KAPITEL 15

TÖDLICHE SCHATTEN

Vignette

Nathaniel

»Es tut mir leid, was mit Lilian geschehen ist«, drang Selenas Stimme an sein Ohr. Sie klang ehrlich. Aber Nate nahm ihre Anwesenheit kaum wahr. Er hatte kein Interesse daran, Zeit mit ihr zu verbringen.

Sie saß ihm gegenüber auf dem Sofa. Die Hände in ihrem Schoß vergraben. Sie wirkte nervös.

»Wie geht es dir?«, fragte sie, als er nicht reagierte, zaghaft.

Nate hob eine Augenbraue. Die Wunden saßen tief.

»Was glaubst du, wie es mir geht?«, fragte er sarkastisch. Die Frage konnte sie unmöglich ernst meinen. Er trauerte. Sein Herz litt Qualen, die Nate kaum mehr ertragen konnte. Ayla wollte, dass er die Seiten wechselte. Freiwillig. Das war Irrsinn. Es hatte ihn zu viel Kraft gekostet, sein Leben als Söldner hinter sich zu lassen. Und er wollte nicht wieder in diese Dunkelheit zurückkehren.

Selena nickte bedrückt und spielte mit einer ihrer schwarzen Haarsträhnen.

»Ayla hätte das nicht tun dürfen.« Sie klang resigniert, doch Nate konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Lilians Tod wirklich naheging. Obwohl sie doch eine von ihnen gewesen war. Aber Selena stand am Ende eben doch auf der Seite ihrer Schwester.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er würde seine Wut nicht an Selena auslassen, das hatte sie nicht verdient. Sie folgte blind ihrer großen Schwester und Nate würde ihr diese hilflose Loyalität nicht vorwerfen.

»Sie hätte vieles nicht tun dürfen«, erwiderte er stattdessen dunkel. Ayla hatte unverzeihliche Dinge getan und früher oder später würde sie dafür bezahlen.

»So wie du«, sagte sie leise.

Nate sah erstaunt zu ihr auf. Ein Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet. »Tut mir leid.« Er wusste genau, wovon sie sprach. Von seinen Lügen, was seine Gefühle betraf.

Selena biss sich auf die Unterlippe. »Muss es nicht. Ayla hat dich dazu gezwungen. Ich verstehe das.«

Tat sie das wirklich? Nate wagte das zu bezweifeln, denn Selena wirkte auf ihn nicht wie jemand, der einen Groll gegen seine Schwester hegte, obwohl diese ihre Gefühle benutzt und gegen sie verwendet hatte.

»Sie hat übrigens recht. Du solltest auf unsere Seite wechseln, wieder ein Söldner werden.«

Mit diesem Themenwechsel hatte Nate nicht gerechnet. Und auch alle Sanftheit war von Selena abgefallen. Immer mehr ähnelte sie ihrer verrückten Schwester.

»Du willst, dass ich wieder ein Mörder werde?«, fragte er irritiert.

Selena schüttelte den Kopf. »Ich will, dass du wieder zu dem Nate wirst, denn ich kannte. Zu dem Nate, den ich geliebt und bewundert habe. Damals warst du noch kein Söldner, aber du warst ein anderer Mensch. Du glaubtest nicht an die Götter, hast sie sogar gehasst.«

Was erhoffte sie sich davon? Selbst wenn er wieder wie früher werden würde, würde das nichts an seinen Gefühlen ändern. Für ihn und Selena würde es niemals eine Zukunft geben.

»Es hat mir das Herz gebrochen, dich die letzten Tage so niedergeschlagen zu sehen. Ich wusste nicht, wie ich dir hätte helfen können.« Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit und Nate zuckte bei diesem Klang zusammen. Er konnte ihr nicht in die Augen schauen, also stand er auf und trat ans Fenster.

Die Pflanzen auf seinem Balkon waren verwelkt. Nach Lilians Tod hatten alle Blumen, Bäume und Sträucher ihr Leben verloren. Ganz Solaris war braun und trist geworden. Und die fehlenden Farben erinnerten Nate nur noch schmerzlicher an seinen großen Verlust.

Er fuhr sich mit beiden Händen durch die blonden Haare.

»Das konntest du auch nicht. Nur eine Person hätte mir helfen können, aber sie ist nicht hier.« Gegen Ende des Satzes war seine Stimme nur noch ein Flüstern.

Nur ein Mensch hätte ihn nach dieser Erfahrung aufbauen können. Sie hatte es getan, nach Miros Tod. Sie war für ihn da gewesen, hatte ihn nachts gehalten, wenn die Albträume kamen. Und ihn am nächsten Morgen mit einem Kuss geweckt. Doch sie war nicht an seiner Seite, um die nächtlichen Schatten von ihm fernzuhalten.

»Vermisst du sie?« Auch Selenas Stimme war nur noch ein winziges Tönchen. Sie hatte seine Andeutung also verstanden. Und er hörte den Schmerz, der aus ihr sprach.

Mit einem einzigen Wort brach er seiner ersten Liebe und ältesten Freundin das Herz. »Immer«, hauchte er.

Es herrschte einen Augenblick lang absolute Stille im Raum, dann spürte Nate eine Berührung an seiner Hand. Er sah auf und blickte in zwei gletscherblaue Augen, die flehend zu ihm hinaufsahen.

»Du verdienst jemanden, der bereit ist, alles für dich zu tun, und der dich so akzeptiert, wie du bist. Ich kenne dich, Nate, und ich weiß von jeder noch so düsteren Seite von dir und ich liebe dich trotzdem. Ayla hat mir erzählt, wie entsetzt Celeste war, als sie die Wahrheit über dich erfahren hat.«

Das stimmte. Celeste war entsetzt gewesen. Und Nate fand, zu Recht. Aber Selena lag falsch mit ihrer Schlussfolgerung. Nate schüttelte langsam den Kopf.

»Sie hat mich so akzeptiert, wie ich bin. Doch sie hat gleichzeitig versucht, immer das Beste aus mir herauszuholen. Gerade weil sie mich liebt. Und sie hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Sie hat an mich geglaubt.«

Von Anfang an hatte Celeste seine Vergangenheit akzeptiert, sie hatte sie nicht gutgeheißen, aber sie hatte ihn verstanden. Doch das hatte sie nicht daran gehindert, ihm zu vertrauen. Und darauf zu vertrauen, dass Nate sich ändern konnte. Dass er einen anderen Weg würde einschlagen können.

