KAPITEL 19

DER WILLE DER GÖTTER

Vignette

Nathaniel

Keuchend rannte er durch die Flure des Palastes. Als ob die Wunde an seiner Brust nicht schon genug wäre, hatte ihn gerade eben ein unsagbarer Schmerz erfasst. Mitten durchs Herz war er geschossen, hatte ihm alle Luft aus den Lungen gepresst. Nate hatte keine Ahnung, was ihm widerfahren war. Aber er hatte auch keine Zeit dazu, sich darum zu kümmern. Aber es war ihm aufgefallen, dass es draußen für einen Moment taghell geworden war, als wäre die Sonne bereits aufgegangen, nur um kurz darauf – begleitet von dem Schmerz – wieder finster zu werden. Im Inneren des Palastes bemerkte man die Dunkelheit kaum. Die Sonnensteine an den Wänden erleuchteten das Gemäuer.

Im gesamten Palast tummelten sich die Atheos und Nate musste vorsichtig sein, keinem von ihnen in die Arme zu laufen.

Er hatte Glück. Denn während er sich seinen Weg hinauf in den östlichen Flügel bahnte, wo die Minister untergebracht worden waren, gerieten die Atheos plötzlich in Panik.

Der König versteckte sich hinter einem Vorhang, als die feindlichen Soldaten an ihm vorbeiliefen.

»Die königliche Armee steht vor den Toren der Stadt!«, brüllte einer.

»Die können was erleben«, schrie ein anderer.

»Unter ihnen sind die Priesterinnen.«

»Der Admiral befehligt sie.«

Das Stimmengewirr wurde lauter. Und Nate atmete bei diesen Rufen erleichtert auf. Es war das erste Mal, dass er seit seiner Gefangennahme von Emir oder Malia und Linnéa hörte. Sie waren hier. Hilfe war endlich unterwegs. Er kannte Celestes Pläne nicht, sie hatte ihm nur erzählt, dass Zephyr und seine Söldner sich Zutritt zum Palast verschaffen würden. Ihm hatte die Vorstellung gar nicht gefallen, dass Celeste mit den Söldnern verhandelt hatte. Noch dazu mit Zephyr. Doch jetzt betete Nate, dass sie bald hier auftauchten. Allein würde er sich Sadik und seinen Anhängern nicht entgegenstellen können.

Mehr und mehr Atheos verließen ihre Posten und liefen hinaus, um die Ankunft der königlichen Armee von den Palastmauern aus zu beobachten. Das war Nate nur recht, denn so stand niemand mehr zwischen ihm und seinem Ziel.

Er zischte, als er weiterlief und die Verletzung auf seiner Brust dabei unangenehm zog. Die Blutung hatte er stillen können, doch eine Wunde klaffte direkt über seinem Herzen, die er nur notdürftig mit einem Stück Stoff verbunden hatte.

Nate erreichte die Treppe, die in den ersten Stock führte und damit zu den Räumlichkeiten der Minister. Doch er brauchte noch eine Waffe. Aylas kleines Messer würde kaum etwas gegen Sadik ausrichten können. Und aus der Entfernung würde Nate auch keine Bedrohung für den Hünen darstellen. Er war nicht talentiert im Werfen von Waffen. So hätte Sadik Nate schneller erledigt, als er gucken könnte. Doch Nate hatte keine Zeit, um nach einer geeigneten Waffe zu suchen.

Nate kannte den Ostflügel des Palastes kaum. Zum Glück hörte er, als er sich dem nächsten Gang näherte, bereits Sadiks Stimme. Er unterhielt sich mit jemandem. Kurz bevor der Flur eine Biegung machte, blieb Nate stehen und drängte sich in eine Wandnische.

»Du willst die Minister töten? Aber warum?«, fragte eine andere Stimme. Sie klang dabei ruhig und gelassen, doch das täuschte. Genau wie der Mann, zu dem sie gehörte.

Es war Espen, der mit Sadik sprach. Seine Stimme würde Nate immer wiedererkennen. Eine Stimme, die nichts weiter erzählte als Lügen.

Nate konnte nicht verstehen, warum sich jemand den Atheos anschließen konnte. Noch dazu jemand, der sein Leben lang im Dienst der Krone gestanden hatte.

Vielleicht würde er es eines Tages erfahren. Vielleicht. Nate hoffte, dass dieser Tag bald kommen würde, denn es würde der Tag werden, an dem er Espen mit einem Schwert durchbohren würde.

»Sieh mich nicht so an. Das ist eine Sache zwischen Ayla und mir«, erklang Sadiks Stimme. Er klang, im Gegensatz zu Espen, nicht ruhig, sondern aufgebracht. Und Nate konnte ihn sogar verstehen. Ayla hatte ihm einen geliebten Menschen genommen und Sadik würde die damit verbundene Wut nun an den Ministern von Solaris auslassen.

»Tu, was du nicht lassen kannst. Aber beeil dich. Die Armee steht vor unseren Toren, sie hat die restlichen Gotteskinder bei sich, wir müssen handeln. Das Verschwinden der Sonne ist ein Zeichen dafür, dass das Ritual beendet wurde.«

Nate runzelte die Stirn. Espen klang absolut gleichgültig. Als wäre es ihm egal, was mit den Ministern geschah. War er wirklich so kaltschnäuzig?

»Ich dachte, genau dafür sei dieses Ritual gedacht. Die Kleine hat das Kommando über die Schattenarmee. Soll sie sich doch um die königlichen Soldaten kümmern!«, schnaubte Sadik.

»Halte du lieber Ayla im Zaum«, fuhr er zähneknirschend fort. »Sie ist wahnsinnig. Wer sagt, dass sie nicht als Nächstes uns tötet?«

Ein leises Lachen war zu hören, das Nate eisige Schauer über den Rücken jagte.

»Sadik, du kannst mir glauben, Ayla habe ich im Griff.«

»Bist du dir da so sicher?« Nate hörte das Knurren in Sadiks Stimme. Der ehemalige Offizier schien nicht überzeugt.

»Das bin ich. Ayla ist mir gegenüber absolut loyal.«

»Das hoffe ich. Du solltest trotzdem zur Sicherheit bei den Mondschwestern bleiben.«

»Das werde ich.«

Dann ertönten Schritte und Nate drückte sich noch weiter in die dunkle Nische, um nicht von Espen gesehen zu werden.

In seinem Kopf arbeitete es. Warum war sich der königliche Leibwächter so sicher, dass Ayla ihn nicht hinterging? Auf Nate wirkte Ayla, als würde sie jeden fallen lassen, der keinen Wert mehr für sie darstellte. Bis auf Selena natürlich, aber selbst da würde Nate nicht die Hand für Ayla ins Feuer legen.

Er kam nicht umhin, sich zu fragen, woher Ayla und Espen sich überhaupt kannten und wie lange sie diese Pläne für die Machtübernahme von Sirion schon gemeinsam verfolgten.

