanft auf die Füße stellten. Was hatte Ayla nun wieder vor? Würde sie ihn zwingen, bei der nächsten Hinrichtung zuzusehen?
Nate fragte nicht, wohin ihn die Atheos brachten. Sein Blick war gen Boden gerichtet, als man ihn aus dem Zimmer schleifte. Sie durchquerten die Flure des Palastes. Dem König war alles egal. Seine Füße berührten kaum den Boden. Die Atheos trugen ihn mehr, als dass er selbst lief.
Sie hielten vor einer Tür, die ihnen geöffnet wurde. Nate hörte das leise Knistern eines Kaminfeuers, was in Anbetracht der Tatsache, dass es in Solaris nie weniger als 15 Grad hatte, absurd war. Der Duft von gebratenem Fleisch stieg ihm in die Nase und sein Magen gab ein lautes Knurren von sich. Seit Tagen hatte Nate nichts mehr zu sich genommen.
»Setzt ihn auf dem Sofa ab. Ihr könnt gehen«, erklang eine sanfte Stimme, die Nate die Galle in die Kehle trieb. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er den Kopf hob und in Aylas blaue Augen blickte.
Vor ihm auf dem Tisch stand ein Tablett mit Suppe, Fleisch und Brot. Daneben eine Wasserkaraffe. Ayla betrachtete ihn mit hochgezogener Augenbraue. Ihr Blick glitt über seine ausgezehrte Gestalt. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Seine Wangen waren eingefallen. Nate hatte das im Spiegel gesehen, doch es kümmerte ihn nicht.
Die Atheos schüttelte den Kopf. Sie griff nach der Karaffe und befüllte ein Glas, das sie Nate zuschob.
»Trink, du siehst zum Fürchten aus.«
Nates Augen wurden schmal. »Was kümmert es dich? Sag mir lieber: Warum bin ich hier?«
Ayla nahm gegenüber von ihm Platz und betrachtete ihn lange. »Ich will nicht, dass du jämmerlich zugrunde gehst, weil du dich weigerst, zu essen.« Ihre Stimme hatte an Freundlichkeit verloren, stattdessen schwang darin ein Vorwurf mit.
War das ein schlechter Scherz? Sie hatte ihn gezwungen, Abschied von Lilian zu nehmen. Sie nahm ihm alles weg, was ihm etwas bedeutete. Sie hatte Miro getötet. Und nun machte sie ihm Vorwürfe, dass er nicht auf sich achtete?
Nate stieß ein Zischen aus, nahm aber das Glas entgegen und trank. Sein Körper verlangte förmlich danach und Nate hatte nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Er war ausgelaugt.
»Wie aufmerksam von dir«, spie er Ayla entgegen, als er das Glas abgestellt hatte.
Ayla kniff die Augen zusammen und stand auf. »Sei still und iss«, forderte sie.
Nate bewegte sich nicht. »Warum hältst du mich noch fest? Was bringt dir das? Warum tötest du mich nicht auf der Stelle?«
»So viele Fragen. Ich dachte eigentlich, du würdest direkt auf mich losgehen, aber nein, du stellst belanglose Fragen. Was ist nur aus dir geworden?«
Als belanglos empfand er diese Fragen gewiss nicht. Es ging immerhin um sein Leben und das Leben der anderen Geiseln.
»Du brauchst mich doch gar nicht mehr«
Ayla sah ihn eine Zeitlang nur an, dann schüttelte sie den Kopf. »Vielleicht brauche ich dich nicht mehr als Marionette. Aber ich warte noch auf die Ankunft eines neuen Verbündeten.«
Überrascht hob Nate eine Augenbraue. »Welcher Verbündeter?« War ihnen erneut jemand in den Rücken gefallen? Wer hatte sich nun wieder auf die Seite ihrer Feinde geschlagen?
Ein leises Lachen entwich Ayla, als sie ihn mit schräg gelegtem Kopf ansah.
»Du kennst ihn. Obwohl es eine Weile her sein dürfte, als du ihm zuletzt gegenübergestanden hast. Er ist durchtrieben, heimtückisch und er tut, was man ihm sagt. Er ist der perfekte Söldner.«
Eine Hand schloss sich um Nates ohnehin geschädigtes Herz. Sie sprach von ihm. Der Ausdruck in ihren blauen Augen verriet es ihm. Ayla wartete auf ihn.
»Vergiss es. Ich werde mich dir niemals freiwillig anschließen.«
»Das sagst du jetzt, aber ich habe dein Herz mit Hass und Dunkelheit genährt, die dir bekannt ist aus der Zeit, als du noch ein Söldner gewesen bist. Du könntest wieder einer sein. Ich könnte jemanden wie dich an meiner Seite gebrauchen, Nate.«
Ein Schnauben löste sich aus seiner Kehle und Nate musste den Blick abwenden.