Tränen glitzerten nun in Selenas blauen Augen. Ihre Finger krallten sich in den Stoff seines Hemdärmels.

»Sie kann dich nicht lieben, wenn sie Angst vor dir hat.« Nate fühlte sich unangenehm erinnert an das Gespräch mit Ayla, in dem diese ihm einen ganz ähnlichen Satz gesagt hatte. Nur dass es darin um seine Angst davor gegangen war, die Himmelstochter zu verlieren.

Selenas Satz nahm Nate den Wind aus den Segeln. Er hatte die Angst und die Wut in Celestes Augen gesehen. Würde er beides wiedererkennen, wenn er dem Rotschopf erneut gegenüberstand? Daran wollte er lieber nicht denken. Das Karamell ihrer Augen war immer, wenn sie ihn angesehen hatte, erfüllt gewesen mit Wärme und Liebe. Das sollte für immer so bleiben.

Nate löste Selenas Finger von seiner Kleidung. Ein mitleidiges Lächeln lag auf seinen Lippen.

»Dann werde ich mein Leben lang versuchen, diese Angst zu vertreiben«, sagte er leise.

Die Mondtochter biss sich auf die Unterlippe. Ihr Blick ging zum Boden. Sie rang um Fassung.

»Du wählst also wirklich sie?«, fragte sie dann mit tränenerstickter Stimme.

»Nachdem ich sie das erste Mal getroffen hatte, gab es offenbar kein Zurück mehr für mich«, gestand er. Ihre Begegnung in den Straßen von Samara musste Schicksal gewesen sein, dachte er. Bei den Göttern, er hatte es tatsächlich nicht geplant, sich in dieses Mädchen zu verlieben. Am Anfang hatte er sie ja nicht einmal leiden können. Wie genau sich Celeste in sein Herz geschlichen hatte, konnte Nate gar nicht genau benennen. Es hatte sich mit der Zeit entwickelt. Es war einfach passiert.

Ein Geschenk der Götter. So viel wusste Nate inzwischen. Und er würde dieses Geschenk immer im Herzen tragen. Celeste war seine Rettung gewesen, seine Chance auf ein besseres Leben. Ein Leben mit Liebe und Zuneigung und Ehrlichkeit.

»Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dich verloren zu haben. Dabei bin ich mir fast sicher, dass du nie wirklich bei mir warst.« Selenas Augen waren erfüllt von Trauer und ihre Stimme klang belegt.

Nate tat es im Herzen weh, sie so zu sehen. Aber es war nicht seine Schuld, dass sie sich Hoffnungen gemacht hatte. Selbst als sie von seiner Scharade erfahren hatte, hatte sie noch auf eine Zukunft mit ihm gehofft. Als er betreten den Blick abwandte, hörte er sie freudlos auflachen.

»Ich hoffe wirklich, dass du deine Meinung noch änderst. Celeste ist nicht die Richtige für dich. Dieses Leben ist nicht das richtige für dich. Wähle mich, wähle uns und dir würde die Welt zu Füßen liegen.«

Mit großen Augen starrte Nate seine Kindheitsfreundin an. Auch wenn er sie für ihre Zusammenarbeit mit den Atheos verachtete, so wollte er sie doch nicht leiden sehen.

»Ich wollte dir nie wehtun, Selena. Ayla mag annehmen, dass, wenn ich wieder in meine alten Muster verfalle, ich an eurer Seite stünde. Vielleicht sogar an deiner, aber sie irrt sich.« Das würde er niemals. Niemals würde er sich den Atheos anschließen. Damals vielleicht, als er noch unter Mic gedient hatte, aber heute nicht mehr.

Ein erneuter, wenn auch nur sehr schwacher Hoffnungsschimmer war in ihren blauen Augen zu sehen, der Nate sofort wieder ein schlechtes Gewissen einjagte.

»Vielleicht hat sie recht«, erklang Selenas Stimme und irgendwie klang sie mit einem Mal euphorisch, beschwingt.

»Gib uns beiden eine Chance! Lass es uns wenigstens versuchen.«

Beinahe verzweifelt versuchte sie ihn zu überreden. Von sich selbst zu überzeugen.

»Tut mir leid, aber das kann ich nicht.« Und er wollte es auch nicht. Er wollte niemand anderen als Celeste.

Er hatte geglaubt, dass Selena in Tränen ausbrechen würde, doch das tat sie nicht. Stattdessen fuhr sie sich mit den Händen über die Wangen und schluckte hart.

»Verstehe«, wisperte sie. Es war, als fiele sie nun ganz in sich zusammen.

Nate streckte seine Hand nach ihr aus, wollte ihr beruhigend über die Wange streichen, doch er ließ sie wieder sinken. Das würde es nur noch schlimmer machen.

»Ich wollte deine Gefühle wirklich nicht verletzen, bitte, glaub mir das.«

Selena nickte bei seinen Worten, doch sie sah ihn dabei nicht an. Als sie erneut das Wort ergriff, hatte sich etwas in ihrer Stimme verändert. Sie war durchzogen von Kälte.

»Kennst du eigentlich die Geschichte der Mondpriesterin Chandra und des Auserwählten Lucian?«

Der Name »Chandra« ließ Nate aufhorchen. Es war die Priesterin, dessen Name nicht in der Gruft der Gotteskinder zu finden gewesen war. Verwirrt blickte Nate zu Selena hinab.

»Was willst du mir damit sagen?«, wollte er wissen.

Selena wandte sich ab. Ihr Blick ging nach draußen, während sie sprach. Sie sah die vertrockneten Pflanzen mit einem Lächeln auf den Lippen an. Einem Lächeln, das jedoch eisige Schauer über Nates Rücken jagte.

»Ihre Geschichte erinnert mich ein bisschen an unsere.«

Das hörte sich alles andere als gut an. Er hatte von der tragischen Geschichte dieser beiden Gotteskinder schon einmal gehört. Von Linnéa und Noah. Doch er erinnerte sich kaum noch daran.

Selenas Finger berührten das kühle Glas der Fenster, die zum Balkon führten. Sie war mit ihren Gedanken nicht mehr in diesem Zimmer.