Als Espens Schritte verklungen waren, wusste Nate, dass er sich beeilen musste. Sadik stand unmittelbar vor den Räumen der Minister. Und der König glaubte nicht, dass Sadik in diesem Fall das Töten auskosten würde. Vielleicht bei Lady Marin, doch bei allen anderen Ministern würde er kurzen Prozess machen. Nate musste einschreiten. Sofort.

Vorsichtig kam er aus seinem Versteck hervor und näherte sich der Biegung, hinter der der Gang lag, in dem eben noch Espen mit Sadik gesprochen hatten. Als er eine Treppe passierte, die nur von den Dienstboten benutzt wurde, griffen zwei Hände nach ihm und zogen ihn zurück.

Erschrocken riss Nate die Augen auf. Das Messer in seiner Hand fuhr nach oben, bereit, seinem Angreifer die Kehle durchzuschneiden. Doch stattdessen erklang ein Knurren und jemand schlug ihm die Waffe aus den Händen.

»Auch schön, dich wiederzusehen.«

Nate drehte sich um und blickte in zwei vertraute, hellblaue Augen. Bevor er sich versah, schlang er die Arme um die Person und zog sie an sich.

Aus dem Mund seiner Leibwächterin kam ein überraschter Laut, doch sie ließ sich von Nate umarmen und legte ihm ihrerseits die Hand auf den Rücken.

»Genug gekuschelt, wir haben es eilig!«, zischte da eine andere Stimme. Es war Zephyr, der die Worte ausgesprochen hatte, und Nike ließ mit einem Räuspern von Nate ab. Verlegen blickte sie zur Seite. Doch Nate konnte nur den Söldner vor sich anstarren. Seinen ehemals besten Freund.

Der Blick des Söldners taxierte Nate und seine Lippen hatten sich zu einem Grinsen verzogen. Doch Nate sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Hätte er das Messer noch in seinen Händen, würde er damit vielleicht auf seinen alten Freund losgehen. Sicher war sich Nate nicht.

»Will ich wissen, was Celeste dir versprochen hat, damit du uns hilfst?«, fragte Nate geradeheraus. Er wusste nicht, wie viel die anderen über Zephyr und seine Geschäfte wussten und wollte nicht zu viel verraten.

»Gar nichts. Wir haben ausgemacht, dass ich den Preis später mit dir verhandeln werde.«

Auch wenn Zephyr nicht mehr dazu sagte, wusste Nate bereits, dass diese Verhandlung nicht zu seinen Gunsten ausfallen würde. Falls er das, was auf sie zukommen würde, überhaupt überlebte. Also nickte Nate nur und wandte den Blick ab.

Erstaunt stellte er dabei fest, dass auch Lord Karim anwesend war. Dicht gedrängt mit weiteren Söldnern aus Mics altem Gefolge stand er auf der Treppe hinter ihnen. Karim schien erleichtert zu sein, Nate wohlauf zu sehen. Seine grünen Augen, die denen seines Sohnes so ähnlich waren, strahlten.

Nate nickte seinem Vater kurz zu und sagte zur Begrüßung:

»Hatte ich dir nicht aufgetragen, auf Celeste aufzupassen?«

Karim lachte leise. »Dann hättest du dir vielleicht nicht die dickköpfigste unter den Priesterinnen aussuchen sollen. Niemand sagt Lady Celeste, was sie zu tun oder zu lassen hat. Das müsstest du doch am besten wissen.« Diese Antwort reichte dem Lord offenbar als Entschuldigung aus. Und Nate konnte ihm auch keinen Vorwurf machen. Er wusste, dass sein Vater recht hatte.

Da bemerkte er einen Schatten hinter Karim. Als er genauer hinsah, entdeckte er, dass es Marco war. Er war auch mitgekommen, um ihn zu befreien. Nate stockte für einen Moment der Atem.

Reue und Pein kroch durch seinen Körper. Er hatte keine Ahnung, was er dem Soldaten sagen sollte. Wie er seinen Fehler wiedergutmachen sollte. Es gab keine Worte für das, was er getan hatte, um seine Schuld aufzuwiegen. Dafür, dass er Marco so sehr misstraut hatte. Er hätte ihn wahrhaftig töten lassen.

Doch Nate vergaß, dass Marco ein Mann mit weit mehr innerer Größe war als er selbst. Der Soldat streckte dem König die Hand entgegen. Ein großes Zeichen des Friedens, das Nate beinahe die Tränen in die Augen trieb. Ohne zu zögern, ergriff Nate Marcos Hand. Der Soldat lächelte ihn an und nickte. Nate hatte einen Freund wie Marco nicht verdient, so viel stand fest.

Dann riss Nate sich zusammen und erinnerte sich wieder daran, weswegen er hier war.

»Wir müssen uns beeilen, Sadik will die Minister töten!«, mahnte er leise.

Nike trat bestimmt an Nate vorbei. Gemeinsam mit Zephyr bildete sie die Vorhut. Karim hielt Nate sein eigenes Schwert hin.

»Ich glaube, damit kannst du besser umgehen als ich«, sagte der Lord nur und überließ dem König die stattliche Waffe, während er einen kleinen Dolch aus seinem Gürtel zog.

»Lasst uns gehen«, sagte Nike entschieden und betrat gemeinsam mit Zephyr den Gang, der zu den Gemächern der Minister führte.

Da erklang ein lauter Schrei. Nate erkannte Lady Marins Stimme. Sie stürmten den Flur entlang zu der Tür, aus der der Schrei gekommen war, und rissen sie auf, die Waffen im Anschlag.

Sadik stand mitten im Raum, ein Schwert in der einen Hand und die schwarzen Haare seiner Mutter in der anderen. Lady Marin kniete am Boden, Tränen liefen ihr über die Wangen, während Sadik sie fest in seinem Griff hatte.

Der Atheos hob den Blick, als Nike die Tür mit einem lauten Krachen aufstieß. Sein Mundwinkel zuckte.

»Wie schön, dass ihr uns Gesellschaft leistet.«

Seine Augen wanderten zu Nate. »Ich hätte dich in der Sekunde getötet, als wir dich in unsere Gewalt bekamen. Aber nein. Der kleine König stellt keine Gefahr da.« Nate wusste: Er echauffierte sich über Aylas Entscheidung, ihn am Leben zu lassen, die er als definitiv falsche einschätzte.

»Ich werde häufiger unterschätzt«, entgegnete Nate schlicht, während er das Schwert hob und mit der Spitze auf Sadik zeigte. »Lass Marin gehen, es ist vorbei.«

Der Blick des ehemaligen Offiziers glitt über die kleine Truppe hinweg und blieb bei Marco hängen.

»So viele Jahre sind vergangen und du hast dich kein bisschen verändert, Marco. Läufst du immer noch der Meerestochter hinterher wie ein verliebter Welpe?« Sadiks Stimme triefte vor Hohn, doch an Marco schien der Spott abzuperlen.