»Niemals. Ich bin der König dieses Landes, kein Söldner mehr.«
Ayla nickte zögernd. »Als König bist du mir gleichgültig, als Gotteskind würde ich dich am liebsten auf der Stelle töten, aber als Söldner …« Sie ließ den Satz unvollendet, sah ihn erwartungsvoll an.
Nate schüttelte den Kopf. Immer und immer wieder. Nein! Diese Zeiten waren vorbei. Er war nun ein anderer Mensch. Er hatte seiner Vergangenheit und der Grausamkeit, die darin geherrscht hatte, den Rücken gekehrt.
»Wir werden sehen, ob du deine Meinung noch änderst. Spätestens, wenn du siehst, dass unsere Seite siegen wird. Und nun iss. Ich habe für diesen kindlichen Unsinn keine Zeit. Außerdem würde es mir meine Schwester niemals verzeihen, wenn du hier zugrunde gehst. Im Übrigen habe ich sie darüber unterrichtet, dass du ihr nur etwas vorgespielt hast. Denn auch das ist jetzt nicht mehr wichtig.« Sie bedachte das volle Tablett mit einem vielsagenden Blick.
Dann trat sie an einen kleinen Beistelltisch, auf dem ein Schachbrett stand. Nate nahm einige Bissen von dem Fleisch und dachte über Aylas Worte nach. Er würde nicht wieder zu einem Söldner werden, das stand fest. Doch wie lange würde er in diesen Mauern überleben? Ayla hatte die Geiseln noch immer in ihrer Gewalt und noch waren sie ihr als Druckmittel von Nutzen, sollte die königliche Armee nach Solaris kommen.
An Selena wollte Nate in diesem Moment nicht denken. Sie wusste also Bescheid. Er hoffte, dass Selena die Wahrheit verkraften konnte.
Nach einem weiteren Bissen stand er auf und stellte sich neben Ayla. Die Atheos betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das Brett. Einige schwarze Figuren standen bereits neben dem Spielfeld. Sicher befehligte Ayla diese Figuren. Die schwarze Seite. Ebenso schwarz wie ihre Seele.
»Warum hast du die Figuren so angeordnet? Das ergibt keinen Sinn.« Sein Blick huschte über das Brett. Der weiße König, der ihn selbst verkörperte, stand hinter der feindlichen Linie. Flankiert von einem schwarzen Turm und der schwarzen Dame. Sadik und Ayla, schoss es Nate durch den Kopf. Direkt daneben standen die beiden schwarzen Läufer. Stellten sie Selena und Yakim dar?
»Nicht in einem echten Schachspiel, das ist richtig.« Ayla nickte und betrachtete ihrerseits die Spielfiguren. Dann lächelte sie. »Sieh dir die Bauern an. Jeder einzelne von ihnen trägt einen Namen.«
Sie deutete auf eine Gruppe von drei Bauern am Rande des Spielfeldes. Außer Reichweite der schwarzen Figuren. »Kiah, Yanis und Elio stehen dort drüben. Noch sind sie in Sicherheit.« Aylas Finger zeigte anschließend auf einen Bauern, der von einem schwarzen Springer, dem zweiten Turm und zwei Bauern umstellt war.
»Dieser Bauer, der so todesmutig gegen die Feinde kämpft und die restlichen Bauern beschützt, ist Nike. Deine treue Leibwächterin.«
Die Atheos griff nach einem Bauern, der bereits neben dem Spielfeld stand. Die Figur war geschlagen worden.
»Diese Figur hier verkörpert Marco, er wurde bereits vom Feld genommen. Sein Vertrauen hast du verloren, als du ihn zum Tode verurteilt hast.« Sie stellte den Bauern wieder neben dem Brett ab. »Und diese drei«, sie deutete auf drei weitere Spielfiguren, die am Rand des Bretts standen, »sind die Berater des Königs, Emir, Chalid und Adrian. Auch diese Bauern sind deine Freunde und jeden einzelnen von ihnen hast du belogen und verraten.«
Nates Brust zog sich zusammen und er biss die Zähne fest aufeinander. Sie hatte recht. Er hatte seine Freunde und Vertrauten belogen. Hatte ihr Vertrauen missbraucht. Und Marco hatte er auf die schlimmste Art verraten. Sein Blick wanderte zu Marcos Figur. Dem weißen Bauern, der nicht mehr Teil des Spiels war. Ebenfalls neben dem Brett standen die beiden weißen Türme. Ein Stich fuhr Nate direkt durchs Herz bei diesem Anblick.