»Sie waren befreundet seit frühester Kindheit, doch dann kam eine andere und hat Chandra ihren Lucian weggenommen. Das hat sie gar nicht gut verkraftet.« Dunkelheit schwang in ihren Worten mit. Und auch wenn Nate sie nur von der Seite sah, bemerkte er den Sturm in ihren Augen.

»Celeste hat mich dir nicht weggenommen, Selena.« So war es nicht gewesen. Er hatte seit Jahren nicht mehr von ihr gehört. Seit sie damals Samara verlassen hatte. Sie waren Kinder gewesen. Als Nate zum Mann geworden war, hatte er niemandem mehr gehört. Bis zum Tag seiner Berufung.

»Und doch fühlt es sich für mich so an«, erklang Selenas klare Stimme. Die Hand am Fensterglas ballte sich zur Faust.

Er wollte es nicht fragen, aber tief in seinem Inneren wusste Nate, dass er es wissen musste.

»Wie ging die Geschichte der beiden aus?«

Selena dreht sich zu ihm um. Ein seltsamer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Trauer mischte sich mit Zorn. Schmerz mit Euphorie.

»Chandra wurde von Lucian ermordet«, sagte sie dann leise.

Nates Augen wurden groß.

Das war unmöglich. Ein Gotteskind hatte ein anderes getötet? Er hatte nicht gewusst, dass so etwas jemals vorgekommen war in der Geschichte von Sirion.

Selena nickte. Ihre Mundwinkel hoben sich.

»Ja, doch zuvor schuf sie etwas Einzigartiges.«

Nate übermannte ein unheilvolles Gefühl. Er wusste, dass ihm nicht gefallen würde, was nun kam. Ohne auf eine Reaktion von ihm zu warten, fuhr Selena fort.

»Yakim hat die alten Aufzeichnungen aus dieser Zeit gefunden. Lucian hatte alles, was mit Chandra zu tun hatte, verbannt, in die Tiefen der Gruft unter der Septe von Isaahn eingeschlossen.« Selena klang empört, als empfände sie Abscheu für die Tat des ehemaligen Königs.

Verwirrung breitete sich in Nate aus. Diese Geschichte ergab bisher keinen Sinn für ihn.

»Was für Aufzeichnungen?«

Die Mondtochter sah ihn nun direkt an. Das Lächeln auf ihren Lippen erreichte ihre Augen nicht. Sie waren durchzogen von eisigen Splittern.

»Darüber, was damals wirklich geschehen ist«, gestand sie. »Und über das Ritual.«

Nate hielt den Atem an. Wie Selena so vor ihm stand, das zaghafte Lächeln, die Wut in ihrem Blick, wirkte sie auf ihn wie eine Wahnsinnige. Eine Fanatikerin, die alles tun würde, um ihre Ziele zu erreichen. Ihrer Schwester vom Wesen her auf einmal doch nicht mehr so unähnlich.

Er schluckte, bevor er die entscheidende Frage stellte.

»Von was für einem Ritual sprichst du?«

Selena blickte zu ihm empor, dann schüttelte sie den Kopf und ging. Ließ ihn einfach stehen. Doch als sie an der Tür angekommen war, gab sie ihm noch einen Satz mit auf den Weg.

»Glaub mir, es wird die Welt verändern.«

***

Celeste

Es war an der Zeit, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Doch als sie in die Gesichter der Ratsmitglieder sah, erblickte sie alles andere als Begeisterung.

Adrian war der Erste, der das Wort ergriff. Er war etwas blass um die Nase und die Ader an seiner Stirn pochte bedrohlich.

»Ihr wollt was tun? Das kommt überhaupt nicht infrage!«, donnerte seine Stimme durch den Raum.

Simea pflichtete ihrem Mann bei. Sie schüttelte den Kopf. Ihre schlanken Finger hatte sie auf der Tischplatte zu Fäusten geballt.

»Auf keinen Fall, das verbiete ich!«

Celeste hob eine Augenbraue und sah ihren Vormund stirnrunzelnd an.

»Simea, du kannst mir nichts mehr verbieten.« Sie war volljährig und die Priesterin von Samara. Niemand in diesem Raum hatte das Recht, ihr irgendetwas zu verbieten.

Doch Simea schien das anders zu sehen. Ihre blauen Augen waren zu Schlitzen verengt und sie sah Celeste zornig an.

»Du wirst dich nicht in eine solche Gefahr bringen, hast du mich verstanden?«

Es war wie damals, als sie klein gewesen und bei etwas Verbotenem erwischt worden war. Doch sie war kein Kind mehr und sie tat das einzig Richtige.

Nike, die neben Celeste stand, ergriff das Wort.

»Mit Verlaub, der Plan der Priesterin könnte funktionieren.« Sie sah nicht glücklich aus und doch nickte sie Celeste aufmunternd zu. Celeste lächelte dankbar. Wenigstens eine in diesem Raum war auf ihrer Seite.

Ein empörtes Schnauben war zu hören und Admiral Emir sah Nike tadelnd an.

»Nike! Wir werden keine der Priesterinnen in Gefahr bringen.« Er sprach erstaunlicherweise sehr sanft mit ihr, doch das schmälerte nicht die Schärfe seiner Worte.

Die königliche Leibwächterin schüttelte den Kopf.

»Emir, du bist nicht mehr mein Vorgesetzter«, erwiderte sie ihm mit ruhiger Stimme. Überrascht stellte Celeste fest, dass Nike Emir duzte.

»Ich bin die Leibwächterin des Königs und mein Platz ist an seiner Seite. Ob der Rat Celestes Plan zustimmt oder nicht, ich werde nach Solaris gehen und meinen König befreien.«

Erleichterung durchflutete Celestes Körper bei diesen Worten. Sie hatte gehofft, dass Nike auf ihrer Seite stehen würde, doch es tat gut, es bestätigt zu wissen. Die Priesterin stand auf.

»Und ich werde mit ihr gehen.«

Simea sah sie entsetzt an. Sorge und Angst war in ihre Augen getreten.

»Nein, Celeste, das wirst du nicht tun.«

Für einen kurzen Moment schloss Celeste die Augen. Sie hatte bereits vermutet, dass sie in Simea die größte Widersacherin ihres Plans finden würde. Sie konnte diese Diskussion nur mit einer logischen Schlussfolgerung gewinnen.