»Wir haben dich schon einmal eingesperrt, Sadik. Und jetzt werden wir es wieder tun«, entgegnete Marco stattdessen mit fester Stimme. Nate sah den Soldaten an, den er hoffentlich eines Tages wieder als Freund würde bezeichnen dürfen. Entschlossenheit loderte in Marcos blauen Augen auf. Als hätte er ein Leben lang auf diesen Moment gewartet. Den Moment, in dem er die Schatten seiner Kindheit eigenhändig würde vertreiben können.

Sadik lachte hart auf. »Auf den Versuch bin ich gespannt.« Er riss brutal an Marins Haaren, die er noch immer fest in der Hand hielt, und ihr Kopf wurde nach hinten gerissen. Sie schrie auf und umklammerte die Hände ihres Sohnes.

»Kommt auch nur einen Schritt näher und ich schneide ihr die Kehle durch.« Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, legte er jetzt demonstrativ die Klinge an Marins Hals und sah sie alle der Reihe nach erwartungsvoll an.

Nate blickte zu der Ministerin. Sie hatten sich nie sonderlich gut verstanden. Marin war eine komplizierte und kalte Frau, doch sie gehörte zu seinem Kronrat. Sie war die Ministerin für soziale Angelegenheiten und sie war Miros Schwägerin gewesen. Und auch wenn sie zu Nate ein Scheusal war – das Land brauchte sie. Er brauchte sie.

Nate sah die Angst in den Augen der Ministerin, während sie seinen Blick erwiderte. Dann blinzelte sie mehrmals und nickte. Überrascht hob Nate eine Augenbraue. Wollte sie etwa, dass er Sadik trotz der Warnung angriff? Nate würde das Leben dieser Frau nicht mutwillig riskieren.

»An ihr willst du dich doch gar nicht rächen«, brachte Nate stattdessen hervor. »Nicht deine Mutter hat dich damals schließlich verraten und dafür gesorgt, dass du jahrelang eingesperrt wurdest.«

Sadik Augen wurden bei Nates Worten schmal. Doch er ging nicht darauf ein, stattdessen zog er ein weiteres Mal an den Haaren seiner Mutter.

»Mara ist dafür verantwortlich, dass Admiral Emir dich überhaupt finden konnte. Und er war es dann, der dich hinter Gitter gebracht hat. Marin hatte damit nichts zu tun«, brachte Nate selbst Licht ins Dunkel.

Ob der Verrat an Sadik durch Mara tatsächlich der Wahrheit entsprach, wusste Nate nicht mit Sicherheit. Doch er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Marin ihren einzigen Sohn verraten hatte. Sie war seine Mutter, ganz gleich, was er getan hatte.

»Aber sie hat dafür gestimmt, dass man mich einsperrt. Damit hat sie mich genauso verraten wie alle anderen«, zischte Sadik und Nate sah den Hass in seinen dunklen Augen aufblitzen.

Der König blickte zu Zephyr. Auch wenn sie seit Jahren nicht mehr zusammenarbeiteten und sich nicht gesehen hatten, hoffte Nate, dass sie sich noch immer stumm verstanden. Und er hatte Glück, denn Zephyr nickte ihm zu und zog ein kleines Wurfmesser aus seiner Hose.

»Die Alternative wäre deine Hinrichtung gewesen, Sadik«, erwiderte Nate in ruhigem Tonfall, um ihn abzulenken. »Sie wollte verhindern, dass man dich tötet.«

Marins Augen wurden groß. Sie sah Nate verständnislos an. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

»Der Tod wäre gnädiger gewesen«, widersprach der Atheos.

Dem konnte Nate nicht widersprechen. Er selbst würde den Tod einem Leben in Gefangenschaft vorziehen. Und er wollte sich nicht vorstellen, was die Jahre hinter Gittern mit Sadiks Geist angestellt hatten. Nate würde es nicht laut aussprechen, aber er hatte Mitleid mit dem Mann.

»Sie hat es verdient zu sterben. Wenn ich ihr hier und jetzt den Hals aufschlitze, empfinde ich nichts als Genugtuung«, brüllte Sadik und Marin begann bei diesen Worten haltlos zu schluchzen.

Nate hingegen riss mit einem Mal erstaunt die Augen auf. Er spürte das vertraute Ziehen im Magen, das Kribbeln auf der Haut. Wie lang war es her, dass er seine Macht gespürt hatte? Sein Blick wanderte zu seiner rechten Hand, die das Schwert fest umklammert hielt. Das Mal der Götter kribbelte.

»Das ist eine Lüge. Es würde dich zerstören«, widersprach Nate. In ihm breitete sich eine ungeheure Erleichterung aus. Ilias war wieder bei ihm.

»Was kümmert mich das? Ich habe ohnehin nichts mehr zu verlieren.«

Nate bedachte Sadik mit einem betrübten Ausdruck auf dem Gesicht. »Doch, das habt Ihr. Euer eigenes Seelenheil. Mara wartet bei den Göttern auf Euch. Das wollt Ihr doch nicht riskieren, oder?«

Es war der Glaube der Menschen von Sirion. Wenn man starb, holten die Götter einen zu sich und man sah die Menschen wieder, die man liebte und verloren hatte. Nate hoffte, dass es ihm eines Tages ebenso ergehen würde. Dass er seine Mutter, Miro und Lilian in Frieden wiederbegegnen würde.

»Ich komme nicht zu den Göttern, kleiner König. Nicht nach all dem, was ich getan habe.« Nate meinte, im Unterton von Sadiks Stimme Reue mitschwingen zu hören, auch wenn er sich große Mühe gab, hart zu klingen. Nate konnte es nicht mit Gewissheit sagen, doch er schüttelte den Kopf.

»Auch ich habe unverzeihliche Dinge getan. Und doch wurde ich sogar als Gotteskind berufen. Sieh mich an: Ich bin jetzt König. Die Götter vergeben zweite Chancen, wenn sie der Meinung sind, dass man sie verdient hat.«

Er spürte die erstaunten Blicke seiner Freunde auf sich. Noch nie hatte er offen zugegeben, dass er schlimme Dinge getan hatte. Doch Nate hatte endlich verstanden, was Miro ihm damals hatte sagen wollen. Er hatte seine göttliche Kraft verloren, weil er sich selbst verleugnet hatte. Ilias hatte ihn mit der Gabe gesegnet, die Wahrheit erkennen zu können, und Nate selbst hatte nichts als Lügen erzählt. Doch das war jetzt ein für alle Mal vorbei, schwor sich Nate.

Entschlossen blickte er zu Zephyr und nickte ihm zu. Der Söldner holte aus. Ein Schrei erklang, als er Sadiks Hand traf, mit der er sein Schwert festhielt. Die Waffe fiel zu Boden und instinktiv ließ er Marin los, die auf allen vieren von ihm wegkroch.