»Wer sind die Türme?«, fragte er mit erstickter Stimme.
Aylas Augen blitzten auf und ihre Mundwinkel hoben sich. Federleicht fuhr sie mit dem Finger über die Figur eines Turms.
»Die Tränen in deinen Augen sagen mir, dass du das längst weißt. Die Türme stehen für die Menschen, die dich aufgebaut haben. Die dein Fels in der Brandung waren. Es sind Lilian und Miro.«
Schmerz erfüllte Nates Körper, seine Finger verkrampften sich ineinander. Es benötigte all seine Selbstbeherrschung, nicht in Tränen auszubrechen. Die Türme waren geschlagen worden. Seine Vorbilder, seine Mentoren waren nicht mehr an seiner Seite bei diesem Kampf Schwarz gegen Weiß.
Nate schüttelte langsam den Kopf. Wie viele Menschen würde er noch verlieren, bevor dieses wahnsinnige Spiel ein Ende finden würde?
»Wer sind die Läufer?« Er konnte nicht anders, er musste es wissen, auch wenn er sich damit selbst quälte.
Die weißen Läuferfiguren waren mittig platziert. Von allen Seiten näherten sich ihnen feindliche Spieler.
»Die beiden, die in ernsten Schwierigkeiten stecken?«, lachte Ayla gehässig auf. »Das sind Malia und Linnéa. Die Priesterinnen, die als Nächstes sterben werden.«
Unbändige Wut loderte mit einem Mal in Nate auf. Furcht ließ er nicht zu. Malia und Linnéa würden diesen Krieg unter allen Umständen überleben. Dafür würde er, wenn nötig im Austausch mit seinem eigenen Leben, sorgen.
Sein Blick wanderte über das Spielbrett. Seine Bauern waren in Sicherheit, beschützt von einer kämpferischen Nike. Die Läufer näherten sich der feindlichen Linie. Doch was war mit den Springern? Nate betrachtete die weißen Pferde, sie standen in der Nähe der Bauern. Nicht in unmittelbarer Gefahr, aber auch nicht durch Nike beschützt.
»Wenn sie die Läufer sind, wer sind die Springer?«
Ayla schüttelte den Kopf, als wäre sie enttäuscht, dass Nate nicht von allein darauf kam.
»Es gibt kein engeres Band als das der Familie, Nate. Es sind Noah und Karim, dein Bruder und dein Vater.«
Überrascht sah Nate Ayla an. Sie hatte recht. Noah war kein Bauer, er war sein Bruder. Er nahm einen anderen Platz ein.
Unweigerlich glitt sein Blick zur letzten Figur, die er noch nicht zugeordnet hatte. Sie befand sich in größter Gefahr von allen weißen Spielern. Doch gleichzeitig konnte sie das Spiel auch ein für alle Mal beenden. Denn die weiße Dame stand in unmittelbarer Nähe zum schwarzen König. Ein einziger Zug und der König wäre schachmatt.
»Wer die weiße Dame ist, muss ich wohl nicht fragen«, stieß Nate hervor.
Ayla schüttelte den Kopf. Sie ließ ein leises Lachen erklingen.
»Nein, deine geliebte Königin Celeste wird die Letzte sein, die fällt. Ihr wird es nicht möglich sein, den schwarzen König zu schlagen.« Es war ein dunkles Versprechen, das Ayla ihm da gab. Wenn sie die Chance bekam, Celeste zu töten, dann würde sie es tun. Da war sich Nate absolut sicher. Doch so weit würde er es nicht kommen lassen.
Nate betrachtete das Brett. Er verstand die meisten von Aylas Spielzügen. Bis auf die Platzierung des schwarzen Königs. Er war in Gefahr. Die Dame war wandelbarer als der König. Sie war im Grunde die mächtigste Figur auf dem Feld. Setzte man sie ein, würde sie in einem tatsächlichen Spiel den gegnerischen König besiegen. Doch dieses Spiel war kein normales Schachspiel, sondern entsprang Aylas mörderischem Verstand und repräsentierte ihr eigenes Spiel um die Krone und die Herrschaft über Sirion.
Die Atheos folgte seinem grüblerischen Blick und lächelte.
»Die gefährlichsten Feinde sind die, deren Existenz wir nicht erahnen.« Während sie sprach, sah sie Nate eindringlich an. Ihre Stimme war dunkel. Verheißungsvoll.
Dem König lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Seine Augen wurden groß und er starrte fassungslos auf das Spielbrett. Auf Celestes Figur, die vom schwarzen König flankiert wurde. Trog etwa der Schein und es war genau andersherum? Welcher mächtige Verräter war in diesem Moment an Celestes Seite und brachte seine Königin damit in tödliche Gefahr?