»Ich bin die Einzige, die unsere Feinde ausfindig machen kann. Wenn ich nahe genug an sie herankommen kann. Hinter den Linien unserer Streitkräfte ist meine Gabe nutzlos.«

Simeas vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Es brach Celeste beinahe das Herz, ihre Mentorin so zu sehen. Doch sie würde sich Simeas Wünschen nicht beugen. Nicht dieses Mal.

»Ich muss gehen, weil ich eine Priesterin bin«, erklärte Celeste. »Ich habe geschworen, dieses Land mit meinem Leben zu verteidigen. Und das werde ich tun.«

Nathaniel kämpfte in diesem Augenblick gegen ihre Feinde, da war sich Celeste sicher. Und er brauchte ihre Hilfe. Allein konnte niemand auf Dauer den Atheos standhalten.

»Du könntest dabei ums Leben kommen«, erklang noch einmal Adrians Stimme, der bei diesen Worten besorgt seine Frau ansah. Simeas Augen weiteten sich, doch Celeste nickte nur.

»Das ist mir bewusst. Aber ich wurde nicht berufen, um mich hinter anderen zu verstecken. Ich mag vielleicht nicht die Königin dieses Landes sein, aber ich bin auch kein kleines Mädchen, das beschützt werden muss. Ich bin eine Kämpferin«, bei dem letzten Wort sah sie Nike an, die ihr zunickte. Die Leibwächterin hatte ihren Kampfgeist geweckt und Celeste würde sich zur Wehr setzen.

»Ich werde mit Nike nach Solaris gehen.« Das war ihr letztes Wort.

Marco trat an ihre andere Seite. Überrascht sah Celeste auf.

»Ich werde euch beide begleiten«, kam es von dem Soldaten.

Celeste sah zu Malia, die von dieser Idee zwar nicht begeistert war, aber nickte.

»Wenn du mich schon nicht mitnehmen willst, dann wenigstens Marco. Er wird an meiner Stelle auf dich aufpassen.«

Die Himmelstochter nickte dankbar. Ein zaghaftes Lächeln trat auf ihr Gesicht. Es war zu riskant, wenn alle Priesterinnen sich dieser Gefahr aussetzten. Daher würde nur sie gehen.

»So wie es meine Pflicht ist, auf die nächste Königin dieses Landes aufzupassen. Das habe ich unserem König geschworen«, erklang nun Espens Stimme. Er stand an der Wand gegenüber von Celeste. Sie sah ihren Leibwächter an, ein Lächeln zierte ihre Lippen. Espen bezeichnete sie als zukünftige Königin. Vielleicht würde es niemals dazu kommen. Doch dass er es tat, erwärmte ihr Herz. Nike und Espen waren die besten Kämpfer, die Celeste kannte. Mit ihnen an ihrer Seite hatte ihr Plan eine Chance.

Lord Karim erhob sich, seine rechte Hand ruhte über dem Herzen, und er neigte den Kopf, als er Celeste ansah.

»Mein Sohn hat mich darum gebeten, auf die Frau achtzugeben, der sein Herz gehört.« Verwirrt sah Celeste den Lord an. Dieser hielt den Brief in die Höhe, den er von Nathaniel erhalten hatte. Celestes Kehle wurde trocken.

»Wenn Lady Celeste also nach Solaris geht, dann werde ich sie begleiten«, fügte er hinzu.

Nike sah den Lord skeptisch an, nickte dann aber. Sie schien von Karims Vorschlag, sie zu begleiten, nicht erfreut zu sein.

»Wir brauchen jemanden, der uns in der Hauptstadt durch den Untergrund führt. Wir dürfen unter keinen Umständen gesehen werden«, fuhr Celeste mit ihrem Plan fort. Eine Herausforderung war dabei auch, dass Celeste als Priesterin selbst in weit abgelegenen Gegenden bekannt war und auffallen würde. Ihre Haare würden sie immer verraten.

Espen stieß sich von der Wand ab und trat neben Karim.

»Lord Karim und ich kennen uns in Solaris aus.«

Karim nickte eifrig. »Ich habe für das Bewässerungssystem unterirdische Tunnel graben lassen. Niemand wird uns bemerken.«

Das waren gute Neuigkeiten, die ihre Ausgangslage verbesserten.

»Und ich sorge dafür, dass wir es überhaupt so weit schaffen«, erklang mit einem Mal eine unbekannte Stimme im Raum. Zephyr war auf Celestes Wunsch zur Ratssitzung gekommen. Sie hatte seine Anwesenheit nicht weiter erklärt, der Söldner war für ihren Plan schlicht unentbehrlich.

»Ich kenne Straßen, auf denen uns niemand begegnen wird. Es ist ein weiter Weg und wir müssen schnell reiten, aber wir werden Solaris erreichen, ohne dass die Atheos uns kommen sehen.«

Die Priesterin hoffte, dass ihn niemand fragen würde, woher er diese Wege kannte, daher nickte sie Zephyr zu und erstickte damit weitere Fragen im Keim.

»Sehr gut.«

Ihre kleine Gruppe war vollzählig, in Celeste wuchs die Aufregung. Bald würde sie Nate wiedersehen. Sie konnte es kaum erwarten.

»Ich werde euch ebenfalls begleiten«, ertönte noch einmal Emirs Stimme. Celeste sah den Admiral überrascht an und schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, das werdet Ihr nicht.« Ihr Ton ließ keine Widerrede zu.

Emir sah sie erstaunt an und erhob sich. »Aber Mylady …«.

Die Himmelstochter fiel ihm direkt ins Wort.

»Jeder von uns hat einen Platz, an dem er gebraucht wird. Euer Platz ist an der Front unserer Armee, Admiral. Begleitet von Adrian sowie Malia und Linnéa.«

Sie sah Adrian an. Ihr einstiger Lehrmeister war ein guter Stratege. Seine Fähigkeiten wurden an der Front benötigt. Malia, als beste Heilerin des Landes, wurde bei den Verwundeten gebraucht und auch Linnéas Gabe wäre im Lazarett von Nutzen.

Ihre Entscheidung war wohl nicht das, was Emir hatte hören wollen, dennoch neigte er ergeben den Kopf.