Diesen Moment nutzten Nike und Marco, um Sadik niederzuringen. Der Atheos wehrte sich nicht gegen sie. Auch nicht, als sie ihm die Hände hinter dem Rücken fesselten. Man würde ihn in die Kerker sperren, bis man ihn vor Gericht stellte. Welches Urteil Nate über ihn sprechen würde, würde sich zeigen. Eins war sicher: Sadik würde für seine begangenen Sünden Buße tun.

Doch in den Augen des Atheos sah Nate etwas, was ihm gar nicht gefiel. Triumph. Auf dem Fuß folgte sein Lachen.

»Du konntest nur einen von uns beiden aufhalten«, sagte Sadik mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht.

Nates Augen wurden schmal. »Was meinst du damit?«

Sie hatten ihn besiegt. Sie waren dabei, das Blatt zu wenden. Emir, Malia und Linnéa standen mit der königlichen Armee vor den Toren der Stadt. Sicher waren sogar seine Höflinge unter ihnen.

Doch Sadiks Ausdruck auf dem Gesicht versprach das Gegenteil.

»Du hast dich dazu entschieden, mich zu suchen und die Minister zu retten. Das war wohl der größte Fehler deines Lebens.«

Marco zog Sadik auf die Beine und hielt ihn in Schach, während Karim sich um Marin kümmerte, die Nate dankend zunickte.

»Du kennst mich schlecht. Menschen zu retten, die mir etwas bedeuten, zähle ich garantiert nicht zu meinen Fehlern.« Und Nate wusste, was es bedeutete, Fehler zu begehen. Davon hatte er gerade in seinen jungen Jahren viele zu verzeichnen. Diese Tat fühlte sich definitiv nicht danach an.

Erneut lachte Sadik kehlig auf.

»Das solltest du aber, wenn die Alternative gewesen wäre, deine Königin zu retten.«

Das Blut in Nates Adern gefror zu Eis bei diesen Worten.

»Was?«, fragte er mit erstickter Stimme nach und trat auf Sadik zu. Mit den Händen griff er nach dem Kragen des Atheos’ und zog ihn an sich heran.

Sadik beeindruckte das jedoch nicht. Er blickte geradezu mit Belustigung in den Augen zu Nate herab.

»Ich musste ihr versprechen, dass sie diejenige sein würde, die deine Liebste töten darf. Richtig besessen war sie von dem Gedanken davon. Sie faselte etwas von Wiederholung der Bestimmung. Der Irrsinn ihrer Schwester scheint allmählich auf sie abzufärben.« Nate riss es den Boden unter den Füßen weg.

»Du solltest dich beeilen, kleiner König, dann kannst du sie noch mal sehen. Ein allerletztes Mal.«

***

Celeste

Mit kaltem Entsetzen und Grauen beobachtete Celeste die Szenerie vor sich: die dunklen Gestalten, die sich aus dem schwarzen Nebel geformt hatten und nun mit gierig geöffneten Schlünden auf den Befehl ihrer Königin warteten. Im Licht des Feuers sahen sie noch gespenstischer aus. Wahr gewordene Alp träume. Celeste wäre es beinahe lieber, wenn die Flammen erloschen, um nicht mehr diese Monster vor Augen haben zu müssen.

Der Klang eines Schlachthorns war zu hören. Ein Laut, den Celeste immer wiedererkennen würde. Und der ihr neue Hoffnung gab.

In diesem Moment erschien Espen auf der Terrasse. Den Ausdruck auf seinem Gesicht konnte sie nicht deuten.

»Die königliche Armee steht vor unseren Toren, angeführt von Admiral Emir. Unsere Späher haben berichtet, dass sowohl die Priesterinnen als auch die Höflinge des Königs unter ihnen sind«, verkündete er.

Ayla, deren Augen verzückt auf den Schattenkriegern lagen, nickte. Dabei schlich sich ein siegessicheres Grinsen auf ihr Gesicht.

»Dann heißen wir sie gebührend willkommen.« Sie griff nach dem Messer, mit dem sie vorhin Celeste verletzt hatte, und steckte es zurück an ihren Waffengürtel zu den anderen todbringenden Instrumenten. Dann sah sie skeptisch zu Selena.

»Du solltest hierbleiben, Schwester. Die Front ist kein Ort für dich.«

Keiner von ihnen beachtete Celeste, die zusammengekauert auf dem steinernen Boden saß.

»Nimm meine Kinder mit«, sagte Selena leise. »Die Atheos sind der Armee zahlenmäßig unterlegen, doch gegen die Schatten haben die königlichen Soldaten keine Chance.«

Bei ihren Worten kniff die rothaarige Priesterin die Augen zusammen. Diese Monster würden ihre Verbündeten gnadenlos abschlachten. Jeden einzelnen von ihnen. Es waren einfach viel zu viele von ihnen. Und sie würden bei Lord Emir beginnen, der die Armee hierhergeführt hatte, dann würde Lord Adrian folgen, der mutig an der Seite des Admirals stand. Und dann all die anderen tapferen Soldaten des Landes, die Sirion nicht kampflos den Atheos überlassen wollten. Enden würden sie bei Malia und Linnéa.

»Ich bin auf ihre Kraft gespannt«, hörte Celeste Aylas euphorische Stimme. Ihr wurde schlecht und der Magen drehte sich ihr um.

»Wir haben es geschafft!«

Als Celeste den Blick hob, sah sie, wie sich die beiden Schwestern innig umarmten. Selena wirkte stolz und erhaben. Voller Liebe im Blick bedachte sie damit anschließend erst Ayla, dann die Kreaturen aus Finsternis.

Ayla nickte. »Das haben wir. Wir haben Chandras Vermächtnis weitergeführt.«

Chandra. Der Namen hallte in Celestes Kopf wider. Sie erinnerte sich an die Geschichte, die Zahira ihnen auf Sohalia erzählt hatte. Celeste kam das wie eine Ewigkeit vor. Chandra war die letzte Mondtochter gewesen, die bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen war. Doch diese Geschichte schien nicht vollends der Wahrheit zu entsprechen. Bei Selena klang es so, als wäre Chandra die Begründerin dieses schrecklichen Rituals gewesen. Celeste hatte noch nie davon gehört.

»Sie wäre stolz auf uns«, verkündete Selena mit einem Strahlen auf dem blassen Gesicht. Ihre Eisaugen leuchteten.

Espen, der schweigend neben den Schwestern gestanden hatte, blickte nun Celeste abwartend an. Das spürte sie genau. Doch die Priesterin mied seinen Blick. Er hatte sie verraten, er hatte sie hierhergebracht. Auch wenn es Celestes eigener Plan gewesen war.

»Lady Celeste bleibt bei Lady Selena. Um sie kümmern wir uns später.« Die Stimme des ehemaligen Leibwächters ließ keine Widerrede zu. Und zu Celestes Überraschung nickten sowohl Ayla als auch Selena. Sie hörten auf Espen?