»Wie Ihr wünscht, Mylady.«

Celeste blickte in die Runde. Ihre Finger ruhten auf der Tischplatte vor ihr, als wartete sie darauf, ob noch jemand etwas zu sagen hätte. Doch es blieb still im Raum.

»Ihr werdet unsere Soldaten vor die Tore von Solaris führen«, fuhr sie dann an Emir und Adrian gewandt fort. »Wenn die Augen der Atheos nach außen gerichtet sind, werden sie weniger auf das achten, was direkt vor ihrer Nase geschieht.«

Emirs Augen wurden schmal. »Wir sind die Ablenkung?«

»Ja. Wenn alles gut läuft, schlagen wir von innen der Schlange den Kopf ab und ein Krieg kann vermieden werden. Falls nicht, müsst ihr kampfbereit sein«, forderte Celeste den Admiral auf.

»Das werden wir«, sagte er zustimmend.

Celeste atmete tief durch, bevor sie weitersprach.

»Wir brechen morgen bei Sonnenaufgang auf.«

Celeste blickte jeden Einzelnen im Raum ein letztes Mal eindringlich an. Und damit war die Ratssitzung beendet.

Sie musste sich beeilen, wenn sie ihre Pläne in die Tat umsetzen wollte. Linnéa und Malia würden mit der Armee reisen. Celeste vertraute ihren Freundinnen mit ihrem Leben. Sie würden in ihrer Abwesenheit die Fäden in der Hand halten, was ihren Angriff auf die Hauptstadt betraf. Jeder hatte seine Aufgabe zu erfüllen.

Celestes Augen wurden schmal. Das Mal in ihrem Nacken kribbelte. Ein Zeichen für ihre göttliche Fähigkeit. Die Priesterin fuhr über die Triskele in ihrem Nacken.

Ihre Aufgabe war es, den Verräter in ihren eigenen Reihen zu entlarven. Es war nur ein flüchtiger Moment gewesen, doch Celeste hatte es gesehen. Während sie ihren Plan erklärt hatte, hatte die Aura eines Menschen sein wahres Ich verraten. Einer ihrer Verbündeten spielte ein doppeltes Spiel.

Da traf es sich gut, dass er ihre kleine Truppe begleiten würde. Sie würde nicht blind in eine Falle tappen, sondern sehenden Auges. Aber sie würde vorbereitet sein. Die Mundwinkel der Priesterin hoben sich. Alles verlief genau nach Celestes Plan.

***

Sie waren zu Pferd unterwegs. Ihre kleine sechsköpfige Gruppe kam dank Zephyrs Hilfe gut voran. Er kannte Wege und Pfade, von deren Existenz Celeste tatsächlich bis heute nicht gewusst hatte. Es war erstaunlich. Der Söldner kannte diese Routen vom Transport von Schmuggelware.

Zephyr führte das Gefolge über die Berge nach Nubifer, eine kleinen Stadt in den Bergen, wo sie kurz Rast machten, um ihre Kraftreserven aufzufüllen. Celeste hatte sich von dem Geschehen auf den Straßen ferngehalten. Niemand durfte sie erkennen. Zwar war Celeste die Priesterin dieser Region, aber sie konnten nicht wissen, wie weit die Atheos bereits vorgedrungen waren. Zephyr hatte sich darum gekümmert, dass ihre Vorräte aufgefüllt wurden.

Der Ritt war anstrengend und die kalten Gebirgswinde zehrten an ihren Kräften. Doch sie hatten Glück und blieben von Schneestürmen verschont. Selbst die kälteste Region Sirions schien zu spüren, dass es bald Frühling werden würde.

Ihr nächstes Ziel war Lumen. Genauer gesagt würden sie einen unauffälligen Ort zum Rasten kurz vor der Stadt ausfindig machen. Damit würden sie die Berge und die Provinz Samara hinter sich lassen und sich Solaris nähern. Lumen war eine Stadt westlich der Hauptstadt, wo die meisten Menschen als Landwirte tätig waren. Weite Felder voller Getreide erstreckten sich rund um Lumen. Die Felder boten ihnen zwar keinen Schutz, aber sie waren sicherer als die Handelsstraßen, die in die Hauptstadt führten: weniger gut bewacht.

Celeste saß neben Nike, die dabei war, ein Lagerfeuer zu entzünden. Die Priesterin ging ihr dabei zur Hand. Marco und Zephyr waren losgezogen, um ihre Vorräte aufzufüllen. Zu zweit würden sie in Lumens Straßen weniger Aufsehen erregen.

Karim und Espen saßen nicht weit entfernt und brüteten über den unterirdischen Stadtplänen von Solaris. Sie diskutierten, welchen der Tunnel sie für ihre Reise am besten nutzen sollten. Celeste konnte da nicht mitreden. Sie kannte sich in der Hauptstadt nicht gut genug aus und in den Tunneln schon gar nicht. Sie vertraute auf das fachliche Wissen ihrer Gefolgsleute.

Da flüsterte Nike ihr zu: »Mir gefällt dein Plan nicht.«

Celeste sah sie erstaunt an. Die königliche Leibwächterin sah die Priesterin nicht an, sondern ging strikt ihrer Arbeit nach. Ihre Stimme war so leise, dass nur Celeste die Worte hatte hören können.

»Es wird alles gut werden«, flüsterte die Himmelstochter zurück. »Er wird mir nichts tun.« Celeste sprach von dem Verräter in ihren Reihen.

Sie hatte Nike in ihre Pläne eingeweiht. Abgesehen von Celeste und Nike wusste sonst nur noch eine Person davon, der Celeste nie hatte vertrauen wollen. Je weniger über alles Bescheid wussten, umso weniger konnten den Plan vereiteln.

Nike hob unauffällig den Blick. In ihren hellblauen Augen lag Skepsis.

»Wie kannst du dir da so sicher sein? Er ist auf ihrer Seite. Wir sollten ihn hier und jetzt aus dem Weg schaffen.«

Darüber hatte Celeste bereits nachgedacht, doch sich dagegen entschieden. Sie konnten nicht wissen, was man Nathaniel und den anderen Gefangenen antun würde, falls keine weiteren geheimen Informationen an Aylas Ohr gelangen würden. Denn dass der Verräter sie ausspionierte, dessen war sie sich sicher.

Ihr einziger Vorteil war es, dass er nicht wusste, dass Celeste ihn erkannt hatte. Er würde sie nach Solaris bringen, in der Annahme, dass er ihre Truppe in eine Falle lockte und sie Ayla auf dem Silbertablett präsentierte. Doch so weit würde es nicht kommen. Dafür hatte Celeste gesorgt.

Das Feuer entflammte und Celeste streckte ihre Hände dorthin aus. Wärme floss durch ihre steifen Glieder und sie schloss die Augen.

»Celeste, darf ich kurz mit Euch sprechen?«, ertönte Karims Stimme. Der Lord stand direkt hinter ihr.

Die Priesterin nickte: »Natürlich.«

Als sie keine Anstalten machte, aufzustehen, räusperte Karim sich.

»Unter vier Augen, wenn das möglich ist.«

Celeste tauschte einen kurzen Blick mit Nike, bevor sie aufstand und Karim ein Stück in den angrenzenden Wald hinein folgte. Sie hörte das Zwitschern von Vögeln und Knacken aus dem Unterholz.

»Was liegt Euch auf dem Herzen, Lord Karim?«, fragte sie, als sie stehen blieben.

Karim schien nervös zu sein, dann griff er in die Innenseite seiner Manteltasche und zog etwas hervor.

»Ich wollte Euch den hier geben.« Er hielt ihr den Brief hin, den Nate ihm geschickt hatte. »Ihr solltet ihn lesen.«

Verwirrt nahm die Priesterin das Papier entgegen und faltete es auseinander. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Zeilen überflog. Der erste Teil betraf die derzeitige Situation in Solaris. Nichts, was sie nicht schon wusste. Doch der zweite Teil des Briefes war ihr neu. Karim hatte ihn nicht verlesen. Es waren die Worte eines Sohnes an seinen Vater. Worte, die Celestes Herz berührten.

Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, dass ich Euch ins Gesicht geschlagen habe. Mehrmals. Ich gestatte Euch, Euch zu revanchieren, sobald der Krieg vorbei ist. Und vielleicht können wir danach endlich Frieden schließen. Als Familie.

Celestes Unterlippe bebte und Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Nate, dachte sie und musste die Tränen zurückhalten. Er hatte also endlich verstanden, wie wichtig Familie war. Die Freude darüber konnte Celeste gar nicht in Worte fassen. Sie schenkte Karim ein zaghaftes Lächeln und las weiter.

Daher möchte ich Euch um einen Gefallen bitten. Nicht von König zu Berater, sondern von Sohn zu Vater: Passt auf Celeste auf. Sie ist meine Königin und damit auch die Eure. Wenn ihr etwas zustoßen sollte, sehe ich keinen Sinn in all dem hier. Haltet sie davon ab, törichte Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel, mich befreien zu wollen.

Pures Glück floss durch ihre Adern und mit den Fingern berührte sie unvermittelt den Ring, der unter ihrer Kleidung verborgen lag. Ein leises Lachen löste sich aus ihrer Kehle.

»Und das zeigt Ihr mir erst jetzt?«

Nate wollte nicht, dass sie etwas Dummes tat. Dafür war es bereits zu spät.

Ein Lächeln erschien auf Karims Gesicht.

»Ihr seid keine Frau, die leichtfertige Entscheidungen trifft. Und ich haben nicht angenommen, dass die Worte meines Sohnes daran etwas ändern könnten.«

Dem konnte Celeste nur zustimmen.

»Wie gut, dass ich nur selten auf Nathaniel höre.« Sie steckte den Brief lächelnd in ihre eigene Manteltasche.

Es war dunkel geworden und die Bäume warfen lange Schatten auf die kleine Lichtung. Ebenso wie auf Karims Gesicht. Die darauffolgende Bewegung kam aus dem Nichts.

Zwei starke Arme legten sich von hinten um Karim. Ein Tuch wurde ihm auf den Mund gepresst. Celeste riss die Augen auf und schlug sich die Hände vor den Mund. Sie blickte in ein Augenpaar, dass ihre Reaktion genauestens beobachtete.

Karim wehrte sich gegen die Umklammerung. Er brummte, seine Hände umschlossen die Unterarme seines Angreifers. Doch es war bereits zu spät. Die Augenlider des Lords flackerten und er verlor sein Bewusstsein.

»Espen, was soll das?«, fragte sie mit ängstlicher Stimme. Sie wich vor ihrem Leibwächter zurück. Dieser legte den bewusstlosen Körper von Karim auf dem Waldboden ab.

Als Zeichen dafür, dass er unbewaffnet war, hob er die Hände.

»Verzeiht, Priesterin. Aber Karim wollte Euch hintergehen. Er steht nicht auf unserer Seite.«

Celestes Augen wurden schmal. »Wovon sprecht Ihr?«

Espen trat einen zögerlichen Schritt auf sie zu.

»Ich habe dem König versprochen, auf Euch aufzupassen. So, wie ich es damals Estelle versprochen habe.«

Als der Name ihrer Mutter fiel, zog sich alles in Celeste zusammen. Ihr Herz verkrampfte sich.

»Was hat meine Mutter damit zu tun?«, presste sie erstickt hervor.

Espens Augen verloren an Härte. In sie trat eine Sanftheit, die Celeste noch nie darin gesehen hatte.

»Ich habe Euch damals nicht die ganze Wahrheit über Eure Mutter und mich erzählt. Ich sagte Euch, dass ich Estelle nach unserer Zeit im Waisenhaus nicht mehr gesehen habe, aber das stimmt nicht. Als ihr gerade geboren wart und wir die Triskele in Eurem Nacken entdeckten, bat mich Estelle, Euch in Sicherheit zu bringen. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Atheos und wollte nicht, dass Ihr in ihre Hände gelangt. Die Atheos hätten Euch entweder getötet oder für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Estelle wusste, wie brutal die Rebellen sein können, und wollte nicht, dass Ihr bei ihnen aufwachst.«

Das Blut rauschte in Celestes Ohren bei diesem Bekenntnis.

»Ihr wart bei meiner Geburt anwesend?« Verwirrt blickte sie den Leibwächter an. Sie hatte angenommen, dass Espen zu dieser Zeit längst in Solaris gewesen sei. Niemals hätte sie vermutet, dass Estelle und Espen den Kontakt zueinander gar nicht abgebrochen hatten. Er hatte sie angelogen, als sie über ihre Mutter gesprochen hatten, oder ihr zumindest nicht die ganze Wahrheit erzählt. Eine Wahrheit, die ans Licht brachte, womit Celeste niemals gerechnet hatte.