»Wie du willst.« Ayla warf der Priesterin bei diesen Worten einen kalten Blick zu, doch dann trat sie an Espens Seite und blickte erwartungsvoll zu der Schattenarmee hinüber.

Da hob Selena die Hände und ihre Diener gehorchten auf diesen stummen Befehl. Sie setzten sich in Bewegung und folgten Ayla und Espen, die sie geradewegs zu Celestes Freunden führen würden.

Da betraten unvermittelt zwei Atheos die Terrasse. Als sie die Kreaturen erblickten, liefen sie auf Selena zu, doch die schien sie gar nicht zu bemerken. Sie hatte nur Augen für ihre Schatten. Die beiden Wachen schienen ebenso verängstigt wie Celeste. Die bedachten die Geschöpfe mit einer Mischung aus angewidertem und panischem Gesichtsausdruck, ihre Finger schlossen sich um den Schaft ihrer Schwerter. Und was Celeste dann sah, raubte ihr den Atem.

Als eine der Wachen nun mit gezogenem Schwert auf Selena zutrat, als wolle er sie gegen die Schatten verteidigen, schwebte eines der Monster blitzschnell vor. Seine dunklen Klauen griffen nach dem Mann, der einen Schrei ausstieß. Celeste konnte nicht anders, als zuzusehen, wie das Schattenwesen sich den Atheos einverleibte, bis nichts mehr von ihm übrig war. Wo eben noch ein Mensch gestanden hatte, war nur noch ein schwarzer Schlund.

Der zweite Atheos wimmerte vor Angst. Selena bedachte die Szene nur mit einem Grinsen auf den Lippen. Celeste hingegen war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Solche Schrecken hatte sie noch nie erlebt. Wesen, die Menschen verschlangen, als wären sie nichts, durfte es nicht geben. Und doch standen sie hier vor ihr. Angeführt von der Tochter des Mondes.

Celeste weinte lautlos, als sie der Armee nachsah, die sich immer weiter entfernte. Sie wollte sich den Kampf, der die königlichen Soldaten erwartete, nicht ausmalen. Konnte man gegen die geballte Finsternis überhaupt gewinnen? Diese Kreaturen würden die Soldaten der königlichen Armee ebenso verschlingen wie diesen Atheos. Als wären sie nichts.

Ein eisiger Blick ruhte auf ihr. Abrupt sah Celeste zu Selena hinüber, Wut flammte in ihr auf und gesellte sich zu der Hoffnungslosigkeit.

»Wieso hast du das getan?«, fragte sie mit bebender Stimme.

Die Mondtochter hob eine Augenbraue.

»Was meinst du?« Auf einmal wirkte sie wieder wie das unschuldige und naive Mädchen, das ihren absurden Träumen hinterherrannte. Doch Selena war nicht mehr unschuldig. Ihre Seele war befleckt.

»Wieso hast du all das zugelassen?«, wollte Celeste wissen und deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die die Schattenarmee verschwunden war. Sie konnte sich keine Beweggründe vorstellen, die gerechtfertigt wären, um eine solche Grausamkeit heraufzubeschwören.

Selenas Augen verengten sich zu Schlitzen, sie reckte das Kinn empor.

»Die Verzweiflung in deinen Augen ist fast schon Grund genug für mich.«

Diese Antwort entlockte Celeste ein entrüstetes Schnauben. Das konnte sie nicht ernst meinen. Diese Begründung war nicht genug. Sie rechtfertigte beileibe nicht die Dinge, die bereits geschehen waren, und sicher nicht die, die noch in der Zukunft lagen.

»Warum?«, hauchte Celeste mit erstickter Stimme erneut. »Warum hasst du mich so? Ist es nur wegen Nate?«

Die Priesterin konnte nicht verstehen, warum Selena sonst so blind Aylas Plänen folgte. Sie war ein Gotteskind, eine Priesterin. Und sie hatte nicht nur ihr Land, sondern auch ihre Götter verraten.

Selena trat langsam auf sie zu und schüttelte dabei den Kopf. In den Händen hielt sie ein schmales Messer, das zuvor auf dem Altar gelegen hatte.

»Ich habe mir unsere Geschichte wie ein Märchen vorgestellt.« Ein verträumter Ausdruck trat in ihre Augen, sie blickte in die düstere Ferne.

»Dass, wenn wir uns wiedersehen, alles wieder so sein würde wie früher. Dass wir uns bedingungslos ineinander verlieben. Aber auf eine erwachsene Art und Weise.«

Ein schmerzerfülltes Lachen entkam dem Mund der Mondtochter, sie blickte jetzt mit traurigen Augen direkt zu Celeste.

»Es hat sehr wehgetan, als ich realisiert habe, dass er sich nicht in mich verlieben würde. Aber das war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, als ich mit ansehen musste, dass er sich stattdessen in dich verliebt hatte.«

Sie spie Celeste die Worte entgegen, als wäre die Himmelstochter schuld an allem, was seitdem geschehen war. Celeste schluckte schwer.

»Wir suchen uns nicht aus, in wen wir uns verlieben. Hätte ich gewusst, dass du all das hier tust, nur weil Nate deine Gefühle nicht erwidert, hätte ich freiwillig Platz gemacht.«

Egal, wie sehr sie Nathaniel liebte, keine Liebe war den Untergang eines ganzen Landes und der Menschen, die in ihm lebten, wert. Nicht in Celestes Augen.

»Weil du das Wohl dieses Landes über dein eigenes stellst«, sagte Selena kopfschüttelnd, als wäre diese Einstellung absurd und falsch.

Es stimmte, für Celeste gab es keine Alternative.

»Sag, was habe ich von dieser Liebe, wenn wir beide heute sterben würden?« Die königliche Armee war zwar in Solaris eingetroffen, doch sie hatte keine Chance gegen die Krieger aus Schatten. Celeste war überzeugt: Sie würden alle sterben. Von der Finsternis verschlungen werden.

»Ich verstehe dich nicht«, erklang jetzt Selenas Stimme. Sie war zornig. »Ich würde alles für Nate tun. Wie kannst du Sirion über ihn stellen?« Die Worte hallten über die Terrasse und klangen wie eine Anschuldigung in Celestes Ohren.

Die Himmelstochter konnte nur traurig den Kopf schütteln. Sie war so anders als Selena. Sie verband rein gar nichts.

»Ich verstehe dich genauso wenig. Ich wurde als Priesterin berufen, das Wohl dieses Landes steht für mich immer an erster Stelle. So wurde ich erzogen.« Und daran wollte sie nichts ändern. Wurde man als Gotteskind berufen, als Vertreter der Götter, stand nicht länger das eigene Glück vornan, sondern das aller anderen. Und für Celeste war das immer in Ordnung gewesen. Bis auf die Tatsache, dass man von ihr verlangte, an einer Brautschau teilzunehmen. Das war ihr damals gehörig gegen den Strich gegangen, sodass sie sogar mit dem Gedanken gespielt hatte, Samara zu verlassen. Doch ihr Pflichtgefühl hatte gesiegt. Und das tat es auch heute noch. Und zwar aus Überzeugung. Trotz dass ihr so etwas Individuelles und Egoistisches wie die große Liebe widerfahren war.