Espen nickte stockend. »Euer Vater war im Auftrag der Atheos unterwegs und Estelle wollte bei der Geburt ihres Kindes nicht allein sein. Sie brauchte einen Freund an ihrer Seite.«

Ein Kloß hatte sich im Hals der Priesterin gebildet. So sehr sie sich auch wünschte, mehr über ihre leibliche Mutter und ihre eigene Geschichte zu erfahren, es war gerade nicht der richtige Augenblick dafür. Plötzlich aber stockte sie.

»Wartet mal!«, stieß Celeste aus. »Ihr habt mir damals erzählt, sie sei früher aus dem Waisenhaus verschwunden als Ihr und Ihr hättet sie danach nicht mehr wiedergesehen. Das war, bevor sie zu den Atheos stieß und mich geboren hat.«

Der Leibwächter blickte entschuldigend zu Celeste herab. »Abgesehen von diesem Moment habe ich das auch nicht. Ich gestehe, dass ich nach meiner eigenen Zeit im Waisenhaus Nachforschungen angestellt habe, um Estelle wiederzufinden. Es war so ein Gefühl … Als ich auf Besuch in Samara war, traf ich sie wirklich zufällig in den Straßen, da war sie hochschwanger. Unsere alte Verbindung war gleich wieder da. So kam das eine zum anderen. Es war wohl Schicksal, wie ich heute denke. Denn jetzt bin ich der Leibwächter ihrer Tochter.«

Diese Erklärung klang so einfach. So unschuldig. So hoffnungsvoll. Celeste wünschte sich beinah, dass es die Wahrheit wäre. Doch sie wusste es besser. Sie stieß ein Seufzen aus.

»Wisst Ihr, was das Beste daran ist, ehrlich zu sein? Man muss nicht darüber nachdenken, was man wem erzählen darf und was man besser verschweigt.«

Bei ihren Worten zogen sich Espens Augen zu Schlitzen zusammen. »Was meint Ihr damit?«

»Dass Ihr mit dieser Face aufhören könnt. Ihr selbst gabt mir den Rat, meine göttliche Fähigkeit zu trainieren. Ich sehe Euer wahres Ich.« Und was sie dort sah, jagte ihr mehr Angst ein, als Celeste es für möglich gehalten hätte.

Bisher war die furchterregendste Aura, die sie je gesehen hatte, die von Mic gewesen. Der Söldner war umgeben gewesen von Zorn, Gewalt und Hass. Doch Espen umgab pure Dunkelheit. Und das war noch schlimmer. Wieso Celeste seine Aura erst bei der letzten Ratssitzung so deutlich hatte sehen können, blieb ihr jedoch ein Rätsel. Vermutlich hatte es daran gelegen, dass sie in Espen so unbedingt einen Verbündeten hatte sehen wollen. Er hatte sie mit den Geschichten über ihre Mutter um den Finger gewickelt. Doch nun konnte Espen sich nicht mehr vor ihr verstecken. Er war ein Wolf im Schafspelz gewesen, aber Celeste würde dem nun ein Ende setzen.

Espen lachte leise.

Die Augen des Leibwächters ruhten auf Celeste.

»Es erstaunt mich noch immer, was für eine starke Frau aus Euch geworden ist. Ich habe Euch im Arm gehalten, da wart Ihr gerade wenige Minuten alt.« Bei seinen Worten musste Celeste schlucken. Sie und Espen verband eine Vergangenheit, die sie niemals würde gänzlich auslöschen können. Das Wissen darum erschauderte sie in diesem Moment.

»Ich habe Euch damals in den Palast von Samara gebracht, weil Estelle mich darum gebeten hat. Sie wollte, dass Ihr trotz allem eine glückliche Kindheit habt. Ich habe ihr den Wunsch nicht abschlagen können.«

»Weil Ihr in sie verliebt wart«, brach die Erkenntnis aus Celeste hervor. In die Dunkelheit, die Espens Aura umgab, mischte sich jetzt ein Gewirr aus Liebe und Zuneigung. Gemischt mit Reue. Dass er den Tod von Estelle nicht hatte verhindern können, dachte Celeste.

Espen nickte bloß. »Und ich werde es immer bleiben.« Wie ein Mann solch sanfte Worte finden konnte, während in seinen Augen nichts als Kälte ruhte, war für Celeste ein Mysterium.

Espens Mundwinkel hoben sich, während er sie betrachtete. Die Kälte in seinen Augen milderte sich ein wenig.

»Wenn ich Euch ansehe, sehe ich Estelle.«

Überrascht starrte Celeste Espen an. Ob es gut für sie war, dass er in ihr ihre Mutter sah, war fragwürdig. Immerhin hatte er gerade zugegeben, dass er Estelle geliebt hatte. Doch es bestätigte Celestes Verdacht: Espen würde ihr nichts tun.

»Wie kamt Ihr zu den Atheos?«, stellte Celeste die Frage, die ihr auf der Zunge lag.

Espen seufzte tief und antwortete: »Estelle ist durch Manuel, Euren Vater, an die Atheos geraten. Um sie zu beschützen und ein Auge auf sie zu haben, habe ich mich ihnen ebenfalls angeschlossen.«

Seine Aura offenbarte Celeste, dass Espen die Wahrheit sagte.

»Dann steht Ihr gar nicht aus Überzeugung auf der Seite der Atheos?« Die Dunkelheit, die ihn umgab, sprach eine andere Sprache. Celeste musste endlich Klarheit schaffen. Es verwirrte sie zu sehr, was sie heute erfahren hatte.

»Die Atheos sind ein Haufen blindwütiger Hunde. Die meisten sind Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entgehen wollen. Sie folgen dem Ruf des Stärksten. Sadik, Yakim und Ayla sind anders. Sie gehören zu den Starken. Sie haben eine Vision für die Zukunft von Sirion.« Espen trat einige Schritte auf sie zu und Celeste ging automatisch dieselbe Anzahl an Schritten zurück. Bis sie mit dem Rücken gegen einen Baumstamm stieß. Sie saß in der Falle.

»Und eine solche Vision habt Ihr auch?«, fragte Celeste geradeheraus. Wenn Espen nur wegen ihrer Mutter an die Atheos gelangt war, fragte sie sich, warum er bei den Rebellen geblieben war, als sie verstarb. Das ergab für sie keinen Sinn. Es sei denn, Espen hatte mittlerweile seine eigenen Überzeugungen, die ihn bei den Rebellen hielten.

»Eure Mutter hat mir letztendlich die Augen geöffnet über die Korruption dieser Welt. Als Leibwächter des Königs habe ich die Abgründe unseres Regierungssystems gesehen. Wenn ich Miro nicht beschützt hätte, wäre unser Land ins Chaos gestürzt. Ohne König sind wir schutzlos. Wir sind ihm und den Göttern untertan und von ihnen abhängig. Diese Abhängigkeit konnte ich nicht länger dulden. Die Atheos sehen das ähnlich. Und doch braucht auch jeder von ihnen eine leitende Hand.« Espens Augen wurden dunkel. »Manuel wäre niemals allein in der Lage gewesen, in das Gefängnis von Samara einzubrechen, um Sadik zu befreien. So intelligent war Euer Vater nicht.« Ungläubig kopfschüttelnd betrachtete Espen Celeste, als könnte er nicht glauben, dass sie das Kind dieses Mannes war.

»Bei diesem Ausbruch sind Wächter gestorben«, erklang ihre zaghafte Stimme. Doch Espen zuckte lediglich mit den Schultern. Dann fuhr er fort: »Und Sadik, so stark und furchterregend er auch ist, hätte den Angriff auf die Klosterstätte von Lacrima ebenfalls nicht aus eigenem Antrieb bewerkstelligen können.«

Auch hinter diesem blutrünstigen, grausamen Angriff steckte Espen? Celeste schluckte hart, ihr wurde immer kälter, je mehr sie über diesen Mann erfuhr.

»In dem Kloster lebten unschuldige Menschen und Kinder.« Was hatte es für einen Sinn, diese Leute zu töten? Celeste verstand es nicht.

»Ich hatte Informationen erhalten, dass sich dort Unterlagen über die Erweckung einer neuen Mondtochter befinden sollten. Es war eine Fehlinformation. Jemand musste dafür bestraft werden.«

Celeste Augen weiteten sich. Sie hatte es damals seltsam suspekt gefunden, dass Selena als neue Mondtochter beinahe gleichzeitig auf der Bildfläche erschienen war, wie die Atheos aus ihren Löchern gekrochen kamen. Ein nachweisbarer Zusammenhang hatte sich bis heute nicht finden lassen, das wusste sie von Noah und Linnéa, aber die Skepsis war geblieben. Doch dass alles so eng miteinander verwoben war, dass die Erweckung der Mondtochter schon immer der Plan der Atheos gewesen war … damit hätte Celeste im Leben nicht gerechnet.

»Ich habe auch damals, in dieser schicksalhaften Nacht, für König Miro über die Situation gewacht. Ayla hat geschossen. Ich habe sie geschützt.«

Entsetzen durchflutete ihren Körper. Sie dachte an Miro und seinen blutüberströmten Körper, als sie ihn in Nates Armen gefunden hatte. Espen hatte Miro verraten. Sein eigener Leibwächter. Ein Keuchen entkam Celestes Kehle und sie schloss die Arme um sich, um die Kälte zu vertreiben.

Der Blick aus Espens Augen wurde wieder sanfter.

»Ihr müsst keine Angst vor mir haben. Ihr mögt mich für ein Monster halten, aber dem ist nicht so. Ich will den Menschen Sirions helfen.« So ehrlich seine Worte auch klangen, und auch seine Aura sagte Celeste, dass er von der Güte seiner Absichten überzeugt war, so unwirklich war ihre Botschaft.

»Es fällt mir wirklich schwer, das zu glauben. Immerhin habt Ihr mir soeben unzählige Verbrechen und sogar Morde gestanden, an denen Ihr beteiligt wart.« Ihre Stimme klang rau. Und in diesem Moment begann sie, an ihrem Plan zu zweifeln.

»Ich habe keinen Mord begangen«, entgegnete Espen nur.

Celeste schüttelte den Kopf. Wut flammte in ihr auf.

»Ihr habt sie in Auftrag gegeben, ich sehe da keinen Unterschied. Das Blut dieser Menschen klebt an Euren Händen.«

Espen nickte langsam. Dann trat er auf sie zu. Celeste wusste, dass sie mit ihm gehen würde. Ihr blieb gar keine andere Wahl. Und auch Espen wusste das. Er hielt ihr die Hand entgegen, doch Celeste griff nicht danach. Stattdessen ging sie erhobenen Hauptes an ihm vorbei. Espen griff nach ihrem Oberarm und zog sie zu seinem Pferd, das hinter den Bäumen versteckt angebunden war.

Der Blick ihres Leibwächters glitt zu ihr hinauf, als er sie aufs Pferd hob.

»Euer Plan wird scheitern. Ich weiß jetzt von den unterirdischen Tunneln. Sobald wir in Solaris sind, werden die Atheos jeden dieser Wege bewachen.« Er schwang sich hinter ihr in den Sattel und sie ritten los.

Celeste wusste: Er hatte recht. Umso besser, dass Nike und die anderen nicht über die Tunnel durch Solaris gelangen würden … Karim war nicht der Einzige, der geheime Wege in der Hauptstadt kannte. Zephyr konnte sich dieses Wissens ebenfalls bedienen. Sie würden durch ein nicht mehr genutztes Tor an der Nordseite der Stadtmauer nach Solaris gelangen. Und dort würden Zephyrs Söldner bereits auf ihren Anführer warten. Söldner, von denen Espen nichts wusste, und wenn er nichts von ihnen wusste, dann kannte auch Ayla diesen Plan nicht.

Damit er aber gelingen konnte, brauchte es eine Ablenkung. Eine Ablenkung und einen kleinen Sieg für ihre Feinde. Celeste war bereit gewesen, diese Rolle zu übernehmen. Denn sie war es, die die Atheos wollten. Die Frage war nur noch wieso. Bald würde Celeste es selbst herausfinden. Und wieder in die grünen Augen blicken können, die sie so sehr liebte.

Sie begab sich freiwillig in die Gewalt des Feindes, um den Mann zu retten, dem ihr Herz gehörte.