»Mach dich nicht wichtiger, als du bist. Es ist einfach so: Du liebst ihn nicht so, wie ich ihn liebe«, zischte Selena.

Diese Worte hatte sie schon einmal aus dem Mund der Mondtochter gehört. Damals hatte Celeste ihr geglaubt. Doch heute wusste sie es besser. Sie wusste jetzt mit Gewissheit, dass sie Nathaniel liebte. Auf ihre eigene Art und Weise.

»Du hast recht«, gestand sie Selena zu. »Aber nur, weil ich ihn auf eine Weise liebe, die dir nicht gefällt, bedeutet das nicht, dass ich ihn nicht so liebe, wie es mir möglich ist.«

Ihre Liebe war nicht bedingungslos, so wie es Selenas war. Aber sie war echt. Sie hatte Nathaniel lieben gelernt, seine Persönlichkeit, sein Sein, ihn, wie er war. Und das war viel mehr wert.

»Weißt du überhaupt, was Liebe ist?« Wind kam auf und schlug Selena die schwarzen Haare ins Gesicht.

Celeste konnte bei dieser Frage nur lachen.

»Früher hätte ich diese Frage mit Sicherheit verneint. Doch jetzt nicht mehr. Alles, was ich mit der Liebe assoziiere, hat mit Nate zu tun.« Celeste hatte bis dahin nur die Liebe zu ihrer Familie und ihren wenigen Freunden gekannt. Nate hatte ihr beigebracht, anderen zu vertrauen und sie in ihr Herz zu lassen. Er hatte sie überhaupt erst gelehrt, zu lieben.

Die Augen der Mondtochter wurden schmal. »Wenigstens da sind wir uns einig.«

Ruckartig riss Celeste den Kopf hoch. »Nein, das sind wir nicht«, entgegnete sie entschieden. Auch wenn sie beide Nate liebten, einig würden die beiden Frauen sich niemals sein.

»Ich würde niemals so weit gehen, wie du gegangen bist. Ich würde niemanden für diese Liebe opfern. Egal, wie stark sie ist, es gibt eine Grenze, die ich nicht überschreiten würde.«

Da war sie sich sicher. Und Celeste war fest davon überzeugt, dass Nathaniel diese Ansicht teilte. Sie waren beide rationale Menschen, die keinen Träumen und Fantasien hinterherliefen wie Selena.

Ein Schnauben erklang.

»Dann willst du ihn nicht so sehr wie ich. Für mich gibt es keine Grenzen, was ihn betrifft.« Selena rechtfertigte mit ihrer Liebe für Nathaniel tatsächlich all ihre begangenen Taten.

»Das sollte es aber«, sagte Celeste kopfschüttelnd. »Deine Liebe für ihn ist dabei, das ganze Land in den Abgrund zu treiben.« Es war falsch, egal, wie man es drehte.

»Er ist alles, was ich jemals wollte, alles, was ich will«, widersprach Selena stürmisch und trotzig und kam einige Schritte näher. »Er ist mein Preis. Und ich bin bereit, alles dafür zu tun, dass ich ihn gewinne.« Selena drehte das Messer in ihren Händen herum, ihre Augen sahen wieder in die Ferne. Sie wirkte auf einmal vollkommen abwesend.

Celeste starrte sie fassungslos und angewidert an.

»Das Blut Unschuldiger klebt an deinen Händen. Ist es das wirklich wert? Meinst du, du wirst mit diesem Wissen wirklich glücklich, selbst wenn du Nate für dich gewinnen könntest?« Sie konnte nicht glauben, dass Selena, um ihre Ziele zu erreichen, so kaltschnäuzig über Leichen ging. Sie hatte ihr einiges zugetraut, zugegeben. Aber diesen Abgrund hatte sie nicht gesehen.

»Er ist all das wert. Ich werde ihm alles geben, was ich zu bieten habe. Alles tun, was in meiner Macht steht.«

Celeste schüttelte entsetzt den Kopf. Ein Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet und sie versuchte verzweifelt, ihn hinunterzuschlucken.

»Er wird dir das niemals verzeihen.« Ihre Stimme klang bei diesen Worten seltsam heiser.

Selena drehte sich jetzt zu ihr um und sah sie einfach nur an. Die Ruhe, die in ihren Augen lag, jagte Celeste kältere Schauer über den Rücken als ihr Zorn zuvor. Plötzlich hatte sie Angst vor ihr.

»Er wird mich irgendwann verstehen.«

Ein kehliges Lachen entkam Celeste. Das konnte sie nicht wirklich glauben. Offenbar kannte Selena Nathaniel nicht so gut, wie sie glaubte.

»Nein, das wird er nicht.« Der König hatte sich verändert. Seit seiner Berufung war er über sich hinausgewachsen. Niemals würde er durchgehen lassen, dass Unschuldige verletzt wurden.

»Du hast doch keine Ahnung!«, schrie Selena. Wütend stapfte sie nun die letzten Meter auf Celeste zu.

»Du bist es doch, die meinem Glück im Weg steht. Es ist deine Schuld, dass ich so weit gehen musste.«

Selena wirkte bemitleidenswert, wie sie so wutschäumend vor ihr stand. Celeste glaubte, den Anflug von Wahnsinn in ihren blauen Augen zu entdecken.

»Tut mir leid, dass du das so siehst.«

»Ich kann es gar nicht anders sehen. Es hätte alles perfekt werde können, wenn du nicht aufgetaucht wärst in seinem Leben.« Mit zwei letzten schnellen Schritten stand sie direkt vor Celeste, die jetzt ängstlich den Atem anhielt. Doch Selena hob nicht die Hand, in der sie das Messer hielt. Stattdessen schnellte die andere hervor und griff in ihren Ausschnitt, zog die schmale Kette hervor, die um Celestes Hals hing. Der goldene Ring mit dem kleinen, hellgrünen Stein kam zum Vorschein.

»Du hast es nicht verdient, diesen Ring von ihm zu tragen. Er steht einzig und allein mir zu!«, tobte die Mondtochter und riss Celeste die Kette vom Hals. Die feinen Glieder rissen entzwei und der Ring fiel auf die steinernen Fliesen der Terrasse.

Entsetzt beobachtet Celeste, wie der Ring zu Boden fiel. Genauso wie ihre Zukunft mit Nate.

»Ich habe nichts davon geplant. Ich wollte mich nie in Nathaniel verlieben, aber es ist passiert.« Wie genau das geschehen war, wusste Celeste selbst nicht.

»Die Liebe zu ihm gibt mir die Kraft, für uns und dieses Land zu kämpfen.« Voller Entschlossenheit blickte sie zu Selena, die über ihr aufragte. Hass in den Augen und das glitzernde Messer in der Hand.

Ein Wutschrei löste sich aus Selenas Kehle.

»Es gibt kein ›Uns‹ mehr und dieses Land ist dem Untergang geweiht. Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen.«

Auch wenn die Situation aussichtlos schien, würde Celeste nicht aufgeben. Das lag nicht in ihrer Natur.

»Noch habt ihr nicht gewonnen.«

Selena lachte verbittert. »Meine Armee ist unbesiegbar. Kein Mensch kann sie zerstören.« Kopfschüttelnd blickte sie zu Celeste hinab, die daraufhin nickte.

»Vielleicht kein Mensch, aber die Götter werden nicht zulassen, dass ihr Sirion vernichtet.«

Ein weiteres Lachen entkam Selenas Kehle. Es klang wie das Lachen einer Verrückten.

»Die Götter? Sie haben Sirion verlassen, als ich das Ritual durchgeführt habe. Du hast es doch mit eigenen Augen gesehen. Vielleicht haben sie dem Land sogar schon lange vorher den Rücken gekehrt.«

Langsam schüttelte Celeste den Kopf. Rote Strähnen lösten sich aus ihrem Zopf und fielen ihr ins Gesicht.

»Das ist nicht wahr. Sie sind noch hier und sie werden uns auch nicht verlassen.« Sie hob den Blick und schaute in den trostlosen Himmel, wo immer noch nichts weiter zu sehen war als eine alles verschlingende Schwärze. Es wirkte so, als würde die Nacht niemals wieder enden.

»Die Götter sind tot!«, stieß Selena zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Nein«, erwiderte Celeste entschieden. Sie spürte die Präsenz der Götter. Sie war schwach, aber sie war da. »Sie leben in uns Gotteskindern weiter.«

Da nahm der Wind plötzlich zu, Celeste spürte die sanfte Brise auf ihrem Gesicht. Es war wie eine Liebkosung, eine stille Zustimmung. Kraft durchflutete auf einmal ihren Körper und sie stand auf.

Voller Entschlossenheit blickte sie Selena entgegen, die sie mit großen Augen ansah.

»Ich bin die Tochter des Himmels, Priesterin von Samara, und ich versichere dir: Die Götter sind nicht tot.«

In dem Moment spürte Celeste das Blut in ihrem Körper pulsieren, eine unbeschreibliche Macht ergriff von ihr Besitz und kribbelte bis in ihre Fingerspitzen. Der Himmel über ihnen klarte mit einem Mal auf, ein Licht vertrieb die Dunkelheit. Was sich am Firmament zeigte, raubte der Priesterin den Atem.

Die goldene Sonne strahlte wieder auf sie herab. Aber neben ihr stand die silberne Sichel des Mondes. Es war das Morgengrauen, das die Nacht und all die Schrecken, die mit ihr gekommen waren, vertrieb.

»Das ist unmöglich«, wisperte Selena. »Die Götter sind gegangen.«

»Sie waren niemals fort. Sie leben durch den Glauben, den wir in uns tragen. Und sie werden niemals zulassen, dass die Finsternis Sirion verschlingt.«

Als Celeste das gesagt hatte, erklang das Rauschen von Wasser. Es kehrte in den See zurück, in die kleinen Teiche. Und auch die Bäume erwachten zu neuem Leben und alle Pflanzen begannen wie im Zeitraffer wieder aufzuleben. Die Erde unter ihren Füßen erzitterte und ein Beben schwappte über die königlichen Gärten hinweg.

Das Mal in Celestes Nacken kribbelte und verlieh ihr ungekannte Stärke. Die Götter kämpften für dieses Land und Celeste würde dasselbe tun. An ihrer Seite.

»Nein!« Selena stieß einen hass- und schmerzerfüllten Schrei aus.

Aus den Augenwinkeln sah Celeste gerade noch, wie sie sich auf sie warf. Die Klinge des Messers wurde von der Sonne angestrahlt und schimmerte bedrohlich.

Celeste gelang es kaum, der Waffe auszuweichen. Die Klinge schnitt in die Haut ihres Arms und sie stieß einen Schrei aus. Blut rann an ihr herunter und Celeste starrte gebannt auf die rote Flüssigkeit, die sich durch ihre Kleidung fraß.

»Du wirst diesen Tag nicht überleben«, drohte Selena ihr. Doch es klang wie ein Versprechen. Wahnsinn loderte in den Augen der Mondtochter auf.

»Das werden wir noch sehen. Ich habe noch einiges vor, aber nicht, heute zu sterben.«

Hass wallte in den eisblauen Augen ihrer Gegnerin auf und Selena ging erneut auf sie los. Celeste wich dem nächsten Hieb aus, duckte sich unter dem nachfolgenden weg. Doch der dritte traf sie im Gesicht. Es war dieselbe Wange, die Ayla mit ihrem Messer verletzt hatte. Wieder tropfte Blut zu Boden. Jeder Tropfen, der fiel, raubte Celeste mehr an Kraft, die sie doch gerade erst zurückerlangt geglaubt hatte.

Da erklang ein ohrenbetörendes Donnergrollen. Es war ihre Göttin, die sie daran erinnerte, wofür sie kämpfte. Samaya war bei ihr und obwohl Celeste schwächer und schwächer wurde, dachte sie gar nicht daran, aufzugeben.

»Ich mag mit dem Messer nicht so gut umgehen können wie Ayla, doch für dich genügt es.« Selena zog eine weitere Waffe hervor. Nun mit zwei Messern bewaffnet ging sie weiter auf Celeste los, die schutzlos und immer noch mit gefesselten Händen versuchte, auszuweichen.

Sie brauchte eine Waffe, und zwar schnell!

Celeste hechtete zur Seite und entkam so einem weiteren Angriff von Selenas Messern. Sie fiel die Stufen hinunter, die zu den Gärten führten. Der harte Stein unter ihr kratzte ihre Handballen und Knie auf. Winzige Steine bohrten sich in das wunde Fleisch.

»Du entkommst mir nicht«, hörte sie Selenas zornige Stimme hinter sich.

Celeste rappelte sich auf ihren wackligen Beinen auf und lief los. Wohin sie rannte, war ihr egal, Hauptsache, weg von Selena und ihren todbringenden Waffen. Sie entdeckte zwei Stäbe in der Erde, an denen gläserne Kugeln befestigt waren. Kitschige Dekoration, doch es war besser als nichts. Die Priesterin zog mit beiden gefesselten Händen einen metallenen Stab aus der Erde. Das untere Ende war spitz und würde ebenso wie Selenas Messer durch Fleisch schneiden.

»Damit willst du dich mir entgegenstellen?«, lachte Selena herablassend und hob ihre Waffen. Sie war schon wieder so nah.

Ayla mochte sie in der Kunst des Messerkampfs unterwiesen haben, doch Celeste hatte eine bessere Lehrmeisterin gehabt. Jemanden, dem selbst Ayla nicht gewachsen war. Die königliche Leibwächterin hatte ihr in stundenlangen Trainings so viele Bewegungsabläufe, die wichtigsten Schritte und Hiebe und die sicherste Verteidigung mit Waffen, die möglich war, beigebracht. Und natürlich den ein oder anderen Trick aus jahrelanger Erfahrung. Kampflos würde sie also nicht gegen Selena verlieren.

In ihren gefesselten Händen hielt Celeste die behelfsmäßige Waffe fest umklammert vor sich. Die Spitze zeigte auf die Mondtochter.

Selena kniff die Augen zusammen und griff Celeste erneut an. Ihre Bewegungen waren ungeübt und trotzdem präziser als die von Celeste, die mit ihren gefesselten Händen nicht viel ausrichten konnte. Sie wich dem ersten Hieb aus und blockte den nächsten mit dem Stab. Metall schlug auf Metall und die Wucht des Schlages ließ Celestes Körper erzittern.

Als Selena blind vor Wut aufschrie und eines ihrer Messer auf Celeste zuschleuderte, hatte die Himmelstochter keine andere Wahl. Sie würde nicht schaffen, auszuweichen. Stattdessen ließ sie den Stab los und riss die Hände nach oben. Durch eine glückliche Fügung – oder Schicksal, dachte Celeste – durchtrennte die Klinge das Seil, das um ihre Handgelenke geschlungen war. Aber sie glitt gleichzeitig über Celestes Haut. Ein tiefer Schnitt zeigte sich quer über ihren Handflächen und Blut quoll aus der Wunde hervor.

Doch endlich waren ihre Hände frei. Celeste griff blitzschnell wieder nach dem Stab und drehte ihn so, dass das spitze Ende in Selenas Richtung zeigte.

Selena zischte wütend und Celeste atmete tief durch. Erneut traf Metall auf Metall, als sie aufeinander losgingen. Doch dann erbebte die Erde unter ihnen zum wiederholten Male, diesmal aber so stark, dass beide Frauen von den Füßen gerissen wurden.

Das Grollen der Erde unter ihnen und des Donners über ihnen war so laut und unheilvoll, dass sich Celeste am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Doch das konnte sie nicht.

Auf einmal tat sich die Erde zwischen ihnen auf – voller Entsetzen sah sie dabei zu. Ein tiefer Spalt entstand zwischen ihr und Selena und riss die Erde unerbittlich auseinander. Dunkelheit ragte aus dem Riss empor. Celeste konnte den Boden des Abgrunds nicht einmal erahnen.

Die Himmelstochter versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, doch das stetige Beben der Erde verhinderte es. Auf allen vieren krabbelte sie von dem Riss fort. Selena tat dasselbe auf ihrer Seite des Abgrunds. Doch die Mondpriesterin war nicht schnell genug. Mit einem Mal gab die Erde unter ihr nach und riss sie mit sich in die Tiefe.

Ein Schrei. Mit einem verzweifelten Sprung versuchte Selena sich zu retten, bekam mit den Händen den Rand zu fassen. Sie kämpfte nur wenige Zentimeter von Celeste entfernt um ihr Leben. Versuchte sich mit aller Gewalt festzuhalten, um nicht in den Schlund hinabzustürzen. Der Rand bröckelte und Selena rutschte weiter ab.

Celeste überlegte nicht lange, als sie die Panik in Selenas Augen sah. Sie hechtete nach vorn und streckte der Mondtochter ihre Hand entgegen.

»Na los, nimm meine Hand!«, schrie sie Selena entgegen und beugte sich, so weit sie konnte, über den Rand der Spalte hinweg.

Selena blickte zu ihr hinauf. Urplötzlich verschwand die Panik darin und machte wieder tiefem Hass Platz. Selena biss die Zähne zusammen und ließ eine Hand, die sich in die Erde gekrallt hatte, los. Doch anstatt, dass sie nach Celestes rettender Hand gegriffen hätte, schlug sie danach, als würde sie ihre Hilfe nicht brauchen. Nicht annehmen wollen.

Celeste zog reflexartig die Hand zurück. Fassungslos blickte sie zu Selena hinab.

»Sei nicht dumm und nimm meine Hand! Du wirst fallen, wenn du es nicht tust.«

Erneut bot sie Selena mit ihrer Hand ihre Hilfe an. Auch wenn Celeste nicht wusste, ob sie die Kraft haben würde, Selena emporzuziehen, so wollte sie es dennoch versuchen. Die Priesterin würde nicht zulassen, dass Selena starb, wenn sie es verhindern konnte.

In dem Moment, als Selena tatsächlich nach ihrer Hand greifen wollte, wurde die Erde von einem weiteren Beben erfasst. Der Spalt klaffte weiter auf. Der Rand, an dem Celeste lag und Selena sich panisch festkrallte, gab nach und bröckelte hinab in die Tiefe.

Celeste musste mit weit aufgerissenen Augen dabei zusehen, wie Selena den Halt verlor. Ihre Finger lösten sich. Die eisblauen Augen blickten voller Entsetzen zu ihr hinauf, als Selena fiel. Celeste versuchte noch, nach ihr zu greifen, doch es gelang ihr nicht. Mit einem schrillen Schrei stürzte die Mondtochter in den dunklen Schlund hinab. Es ging Celeste durch und durch, doch sie konnte nichts tun, um das Unsagbare zu verhindern.

Sie starrte in die Dunkelheit hinab, in der Selena nicht mehr zu sehen war. Sie merkte erst, dass sie weinte, als sie die Tränen auf ihren Wangen spürte. Dann begann sie zu schluchzen.

Erneut bebte die Erde und holte Celeste zurück in die Gegenwart. Erschrocken wich sie vom Rand des Abgrunds zurück. Und da geschah das Wundersame: Er begann sich langsam wieder zu schließen. Bis er ganz verschwunden war, als hätte es ihn nie gegeben. Inmitten der königlichen Gärten, umgeben von Sträuchern und Blumen, saß die Himmelstochter auf der Wiese und starrte auf ihre zitternden Hände.

Sie hatte es nicht verhindern können. So sehr sie es auch gewollt hatte, sie hatte Selena nicht retten können. Die Götter selbst hatten über sie gerichtet.

Der Rand ihres Blickfeldes begann zu verschwimmen und schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Der Blutverlust und das Erlebte zehrten unermesslich an Celestes letzten Kräften.

Doch dann hörte sie es. Selbst aus der Entfernung. Auch in ihrem geschwächten Zustand. Celeste hörte seinen Schlachtruf. Sein Brüllen. Nate!

Es war der Schrei eines Mannes, dessen Seele von Blut getränkt war, der mit Dämonen tanzte und sein Leben im Dreck verbracht hatte. Er kommt, um mich zu holen, schoss es Celeste durch den Kopf, während sie dabei war, ihr Bewusstsein zu verlieren.